Rogate, 22.05.2022, Ps.65,3, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann

Text: „Gott, du erhörst Gebet; darum kommt alles Fleisch zu dir." (Ps.65,3)


Liebe Schwestern und Brüder,

wenn man nach einem „roten Faden" sucht, einem Marker, der allen Religionen und Konfessionen eignet, dann ist es das Gebet. Das Gebet ist das Kennzeichen eines gläubigen Menschen und ist es seit Anbeginn der Menschheit. Schon auf den Höhlengemälden der Eiszeit finden sich menschliche Gestalten in Orantenhaltung.
Seitdem ich mich mit den religiösen Vorstellungen der Menschen in anderen Kulturen und anderen Zeiten beschäftige, staune ich immer wieder, wieviel Ähnlichkeiten es da gibt - mit unserer christlichen Tradition und untereinander.
Gewiss, es gibt auch Unterschiede. Gerade auch beim Gebet - und das nicht nur in der Körperhaltung, sondern auch in der Anrede: der Jude spricht Jahwe/Adonaj an, die Christin betet „unser Vater", wie es Jesus beispielhaft vorgebetet hat. Der Hindu sucht hinter den vielen Gestalten seiner Götter das eine Sein, das er Brahma nennt. Der Moslem spricht zu Allah. Der Buddhist betrachtet das Nichtfassbare des ganz Anderen. Wie sollen wir mit dieser Vielfalt, diesen so unterschiedlichen Sprachbildern von Gott umgehen?
Als christliche Abendländer sind wir gewohnt, zu bewerten, falsche von richtigen Anreden an Gott zu trennen. Nicht wenige stellen sich vor, das Gebet eines Christen höre Gott, während das Gebet irgendeines indigenen Stammes zu irgendeinem Gott nicht zum wirklichen Gott gelangt. Bei den Magandscha, einem afrikanischen Stamm, betet die Priesterin: „Höre, du, o Mpambu, sende uns Regen", und der versammelte Stamm antwortet mit leisem Klatschen und in singendem Ton: „Höre, o Mpambu."
Soll ich nun annehmen, dass dieser Ruf, dieses Gebet, buchstäblich ins Nichts geht, weil es den Regengott Mpambu „nicht gibt"? Oder hört und sieht da nicht doch einer die Rufe und Bitten der Menschen? Wird es nicht der eine Gott sein, der jedem Menschen auf dieser runden Erde nahe ist und der jede Stimme hört und sie immer gehört hat? Oder wird er, der eine, wirkliche, ewige Gott, sein Ohr - um es mal ganz menschlich zu umschreiben - verschließen, weil er nicht mit seinem korrekten Namen angeredet wird? Was besagen denn überhaupt die Namen, mit denen wir Menschen Gott benennen? Haben da nicht die Muslime mit ihrer Tradition recht, wenn sie sagen, Gott habe hundert Namen, neunundneunzig kann der Mensch nennen, den hundertsten aber, der seine eigentliche Wesenheit und Wahrheit ausdrückt, wisse allein das Kamel, das aber spreche ihn nicht aus?
„Gott, du erhörst Gebet; darum kommt alles Fleisch zu dir."
El heißt es da in der hebräischen Bibel - El oder Elohim ~ Gott, Gottheit. Die Bezeichnung die ganz offen ist. Es steht nicht JHWH, nicht der Name, mit dem sich Gott Israel offenbart hat. Als wenn der Psalmist hier eine Tür des Verstehens öffnet: „Gott, du erhörst Gebet. Wir Israeliten, wir sprechen dich an mit JHWH, dieser Name ist uns heilig, so heilig, dass wir ihn nicht aussprechen und stattdessen Adonaj, „Herr" lesen. Die anderen aus den Völkern, sie rufen dich mit den Namen, mit denen du dich ihnen offenbart hast. Aber der Adressat der Gebete, das bist immer Du, der Eine Gott."
Diese fundamentale Einsicht es Beters des 65.Psalms stünde uns allen gut an. Unsere abendländische Bildung hat uns diese demütige Haltung eher ausgetrieben. Auch ich bin noch damit groß geworden, dass es Hochreligionen gibt und primitive Religionen wie Naturreligionen. Was für eine Arroganz steckt hinter solcher Wertung. Den Vers aus dem 65.Psalm, den haben wir eher so formuliert: „Dreieiniger Gott, du erhörst unsere Gebete; darum ist es für alle wichtig, unseren Glauben, unsere Vorstellungen von dir zu übernehmen."
Nach zweitausend Jahren christlicher Geschichte ist eine grundlegende Wandlung des christlichen Nachdenkens gefordert, vor der noch viele zurückschrecken. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an das erste religionsübergreifende Friedensgebet in Assisi, zu dem Papst Johannes Paul II. im Oktober 1986 Vertreter aller Religionen eingeladen hatte. Gerade aus den protestantischen Kirchen, aus evangelikalen und fundamentalistischen Kreisen kam viel Kritik und Ablehnung: man könnte doch nicht gemeinsam beten, unser Gott sei doch ein ganz anderer als der Gott der Muslime oder Hindus. Hier würden Grenzen verwischt, die doch unbedingt eingehalten werden müssten, denn nur im Namen Jesu könne man Gott in Wahrheit anbeten. An dieser Stelle sind die Bemühungen des Heiligen Geistes in der katholischen Kirche seit dem 2.Vatikanum deutlich erfolgreicher gewesen als in den Kirchen der Reformation. Und das trotz der sonst so konservativen Päpste und Kurienkleriker.
Die Bibel selbst lädt uns ein, uns als Christen, als Christen der Reformation neu zu positionieren, weiter, offener, demütiger und befreiter über unseren Glauben und über den Glauben der Menschen anderer Religionen zu denken.
Die biblische Urgeschichte erzählt, nach der großen Flut, in der von der Menschheit nur acht Personen in einer Arche gerettet worden seien, die Urvorfahren der Menschheit, habe Gott sie angesprochen mit den Worten: „Ich verbinde mich heute mit euch, mit euren Nachkommen und allen lebendigen Wesen der Erde. Meinen Schutz und meinen Segen gewähre ich euch allen. Nie mehr soll das Leben in den Wassern der Flut versinken. Als Zeichen dafür setze ich meinen Bogen in die Wolken als Bild für den festen Zusammenhalt zwischen der Erde und mir." (Gen.9)
Der Noah-Bund mit dem Bundeszeichen des Regenbogens ist der erste, der grundlegende Bund, von dem die Bibel spricht - und der gilt allen Menschen und Tieren, der gilt der ganzen Erde, der ganzen Schöpfung. Gott stellt sich vor als helfender, schützender, sprechender und hörender Gott nicht nur für die Religionen, die ihren Ursprung in der Bibel haben, sondern für alle Menschen.
So von Gott und seiner Schöpfung zu denken, ist heute wichtiger als jemals zuvor, in der globalisierten Gegenwart geradezu not-wendig: dass wir aus dem engen Raum unseres Anspruchs auf die alleinige Wahrheit heraustreten und eine liebende Achtung gewinnen für die Stimmen, die uns aus anderen Welten des Glaubens und des inneren Nachdenkens in der Geschichte der Menschheit und in anderen Räumen unserer Erde erreichen. Ich bin überzeugt: wo immer ernsthaft nach Gott gefragt wird und wo auf diese Frage nach Gott die Antwort Gottes gehört wurde, hat sich der Eine Gott offenbart. Wie es in den Psalmen immer wieder heißt: Gott erhört das Gebet des Gerechten, des Menschen, der ihn ernsthaft sucht und anruft. Und er hört das Schreien der Elenden, aller Menschen in Not. Ohne Unterschied, egal welcher Religion oder Kultur sie angehören.
Ich bin überzeugt, dass Gott immer gegenwärtig war, in den Höhlen der Steinzeitmenschen, in deren Wänden in Löchern oder Nischen Figuren standen, die ihnen die göttliche Gegenwart begreifbar machten. Immer und überall, wo irgendwelche Chiffren für Gott an die Wände gemalt wurden. Die Menschen mögen sich Gott so seltsam, so unmittelbar handgreiflich, so menschlich vorgestellt haben wie sie wollten, sie hatten es immer mit dem wirklichen, dem Einen Gott zu tun. Mit wem sonst?
Ob Gott den Menschen nahe ist, entscheidet sich nicht an ihren primitiven oder intellektuell reifen Vorstellungen. Wo immer Menschen Gott anrufen - sei es als Ahnengott, als Tiergott, vor einer Steinfigur oder in meditativer Versenkung - ihr Gebet ist ein Gebet zu Gott. Immer ist Gott hinter den Bildern, auch hinter den Wortbildern. Er ist keines davon, er ist dahinter. Immer sind die Bilder nur Zeichen für Gott. Wo Gott als Regengott eines indigenen Stammes in Afrika angerufen wird, hört der wirkliche, der Eine Gott. Wer sonst?

Gott, man lobt dich in der Stille zu Zion,
und dir hält man Gelübde.
Du erhörst Gebet; darum kommt alles Fleisch zu dir.
Erhöre uns nach der wunderbaren Gerechtigkeit,
Gott, unser Heil, der du bist die Zuversicht aller auf Erden und fern am Meer,
der du die Berge gründest in deiner Kraft und gerüstet bist mit Macht;
der du stillst das Brausen des Meeres, das Brausen seiner Wellen und das Toben der Völker,
dass sich entsetzen, die an den Enden wohnen, vor deinen Zeichen.
Du machst fröhlich, was da lebet im Osten wie im Westen.
(Ps.65,1-3.6-9)

Brahma, dir huldige ich.
Du hast die Welt erschaffen und erhältst sie.
Du wirst sie einst auflösen und in dich zurückziehen.
Unermesslicher, du hast die Welt gemessen.
Du willst nichts und erfüllst doch unsere Bitten
Unsichtbarer, du bist die Ursache der sichtbaren Welt.
Du wohnst in unserem Herzen und bist doch weit entfernt.
Du leidest mit uns und bist doch vom Leid unberührt.
Du bist überall und doch zeitlos.
Du bist allwissend, doch niemand kennt dich.
Du bist über allem, und keiner regiert dich.
Du bist allein, doch lebst du in allem Geschaffenen.
Die Pfade zur Erlösung unterscheiden sich wie die Gedanken der Menschen,
aber alle führen zu dir, wie die Arme des Ganges in dasselbe Meer münden.
(Gebet eines Hindu, 4.Jh.)

Der du vor allem Anfang warst,
der du nichts als Licht bist, mächtig und zart.
Viel wirst du besungen,
doch niemand kann dich beschreiben.
Nicht zu schauen bist du, strahlend in deinem Glanz.
Du nahmst das Dunkel von unseren Augen.
Du sandtest dein heiliges Licht über die Welt hin,
du ertöntest mächtig in der Stille dieses Lichts.
König der Welt, weithin schauender Geber des Lichts,
gib den Völkern das Glück deiner Heiligkeit,
dass geschlossene Augen beginnen zu schauen.
Sende Leben. Sende das Licht. Sende die Liebe.
(Orphischer Hymnus, 700 v.Chr., Griechenland)

Ewige Einheit,
die in Stille für uns singt,
leite meine Schritte mit Kraft und Weisheit.
Möge ich die Lehren verstehen, wenn ich gehe,
möge ich den Zweck aller Dinge ehren.
Hilf mir, alles mit Achtung zu berühren,
immer von dem zu sprechen,
was hinter meinen Augen liegt.
Lass mich beobachten, nicht urteilen.
Möge ich keinen Schaden verursachen
und Musik und Schönheit zurücklassen, wenn ich gehe.
Und wenn ich in das Ewige zurückkehre,
möge sich der Kreis schließen.
(Ritueller Gesang der Aborigines, Australien)

Möge der Gott,
der „unser Vater" für die Christen ist,
JHWH für die Juden,
Allah für die Muslime,
Ahura Mazda für die Zarathustrier,
Aarhat für die Jainas,
Buddha für die Buddhisten,
Brahma für die Hindus,
möge dieses allmächtige und allwissende Wesen,
das wir alle als Gott anerkennen,
uns Menschen den Frieden geben
und unsere Herzen brüderlich (geschwisterlich) vereinen.
(Vivekananda, 1863-1902; Hindu)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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