Rogate, 22.05.2022, Kantatengottesdienst zu TVWV 1:1746 "Victoria!, mein Jesus ist erstanden", Stadtkirche, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Rogate - 22.05.2022                                                                                                           

Kantatengottesdienst „Victoria!, mein Jesus ist erstanden“ (TVWV 1:1746) & Apostelgeschichte 1,2f

Liebe Gemeinde!

Wer ins Neue Testament hineinhört, wird jedes Mal von einem quasi-musikalischen Geistes- und Glücksblitz überwältigt: Da meint man, Karfreitag sei der letzte Takt und letzte Ton. … Doch, nein: Das blutgefrierende, atemabschnürende Schweigen des Entsetzens und des Sterbens wird von einem unvermuteten, darum aber nur umso strahlenderen Wiedereinsatz durchbrochen: Osterjubel, Auferstehungsfreude, Triumphklänge … so, wie wir sie gerade hörten!

Das eigentliche Ende des Liedes, das die Evangelien singen, der tatsächliche Schlussakkord ist ein anderer. Er folgt erst in dieser Woche mit der Himmelfahrt: Das letzte Mal, dass Jesu Stimme erklang, die finalen Brusttöne seines lebendigen Herzens, sein letzter Lebenslaut. … Danach ……. nun, dazu kommen wir später. ——

Wenn wir uns also gründen auf das Wort, das Jesus Christus heißt (vgl.Joh.1), wenn wir einen Glauben haben, der aus dem Hören kommt (vgl.Rö.10,14-17), dann kann man nur staunen über die akustische Wirkung der Frohen Botschaft, über die unermessliche Fortsetzung, Variation und motivische Fruchtbarkeit, die ein kleiner Grundstock an Gehörtem etwa in der christlichen Musik hervorgebracht hat. Georg Philipp Telemann, unser heutiger Komponist – tatsächlich der produktivste Urheber geistlicher Vokalmusik in unserer Kirche – ist ein gutes Beispiel: Er alleine hat mehr ganze Kantaten geschrieben, als einzelne Sätze von Jesus von Nazareth überliefert sind. Ein ganz geringer Bestand an gesprochenen Worten hat also unendliche Vertonungen, Nachdichtungen, Meditationen, künstlerische Bearbeitungen, Aktualisierungen, Vergegenwärtigungen, freie Inspirationen und Assoziationen durch alle Zeitalter geweckt. Anders gesagt: Zwei Jahrtausende sind inzwischen durchwebt vom Klang und Nachklang einer einzigen Stimme, eines kleinen mündlichen Themas, das in unzähligen Abwandlungen, Brechungen, Spiegelungen und Verstärkungen sämtliche Epochen anregt und in Schwingung versetzt. Jesus ist – obwohl wir Karfreitag für das Ende hielten und den Abbruch durch die Himmelfahrt nicht vorhersahen – die hörbarste Stimme der Menschheit, er ist der Grundton der Weltmusik und Himmelsklänge geblieben … die heutige Basskantate lässt uns etwas hinkend sagen: Der Generalbass, auf dem das Konzert der Wirklichkeit, wie wir sie erleben, fußt, ist Jesus.

… Dabei waren es nur 3 Jahre seiner Verkündigung, seiner Lehre in Vollmacht, seines natürlichen Gleichnisreichtums, seiner heilenden Seelsorge, seiner prophetischen Offenbarung und geistvollen Schriftdeutung, die seine Jünger und alle, die ihn hören konnten, so erfüllten.

… Drei Jahre, in denen der Wanderprediger aus Nazareth auftrat, reichten, dass Menschen ihn liebten!

… Und nicht mehr als vierzig Tage waren es, vierzig Tage, in denen sie ihn wieder sahen und neu hörten, vierzig Tage bis zur Himmelfahrt, in denen daraus Glaube wurde.

Mehr ist das Christentum nicht, als die theologische und ethische, die musikalische und menschliche Echowirkung von drei Jahre Liebe und vierzig glaubensgründenden Tagen!

 … Eine Luftnummer also. Ein flüchtiger Hauch bloß, ein mikroskopisch kleiner Wirbel inmitten des Strömens und Rauschens der unendlich vielstimmigen Weltgeschichte.

… Als Außenstehender muss man sich wahrhaftig fragen, wie es kommt, dass ein so nichtiger Anlass, ein so leicht zu überhörender und rasch verwehender Luftzug wie die wenigen Worte und Taten eines Einzelnen, der drei Jahre lang von sich reden macht und vierzig Tage lang das endgültige Schweigen durchbricht, solche Wirkung haben können? Wie kann man zu Telemanns Zeiten, wie kann man in unseren Tagen derart lebhaft „Victoria!“ rufen oder - wie mindestens drei andere Osterkantaten Telemanns beginnen - „Triumph!“ oder gleich „Victoria! Triumph! Victoria!“, wie der Eingang einer letzten österlichen Kantate des selben Meisters anhebt[i] … wie kann man so voller Freude und Überlegenheit reagieren, wie kann man sich so unanfechtbar, so getrost fühlen angesichts derart bescheidener Ursache?

So wenige Worte, so wenige Taten! Was können die uns noch bedeuten? Warum singen wir immer noch davon? Weshalb sind sie nicht längst im großen Lärm und im noch größeren Verstummen der Zeit verflogen? …

Sind es kleine Wunder und Zufälle, Launen der Geschichte, kuriose Kausalitätsketten, die gegen alle Wahrscheinlichkeit für die Durchsetzung eines untergangsbedrohten Stücks der Vergangenheit sorgen, weshalb es uns in Hochstimmung versetzt, wenn wir solche unerfindlichen Vorgänge nachzeichnen?

… Ein solches Staunen kann uns angesichts der Überlieferung der Telemann’schen Musik zum Beispiel tatsächlich überkommen. Die unermessliche Fülle seines bis heute längst nicht erschlossenen Nachlasses hat eine Gänsehaut-Geschichte, seit sein Enkel zahllose Manuskripte des Großvaters nach Riga mitnahm. Aus der dem Untergang geweihten baltischen Welt führten teilweise vertraute Namen diese Schätze im 19.Jahrhundert nach Berlin, an die Sing-Akademie. Dort gingen sie im Zweiten Weltkrieg gemeinsam mit so vielem anderen verloren. Vor zwanzig Jahren aber, als niemand mehr an ihre Fortexistenz glaubte, wurden sie völlig überraschend wiederentdeckt und konnten schließlich dem Preußischen Kulturbesitz zugeführt zu werden. Ein halbes Jahrhundert lang aber waren sie rätselhaft erhalten geblieben ausgerechnet in … Kiew[ii]!

Doch solche Wechselfälle der Geschichte sind es nicht, die dem Inhalt der Jahre vor und des Monats nach Ostern ihre unermessliche Bedeutung verleihen. Es sind einzig die begrenzten, aber unwiderruflichen Taten, die wenigen, leichten und doch unvergänglichen Worte Jesu, die alle späteren Zeiten durchdringen: Dass er Hunger bekämpfte und Krankheit, dass er Isolation aufsprengte und Verstoßene in sein Herz schloss, dass er Gott in der Wirklichkeit und den Tod als vergänglich zeigte, … das begründet die Liebe zu ihm, die nie wieder verlosch.

Und was er sagte - nach Ostern, als das Ende des Endes anfing - das ist die Quelle und der Stoff des Glaubens, der bis hier und heute in unsere Gegenwart und weiter noch und weiter reicht.

Wenn wir heute also, am Ende der diesjährigen vierzig Tage nach der Auferstehung, am Ende der vierzig Tage, die aus Liebe Glauben machten, in unserer Zeit des Hassens, Zweifelns und Verzweifelns wissen wollen, was uns Heutigen die Sicherheit und Zuversicht einer „Victoria!“-singenden Seele geben könnte, dann sollten auch wir wieder - in aller Bereitschaft uns vom Geringfügigen überraschen zu lassen – die wenigen, unglaublich kostbaren Worte Jesu hören, die überhaupt nur zwischen Ostern und Himmelfahrt überliefert sind.

Sie kristallisieren sich um nicht einmal zehn Motive herum.

 

Das stärkste ist sein Gruß, seine Zusage: „Frieden!“ (vgl. Lk.24,36; Joh 20,21+26;). Der, an Dem der Tod scheiterte, bringt trotz dieses allesentscheidenden Konflikts zwischen dem Beendiger und Vernichter aller Existenz und der Kraft des Lebens kein anderes Versprechen, keine wichtigere persönliche und politische Verheißung als dieses: „Frieden!“Das „Victoria“ des Glaubens ist also nicht Siegesgeschrei der Entscheidungsschlacht, sondern die Gewissheit, dass das letzte Wort der Frieden haben wird.

 

Das andere, was Jesus nach dem Abstieg in das Reich des Todes hören lässt, ist: „Fürchtet euch nicht!“ (Matth.28,10) – Wer österlich „Victoria“ ruft, besingt also nicht die Vernichtung des Feindes, sondern die Freiheit von aller Furcht vor ihm.

 

Als Nächstes dann spricht der Auferstandene Jesus in vielen Wendungen eine einfache, endlose Weisung aus: „Geht!“Geht nach Galiläa (vgl. Matth.28,10), zu meinen Brüdern (vgl. Joh.20,17), in alle Welt (vgl. Matth.28,19).  Der Sieg von Ostern ist also nicht im Stillstand - weder der Waffen noch der Uhren -, sondern in der Bewegung, im Fortschritt, im Weitergehen und -geben des Lebens zu suchen.

 

Ein weiteres Wort nun finden wir in Jesu Mund nach dem Wunder des dritten Tages, … etwas, das wir mit ewigem Leben und Himmelreich und allem, was wir sonst „Jenseits“ nennen, auf keinen Fall verbinden, auch wenn in unserer Wirklichkeit alles danach schreit, … mehr als nach allem anderen: Es ist das Essen (vgl. Lk24,41; Joh.21,5; vgl. dazu Mk.14,25!). Jesus will, ja Er muss gemeinsam mit den Jüngern wieder Nahrung verzehren, die den Hunger nimmt, um zu zeigen, dass Er auch auf der anderen Seite des Grabes ein Mensch unter Menschen und keine Erscheinung ist. – Die lebensbejahend-weltliche Barockmusik Telemanns ist da ein richtiges Signal, dass die Auferstehung nicht „ab von’s Weltliche“, sondern in die kreatürliche Gemeinschaft mit all dem begrenzten Leben, das doch nur leben will[iii], führt.

 

Der nächste unerschöpfliche Wink des nicht mehr Sterblichen in den Tagen seines Umgangs mit den Sterblichen ist die wiederholte Erinnerung, dass das Leiden und überwundene Grauen seiner Folter und Hinrichtung nicht einfach zynischer Willkür entstammten. Jesus legt nämlich nach Ostern ebenso wie vorher die Tora und die Propheten aus (vgl. Lk24,25-27 + 44-48), um aufzudecken, dass Gott einen Plan hat und trotz allen Anscheins Nichts endgültig der Sinnlosigkeit überlässt. – Diese Trophäe, diese Beute des Ostersieges ist vielleicht gerade heute die Entscheidende: Sieg bedeutet für uns, gegen die Diktatur des Destruktiven zu kämpfen und festzuhalten, dass wir - auch in der gegenwärtigen Welt! - echten Sinn für möglich und trotz aller Lüge zuletzt für wahr halten!

 

Und dann ist da der Dreiklang in Jesu Worten während seiner letzten Erdentage, der sofort ahnen lässt, weshalb in der irdischen Geschichte niemals zuende gehen wird, was diese wenigen Äußerungen an Echo, Aufschwung und Jubel hervorrufen: Jesus spricht in den vierzig Tagen vom Bleiben Seiner Jünger (vgl. Joh.21,22f) und Seinem Bleiben bei ihnen (vgl. Matth.28,20); Er spricht von der Kraft, die Er hat (vgl. Matth.28,19) und von der Kraft aus der Höhe, die Er ihnen senden und schenken will (vgl. Lk.24,49; Apg.1,5+8; Joh.20,22) und schließlich spricht Er von der Mission, die in Seinem Namen, im Glauben an Seine Gegenwart, ohne Ihn zu schauen (vgl. Joh.21,29) und unter Seinem Segen alles Geschehen durchziehen wird, bis alle Welt die Weisung Gottes (vgl.Matth.28,20) und Vergebung der Sünden (vgl. Lk.24,47; Joh.20,23) und das heißt freien, eigenen, wahren Zugang zu Gott gefunden hat (vgl. Joh.20,17). – Wenn das Rezitativ der Telemann’schen „Victoria“-Kantate also vom Auferweckten singt „Er triumphiert, daß ich dereinst soll triumphieren“, dann ist damit die universale Erlösung, Versöhnung und Verbindung zwischen der verlorenen Menschheit, die kraft- und ziellos vergehen muss und dem bleibenden, belebenden Gott gemeint.  Es wäre also irreführend, in der Solokantate bloß die Feier pietistischer privater Erlösungsfreude zu finden: Ihr Sänger ist Stellvertreter sämtlicher Menschen. ———

 

In den vierzig Tagen zwischen Ostern und Himmelfahrt hat Jesus also mit spärlichen Worten und in einfachster Klarheit die Perspektiven aller Lebenswege und Zeitalter, die noch kommen sollten, aufgezeigt:

Der Frieden, der alle Angst hinter sich lässt, wird durch alle Veränderungen hindurch die gesamte Kreatur aus der Vergeblichkeit lösen und in den universalen Bund mit Gott endlich einbeziehen.

Oder wie es bei Lukas (Apg.1,2f) heißt: Nach seiner Auferstehung gab Jesus „den Aposteln, die er erwählt hatte, durch den Heiligen Geist Weisung. Er zeigte sich ihnen nach seinem Leiden durch viele Beweise als der Lebendige und ließ sich sehen unter ihnen vierzig Tage lang und redete mit ihnen vom Reich Gottes.“ ——                                   

Drei Jahre Verkündigung und Rettungswunder, die tiefe Liebe hervorriefen, und vierzig Tage voll schlichter, erleuchtender Offenbarung der göttlichen Ziele für die Todbefreiung des Lebens insgesamt, die bei seinen Jüngern den Glauben begründeten, haben nun-mehr also genügt, um zwei Jahrtausenden Hoffnung zu geben.

Nichts anderes ist ja die Rede vom Reich Gottes, als diese unendlich tiefe, starke, zähe Hoffnung, die sich aus der Liebe zum Menschgewordenen und aus dem Glauben an den Auferstandenen speist. ——

… Natürlich werden und natürlich müssen Außenstehende da seufzen oder sogar höhnen: „Was für eine Luftnummer!“ …….

… Aber sind wir nicht alle in den vergangenen Wochen zu Außenstehenden geworden, … zu Menschen, die außer sich sein sollten, … zu Christen, die neben sich stehen müssten, wenn wir nur ein wenig in unsere Zeit hören, die so grausame Ereignisse und so brutale Erfordernisse demonstriert?! …….

… Mit der Welt im Reinen, selbstgewiss oder gar siegessicher kann im Ernst doch niemand von uns sein, wenn wir die wirklichen Tragödien und die tragische Wirklichkeit des brutalen Krieges, der menschlichen Niedertracht, der gefährlichen Ratgeber und der ebenso gefährlichen Ratlosigkeit unserer Tage bedenken. …….

… Wenn uns so aber alles Rechthaben auf der Zunge verwelkt und alles Bescheidwissen sich in unserm Denken verflüchtigt, … weht es uns denn nicht gerade dann unwiderleglich an: Bessere Worte, gesegnetere Weisung, eine seligere Verheißung kann unsere Zeit gar nicht treffen, als diejenige, die der Auferstandene uns mit seinen wenigen Worten hinterlassen hat als Er auffuhr, um das Reich Seines Vaters vom Himmel aus der Welt endgültig nahezubringen?!!!

… Dass Frieden werden wird, der alle Angst hinter sich lässt, … dass durch alle Veränderungen hindurch die gesamte Kreatur aus der Vergeblichkeit gelöst und endlich in den universalen Bund mit Gott einbezogen werden soll, … das ist doch das Einzige, das uns überhaupt noch zu atmen hilft.

Und mehr verlangt ja niemand unter allem Lebendigen jetzt und in Ewigkeit, als nur dass Gott uns Seinen Geist, den Hauch und das Wort Seines Mundes, von dem und durch das wir leben, nicht entziehe!

Dass Er aber weht und belebt, dass Gott Seinen Geist sendet und dass Sein Reich kommt, indem Jesus wiederkehren und alles zurecht bringen wird … genau das ist es, was uns aufatmen lässt seit das Leben, das wir am Karfreitag beendet sahen, sich nach Ostern wieder regt, voll Atemluft der Ewigkeit.

Wo uns der nun aber streift - Atem Dessen, Dem der Atem im Tod stillstand - , wo wir Luft schöpfen dürfen mit allem, was Odem hat, um für immer auf- und durch- und weiter zu atmen, …da antwortet alles in uns wohl mit ganzem Recht auf die „Luftnummer“ des Evangeliums bei jedem Ein- und Ausatmen: „Victoria! … Leben!“

Amen.  


[i] Zu Telemanns (erhaltenen) Kantaten vgl. Werner Menke, Thematisches Verzeichnis der Vokalwerke von Georg Philipp Telemann, Bd. I: Cantaten zum gottesdienstlichen Gebrauch, Frankfurt/M 1982, hier: S.214f.

[ii] Vgl. dazu: Siegbert Rampe, Georg Philipp Telemann und seine Zeit, Laaber 2017, S. 308f.

[iii] So Albert Schweitzer berühmte Formulierung für das Kernmotiv seiner Ethik.

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