Was ist eigentlich die Liturgie eines Gottesdienstes?

„Was ist eigentlich die Liturgie eines Gottesdienstes?"

Wer in den sonntäglichen Gottesdienst geht, der lässt sich für eine Stunde auf ein Ritual ein, das den einen vertraut und wichtig ist und den anderen eher fremd. Das geht übrigens nicht nur den Konfirmanden so, sondern auch immer mehr unserer erwachsenen Gemeindeglieder. Man merkt: da geschieht etwas in einem Gottesdienst, da gibt es einen Ablauf, aber warum er so ist, wie er ist und was er bedeutet, das wissen nur noch wenige. Auf der anderen Seite ist es aber wichtig, zu verstehen, was in einem Gottesdienst geschieht, damit man ihn wirklich mitfeiern kann. Ich möchte darum im folgenden einmal den ganz normalen sonntäglichen Gottesdienst in seinem Ablauf vorstellen - so wie er in der Mutterhauskirche gefeiert wird. (In der Stadtkirche und in der Jonakirche gibt es minimale Abweichungen, z.B. den Ort der Abkündigung der Kollekten.)

Liturgie - das griechische Wort heißt übersetzt „Öffentlicher Dienst". Ein Gottesdienst ist also eine öffentliche „Veranstaltung". Er ist grundsätzlich offen für alle Menschen. Alle, die das Läuten der Glocken herbeiruft, sollen sich eingeladen fühlen. Der Einladende, das ist Gott. Dabei bedient er sich seiner Gemeinde. Darum ist es so wichtig, dass Menschen, die nicht so sehr oder auch gar nicht in der Kirche oder im Gottesdienst zu Hauses sind, willkommen geheißen werden.

Zur Liturgie eines Gottesdienstes gehört ganz wesentlich auch die Gestaltung des Raumes, besonders die Gestaltung des Altarraumes: die Paramente, die mit ihren Farben und Symbolen die Zeit des Kirchenjahres ansagen, das Kreuz auf dem Altar, das uns schon vor dem ersten Wort die Gegenwart Jesu Christi zuspricht, die Kerzen, die Gottes Schöpfertat in Erinnerung rufen, den Anfang der Zeit, als er sprach „Es werde Licht", die Blumen, mit denen die Schöpfung hineingenommen wird in das Gotteslob, und die aufgeschlagene Bibel, aus der uns Gottes gnädiger Wille zu Gehör gebracht wird.Wenn die Glocken verstummt sind, ertönt die Orgel, das Kirchen- und Gottesdienstinstrument der christlichen Kirchen in Europa schlechthin. In Afrika, Asien und Lateinamerika sieht die musikalische Gestaltung eines Gottesdienstes ganz anders aus. Auf jeden Fall soll deutlich werden: auch die Musik, diese himmlische Gabe, die das Herz des Menschen wie kaum etwas anderes erreicht, lässt sich in den Dienst der Verkündigung nehmen, ist Teil der Liturgie.

Auf das Orgelvorspiel folgt die „offizielle" liturgische Begrüßung durch eine Lektorin oder einen Lektor, die hier in der Mutterhauskirche besonders wichtig ist, weil auf diese Weise auch all diejenigen willkommen geheißen werden, die nicht in der Kirche, sondern an Übertragungsgeräten in den Häusern der Diakonie sitzen oder liegen. Und das sind gar nicht wenige. Die Begrüßung endet mit dem Wochenspruch des jeweiligen Sonntags und weist damit schon einmal auf die thematische Grundlinie des Gottesdienstes hin. Ein Gottesdienst ist nicht irgendwie aus einzelnen Teilen zusammengesetzt, sondern er hat einen roten Faden, einen Grundgedanken, der sich im Verlauf des Gottesdienstes durchhält und entfaltet.

Nach dem Eingangslied beginnt der lebendigste Teil der Liturgie, in dem deutlich wird, dass der Gottesdienst eine Sache der ganzen versammelten Gemeinde ist, dass die Gemeinde eben nicht Publikum in einer Veranstaltung ist, sondern selbst aktiv mitmacht. Dieses Mitmachen zeigt sich in dem Wechsel zwischen Pfarrer/in und Gemeinde. Da sind zuerst die Eingangsworte, die anzeigen, was dieser Gottesdienst bezweckt: dass nämlich Gottes Name und damit Gott selbst sich den Menschen bekannt macht: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes." Und die ganze Gemeinde bestätigt das mit ihrem „Amen." Amen - ja, so soll es sein. „Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat, der Bund und Treue hält ewig und der nicht loslässt das Werk seiner Hände." Es ist der Gott der hebräischen Bibel; „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde", so beginnt das erste Buch Mose; es ist der Gott, der mit Noah und mit Israel einen Bund schloss, zu dem er unverbrüchlich steht, einen Bund, in den wir durch den Juden Jesus von Nazareth mit hineingenommen sind.

Nach diesen erinnernden Eingangsworten folgt ein Psalm, dessen Aussage mit dem jeweiligen Sonntag und seinem Thema korrespondiert. Auch hier sollte uns Christen bewusst sein, dass wir eine Anleihe machen aus Israels Gebetsbuch. Danach folgt ein Gotteslob „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen." Es gibt Christen, die sich mit diesem trinitarischen Gotteslob an dieser Stelle - nach dem Psalm - schwer tun, weil sie daran denken müssen, dass dieses Lob einmal an diese Stelle gerückt ist, weil damals Christen meinten, der jüdische Psalm würde so gottesdiensttauglich für die Christen, er würde auf diese Weise „getauft". Mir ist heute nur einfach wichtig, dass der christliche Gott, den wir loben, kein anderer ist als der, von dem schon die hebräische Bibel erzählt.

Nach diesem Auftakt des Lobens und Preisens Gottes in ihrer Mitte und öffentlich in der Welt wendet sich die gottesdienstliche Gemeinde nun Gott zu im Kyrie-Gebet. Über die Funktion dieses Gebetes gibt es unterschiedliche Ansichten. Für die einen ist es ein Schuld-Bekenntnis: der Mensch gesteht vor Gott seine Schuld ein, seine Sünde. Und Gott antwortet ihm darauf - das geschieht durch das Gnadenwort. Ich sehe das etwas anders. Im Kyrie-Gebet ruft die Gemeinde Gott als ihren Kyrios, als ihren Herrn an. Ursprünglich in der christlichen Urzeit sozusagen war der Ruf „Kyrie eleison" dem römischen Cäsaren vorbehalten, der damit als Gott verehrt wurde. Indem die Christen nun Gott oder Jesus Christus so anriefen, machten sie deutlich, dass sie ihre ganze Zuversicht auf Gott - und nicht auf den Cäsaren - setzten. Damals eine mutige Sache. Wenn ich das Kyrie-Gebet eines Sonntags verfasse, ist es mir einfach wichtig deutlich zu sagen: So, wie wir Menschen sind - die einen froh, die anderen traurig, die einen mit Zweifeln, die anderen voller Glaube, die einen von Schuld und Leid bedrückt, die anderen einfach nur dankbar - eben so, wie wir sind, so können wir zu Gott kommen und ihn anrufen, dass er sich uns zuwende: Kyrie eleison - Herre Gott, erbarme dich!

Das Gnadenwort, ein Vers aus der Bibel, sagt uns dann Gottes Zuwendung zu: seine Vergebung, seine Hilfe, seine Gegenwart. Ich bin da, ich bin bei euch - ich feiere mit euch. Darauf antwortet die ganze Gemeinde mit den Worten der Engel aus dem Weihnachtsevangelium „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen." Gottes Gegenwart mitten unter uns ist ja auch ein Grund, mit den Engeln zu singen.

Dem nächsten Schritt in der Liturgie fehlt dann an diesem Ort jede Begründung - dem Gruß „Der Herr sei mit euch" und der Antwort „Und mit deinem Geist." Nicht, dass ich meine, als Pfarrerin den Geist Gottes nicht nötig zu haben; aber ein solcher Gruß gehört wenn, dann an den Anfang. So mittendrin würde er nur dann Sinn machen, wenn sich mit ihm eine weitere Person ins gottesdienstliche Geschehen einführen würde. Diese Stelle in der Liturgie ist ein Paradebeispiel dafür, dass oftmals auch in gottesdienstlichen Belangen nicht zählt, was vernünftig und vermittelbar ist, sondern das Motto zum Tragen kommt „Das war doch schon immer so." Ich hoffe, dass es zumindest mittelfristig doch noch zu einer Abänderung kommt.

Das folgende „Kollektengebet" hat nun nichts mit der Kollekte zu tun, die in jedem Gottesdienst eingesammelt wird. Collegere heißt zwar sammeln, aber gesammelt wird nicht Geld, sondern die Gedanken. Die Feiernden sollen sich konzentrieren, um für die Worte der Heiligen Schrift aufnahmebereit zu sein. Darum ist es wichtig, dass alle das Gebet mit „Amen" abschließen - Ja, so soll es sein, wir wollen nun auf Gottes Wort hören. Die dazu erklingende Orgel unterstreicht diese Haltung.

Wenn es sich bei der folgenden Lesung um einen Abschnitt aus einem Brief des Neuen Testamentes oder um einen Text aus der Hebräischen Bibel handelt, nimmt die hörende Gemeinde diesen mit einem dreifachen Halleluja in Empfang. Allerdings nicht immer. In der Passionszeit entfällt dieser Ruf - ebenso wie das „Ehre sei Gott in der Höhe" nach dem Gnadenwort. In eine Zeit, in der man sich an den Leidensweg Jesu erinnert, passen solche Jubelrufe nicht. Wenn in der Lesung ein Text aus einem Evangelium zu Gehör gebracht wird, bereitet sich die Gemeinde nach der Ankündigung vor mit dem Liedruf „Ehr sei dir, o Herre" und beschließt die Lesung mit dem Liedruf „Lob sei dir, o Christe!" Danach antwortet sie auf Gottes Heilshandeln - davon erzählen ja die biblischen Texte - und lobt Gott mit dem Bekenntnis des Glaubens.

Als nächstes folgen Lied und Predigt. Es gibt 6 sogenannte Perikopenreihen, das sind Reihen von Textabschnitten aus der Bibel, die jedem Sonntag zugeordnet sind - Abschnitte aus den Evangelien, aus den Briefen und aus der hebräischen Bibel. Manche Texte erschließen sich leichter; bei anderen Abschnitten fragt sich selbst der Prediger oder die Predigerin, ob diese Einteilung nicht eine Verstümmelung ist. Ich für meine Person bemühe mich, die jeweils vorgeschlagenen Texte auszulegen; aber es kommt immer wieder vor, dass sie mir einfach nichts sagen. Das kann ein paar Jahre später anders sein. Aber wenn sie mir nichts sagen, wie soll ich sie dann predigen? Dann wähle ich mir einen anderen Text aus. Das Lied nach der Predigt sollte, so fern das möglich ist, den Kerngedanken der Predigt aufgreifen und so vertiefen; denn das gesungene Wort haftet besser als das gesprochene oder gehörte Wort.

Danach folgen die Abkündigungen. Ich gestehe: manchmal finde ich sie eher lästig und habe das Gefühl, sie stören die Harmonie des Gottesdienstes. Aber sie sind schon unverzichtbar, weil sie den Alltag der Gemeinde mit der Feier verbinden. Das gilt nicht nur für die Amtshandlungen, sondern auch für Veranstaltungen, zu denen eingeladen wird. Und in besonderer Weise gilt das auch für die Kollektenabkündigungen. Denn die Kollekte ist ein ganz wesentlicher Bestandteil des Gottesdienstes. Die christliche Gemeinde zeichnet sich dadurch aus, dass sie nicht nur Gottes Wort und Sakrament miteinander teilt, sondern auch ihre finanziellen Möglichkeiten einsetzt, um Not zu lindern und anderen Menschen Hoffnung und Perspektive für ihr Leben zu geben. So macht sie Gottes Freundlichkeit für andere erfahrbar, nimmt sie teil an Gottes Mission in und für die Welt.

Auch mit dem Fürbittengebet machen wir deutlich, dass es einer christlichen Gemeinde nie nur um ihr eigenes Wohl und Verhältnis zu Gott gelegen sein kann, sondern dass Gottes Heilszusage alle Menschen, die ganze Welt einschließt. Wichtig bei den einzelnen Fürbitten ist mir, dass es keine „billigen" Bitten sind - nach dem Motto „Lieber Gott, mach du mal" - sondern dass wir Betende unsere Verantwortung sehen und uns nicht davonstehlen: Gott möge Hilfe schaffen und zwar gerade durch uns, dadurch, dass er uns aufrüttelt und Beine macht.

Wenn wir dann gemeinsam das VaterUnser beten, erinnert mich das immer wieder daran, dass dieses Gebet uns mit Christen auf der ganzen Welt verbindet, dass wir nicht alleine sind mit der Hoffnung auf Gottes Reich. „Unser Vater" - so sprechen Christen in Russland und im Sudan, in Palästina und in Brasilien, in Ruanda und in Indonesien; und solches Beten lehrt uns, dass wir Geschwister sind. Das VaterUnser weitet unseren Horizont.

Beschlossen wird der Gottesdienst mit dem Segen, eigentlich richtiger: mit der Sendung und dem Segen. Der Gottesdienst, den wir am Beginn der neuen Woche feiern - der Sonntag ist der erste Tag! - möchte uns zu Boten machen, die im Alltag ihres Lebens Gottes Freundlichkeit weitergeben. Zu diesem alltäglichen Gottesdienst will Gott selbst uns zurüsten, ermutigen und stärken. Anders als in einem katholischen Gottesdienst geschieht das nicht mit dem trinitarischen Segen, sondern mit dem aaronitischen Segen, Versen aus dem 4. Buch Mose: „Gott segne dich und behüte dich ..." . Auf den Segenszuspruch antwortet die Gemeinde mit einem dreifachen Amen: ja, so soll es sein, Gott stärke uns und mache uns tüchtig zu allem Guten.

Das Orgelnachspiel schenkt uns dann noch einmal Zeit, dieser großen Zusage Gottes, seiner Freundlichkeit nachzusinnen.

Pfarrerin Ulrike Heimann    

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