Chr.Himmelfahrt, 26.05.2022, Dan.7,1-3(4-8)9-14, Ulrike Heimann

Liebe Gemeinde,

was sich viele, die den heutigen Tag einfach als freien Tag mit Gelegenheit zu Ausflügen wahrnehmen und schätzen, sich gar nicht bewusst machen: Himmelfahrt ist ein politisches Fest. Es geht um Macht und Einfluss.
Wenn ich jetzt in Ihre/Eure Gesichter schaue, dann glaube ich, dass ich das etwas näher erläutern muss.
Im Evangelium des Lukas haben wir gerade gehört, wie sich Jesus von seinen Jüngern verabschiedet hat. Nach Ostern hatte es für sie noch eine Fristverlängerung von 40 Tagen gegeben mit dem Auferstandenen. Aber dann war Schluss. Segen mit erhobenen Händen wie am Ende des Gottesdienstes. Und Tschüss. Ich bin dann mal weg! Geht in Frieden!
Himmel als Ziel. Auch für uns. Das war früher ein frommer Wunsch: nach dem Tod in den Himmel kommen. Was immer, wo immer das sein soll. Auf jeden Fall galt es, dahin zu kommen, wo Jesus schon ist.
Im heutigen Evangelium steht Himmel aber vor allem für Ausdehnung über der ganzen Erde. Jesus war als Mensch im heutigen Israel und Palästina unterwegs. Dass dann aus einer lokalen Geschichte im Nahen Osten eine internationale Glaubensbewegung und -gemeinschaft entstehen konnte, das doch nur deshalb, weil Jesus auferstanden nicht gen Himmel entschwunden ist, sondern weil sein Geist, weil Gottes Geist sich vom Himmel zu allen Menschen auf allen Kontinenten aufgemacht hat - an dieses Ereignis erinnern wir uns jedes Jahr an Pfingsten, wobei es sich nicht um ein einmaliges Ereignis handelt, sondern um die nachhaltigste Bemühung Gottes, diese Welt zu verändern. Überhaupt: Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten sind drei Aspekte einer Erfahrung, die die Weltsicht der Betroffenen grundlegend verändert - bis heute. Himmelfahrt ist dabei lokale Abreise, Pfingsten globale Ankunft.
Wenn wir uns auf der Welt so umschauen, dann sind neben Jesu Geist auch viele andere Kräfte global am Werk. Wir leben in Zeiten heftiger Mischungen von Kräften und Geistern. Überall gibt es barmherzige, einfühlsame und tatkräftige Menschen, die vom Geist Gottes, vom Geist Jesu inspiriert sind, getragen von Glaube, Hoffnung und Liebe, die Gottes Gaben an sie teilen und ihre Nächsten unterstützen. Erstaunliches ist da manchmal zu sehen - im Ahrtal nach der großen Flutkatastrophe im letzten Jahr; in der Hilfe für Flüchtlinge in Polen und auch hier vor Ort: Menschen haben ihre Häuser, ihre Wohnungen geöffnet für ukrainische Bürgerinnen und Bürger, die vor dem Krieg dort geflohen sind.
Leider sind auch andere Gestalten und Mächte global unterwegs. Sie setzen auf Gewalt und Machterhalt und schrecken dabei vor nichts zurück. Ich denke dabei zuerst an die Diktatoren und Autokraten, die in immer mehr Ländern regieren: an Putin und Xi Ping, an Erdogan und Bolsonaro, an die Regenten in Nordkorea, in vielen Ländern der arabischen und afrikanischen Welt, aber auch demokratisch gewählte Regierungen in Europa wie in Ungarn, Polen und Serbien tun sich schwer, Recht und Wahrheit gelten zu lassen. Und nicht wenige teilen die Sorge mit Blick auf die USA, dass dort der Ungeist von Trump wieder aus der Flasche losgelassen werden könnte.
Was ist los mit der Welt? Das fragen sich die Menschen nicht erst seit dem 24.Februar, nicht erst im Angesicht von Corona, Klimakrise und Krieg. Das hat auch schon die Menschen in biblischen Zeiten umgetrieben, gerade wenn sie bedrängt wurden und nicht wussten, wie es denn für sie weitergehen sollte. Immer wieder gab es diese Zeiten von Verfolgung und Krieg, von Hungersnöten und Seuchen, die die Menschen heimsuchten. Immer wieder Zeiten wie Albträume. Wir können sie nachfühlen in Texten der Offenbarung des Johannes und auch im Buch des Propheten Daniel, wo die Bedrohung in Bildern von Monstern und Drachen daherkommt, die so manchen Fantasy-Film inspiriert haben. Wie kommen wir durch diese albtraumhaften Zeiten?
Es gibt nicht wenige Christen, die haben diese Zeit und Welt längst abgeschrieben. Sie hoffen nur noch auf das Ende, wo Jesus mit den Wolken des Himmels kommt und die Bösen ins ewige Feuer schickt und die Seinen zu sich in den Himmel holt. Für diese Welt und Zeit gibt es nur ein Ende mit Schrecken.

Doch mit solchen Gedanken kann ich mich gar nicht anfreunden. Worauf ich hoffe: auf ein Ende der Schrecken, darauf dass der Geist Jesu sich auf dieser Erde, in dieser Zeit immer mehr durchsetzt. Zeit und Ewigkeit, Himmel und Erde, Gott und Mensch - sie gehören zusammen. Was lässt uns nun hoffen für uns und unsere Welt?
Ein Text, der uns solche Hoffnung vermitteln kann, steht im Buch des Propheten Daniel, ein Text, der in Zeiten großer politischer Bedrängnis verfasst worden ist. Darin erzählt Daniel von einem nächtlichen Traum, der als Albtraum beginnt und dann eine überraschende Wendung nimmt.
Ich lese die Verse 1-3 und 8-10 aus der guten Nachricht und paraphrasiere die Verse 4-7, die die Albtraumbilder beschreiben.

„Im ersten Regierungsjahr des babylonischen Königs Belsazar hatte Daniel in der Nacht im Traum eine Vision. Er schrieb auf, was er geschaut hatte; hier ist sein Bericht:
Ich sah in meiner nächtlichen Vision, wie aus den vier Himmelsrichtungen die Winde bliesen und das große Meer aufwühlten.
Vier große Tiere stiegen aus dem Meer; jedes hatte eine andere Gestalt.

Jedes der Tiere steht für ein Weltreich, jedes wird als Bestie beschrieben von unterschiedlicher Gestalt, die jeweils Angst und Schrecken, Tod und Zerstörung anrichtet.
Das vierte Tier war völlig verschieden von den anderen Tieren und hatte zehn Hörner.

Während ich die Hörner beobachtete, brach ein weiteres Horn zwischen ihnen hervor. Drei von den vorigen Hörnern wurden seinetwegen ausgerissen. Das Horn hatte Menschenaugen und ein Maul, das großmächtig prahlte.
Dann sah ich, wie Thronsessel aufgestellt wurden. Jemand, der uralt war, setzte sich auf einen von ihnen. Sein Gewand war weiß wie Schnee und sein Haupthaar so weiß wie reine Wolle. Sein Thron bestand aus lodernden Flammen und stand auf feurigen Rädern.
Ein Feuerstrom ging von ihm aus. Abertausende standen zu seinem Dienst bereit und eine unzählbare Menge stand vor ihm.
Richter setzten sich und Bücher wurden aufgeschlagen.
Ich sah, wie das Tier, dessen Horn so prahlerisch dahergeredet hatte, getötet wurde. Sein Körper wurde ins Feuer geworfen und völlig vernichtet.
Schon zuvor war den anderen Tieren ihre Macht genommen worden; auf Tag und Stunde war die ihnen zugemessene Frist bestimmt.
Danach sah ich in meiner Vision einen, der aussah wie der Sohn eines Menschen/ein Wesen von der Gattung Mensch. Er kam mit den Wolken heran und wurde vor den Thron des Uralten geführt.
Der verlieh ihm Macht, Ehre und Herrschaft, und die Menschen aller Nationen, Völker und Sprachen unterwarfen sich ihm. Seine Macht ist ewig und unvergänglich, seine Herrschaft wird niemals aufhören." 

Das Buch Daniel ist etwa 200 Jahre vor unserer Zeitrechnung geschrieben. Der Autor wusste nichts von Jesus, genauso wenig wie er eine Ahnung von Hitler, Stalin oder Putin gehabt hat. Aber er wusste einiges von der vergangenen und gegenwärtigen Geschichte seines Volkes Israel, wusste, dass immer wieder mächtige Großreich wie die Ägypter, die Assyrer, Babylonier und Perser kleinere Völker überfallen und ihre Länder verwüstet haben. Wie monströse Raubtiere haben sie sich verhalten. Zuletzt war es Anfang des 2.Jahrhunderts v.Chr. der Seleukidenherrscher Antiochus IV., der Jerusalem zerstören ließ, den jüdischen Gottesdienst verbot und heidnische Opfer im Tempel anordnete. Durch die Jahrhunderte - immer wieder Krieg und Zerstörung, Unterdrückung und Elend. Immer wieder Verzweiflung und Leid. Wie es von der Geschichte der Menschheit insgesamt auch gesagt werden kann: immer wieder Kriege ... der Mensch, der Wolf des Menschen, eine Bestie ... Butscha hat es wieder deutlich gemacht.
Doch Daniel bleibt nicht in den Albträumen hängen, ein neues, ein anderes, ein helles Bild taucht vor seinem Herzensauge auf. Und was er da schaut und an uns weiterreicht, kann uns gerade heute zur Quelle der Kraft und Zuversicht werden. Es sind Bilder dabei, deren Wurzeln tief in die Geschichte der menschlichen Vorstellungswelt, was das Göttliche und Himmlische angeht, zurückreichen und die bis in unsere Tage so auf Kinderzeichnungen auftauchen.
Daniel schaut, wie sich im Himmel die himmlischen Heerscharen um Gott versammeln, der himmlische Thronrat in Aktion tritt. Die Bezeichnung für Gott fällt auf: der Uralte, der, der vor aller Zeit war und ewig sein wird.
Der, der allen anderen Lebewesen auf Erden, eine feste Zeitspanne zumisst, auch den Gewaltherrschern und ihren Reichen. Sie haben ihre Zeit - auch wenn wir darauf gerne verzichten würden - und dann ist es aus mit ihnen.
Die Zeiten der Bestien sind begrenzt und vorbei.
Dann erscheint mit den Wolken des Himmels einer, der aussah wie der Sohn eines Menschen, ein Menschensohn. Das Wort meint einerseits schlicht die Gestalt eines Menschen im Unterschied zu den Bestien, die aus den Fluten des Meeres aufgetaucht waren. Andererseits steht es für einen Titel, den wir aus dem Neuen Testament kennen, den Jesus - vielleicht als einzigen - auf sich bezogen hat. Damit steht Jesus für ein Reich, in dem das Menschliche endlich zum Zug und zur Entfaltung kommt, Jesus, der wahre Mensch, so wie Gott ihn sich gedacht hat. Er erhält vom Uralten Macht, Ehre und Herrschaft und im Unterschied zu den Reichen der Gewaltherrscher wird seine Herrschaft ewig sein. Kein Wunder, dass dieser Text aus Daniel 7 einer der Predigttexte für den heutigen Himmelfahrtstag ist. Wie es ja auch im Glaubensbekenntnis heißt: aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes ...
Ich möchte hier einen dritten Anlauf nehmen, diese Vision für uns zugänglich zu machen und Daniel hier beim Wort nehmen: Da kommt einer „wie eines Menschen Sohn". Da kommt ein Jedermann oder eine Jedefrau. Kurz gesagt: da kommt ein Mensch. Dieser Mensch wird reich von Gott beschenkt, mit Macht und Ehre und Reich.
Könnte es sein, dass Daniel uns alle an dieser Stelle in seinen Traum holen möchte? Uns Menschen, so wie wir sind? Da sehe ich uns vor meinem Herzensauge, wie wir vor Gott, dem Ewigen, stehen und ihn fragen: „Was hast du mit uns vor? Du kennst uns doch, du weißt doch, wie oft wir schon versagt haben. Du weißt doch, wie schwach wir sind!"
Doch Gott schüttelt den Kopf, erhebt sich von seinem feurigen Thron und kommt auf uns zu: „Macht euch nicht kleiner, als ihr seid. Ihr seid nicht nur schwach und fehlerhaft. Ihr seid meine geliebten Kinder. Euch habe ich meine Erde anvertraut und daran wird sich auch nichts ändern. Das Einzige, was sich ändern wird, das seid ihr: Ihr werdet in Zukunft einander besser zuhören. Ihr werdet einen Weg finden, über alle Grenzen hinweg gerecht und friedlich miteinander zu leben, meine Gaben an euch zu teilen und Barmherzigkeit und Güte zu üben. Das Zeitalter der Bestien, in denen ihr einander zu Wölfen wurdet, ist vorbei. Nun beginnt eure Zeit. Eine Zeit der wahren Menschlichkeit, der Mitmenschlichkeit. Habt also keine Angst vor der Zukunft."
Jesus der Menschensohn, der hat uns vorgelebt, wie wahres Menschsein heilsam und befreiend gelebt werden kann. Und er hat uns aufgefordert, ihm darin nachzufolgen. In Daniels Traum heißt es, dass Thronsessel aufgestellt werden - offensichtlich nicht nur einer für den Uralten; auf einem weiteren , dem zur Rechten Gottes, hat der Menschensohn Jesus Platz genommen und dann stehen da noch unzählige weitere bereit, warten auf Menschensöhne und Menschentöchter, die die Menschlichkeit als Mitmenschlichkeit leben, tatkräftig und mutig, die unverdrossen in dieser oft bedrückenden und bedrängenden Zeit als Bauleute des Reiches Gottes leben, das einzige Reich, das kein Ende finden wird.
Amen.

 

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