Septuagesimae 28.01.2018 Stadtkirche Jeremia 9,22f Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Septuagesimæ  - 29.I.2018                                                                                                  

                 Jeremia 9, 22f

Liebe Gemeinde!

Seit längerem mache ich eine Therapie[i].

Nicht weil der Zusammenbruch droht, …bloß die Anspruchslosigkeit: Die Erwartung nimmt ab, die Leidenschaft leidet, die Aussichten werden tunnelartig, wo sich früher eine ganze Landschaft und noch mehr Horizont eröffneten.

… Natürlich geht es um Beziehungsfragen, wie bei vielen Therapiesuchenden.

… Und natürlich geht es um Vergangenes, wie noch häufiger bei Therapien.

Aber v.a. geht es um die Gewissheit, dass ein anderer Blick, ein neues Hören, ein frisch angeregtes Hoffen und Wollen helfen können, den Lebensgrund und Lebenssinn wieder lebendiger zu erfassen, als da, wo sie eingeschneit sind unter der Gewohnheit und mit dem leichten Schimmelflaum der Selbstverständlichkeit bewachsen.

Zum Glück besteht freie Wahl der Therapeuten und ihrer Techniken. Und kosten kann das Ganze nur Zeit und ein Brandopfer aller Vorurteile und aller falscher Sicherheit.

… So also mache ich nun meine Therapie munter bei allen möglichen Experten und Koryphäen, bei weisen Frauen und großen Lehrmeistern, bei seriösen Berühmtheiten und abenteuerlichen Exzentrikern, bei überall empfohlenen Fachleuten und bei geradezu als Scharlatane verschrienen Wunderdoktoren.

Wer immer interessante, eigenwillige oder erfahrungssatte Übungen kennt, wie die alte auch die neue Liebe bleibt, wie Zukunftskräfte aus der Bindung der Vergangenheit entstehen können, bei dem suche und finde ich Rat.

Da ist z.B. eine wahnsinnig temperamentvolle, herzenszart-burschikose Spanierin, die gemeinsam mit einem stumm und dumm wirkenden jüngeren Kollegen berät, dessen Worte umso nachdenklicher machen, je leiser und weniger er überhaupt spricht. Bei ihnen gehe ich gern ein und aus, und auch bei einem anderen renommierten spanischen Seelenkundigen[ii].

Auch gibt’s eine junge Kranke gleichen Namens wie die resolute Spanierin[iii], das Kind einer ziemlich eintönigen Gegend Frankreichs, die manchmal nur sentimentale Redewendungen zu gebrauchen scheint, aber dann merkt man –  wie sie da so vor sich hin stirbt –, dass sie ihre Formulierungen nicht dem Groschenroman, sondern einem Schreienden auf Golgatha verdankt.

Bei schriftstellernden Amateuren nehme ich ebenfalls Hilfe in Anspruch: Unglaublich viel verdanke ich einem Kinderbuch-Verfasser[iv], der im Hauptberuf Wissenschaftler an exklusivster angelsächsisch-akademischer Adresse ist; aber genauso profitiere ich von den brieflichen Ratschlägen eines weitgereisten Mannes, den sein Glaube in den fernen Osten verschlagen hat, von wo er nicht mehr wiederkehren kann[v].

Wieder andere gibt es, die mich ihre Tagebücher lesen lassen und auf diesem Wege zeigen, dass sie verstehen und mir auch voraushaben, was sich im Inneren entwickeln will[vi].

Nicht zu vergessen: Der sächsische Poltergeist mit dem unfehlbaren Gehör des Sprachgenies für den Seelenwortschatz und dem Bierfass voller Trost und Kraft und Licht und Recht und Unheil, bei dem wir letztes Jahr eine gigantische Gruppentherapie versucht haben.    

....... Ach, am Ende – und das wissen wir alle – … am Ende gibt es ja unzählige dichtende und singende und spinnerte und anerkannte und brillante und urkomische Engel und Käuze, denen wir begegnen und die uns ändern, lehren, heilen und bestärken in unserem Glauben und Lieben und Hoffen.  ——

Diese Woche nun habe ich ein paar Stunden bei einem Seelenklempner verbracht, den ich lang schon zu kennen meine[vii]. Er wirkt auf mich immer wieder erstaunlich jung – keine echte Autorität! – und manchmal auch wie ein Narzisst, … ein Einzelgänger, der arg mit sich selbst beschäftigt scheint. Vielleicht kennt er aber genau deshalb – weil er sich selber so kritisch erforscht – auch die Menschen allgemein.

Bei diesem linkischen, wenig vertrauen-, dafür beinah mitleideinflößenden Famulus im psychosomatischen Kurbetrieb Gottes – nennen wir ihn Dr.Jeremy, wie in einer amerikanischen Krankenhausserie – war ich also diese Woche.

Dr.Jeremy, der blass und hager und verschlossen ist, wirkt auf meinesgleichen unbehaglich.

Ihm gegenüber komme ich mir raumgreifend, … zu groß, zu grobschlächtig vor, … Kopf und Körper irgendwie aufgeblasen.

Er würde einen zwar nie so direkt herausfordern, aber mir scheint dieser Dr.Jeremy immer stumm zu fragen: „Worauf bildest du dir eigentlich so mächtig was ein? Was macht dich so großspurig?“

– Weshalb ich schon vorauseilend meine gute evangelische Erziehung wie eine Monstranz vor mir hertrage und kaum dass ich ihm gegenübersitze im Angriff als bester Verteidigung sofort loslege:

„Ich bin nicht eingebildet. Im Gegenteil. Ich bin von Kindesbeinen an zur Bescheidenheit gelenkt worden. Nur nichts hermachen. Immer schön preußisch-sparsam beim stinkenden Selbstlob. Oder wenigstens britisch: Understatement, … betont selbstironisch. Das mach’ ich doch auch ganz gut. … Letztens an der Kirchentür wieder: Meine Paradenummer. Wenn jemand mal nicht schlimm, sondern gut findet, dass ich so eine lautstark Stimme habe, dann kontere ich das Lob doch reflexartig mit: ˶Da kann kein Ochse was dafür, wenn er laut brüllen kann˝.

… Müsste Dir eigentlich gefallen, Jeremy. Ist doch dein Mantra: Bloß nicht übermütig werden, bloß  nichts zu Kopf steigen lassen. Und wenn doch irgendetwas mal gelungen, wenn’s doch mal irgendwo gut oder besonders oder überragend ist, dann nüchtern bleiben und dran denken, dass nur Trottel sich für ihre eigenen Erfinder halten. Wir andern wissen, dass wir alleine nie dahin geraten wären, wo Elternhaus und Glück, wohin die Zufälle der Geographie oder das Zusammenspiel von Leistung und Verhältnissen uns nun mal bugsiert haben. 

…….Und wenn gar keine sonstige Distanz, gar keine weitere Relativierung mehr geht, … oder wenn man wirklich alles zu Ende gedacht und sich mit keinen fremden Federn mehr geschmückt sieht, dann bleibt doch immer noch die erste und die letzte Ursache: Dass wir das Gute und das Heile und das Schöne und das Wünschenswerte nicht auf unsere Fahnen schreiben, sondern Gott allein die Ehre geben!

Diese Form der Selbstrelativierung meinst du doch, Doktor?! – Nichts können wir uns stolz und bräsig zurechnen. Am Ende – oder schon zu Beginn – ist doch immer nur Gott der Anfänger und der Vollender.

Das ist ja jetzt biblische Bescheidenheitsethik in Reinkultur. Das hat dein Zunftgenosse Paulus doch in alle vier Winde getragen, als er in Korinth einen kollektiven Ausbruch der autogenen Egoschwellung, der chronischen Ichblähung erlebte: ˶Wer sich rühmen will, der rühme sich des Herrn˝ (vgl. 1.Kor1,30).

Glaube an Gott nimmt also der krankhaften Selbstbezogenheit ihre heiße Luft.

Glaube stutzt den Menschen zurück auf Normalmaß

……. Oder?“ ——

Aber der bleiche, immer übermüdete Dr.Jeremy, der doch eindeutig die verzerrte menschliche Selbstwahrnehmung behandeln will, zieht die Augenbrauen so hoch, dass man ganz verunsichert wird:

Meint er am Ende gar nicht die scheinbar unbezweifelte Tugend der Selbstrelativierung?

Kann es sein, dass er gar nicht zur reflexartigen Selbstzurücknahme bewegen will??

… Aber wie wäre das denkbar?

Ist der biblische Glaube, ist das Christentum nicht eine ganz gezielte Therapie gegen die Ichsucht? Ist es nicht der erste Schritt zur seelischen Gesundheit, wenn die Eigenliebe auf Diät gesetzt wird, wenn der Götze, der meinen Namen trägt, abspecken muss bis er ausgedient hat, und an die Stelle der falschen Vorstellungen von der eigenen Bedeutung der Blick auf Gott tritt?

Erstaunlicherweise stimmt der asketische und in sich selbst zurückgezogene junge Seelenfachmann dem erkennbar gar nicht zu.

So verhärmt und schüchtern er auch wirken mag: Dr.Jeremy vermittelt nicht die Botschaft, dass man gering von sich denken müsse, um groß von anderem und vom Größten angemessen denken zu können.

Ich muss ihn tatsächlich falsch verstanden haben, wenn ich seine sparsamen Anstöße in diese Richtung deute.

Wenn man ihn länger erlebt, spürt man in seiner leisen, unruhigen Art nämlich einen ganz anderen Unterton; da schwebt die unterschwellige Frage, die ihm offenbar wirklich Rätsel aufgibt:

„Ist deine Person so klein, ist dein Horizont so eng, dass du tatsächlich dich selber aufgehoben siehst in äußeren Bezügen?

Erkennst du tatsächlich dich selber, wenn du deinen Erfolg, deine Medaillen betrachtest oder vorzeigst?

Meinst du, dich wirklich ganz vorgestellt, dich selber wirklich ausreichend repräsentiert zu haben, wenn man mitkriegt, was du leisten …oder dir leisten kannst?

Ist das alles?

Mehr wäre da nicht, als nur die hübschen Dinge, die du besitzt, … die Sachen, die du gut kannst?

Bist du so bescheiden, dass du dich mit solchen Einzelheiten identifizierst, dass du in so oberflächlichen Zufälligkeiten wie der Punktzahl eines Intelligenztest oder einer Höchstleistung beim sportlichen Wettkampf oder der Summe deiner Freunde und Bewunderer schon alles siehst, was zählt und für dich spricht?

… Und meinst du wirklich, das zusammengenommen sei schon so wichtig, dass ich dir ernsthaft raten würde, es wieder kleinzurechnen, damit irgendwo am Ende deiner Aufzählung von Reichtum, Kraft und Weisheit Gott wenigstens auch noch vorkommt?“ ———

Und das – vorwurfsvolle? mitleidvolle? –  Staunen im Gesicht des introvertierten Dr.Jeremy ist so echt, dass man unwillkürlich erkennt: Er ist tatsächlich überzeugt davon, dass man zu wenig wirklich Großes, wirklich Wunderbares, wirklich Wichtiges und Lohnendes kennt, wenn man nur dran rumdokert, welche Bedeutung, welche Befriedigung die üblichen Güter und Gaben für uns darstellen!

Und auf einmal fällt mir ein, was für ein sonderbares Schild am Eingang der Gemeinschaftspraxis Ezekiel & Jeremy zu lesen ist. Da steht der seltsame Ausdruck „Spezialisten für Herzerneuerung – Herzvergrößerung“[viii].

Und mit dieser Erinnerung, dass hier niemand auf verkleinerte Ziele, auf bescheidenere Ansprüche, auf heruntergeschraubte Hoffnungen trainiert wird, sondern dass bei den Heilkundigen und Therapeuten der Bibel tatsächlich das Allergrößte und Unvorstellbarste gesucht und gefunden werden soll, beginnt die Kur des schweigsamen Arztes mit dem inneren Fragemonolog zu wirken.

Es geht nicht darum, dass man bei ihm allen Stolz, alle Zufriedenheit ablegen und loswerden sollte.

Im Gegenteil:

Dr.Jeremy weist auf einen Lebensinhalt, auf einen Lebenssinn, auf Kapazitäten des Herzens und der Hoffnung, auf Inhalte des Menschseins hin, die alle gewohnten, alle vertrauten Möglichkeiten und Genüsse unendlich übertreffen.

Dr.Jeremy’s Andeutung, dass man mit zu wenigem vorliebnimmt, wenn man sich der üblichen, überraschungslosen Größen rühmt – ein Weiser halt immer wieder seiner Weisheit, ein Starker eben bloß seiner Stärke, ein Reicher einfach nur seines Reichtums –, … diese Andeutung, dass wir gar nicht ahnen, was Rühmen und Fröhlichsein, was wirkliches Erfülltwerden und echte Bestätigung unserer Würde und Fähigkeiten tatsächlich sein könnten, erweitert wahrhaftig das Herz und alle Aufnahmebereitschaft und alle Wege der Selbsterfahrung ganz unermesslich.

Denn so behutsam, spröde und zögerlich seine Worte und Methoden auch sind: Dieser vielleicht nicht lebens-, aber eindeutig leidenserfahrene Mensch, dieser Mensch, den das Menschheitsleiden gepackt und gezeichnet hat, dieser furchtbar mitgenommene, aufs Äußerste geprüfte Prophet Gottes, hält sich nicht mehr mit Vorübergehendem, mit Flüchtigem auf.

Er kennt und er berührt den Kern.

Und darum ist seine Botschaft:

Lasst euch nicht auf das Geringe ein!

Gebt dem wirklich Entscheidenden Raum!

Sucht nicht zu wenig!

Bleibt nicht zurück hinter dem, was ihr empfangen könntet, wenn ihr nicht vorher schon eingebildet satt wäret!

Ihr sollt Gott kennenlernen – Gott, der auf keinen Fall nur eine Funktion eurer Bescheidenheit sein will!

Im Gegenteil vielmehr: Der HERR könnte und der HERR will mit Seinem weltweiten, alle Menschen, alle Kreatur umfassenden Barmherzigkeitsschatz, mit seinem vollkommenen Recht, mit seinem Überfluss an heilender Gerechtigkeit zum Inhalt eures Lebens werden. Der HERR will, dass Er euer Dasein füllt, formt und vollendet.

Er will euer Gott sein!

Er selbst will euer Ruhm, euer Stolz, euer Glück, eure Freude sein!!!

– Und das ist die Therapie.

Das ist die Heilung. Das rettet.

Amen.



[i] Das Interesse an einer Wiedergewinnung oder ersten Entdeckung der kirchengeschichtlichen und ökumenischen Schätze der Christenheit, das in diesem Jahr nach dem Reformationsjubiläum einen besonderen Akzent verdient, hat zweifellos viel Aufklärendes und Therapeutisches, wenn es Verengungen und Verknöcherungen, wenn es Ignoranz und Arroganz zu verarbeiten hilft, die uns allzu sehr verarmen lassen.  

[ii] Die Begegnung mit den Gestalten, Werken und Frömmigkeitswegen von Theresa von Avila, Johannes vom Kreuz und – als Dritter im protestantisch lange Zeit indiskutablen Bunde – mit Ignatius von Loyola ist eine wirkliche theologische Entdeckungs- und Erfrischungsreise.

[iii] Das gilt ebenso für die Aufnahme des sog. „kleinen Weges“, der sog. „Kleinen“ Therese (von Lisieux), in deren Denken, Leiden, Zweifeln und Zuversicht dem evangelischen Christen eine Schwester begegnen kann.

[iv] C.S.Lewis –  Autor der klassischen „Narnia“-Reihe – , der neben dem als Krimiautor verkannten G.K.Chesterton ein Klassiker der modernen Apologetik (also Verteidigung des Christentums) ist. Ohne ihn könnten und sollten wir einpacken. Auch der Blick auf Dorothy L.Sayers lohnt in diesem Zusammenhang.

[v] Gemeint ist der erste Jesuiten-Missionar in Asien – Franziskus Xaverius – dessen Briefe von seiner tödlich endenden Pionierfahrt unglaublich empfehlenswerte Lektüre sind.  

[vi] Besonders für uns Evangelische geradezu Klassiker sind die Aufzeichnungen Jochen Kleppers, „Unter dem Schatten deiner Flügel“ (verschiedene Auflagen) und natürlich die Bonhoeffer’schen Notate und Briefe aus der Haft, bekannt als „Widerstand und Ergebung“. Aber auch Reinhold Schneiders diverse tagebuchartigen Veröffentlichungen und  Maurice Blondels „Tagebuch vor Gott 1883-1894“ (übertragen von Hans Urs von Balthasar), Einsiedeln 1964, oder die Journale von Simone Weil („Cahiers“) und Edith Stein sind Kostbarkeiten der Glaubensreflexion in der Moderne.

[vii] Die in dieser Predigt verwendete Form einer Allegorie versucht, die Denkbewegung zu besserer Verstehbarkeit des Vertrauten im (ver)fremde(te)n Gewand praktisch nachzuvollziehen.

[viii] Die beiden Exilspropheten Hesekiel und Jeremia sind in der Verkündigung des neuen Herzens, das aus der katastrophalen Krise des Glaubens und der Gemeinde herausführen wird, einig: Vgl. Jeremia 31,33 und Hesekiel 36,26ff.  

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