Israelsonntag, 21.08.2022, Matth.5,17-20, Mutterhauskirche, Dr. Katrin Stückrath

Amen, liebe Gemeinde!

Jetzt wundern Sie sich vielleicht und denken: Wieso fängt die Pfarrerin eine Predigt mit Amen an? Das kommt doch normalerweise am Schluss! Ist die Predigt jetzt schon zu Ende?

Nein, liebe Gemeinde. Ich beginne nur meine Predigt heute mit dem Amen. Genau wie Jesus es tut in dem Abschnitt, über den ich heute erzählen will. Er beginnt mit Amen und leitet über zu einem Teil der Bergpredigt, wo Jesus einige der 10 Gebote und andere Gebote auslegt.

Er gibt dieser Auslegung eine Überschrift, die lautet:

17Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.

Hier erklärt Jesus seine Mission. Ich bin nicht der, der die Heiligen Schriften auflöst. Man kann hier auch „zerstören“ übersetzen. Zum Wegwerfen seiner Tradition ist Jesus nicht angetreten. Stattdessen: Er ist gekommen, um zu erfüllen. Das soll wohl bedeuten, dass er sich daran hält, was im Gesetz und in den Propheten geschrieben steht. Er zeigt sich als ein normaler Jude, der als Jugendlicher lernt, in den Heiligen Schriften zu lesen, sie auch vorzulesen im Synagogengottesdienst. Der Bar Mizwa feiert ähnlich wie die Konfirmation und damit ein „Sohn des Gesetzes“ – das heißt Bar Mizwa, wird.

Jesus ist nicht gekommen, um das Gesetz zu zerstören, sondern um es zu erfüllen. Darin steckt mindestens noch ein zweiter Sinn: In der hebräischen Bibel – wir kennen sie als Altes Testament - stecken viele Verheißungen Gottes. Vielleicht will Jesus auch andeuten, dass er diese Verheißungen der Liebe Gottes, der guten Zukunft, des Friedens, verkörpert. „Erfüllen“ heißt hier mehr als „befolgen“, es heißt auch „zur Fülle bringen“.

Soweit also zu unserer Überschrift des zweiten Teils der Bergpredigt (zu lesen bei Matthäus im 5, Kapitel ab Vers 17). Dann legt Jesus los:

18 Amen, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.

Auch wenn Jesus es sagt, ist es uns etwas fremd, dass das Amen das erste Wort ist und nicht das letzte Wort. Im Judentum zur Zeit Jesu wurde das „Amen“ meistens als Antwort benutzt. Wenn jemand einen anderen Gott loben hörte, antwortete er mit Amen und stimmte so in den Lobpreis Gottes ein. Genauso machen wir es eigentlich bis heute im Gottesdienst. Ich spreche ein Gebet  - und die Gemeinde antwortet mit Amen. So sollte es sein. Wenn die Pfarrerin im Gottesdienst die einzige ist, die immer das Amen spricht, ist das eigentlich nicht richtig. Ich habe in der Ausbildung noch gelernt: „Das Amen gehört der Gemeinde.“ Denn wörtlich ist „Amen“ eine Bestätigung. Es bedeutet: „Ja, wahr ist es.“ Da merken Sie, dass das Amen der Gemeinde gehört, sonst würde sich die Pfarrerin nur selbst bestätigen. Nach dem Motto: „Recht habe ich.“ Ob ich recht habe, ob Sie das bestätigen möchten, das liegt bei Ihnen.

Andere Bedeutungen, die beim „Amen“ auch noch mitschwingen sind: „Verlässlich ist es und treu.“

Und das will Jesus hier auch sagen: Die Verheißungen Gottes, die niedergeschrieben sind im Gesetz und in den Propheten, sie sind treu und ich bin ihnen auch treu. Ich löse sie nicht auf. Ich erfülle sie. 18 Amen, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.

 

Liebe Gemeinde, jetzt halte ich mich einmal mit dem Kleinsten auf: Für „kleinster Buchstabe“ steht im griechischen Text: Jota – das kann einem auch im Deutschen begegnen, es bedeutet „Etwas sehr Kleines bzw. Geringes, in Anlehnung daran, dass der Buchstabe Jod das kleinste Schriftzeichen des hebräischen Alphabets ist.“ Das Jota, der Buchstabe joder i ist im Hebräischen nur ein Häkchen. Und weil die Hebräer lieben, alles in Parallelismen zu sagen, fügt Jesus zu dem Jota noch hinzu: „und kein Häkchen“.

Hier wurde ich neugierig, wie der alte Luther selbst diese Stelle übersetzt hat und schaute in die Lutherbibel von 1536. Da steht: „Denn ich sage euch wahrlich (so hat Luther das Amen übersetzt mit wahrlich) bis das himel und erden zurgehe, wird nicht zurgehen der kleinest buchstab noch ein tüttel vom gesetz, bis das es alles geschehe.“ Das Wort Tüttel für Häkchen kannte ich noch nicht, fand ich süß.

 

So jetzt wende ich mich aber wieder dem Großen zu. Also, das ganze jüdische Gesetz soll gehalten werden, solange die Erde besteht. Jetzt kommt der zweite unseres Predigttextes. Da spricht Jesus vom Himmelreich. Das ist etwas schwer zu fassen. Einerseits sagt Jesus, es kommt. Andererseits ist es auch schon da. Und zwar mit seiner Person. Wo Jesus ist, da ist schon Himmelreich könnte man sagen. Und wo 2 oder 3 Menschen in seinem Namen versammelt sind, da kann auch Himmelreich sein. Jesus sagt:

 19Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich.

Das heißt: Wer ein Gebot des Alten Testaments auflöst, soll keinen Ruhm bekommen. Sondern wer sie tut und lehrt.

Wenn ich mal so überlege, was wir lehren von den Geboten des Alten Testaments, so fallen mir und Ihnen wahrscheinlich auch, zuerst die 10 Gebote ein. Die muss jeder Konfirmand / jede Konfirmandin bis heute lernen. Und sie sind so etwas wie eine Zusammenfassung der allerwichtigsten Gebote. Ja, die 10 Gebote lehrt unsere evangelische Kirche bis heute.

Aber was ist mit den anderen Geboten? 613 Gebote zählt das Alte Testament insgesamt. Da sind auch viele, die gelten für uns nicht mehr: Speisegebote, Festtagsgebote, Opfergebote, Sklavengebote, Ehegebote. Dürfen wir die einfach auflösen oder laufen wir Gefahr, am Ende die Kleinsten im Himmelreich genannt zu werden?

Wir geraten hier mitten in die wichtigste Diskussion der ersten Christen darüber, was für sie gelten sollte. Die einen sagten: „Jesus hat sich immer an alle Gebote gehalten, wir sollten das auch tun.“ Die anderen sagten: „Jesus selber hat aber auch gesagt: ‚Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst. Das ist das ganze Gesetz und die Propheten.‘ Das heißt doch wohl, wenn die Liebe unser Maßstab ist, können wir nichts falsch machen, auch wenn wir nicht die Speisegebote halten und anderes.“ 

Sie dürfen raten, welche Gruppe sich irgendwann durchgesetzt hat. Richtig, die zweite. Wir Evangelischen sagen: „Wir halten uns nicht wörtlich an alle Gebote der Bibel, aber wir legen sie im Geist von Jesus, im Geist der Liebe aus. In diesem Sinne gelten sie immer noch für uns, dass wir sie lesen, bedenken und so versuchen in unser Leben zu übertragen.“

 

Jetzt kommt der letzte Satz in unserem Predigttext, der zugleich der steilste Satz ist:

20Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.

Ui ui ui  - eben liefen wir noch Gefahr, die Kleinsten im Himmelreich zu werden und jetzt kommen wir gar nicht hinein? Was oder wen kritisiert Jesus da? Er hat ganz viel mit Schriftgelehrten und Pharisäern diskutiert. Das war kein Streit, das war ganz normale Auseinandersetzung damals. Es ist deshalb schwierig, dass Luther oft übersetzt hat: Die Schriftgelehrten wollten Jesus versuchen. Als ob sie ihn in Versuchung führen wollten. Nein, sie wollten ihm einfach eine interessante Frage stellen, ihn auch ein bisschen herausfordern, wie das unter den Schulen der Rabbiner üblich war. Also die Schriftgelehrten und Pharisäer sind die Gesprächspartner von Jesus. Sie standen voll auf der Seite des jüdischen Gesetzes. Gerade die Pharisäer versuchten, die Gebote Gottes voll und ganz in ihrem Alltag unter zu bringen, sie wirklich zu befolgen.

Jesus aber legt den Maßstab noch höher, wenn Sie die Bergpredigt ganz lesen, dann merken sie das. Er nimmt die Gebote und radikalisiert sie noch. Ich glaube, dass soll heißen, dass wir uns nie mit einem Gesetz zufrieden geben sollen. Wir sollten immer fragen: Können wir noch mehr tun? Reicht es, keinen Menschen zu töten? Oder müssen wir nicht auch dafür sorgen, dass er leben kann, und zwar so gut leben wie wir? Reicht es, keine Ehe zu brechen oder sollen wir nicht auch mit allen anderen Beziehungen sorgsam und vorsichtig umgehen? Reicht es nicht zu stehlen, oder sollten wir nicht auch in unserer globalen Wirtschaft darauf achten, dass niemand ausgebeutet wird? Sie merken, mit dem Gebot alleine ist es nicht getan. Ich glaube, das will Jesus uns hier sagen.

Dieser letzte Satz von Jesus: 20Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. - wurde natürlich gerne missverstanden. Nach dem Motto: Natürlich sind wir besser als die Juden, schon weil wir ja an Jesus glauben.

Der liebe alte Luther, der die Bibel so schön übersetzt hat, war gar nicht lieb zu den Juden seiner Zeit. Er hetzte gegen sie. In seiner Bibel von 1536 schrieb er zu diesem Bibelvers, von dem ich gerade spreche, eine Bemerkung an den Rand: „Der Phariseer fromigkeit stehet allein in eusserliche wercken un schein, Christus aber fodert des hertzen fromigkeit.“

Hier wirft Luther den Pharisäern vor, dass sie sich nur formal an das Gesetz halten und auch nur zum Schein. Sie seien also Heuchler. Christus aber fordere des Herzens Frömmigkeit. Hier arbeitet sich Luther eigentlich an der Kirche seiner Zeit ab. Er predigte ja immer wieder: Es geht nicht um Werke wie Fasten um sich Gottes Gnade zu verdienen, es geht eigentlich nicht darum, die Gebote zu befolgen, sondern auf den Glauben kommt es an. „Innerlichkeit“ sagt Luther hier.

Im Prinzip wirft Luther in seiner Randbemerkung die Pharisäer mit den Anhängern des Papstes in einen Topf. Und das machten viele in seiner Zeit und die Juden wurden sehr bedrängt, beschimpft als solche, die nur Werke tun, aber keinen Glauben haben. Das geschah viele Jahrhunderte lang. Und als die Nazis 1938 Synagogen anzündeten und Tora-Rollen verbrannten, sagten sich viele Evangelische: Das ist ja nur das jüdische Gesetz, was da brennt, das gilt ja für uns nicht mehr.

Ein schrecklicher Fehler. Denn das jüdische Gesetz ist eben die Tora, es sind die 5 Bücher Mose. Wenn wir das zerstörten, hätten wir keine Schöpfungsgeschichte mehr, keine Arche Noah, keine Abraham und Sarah, keinen Jakob und keinen Josef, kein Volk, das mit Mose entdeckt, dass Gott die große Befreiungskraft ist. Ja, ich kann sagen, ich liebe das jüdische Gesetz, die Tora, und in großen Teilen halte ich mich daran. Ich liebe auch unser Neues Testament. Aber genau wie Jesus kann ich mir einen Glauben ohne das Alte Testament nicht vorstellen. Sonst wüsste ich gar nicht genau, wie dieser Gott ist, den Jesus Vater nennt. Sonst würde mir so vieles fehlen. Nein, lasst uns kein Jota, kein Häkchen, kein Tüpfelchen und keinen Tüttel von der Tora wegnehmen. Sie sollen alle bestehen, gelesen werden, ausgelegt, diskutiert, aktualisiert und dann im Geist der Liebe befolgt werden.

Was darf die Gemeinde jetzt sagen?

Genau: Amen.

 

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