13.Son. n. Trin., 11.09.2022, Stadtkirche, 500 Jahre "September-Testament", Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 11.IX.2022 – 13.n.Trin.                                                                                                                                                                                                 

    500 Jahre „September-Testament“[i]

Liebe Gemeinde!

Was wollen wir hier wirklich feiern?

Dass Gott durch ein Buch zu uns spricht?

… Dass Er die jahrtausendlang für den Menschen überlebensnotwendige Übung des genauen Hinhörens und dann den menschheitsgeschichtlichen Meilenstein der entlastenden Erfindung von Schriftzeichen nutze? Dass Er die erstaunliche Aleph-Betisierung der jüdischen Gelehr-ten, die in der Bronzezeit bei aller Bescheidenheit doch herrliche Techniken der Aufzeichnung und der Lektüre beherrschten, einsetzte, um weiter auf den erstaunlichen Wegen des Transports und der Speicherung der Heiligen Schriften Israels, ihrer Übersetzung in’s Griechische der edelschönen Wahrheit und dann ihrer verpflichtenden Anerkennung durch die Kirche, die sie für Europa verwestlicht, also lateinisch gemacht hat, schließlich mittelbar auch uns, die kaum noch lesekundigen Emoji-Stenographen am Ende des Abendlandes zu erreichen?

… Wollen wir feiern, dass Gott diese Heils- und Mediengeschichte so feinmechanisch abgestimmt hat, dass der Durchbruch zur Wortvervielfältigung durch bewegliche Bleibuchstaben und die historische Tiefenbohrung hinunter bis zu den Quellen just dann zusammentrafen, als ein alerter, dickschädeliger, seelenempfindlicher, verdammnisfürchtender und gnadendurstiger Eigenbrötler sich so aus der Schar der beruhigt Halbwissenden herauskatapultiert hatte, dass man ihn zur Deeskalation ein bisschen wegsperren musste, um in der Luftkur mitten im Thüringer Wald den ganzen öffentlichen, päpstlichen, kaiserlichen, humanistischen, reformatorischen Blut- und Wutdruck in den Griff zu kriegen?!

… Wollen wir also feiern, dass Buchdruck, Renaissance und Reichstagsärger dazu führten, dass die gesamte Offenbarungs-, Überlieferungs- und Übersetzungsgeschichte der Bibel in dem knappen Jahr von Luthers unfreiwilliger Sicherheitsverwahrung und Reha auf der Wartburg einen so idealen Kulminationspunkt erreichte?

… Und dass in diesem unwahrscheinlichen „Zufall“ so viel in der hebräisch-griechisch-lateinischen Bibel angestaute Energie auf den Überdruck, unter dem Luther stand, reagierte, dass alles sich in einem deutschen Urknall entlud, als das Jahrtausendwerk heiliger Altsprachlichkeit in nur 11 Wochen zu einem deutschen Neu-Bestseller wurde … zumindest in seinem damals, über den Jahreswechsel 1521/22 wie in Trance übersetzten und seit dem Frühjahr im Akkord auf zwei oder drei Wittenbeger Druckerpressen entstandenen neutestamentlichen Teil?! …….

Wollen wir wirklich diese Seite der medialen Geschichte feiern … und dann natürlich das Genie, das vor einem halben Jahrtausend in 80 Tagen die Welt endgültig bewegte, weil da-mals - „Boom!“ - die schönste, dynamischste, poetischste, emotionalste Übersetzung entstand, auf die wir stolz, stolzer, am stolzesten sind, weil sie mit Bachischer Musik und Klopstock’schen Rhythmen und Goethe’scher Lebendigkeit und Nietzscheanischem Pathos und Dibelius’scher Bürgerlichkeit bis heute in unserm Denken, Reden und Sein fortwirkt???!!!

……. Ich dachte, ich wollte.

Aber das ist eine dumme und betriebsblinde Sicht dessen, was die „Luther-Bibel“ - gerade zu 2017 noch einmal schön restauriert - bedeutet und bedeuten kann.

Die erhabene oder - schlimmer noch - die selbstverständliche Feier des O-Tons unserer „Luther-Bibel“, die so fruchtbar in sämtlichen Schichten unserer Glaubens- und Kulturvergangenheit gewirkt hat, wird durch solche Verklärung nur musealer.

Wir machen uns viel vor, wenn wir tatsächlich nicht zugeben, dass diese wundervolle, packende, berührende und inspirierende Sprachleistung Luthers heute nichts anderes ist als die sogenannten tausendjährigen Eier der chinesischen Küche: Wer dran gewöhnt ist, schwört drauf und liebt diesen einzigartigen Geschmack, den die Zeit hervorbringt, … wer’s aber nicht kennt, ist befremdet.

Nun spricht gar nichts dagegen – im Gegenteil: Alles spricht dafür! –, dass man neugierig gemacht und auch auf ungewohnten Geschmack gebracht werden kann.

Aber das Ziel dabei sollte nicht sein, dass wir die Grundlagen für den Deutschunterricht oder den Oratorienführer oder ein verständiges Geschichtsbewusstsein gewinnen und diese verwechseln mit einem theologischen Sinn.

… Einen besonderen theologischen Sinn als Text hat die sog. Luther-Bibel – an der neben Martin Luther zahlreiche und noch vertrauenswürdigere Köpfe als nur der seinige mitgewirkt haben – nicht!

Im Gegenteil: Luther hat mit seinem starken, für ihn und seine Zeit unvermeidlichen Eigensinn auch wirklichen Unsinn in die Bibel, besonders auch ins Neue Testament hineingetragen: Dass er alles, was ihm Evangelium zu sein schien, eigentlich nur an den Briefen des Paulus maß, … dass er sich - wie es in der Darstellung „welches die edelsten und rechten Bücher des Neuen Testaments seien“ heißt - lieber einen taten-, als einen wortlosen Jesus vorstellen wollte, … dass er schließlich ganze Bestandteile des neutestamentlichen Kanons in seiner Anordnung nach hinten verdrängte und nicht mehr richtig mitzählte, weil ihm diese Schriften zu praktisch oder zu prophetisch (und damit in beiden Fällen letztlich wohl: „zu jüdisch“!) vorkamen, … das ist ein so dreister und größenwahnsinniger Entschluss, dass es mir eigentlich vor solcher Hybris graut.

… Wie dankbar müssen wir nicht sein, dass es die praktische Botschaft der Bibel – die heutige Epistel, dass Gott die Liebe ist (1.Joh4,7ff) – gibt und dass diese universale und rettende Tatsache gerade in den Taten, den Speisungen, Heilungen und Tröstungen Jesu und in seinem Opfer für alle ohne Theorie greifbar, wahr und nachahmungsfordernd geworden ist! ——

Wenn wir also heute das „Septembertestament“ feiern, dann nicht um seiner geschichtlichen, literarischen oder auch ästhetischen Qualität willen und erst recht nicht, um Luther damit indirekt neben Homer und Shakespeare, neben Ernst Jandl und Friederike Mayröcker als gigantischen Sprachschöpfer auf einen Denkmalsockel zu stellen.

Er war Erzeuger und Hebamme, er war streuender Sporenpilz und gärende Hefe unserer Sprache und damit auch vieler unserer schönsten Lieder und zutiefst-vertrauten Seelenschätze, … daran besteht kein Zweifel.

Aber damit war er doch nur Schnitzer oder Schneider: Er hat eine Form, einen Schnitt, ein Gewand für die Bibel sauer erarbeitet oder begnadet spontan hingeworfen.

Der Inhalt aber ist etwas Anderes!

Doch der – der Inhalt! – ist es, den wir auch heute, bei der Erinnerung an eine große Übersetzungsleistung feiern wollen.       

Um diesen Inhalt geht es ja auch jedes Mal, wenn uns eine Motette, ein Choral, eine Predigt eine Anspielung, eine rhetorische Figur, eine Erinnerung mit der urwüchsigen Kraft, der schwebenden Aura, dem spürbaren Puls oder auch nur dem leisen Nachklang der luther’schen Sprache berühren. Immer geht es eigentlich um das, was Luther nun tatsächlich selber nicht geschaffen und nicht geleistet, sondern in der Ergriffenheit der Übersetzungsfreu-de bezeugt hat: Es geht um DAS WUNDER, DASS GOTT SPRICHT.

Dass Gott nicht schweigt, ist ein – nein, wenn wir dem Schöpfungsbericht trauen, ist es das ursprüngliche und grundlegende – Wunder Gottes.

Gott könnte ja im Geheimnis, das Er ist und bleibt, verhüllt existieren.

Er könnte stumm über oder jenseits aller menschlichen Wahrnehmung verborgen bleiben.

Das Werk Seiner Hände könnte ahnungslos und taub für Ihn, ungerufen, ohne jede Kontaktaufnahme, ohne jedes Angesprochen-Werden in völligem Abgeschnitten-Sein seine Bahnen ziehen.

Dass Gott – die ewige Weisheit, die aus jeder Idee, jedem Gedanken sofort Wirklichkeit machen kann – schon für die Entstehung des Kosmos nicht tonlose Gesten oder geräuschlose innere Prozesse, sondern vernehmbare Äußerungen verwendet, ist ein Schlüssel zu Seinem Herzen:

Gott will Sich mitteilen, statt Sich für Sich Selbst zu behalten.

Gott legt der Welt nicht Seinen nackten Willen, sondern das Mittel zur Verständigung zugrunde und darum auch Verstehbarkeit.

Gott hüllt Sich nicht in Rätsel, die hingenommen werden müssen; Er erzwingt nicht die schaudernde Anbetung, die das versiegelte Mysterium verlangt, sondern Er setzt bereits den Anfang aller Dinge auf dem Weg der Kommunikation.

Gott öffnet Sich, statt Sich verschlossen zu geben.

Er atmet aus, so dass andere aus Seiner Lebendigkeit schöpfen können.

Er spricht und also weckt Er Hören und Denken, weckt Worte, weckt Gehorsam, Gegenrede und Gewissen, … weckt uns als Seine Antwort! ——                           

Diese unglaubliche Tatsache, dass wir es in der Bibel und durch die Bibel mit einem redenden, mit einem Sich äußernden, mit einem Sich auf den Menschen beziehenden Gott zu tun haben, ist das, was wirklich jeden Tag und jeden Augenblick vor Gott zu einem Fest macht:

Gott spricht uns an! Wir sind die Adressaten dessen, was Gott bewegt!

Wie uns das auszeichnet! Wie uns das aus der trüben, brütenden Verlassenheit, aus dem Vakuum eines nicht wörtlich gemeinten, eines bloß sachlich gegebenen Daseins herauslockt in eine Aufmerksamkeit und eine Erfahrung, die in und unter, über und hinter allem nicht die bleierne Sinnlosigkeit, sondern eine Nachricht, eine Botschaft, einen Sinn suchen … und finden darf: … Durch Anstrengung, durch Zweifel, durch Missverständnisse hindurch, gewiss … aber doch einen ausdrücklichen, weil ausgesprochenen und also auch verständlichen Sinn!

… Den guten Sinn, der in allem liegt und einst wieder auch aus allem sprechen wird: »Eu-Angelion« …Gottes sinn- und heilvolle Selbstmitteilung! —— 

Dass Gott im Wort und im Verb Sich Selbst also zu uns hin auf den Weg macht, das ist nun tatsächlich noch viel mehr als die Geschichte einer einmal diktierten Offenbarung, eines einmal geschriebenen Textes, eines einmal gedruckten Buches, einer einmal geglückten Übersetzung.

Dass Gott redet, statt zu schweigen, … dass Er offenes Buch, weil offenes Wort ist, … dass Er eben buchstäblich Offen-Barung und nicht Abschließung wählt, … dass Er Sich also durch Überraschung und nicht durch Gewohnheit oder stummes Geheimnis kundtut, … das ist es, was tatsächlich alle, die Ohren haben zu hören und einen Mund, der fragen kann oder weitersagen, der Echo und Fortsetzung sein darf und soll, inspirieren muss!

Spricht Gott, wie sollten Menschen dann das Maul halten?

Hat Gott Seinem Wesen nach stets neue Nachricht für uns, wie sollten wir dann Sprach- und Teilnahmslose oder bloße Wiederholer sein oder bleiben wollen?

Das Wort Gottes macht Menschenworte locker, … lässt Menschenrede sprießen, blühen, Ernte werden und neue Saat, … macht Menschen also Lust zu sagen und zu singen, zu üben und zu versuchen, was sie noch nie vernommen, nie gesehen, nie festgehalten, nie ausgesprochen haben. ———

Die elf Wochen, in denen das Evangelium in Luther auf der kalten Wartburg so perlend und so dampfend sprudelte und wie erwärmtes Edelmetall sich zu schönster Zier und Kleinod formen ließ, diese fruchtbare, experimentelle, enthusiastische Phase der sprachlichen Freiheiten, der Neuprägungen und Eingebungen ist also kein Endpunkt, und das Septembertestament darf kein Aggregatzustand des Neuen Testamentes oder der Bibel sein, der noch ein halbes Jahrtausend später, ausgekühlt und mit allem Grünspan, allem Staub der Geschichtlichkeit nun hinter Panzerglas, im Schummerlicht einer Vitrine konserviert werden müsste.

Solche Schätze, die bloß eine Beute für die Altertumsdiebe und ein Fraß für den Rost wären, hat Jesus Christus eben nicht bringen wollen.          

Vielmehr spricht Christus jede Zeit und jeden Menschen lebendig an, weil Er das Wort und Leben selber ist.

Darum ist aber das eigentliche Fest, zu dem Luther uns einlädt und sein eigentlicher Geniestreich – also das Zeichen seiner wirklichen Freiheit in der Geistesgegenwart des von Ewigkeit her und also auch heute und also auch in Ewigkeit redenden Gottes – nicht das Ergebnis jener Übersetzung, die Luther gelungen ist, sondern ihre Absicht.

Gottes Sprechen so zu fassen, ihm so zu dienen und ihm so auf die Sprünge zu helfen, dass es die berühmten Alltagsmenschen, die zeitgebundenen, konkreten Gestalten, die einfachen Leute mit dem echt existentiellen Horizont genau ihres Lebens erreicht, an die Luther im berühmten „Sendbrief vom Dolmetschen“ dachte – „die Mutter im Hause, die Kinder auf den Gassen, der gemeine Mann auf dem Markt“: Das ist der wirkliche Freibrief und das dringliche Erneuerungsmotiv aller Bibelarbeit, aller Verkündigung, aller sprachlichen Übersetzung und aller praktischen Übertragung des hier und jetzt wahren Wortes in das Leben jetzt und hier.

… Dass die sorgenden und die spielenden und die handelnden Menschen heute, … die, deren Alltag von Hektik beherrscht wird, … und die, deren Bestimmung das Lernen ist, … und schließlich auch die, deren Augenmerk geradezu areligiös auf dem rein Materiellen liegt, … dass diese alle spüren müssen, dass Gott sie anspricht: Das ist die Verheißung, die durch Luthers Übersetzung weht!

Es ist eine Verheißung, die keine sprachliche Form bevorzugt. Sie setzt weder ausschließlich einen vermeintlich „modernen“ Klang, noch irgendeine klassische geronnene Sprachgestalt ins Recht. Sie nutzt und sie verflüssigt, sie belebt und sie entfaltet alle sprachlichen Mittel und Zustände durch ihre eigene, aktuelle Erschließungskraft eben als Verheißung, … als Verheißung nämlich, dass alle Menschen spüren sollen und dürfen, wie Gott unmittelbar an ihr Ohr und ihr Herz drängt, dass Er in ihnen wahrgenommen und dann angenommen, also geglaubt werden will: Das ist das Eine, um das allein es geht!

Es kann durch hohe, hehre Feierlichkeit oder mit ganz unaufdringlicher Beiläufigkeit geschehen, dass Gottes Sprechen Gehör findet. Es wird sich in tausend tradierten und in ebenso vielen spontanen Formen ereignen, dass Gott Menschen erreicht.

Er spricht ja alle Sprachen; Er wählt für jede Frau, für jedes Kind und jeden Mann die Worte, die sie zu wecken und zu rufen vermögen und die ihre Antwort in Sprache, Tat oder einfacher Liebe auslösen werden.

Dass Luthers unbekümmert schnelle, lebensnahe, unverbildete, phantasievoll und zugleich organisch kreative Übersetzung das meinte und dass ihr das gelang – ja, immer noch gelingt! -, genauso wie es anderen Übersetzungen, Vertonungen, Auslegungen, Aneignungen, Fortschreibungen und direkten Erleuchtungen gelingt, Gott hörbar und verständlich und Menschen ansprechbar und verständig zu machen: Das feiern wir heute und jeden Tag, den wir mit dem redenden Gott, mit Seinem Wort in unserer Welt und Zeit verbringen dürfen.

Denn Seine Worte sind die Wahrheit und sie haben in sich das ewige Leben (vgl. Joh. 6,68 und 17,17)!

Amen.  

 

[i] Auf einem Gottesdienstblatt war ein entscheidender Passus aus der Darlegung „wilchs die rechten vnd Edlisten bucher des newen testaments sind“, die Luther der NT-Ausgabe vom September 1522 nebst der Vorrede angefügt hatte, abgedruckt. Den Zitaten aus dem „Sendbrief vom Dolmetschen“ und der Bezugnahme auf die Vorreden zu einzelnen biblischen Büchern in dieser Predigt liegt Bd.6 der sog. „Münchner“ Luther-Ausgabe zugrunde: „Bibelübersetzung. Schriftauslegung. Predigt“ (Martin Luther - Ausgewählte Werke, hgg. v. H.H.Borchert und G.Merz, München, 19583).

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