2. Adv., 04.12.2022, Hoheslied 2,8-13, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann

Liebe Schwestern und Brüder,

es ist Advent. Diese Zeit ist viel mehr als ein bloßer Auftakt zum Weihnachtsfest. Sie schenkt uns einen Neuanfang mitten im Alten. Ihre Einladung an uns lautet: auch wenn alles zu Ende zu gehen scheint – es dunkler wird und kälter, die letzten Blätter von den Bäumen fallen – es ist bereits etwas Neues im Gang und im Schwange. Sie erinnert uns: der Tag endet nicht mit dem Abend, sondern er beginnt mit dem Abend und führt uns in einen neuen Morgen.
Insofern passt es einfach, meine Entpflichtung im Advent zu feiern. Dankbar zurückzublicken und dann voller Erwartung auf das Neue zuzugehen, das mitten im Alten aufwächst. Zu feiern, dass das hier in Kaiserswerth so möglich ist – wie es im Eiskunstlauf ja auch vorgegeben ist: zuerst das Pflichtprogramm und dann die Kür.
Und es passt auch, dass die Neufassung der Perikopenordnung für den heutigen 2. Advent einen Text vorgelegt hat, der mir in den vergangenen 38 Jahren meiner Berufstätigkeit noch nie als Predigttext begegnet ist. Und er passt einfach wunderbar in diesen besonderen Tag.  

„Horch! Mein Geliebter! Sieh da, er kommt. Er springt über die Berge, hüpft über die Hügel. Der Gazelle gleicht mein Geliebter, dem jungen Hirsch. Sieh da, er steht hinter unserer Mauer, er blickt durch die Fenster, späht durch die Gitter. Mein Geliebter hebt an und spricht zu mir: Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch! Denn vorbei ist der Winter, verrauscht der Regen. Die Blumen erscheinen im Land, die Zeit zum Singen ist da. Die Stimme der Turteltaube ist zu hören in unserem Land. Am Feigenbaum reifen die ersten Früchte, die blühenden Reben duften. Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch!“ (aus der Einheitsübersetzung)  

Dass das Hohelied Salomos es in den Kanon Israels und in den Kanon der christlichen Bibel geschafft hat, ist fast ein kleines Wunder zu nennen; denn genaugenommen ist es kein religiöser, geistlicher Text, sondern ein profanes Liebeslied, das die sinnliche Liebe feiert – losgelöst von allen kulturellen und religiösen Ordnungen – die Liebe zwischen zwei Menschen, zwischen einer Frau und einem Mann. Das Hohelied feiert die Liebe, und die Liebe, die ist nie nur profan, sondern in ihr teilt sich Gott selbst mit. Und so haben dann durch die Jahrhunderte auch die Auslegenden des Hoheliedes die Personen allegorisch gedeutet: individuell auf Gott oder Christus als den Geliebten und die Seele des Menschen als die Geliebte, oder kollektiv die Geliebte als das Volk Israel bzw. als die Kirche angesehen.
Keine Angst, diese allegorischen Pfade werde ich nicht weiter bemühen, das könnte dann eher zum Karnevalssonntag passen. Mir ist da ein anderer Gedanke gekommen in Anlehnung an die jüdische Tradition, in der das Hohelied in der Synagoge im Frühlingsmonat Nisan zum Pessach-Fest gelesen wird. Das Fest, in dem Israel die Befreiung und den Auszug aus der ägyptischen Sklaverei erinnert und feiert. Befreit von Gott, der die Not seines Volkes gesehen, ihre Schreie gehört hat und sich ihm voller Liebe zugewandt hat.
Befreiung – Auszug - Liebe, das sind wesentliche Momente, die in den Versen des Hoheliedes aufleuchten. Ein Geschehen, das nicht nur vor unseren Augen in einer weit entfernten Vergangenheit abläuft, sondern in das wir einbezogen sind mit unserer Existenz heute im Jahr 2022. Es geht mir um die Dynamik, die jedem Leben innewohnt, die Möglichkeiten, die sich bieten und die wahrgenommen werden wollen – allen Hindernissen zum Trotz.
Um dieser Dynamik in uns und um uns herum auf die Spur zu kommen, ist es hilfreich, die Geschlechter der Personen einmal außen vor zu lassen. Es geht einfach jeweils um einen Menschen. Jeder und jede kann sich so mit ihm identifizieren.
Was das Geschehen bestimmt, das ist die Sehnsucht, die Sehnsucht nach dem Geliebten, nach der Geliebten, die Sehnsucht nach einem glücklichen, erfüllten Leben, denn dafür steht die Liebe. Diese Sehnsucht teilen alle Menschen miteinander, egal welchen Geschlechtes und egal welcher Kultur und Religion. Und diese Sehnsucht teilt auch Gott. Er sucht unsere Liebe, unsere Nähe, unser Entgegenkommen. Nichts anderes feiern wir Weihnachten. In unserem Predigttext ist es allerdings noch nicht so weit, dass sich die Liebenden in den Armen halten. Die Sehnsucht ist da, sie ist auf beiden Seiten groß, aber ein entscheidender Schritt ist noch zu tun: der eine sitzt im Haus, ist drinnen – der andere ist draußen, vor dem Haus. Die eine horcht nach draußen – die andere ruft draußen und hofft, gehört zu werden. Der eine sitzt am Fenster und sieht den anderen kommen – der andere ruft „Steh auf und komm doch!“ Zwischen beiden ist eine Mauer, und das Fenster, das den Blick nach draußen wie nach drinnen ermöglicht, ist vergittert. Wie können beide zusammenkommen?
Aufgrund der biblischen Erzählungen ist klar: der, der drinnen sitzt, oder die, die drinnen sitzt, muss sich bewegen, muss aufstehen, muss hinaus – Exodus, Befreiung, Auszug. Erfülltes Leben kann nicht hinter Mauern gedeihen. Erfülltes Leben braucht Freiheit, braucht Bewegung an frischer Luft.
So gemütlich man es sich auch zu Hause, in seinen Traditionen und Gewohnheiten, in seinen Vorstellungen und Vorlieben eingerichtet hat, so sicher und geborgen man sich darin auch fühlen mag – erfülltes Leben ist darin nicht zu finden, denn Gott ist ein Gott, der unterwegs ist – durch die Zeiten, durch die Geschichte, in allen Kulturen anzutreffen, in allen Religionen – erfüllt von der Sehnsucht nach uns Menschenkindern. Er lockt uns: „Steh auf, meine Freundin, mein Freund, so komm doch! Denn vorbei ist der Winter, verrauscht der Regen. Die Blumen erscheinen im Land, die Zeit zum Singen ist da.“

Liebe Gemeinde, das ist Adventszeit pur, vielmehr: Advent mit einem gehörigen Schuss österlicher Zuversicht: aufstehen, auferstehen, herausgehen aus den alten Gemäuern, von Gewohnheiten, Vorstellungen, Traditionen und Dogmen, die vielleicht mal Wegemarkierungen in die Freiheit waren, aber die es heute nicht mehr sind und sein können, weil sich die Erde weitergedreht hat und vor allen Dingen: weil Gott weitergegangen ist. Er ist nicht drinnen, er ist draußen und ruft: „So komm doch!“
Aufstehen, auferstehen, herausgehen – die Freiheit, die lockt, macht vielen auch Angst. Das Neue ist noch nicht greifbar, die blühenden Reben duften zwar, aber Trauben sind noch nicht zu sehen. Aufstehen, auferstehen, herausgehen, mit Gott Hand in Hand, mit lieben Menschen Hand in Hand, nicht in einer fernen Zukunft, sondern jetzt, hier und heute – das ist erfülltes Leben, darin lebt die Liebe.
Liebe Gemeinde, zu diesem Leben sind wir eingeladen. Zu einem Leben in Verbundenheit und Freiheit. Wir können und dürfen Neues entdecken, zum Beispiel wieviel Gemeinsamkeiten es gibt zwischen den Religionen und Konfessionen, wie sehr alles immer nur darauf ankommt, ob die Sehnsucht in den Herzen und Gedanken der Glaubenden von der Macht der Liebe genährt wird oder von der Liebe zur Macht. Ich habe in den vergangenen Jahren nicht nur den Duft der blühenden Reben wahrgenommen, sondern in vielfältiger Weise erleben können, dass erste Früchte herangereift sind am Feigenbaum der Ökumene, im vertrauensvollen und bereichernden Miteinander mit den Frauen der kfd, im gemeinsamen Engagement in der ökumenischen Flüchtlingshilfe und der Hospizarbeit, in der ökumenischen Zusammenarbeit mit dem Schulseelsorger und der Schulleitung des Suitbertus Gymnasiums. Wobei der Feigenbaum der Ökumene noch ordentliche Düngung und einen gut aufgelockerten Boden braucht, um die Früchte zu bringen, die sein Schöpfer von ihm erwartet.

Wir können und dürfen Neues erwarten und entdecken. Wir dürfen Großes erwarten und hoffen, denn Gott kommt uns entgegen, unsere Zukunft ist seine Zeit und Gegenwart. Und das macht mir Mut, von einer geschwisterlichen Gemeinschaft aller Glaubenden zu träumen, in der wir unter einem Dach jede und jeder in der Weise, wie er oder sie es erfahren hat, in jeweils ihren Ritualen ihren Glauben lebt und bekennt, voller Dankbarkeit für die Vielfalt, in der sich Gott durch die Zeiten seinen Menschenkindern erfahrbar gemacht hat. Warum nicht in der Mutterhauskirche – wo doch Gott als Mutter alle ihre Kinder in ihrem Schoß sammelt oder wie eine Henne alle Küken unter ihre Fittiche nimmt.
Der Buntheit des Lebens entspricht die Buntheit des Glaubens. Entscheidend ist immer nur eines: die Liebe, die die Freiheit und Würde jedes Menschen achtet.
Wie es der muslimische Mystiker Rumi formulierte: „Von allen Religionen unterscheidet sich die Religion der Liebe. Wer liebt, hat den Weg zum Glauben gefunden.“

Nein, in den Ruhestand werde ich nicht treten. Schon gar nicht mich zur Ruhe setzen. Ich möchte den Ruf hören und ihm folgen: „Steh auf, meine Freundin, so komm doch!“ Und ich möchte ihn weitergeben: „Steht auf, meine Freundinnen, meine Freunde, so kommt doch!“ Es gibt noch viel zu tun – gehen wir es in Freiheit und Verbundenheit gemeinsam an. Amen.

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