Trinitatis, 12.06.2022, Stadtkirche, Römer 11,33-36, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Trinitatis - 12.VI.2022                                                                                                        

              Römer 11, 33-36

Liebe Gemeinde!

Sherlock Holmes und Miss Marple, Pater Brown und Kommissar Maigret, Emil Tischbein und Kurt Wallander - von den Schimanskis, den Lindholms oder Odenthals, den Batics und Leitmayrs, den Ballaufs und Schenks, den Thiels und Professoren Boerne ganz zu schweigen - … diese Detektive und Inspektoren sind langfristig ohne jeden Zweifel sämtlich gut für den Blutdruck: Zwar muss man Schock und Spannung, muss Hängen und Würgen aushalten und ein bisschen Gänsehaut, ein wenig Zittern und stockenden Atem ertragen, aber wenn der Buchdeckel zugeklappt, der Abspann vorübergeflimmert ist, dann ist die Sache geritzt. Der Fall findet seine Lösung. Das beruhigt die Nerven schließlich mehr, als der ganze Krimikitzel sie bewegt hat. Und darum schläft Deutschland am heiligen Sonntagabend so gern auf dem Tatortsofa ein.

… Mord und Mystery machen uns Spießer zufrieden, weil sie am Ende ordentlich geklärt werden. … Und Ordnung muss nun mal sein. Lösungen müssen her. Klarheit soll herrschen. Der Müll wird sortiert und jedes Rätsel mit Geduld und Spucke eingespeichelt, bis es der widerstandslose Brei ist, mit dem wir am besten fertigwerden. Mag also auch die Schale rauh sein: Im Kern erwarten wir immer nur Weichheit.

… Wo kämen wir auch hin, wenn die Dinge hart und unrund blieben, wenn sie ihren Stachel, ihre unnachgiebige Verschlossenheit nicht schließlich doch aufgäben? … Was wäre das für eine Welt, in der die Nüsse sich nicht knacken lassen, in der das Unverständliche nicht vernebelt und das Erschütternde nicht kleingeredet, wegretuschiert oder den Dummen überlassen wird, die nicht kapieren, dass man sich seine Wirklichkeit aussuchen kann, wenn man nur ein bisschen gewieft ist?!

Machen wir’s uns also weiter gemütlich. Alles andere ist schließlich nervenaufreibender als jeder Krimi es sein könnte!

……. Unlösbare Fragen, nicht aufzuklärende Fälle? … Eijeijei.             

Wo Schwierigkeiten unlösbar sind, bieten sich ja doch nur drei Möglichkeiten: Endloser Kampf, unversöhnte Kapitulation oder demütige Unterwerfung. Alle drei dieser schrecklich nach der militärischen Wirklichkeit unserer Tage klingenden Optionen sind aber erkennbar bitter.

Wenn die Ukrainer bis zum Untergang kämpfen müssten, wäre es genauso tödlich wie ein vergeltungsträchtiges Besiegt-Werden; und ein hingenommener Waffenstillstand, dem die Fremdherrschaft eines barbarischen Tyrannen folgte, wäre ebenfalls katastrophal. ——

Gibt es also keine Alternative, als bloß die leichte Schulter oder die tragische Ergebung in’s Verhängnis, wenn es um die Sackgasse geht, in die die Welt oft führt?

Zunächst müssen wir uns wohl daran gewöhnen, dass wir tatsächlich in einer Klemme sitzen:

Da machen die einen sich die letzten sonnigen Tage - schließlich könnte es nächstes Jahr sogar wieder Zinsen geben!!! -, eh die Zerstörung der Welt mit Wucht losgeht, noch einmal dekadent nett, während die andern längst betrogen und entwurzelt im gestaffelten Verderben stecken. … Aber etwas Verzicht auf exotische Cocktails am Pool oder ein paar agile Gerettete, die vor dem Tsunami vorübergehend nochmal Boden unter die Füße kriegten, die sind ja nun weder so noch so die Lösung. … Keine Lösung also, nur Komplexität. …….

Oder in der anderen Frage, der augenblicklich akuteren, die uns bewegen muss: Pazifismus ist keine Lösung im Angesicht real-radikaler Aggression, und die dringend nötigen Waffenlieferungen sind keine Lösung für die Gemeinde dessen, der in der Bergpredigt die Friedfertigen seligpreist. Wer also selig werden will auf dem Weg der Friedensethik, wird blutig schuldig, weil er lebensnotwendige Hilfe verweigert, und wer schuldig wird auf dem Weg der konkret gebotenen Verantwortung, der kann nicht die Seligkeit der wehrlosen Kinder Gottes erwarten. Die politische Tatenlosigkeit und Verzögerungstaktik aber versündigt sich sowohl am Gebot wie am Evangelium. … Keine Lösung also, nur Komplexität! …….   

 

… Und kein Bienzle und kein Bond, die mit ihrem untrüglichen Gespür das Verworrene auseinanderpflücken bis alle Enden glatt sind und sich die unumstößliche Auflösung zeigt. ——

Ein solches frustrierendes Lebensproblem hatte nun auch Paulus: Seit Damaskus, seit der von Saulus verfolgte tote Betrüger von Golgatha ihm als die lebendige Wahrheit vom Himmel her in die Quere gekommen war, konnte der Weg des Paulus nicht mehr logisch verlaufen. Sein neues Ziel war für seine alten Lehrer die schlimmste Verirrung; was er erreichen wollte, sahen fast alle seiner Genossen als reine Zerstörung an; die er zum Heil rufen wollte - seine geliebten Blutsverwandten und Glaubensbrüder - argwöhnten seinen völligen Abfall. Paulus, der leidenschaftliche Pharisäer, der Frömmste der Frommen erschien denen, die er retten wollte, als Verderber, und denen, für die er warb, war er unheimlich. Die Jünger des gerechten und wunderwirkenden Jesus von Nazareth zweifelten an ihm, und die anderen Schüler des weisen und gerechten Lehrers Gamaliel in Jerusalem verzweifelten an ihm. …

… Wer sollte den Knoten lösen? … Wer sollte das Rätsel entwirren?

Den Heiden bot er das Heil Israels an, das viele gar nicht suchten, und den Juden konnte er ihren Messias nicht vermitteln, obwohl der ihn doch gefunden hatte.

Komplexer, irritierender, frustrierender geht es auch in unserem Leben und Denken nicht zu;

widersprüchlicher stehen Wollen und Vollbringen, Problembewusstsein und Lösungsmöglichkeiten auch bei uns nicht in Spannung zueinander. ——

Eigentlich schlägt in solchen vertrackten Situationen ja tatsächlich meistens die Stunde der Vereinfachung. Wenn die widerstreitenden Argumente, die gleichwertigen Gesichtspunkte, die unversöhnlich diametralen Prinzipien sich einfach nicht in ein harmonisches Gefüge bringen lassen wollen, dann fällt halt eins hinten runter.

Wir kennen das ungeschriebene Gesetz ja zur Genüge: Der Markt von heute oder der Mensch von morgen; eine Mehrheit der Stimmen oder die Stimme der Wahrheit; die rasche Zufriedenheit oder das nur langsam zu gewinnende Gleichgewicht … Man kann nicht beides haben – was also soll’s? Eins geben wir auf.

Paulus aber tut genau das nicht.

Der Heidenapostel gibt die Juden nicht auf. Der unterschiedslose Wohltäter vieler Völker hält dennoch am Heilsvorsprung des einen Volkes fest. Der Missionar, der die weltweite Kirche der späteren Antisemiten anstieß, wird doch nicht müde die umgekehrte, positive Diskriminierung zu bezeugen: „Das Evangelium gilt den Juden zuerst, (und) dann auch den Griechen“ (Rö1,16)!

Paulus, konsequent, messerscharf, haltungsstark und völlig unabhängig wie vielleicht kein zweiter unter den Botschaftern Jesu Christi, ist am entschiedensten vor allem anderen kein Mann des Entweder-Oder!

Unsere primitive, weil aus der Frustration geborene Logik eines „Wenn nicht links herum, dann eben rechts“, ist eben ganz und gar nicht das Denkmuster des Verkündigers der Rechtfertigung allein aus Glauben.

… Fängt also mit Paulus schon die Wischi-Waschi-Verlegenheit der Kirche an?

Diese haarsträubende Spezialität besonders der evangelischen Sprechblasen- und Nebelkerzen-Produzenten, die’s nie wagen, etwas rundheraus zu behaupten und zu vertreten, sondern immer im Kompromiss baden und also die Meinungen Dritter, die Gefühle Anderer, die denkbaren Hindernisse so sehr betonen, dass jede klare Kontur verschwimmt und man nur das scheußliche Gefühl bekommt, alles Gesagte sei Soße und alles Geschriebene Schaum?

Ist Paulus also verantwortlich dafür, dass wir im unverbindlichen und darum offenbar auch völlig unnötigen Sowohl-als-auch für ein bisschen Krieg und ein bisschen Frieden, ein bisschen assistierten Suizid und ein bisschen Lebensschutz, ein bisschen Bibel und ein bisschen Koran, ein bisschen schwäbische Frömmigkeit und ein bisschen Frankfurter Kritische Theorie und praktischen Atheismus stehen? … ——

Wenn wir so fragen, fehlt es uns in erster Linie nicht an Klarheit, sondern an geistlicher Tiefe.

Dass viele unserer eigenen und viele der öffentlich amtskirchlichen Positionen unklar, unentschlossen, quälend dialektisch und also unbefriedigend sein mögen, wo sie’s nicht sein müssten, lassen wir dahingestellt sein.

… Denn mit Paulus und seiner Weigerung, die Heilshoffnung der Juden zu opfern, um die Universalität seines Christuszeugnisses zu unterstreichen, betreten wir ein anderes Gebiet, als das der menschlichen Exklusivitäts-Logik.
Mit Paulus, der kein Entweder-Oder predigen kann, stehen wir vor dem wirklichen Gott, Der mehr ist, als alle unsere Vereinfachungen! —

 

Das Wesen des lebendigen Gottes ist eben nicht jene Einfalt, mit der wir einen Fall für abgeschlossen, eine Frage für geklärt halten.

So sind, so denken, reden und handeln wir Menschen. Unsere Person, unser Verstand, unser Fassungsvermögen und unser Einsatz sind von Natur aus einfach: Das bin immer nur ich Einer, der da lebt und reflektiert, der da kommuniziert oder agiert. Es ist nie mehr als nur das eine Ich allein. 

Doch gerade so ist der Gott, von Dem, durch Den und zu Dem alle Dinge sind, nicht: Er ist in Sich das tiefe und das weite „Und“; Er ist die hohe und die innige Vereinigung, die wir niemals erreichen können, weil das Verbindende, das Versöhnen, der Zusammenhalten an unserer Vereinzelung scheitern muss.

Wir können nur erkennen, was zeitlich ist. Gott indes ist nicht einmal an die Ewigkeit gebunden.

Wir können nur begreifen, was unsere Sinne berührt. Gott dagegen bedarf keiner Organe, denn in Ihm sind die Wirklichkeit und die Möglichkeit, das Materielle und das Geistige selbst inbegriffen.

Wir vermögen nicht mehr wahrzunehmen und nichts anderes zu bewirken, als was uns ursprünglich zugänglich ist. Gott jedoch, weil Er selber die Offenheit ist, Der sich alles verdankt, in Der nichts ausgeschlossen sein kann und bei Der alles sein Ziel findet, … Gott übersteigt und Gott verknüpft das Vergängliche, das Noch-nicht-Seiende und die zeitliche, räumliche Schrankenlosigkeit in einer unlöslichen, unerforschlichen und unendlichen Gemeinsamkeit des für alle Geschöpfe Unzähligen und für den Schöpfer Unzertrennlichen.

 

… Dass Gottes Wesen also den Einen, die Vielen und darin Alles umfängt, …

… dass Er Beginn, Dauer und Vollendung zugleich gewährt, …

… dass in Ihm Wort und Fleisch und Geist der Selbe sind, …

… dass Er in sich die unverbrüchliche Identität von Geber, Gabe und Geben ist, …

… dass Gott nicht als Gott allein, sondern als Mensch erkannt werden will, und dass Er diesen Bund nicht nur als wundersames Ereignis, sondern in ewiger Wirklichkeit beschließt, vollzieht und bezeugt, …

… dass Gott also nicht einfach, sondern komplex, unglaublich, ununterscheidbar und dennoch nicht versteinert ist, … nicht versteinert, sondern bewegt von Liebe, erfüllt von Liebe, getrieben von Liebe, souverän in der Liebe, leidend aus Liebe, sterbend aus Liebe - unsterblicher Liebe! -, … dass Gott so viel mehr, so viel mehr, so viel mehr ist, als unsereiner - unser „Einer“! - jemals auch nur ahnen, nur vermuten, nur träumen kann, das ist der Grund weshalb Paulus nicht in schlichter Exklusivität denken, sprechen oder hoffen kann. —

 

Es ist – wenn wir es mit dem heiligen Gott, dem Gott des Liebesbundes, dem Gott des Himmels, der Erde und der Tiefe zu tun haben – … es ist unmöglich und unsinnig und unverzeihlich, wenn wir abschließend oder ausschließend von Gott oder zu Ihm sprechen wollten!

Das verbieten Demut und Weisheit gleichermaßen!

Die Torheit und der Stolz des Menschen, die ihn immer wieder verleiten zu behaupten, er sehe, wisse, urteile und vollziehe die Wahrheit, … die müssen stumm werden in heiliger Ehrfurcht und brennendem Verlangen und niemals zu erschöpfender Liebe, wenn er Gott zu spüren, zu vertrauen, zu erwarten beginnt.

Ein Mensch, der - so wie Paulus - existentiell erfährt, dass schon der irdische Sinn unserer Erfahrungen und Probleme sich nicht in simple Eindeutigkeit, in platte Basta!-Sprüche fassen lässt, der gibt nicht etwa seinen Verstand auf, sondern erweist ihm überhaupt erst Ehre, wenn er vor Gott und von Gott nicht in dummdreister Vereinfachung spricht.

 

Es ist also keine Feier der Irrationalität, sondern die erleuchteteste Einsicht, wenn ein Mensch, der denken und unterscheiden kann, das Unbegreifliche Gottes, die Unerforschbarkeit Seines Geheimnisses bekennt!

Wer die Welt als Sonntagabendkrimi, als kleine Denksportübung für Hobby-Spürnasen, als Unterhaltungsformat mit garantiert publikumsfreundlicher Pointe betrachtet, der hat nichts, gar nichts auch nur von Ferne von Dem erfasst, Der unser Gott ist.

Alles an Ihm ist wunderbar und unerklärlich. Seine Liebe zu uns und Seine Schöpfung haben keinen Grund, … kein Ende.

Sein Zorn, Sein Richten, Sein Zubereiten und Zurechtbringen gehen über unser sämtliches Fassungsvermögen, und Seine Gnade reicht tiefer, weiter, als die abstraktesten Formeln des menschlichen Geistes.  

Niemand hat es je auch nur in abgeleiteter Annäherung streifen können, wie überwältigend die Wirklichkeit Gottes ist und niemand könnte sich je einbilden, sich auch nur einen Schatten dessen angeeignet zu haben, was Gott vermag, worüber Er gebietet und was Er schenkt.

 

Gott zu begegnen, heißt darum nicht, die Lösung zu finden, sondern die Unendlichkeit.

Gott zu erkennen, heißt nicht zu wissen, wie es endet und warum, sondern anzubeten, dass es ist und war und bleiben wird, wie Er es wollte, … wie Er es will.

Gott also, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist, der Heilige, der Starke, der Unsterbliche, ist nicht die Erklärung, sondern das Geheimnis, … nicht die Begründung, sondern die Vertiefung, … nicht das fehlende Puzzlestück, sondern die immer schon und noch nie dagewesene Vielzahl aller Einzelheiten.

… Der Dreieinige, der nicht dieser, dies und das ist, … sondern Alles – Der ist kein Fall, den man löst, keine Komplexität, gegen die man rebellieren oder vor der man kapitulieren müsste.

Der dreieinige Gott ist schlicht die höher als alle unsere Vernunft und weiter als unser Wissen - und Wünschen! - reichende Wahrheit, die wir anbeten! 

 

O welch eine Tiefe des Reichtums, beides der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!

Ihm sei Ehre in Ewigkeit!

Amen.

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