Christmette, 24.12.2021, Stadtkirche, Hirten-Weihnacht (Lukas 2,18), Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Christmette 2021                                                                                                                

            Hirtenweihnacht (Lukas 2,18)

Liebe Gemeinde!

Heiligabend und Hirtenvolk gehören zusammen wie Roastbeef und Remoulade, wie Hering und Rote Beete im Salat oder Gin und Tonic im Glas. Eins ohne das andere ist unvollständig. Und wer das eine mag, wird das andere nicht verachten.

Hirtenvolk und Heiligabend.

Was genau sie verbindet? … Na ja, sie waren halt schon immer zusammen. Die alten Maler liebten sie, weil man nach so viel engelhafter Schönheit und neugeborener Süße eben auch mal Stoppeln, Schiet und Schielen auf den Fratzen der Viehknechte darstellen wollte, und die Krippenschnitzer konnten aus einem widerborstigen Stück Lindenholz oder Zirbelkiefer herrlich kantige Vierschröter und Lumpenkasper rausholen, die weder glatt noch ebenmäßig sein mussten, sondern ganz knorrig bleiben durften.

Schaftreiber und der Weihnachtsstall durchziehen die Folklore und Romantik, die Nachdichtungen und die Meditation der Geburt von Bethlehem. Kein Krippenspiel und keine naive Kinderzeichnung ohne sie. Und die Frühmesse von Weihnachten, die wir jetzt eigentlich feiern, heißt im katholischen Brauchtum bis heute das „Hirtenamt“.

Was genau aber die halbnomadischen Tagelöhner von den Schafhürden dabei eigentlich bedeuten, was genau diese letzten umherziehenden Viehhirten symbolisieren, deren ungesicherte Lebensweise an die Ursprünge Israels zurückerinnert, als Abraham, Isaak und Jakob auch im Rhythmus des Weidewechsels durch das fremde Land der Verheißung zogen, … das ist allerdings gar nicht sofort eindeutig zu benennen.

Fragt man eine jüngere evangelische Theologin, wird sie vielleicht von allen Unterdrückten und Verdrängten sprechen, die in den Außenseitern an der Krippe aus dem Schatten treten: Die Hirt:innen bereiten den Weg des Genderns vor.

Fragt man einen Vertreter des Fremdenverkehrs in den Salzburger Alpen oder dem Böhmerwald, dann sieht er in Jesu ersten Besuchern die besten Werbeträger für jene urwüchsige Gastfreundschaft, die aus all den treuherzigen Hirtenliedern spricht, die uns eine Weihnacht im verschneiten Gebirge so anheimelnd vorkommen lassen.

Fragt man einen Impfgegner, wird er vermutlich von den robusten Anpassung- und Überlebenstechniken der freien Wildbahn sprechen und in den zivilisationsfernen Naturburschen solche erkennen, die sich dem römischen Staat und seiner Zwangsraison trotzig entzogen.

Fragt man eine Kleinbäuerin auf Madagaskar, die der Dürre und der Hungersnot nichts mehr entgegenzusetzen weiß, mögen die ärmsten Erstgeladenen Gottes nicht nur eine soziale oder politische Hoffnung für sie verkörpern, sondern vielleicht auch den geistlichen Trost, dass das Kind Gottes vor allen anderen den Hoffnungslosen nahe sein will.

Die einfachen, wahrhaftig ungehobelten, ein wenig auch unberechenbaren Gesellen, die am Segen der Seßhaftigkeit keinen Anteil hatten, den Israels Patriarchen doch alle erwarteten, während Israels Messias ihn selbst nicht genoss, … diese obdachlosen und streunenden Knechte scheinen sich also für allerlei Deutungen und Spiegelungen zu eignen: Verkitschung und Ideologisierung nehmen sie in ihre Umarmung und machen revolutionäre Proletarier oder sentimentale Einfaltspinsel aus ihnen. … Hauptsache, das Hirtenvolk ist irgendwie da eingeordnet, wo man sie von heute aus im Blick behalten und für die jeweils eigenen Bedürfnissen nutzen kann. Aus den Hirten macht die Christenheit also so etwas wie eine Herde, die man hier- oder dorthin treibt, so wie es in die Tagesordnung der Gegenwart gerade passt. Mal rührend, mal aufrührerisch. Immer aber so, dass man selbst den Hirten zeigt, wo’s langgeht.

Doch wenn sie wirklich die Ersterwählten, die Unabhängigen, die Aufrichtigen und die Gerechten und all das andere sind, das man in ihnen sehen zu können glaubt, dann sollten wir vielleicht einmal aufhören, die Hirten in eine bestimmte Schablone unseres Weltbildes zu pressen, die dann aus ihnen Bannerträger des gemütvollen 19. oder des divers-inklusiven 21.Jahrhunderts stanzt. ———

Bedenken wir, dass sie das älteste unblutige Werk der Menschheit tun. Nach den Jägern kamen die Hüter. Die nicht-mehr-wilden Tiere zu weiden und zu versorgen, den Schritt von der Tötung zur Aufzucht zu gehen, die Weitsicht der Lenker der Schutzbefohlenen zu üben, … alle diese zivilisatorischen Fortschritte hingen am Hirtenamt. Und es führt tatsächlich eine unmittelbare Linie von den urzeitlichen Hirtenhäuptlingen der frühen nomadischen Menschenclans erst zum altorientalischen und dann zum klassisch-antiken Verständnis des Königtums. Die Mächtigen der Erde sahen sich gern und gaben sich gern als die Hirten der Völker. Noch dem Kaiser Augustus war es willkommen, sich als solcher titulieren zu lassen. Und schon die Propheten Israels, die das buchstäbliche Hirtenkönigtum des Hüteknaben David aus Bethlehem vor Augen hatten, griffen die Herrscher scharf an, die sie als schlechte Hirten sahen, so dass man kaum entscheiden kann, wer giftiger gegen die Pseudo-Hirten polemisierte: Jeremia (23) oder Hesekiel, mit dem berühmten Ausbruch (34,2+10): „Wehe den Hirten, die sich selber weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? … So spricht der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern.“

Biblische Hirtengestalten sind aber nun von solchen eindrücklichen Sprach- und Sinnbildern schlicht nicht abzulösen.

Wo die Bibel von den Hirten redet, die Israels Urväter waren, die seine Könige sein sollten und deren Maßstab der HERR selber ist, Der die Seinen auf einer grünen Aue weidet und zum frischen Wasser führt und Dessen Stecken und Stab trösten wie sonst nichts auf Erden (vgl. Ps.23), … wo die Bibel also von Hirten redet, da sind nicht irgendwelche Tölpel oder Alm-Öhis oder kernige Bu’am gemeint, sondern da geht es um den Inbegriff echter Verantwortung.

Die Hirten Bethlehems – so abgehängt und abgehalftert sie ohne Zweifel auch waren – rufen den ursprünglichsten Auftrag und Adel der Menschheit in’s Gedächtnis: Die Fürsorge für das Lebendige.

Mit den Hirten sind also die Ersten, die Christus auf Erden empfangen – und die er empfängt – Menschen, die selbst in eigener Armut und Demut nicht nur für sich selber sorgen, sondern für etwas, das ihnen anvertraut ist. ——

Doch das biblische Symbol des Hirten geht noch über diese Ebene des verantwortungsvollen Menschseins hinaus: Wenn man sich in die Denkweise und Bildwelt der Bibel versetzt, dann könnte einen sogar der Gedanke beschleichen, dass auf dem Feld in der nächtlichen Gemarkung von Bethlehem unten bei den Hürden und oben in der Höhe ein Dialog unter Gleichen stattfindet. Denn tatsächlich weisen innerbiblisch und nachbiblisch jüdische und christliche Überlieferungen darauf, dass man im vertrauten Alltag der Viehhüter nicht nur das Urbild königlicher Verantwortung, sondern auch den geheimnisvoll lebensnahen Auftrag der Engel verdeutlicht empfand. Die Engel, die des Einzelnen Bewahrer aber auch die Wächter und Lenker ganzer Völker sind, nehmen die Aufgabe der Hut und Führung ihrer Schutzbefohlenen ganz ähnlich wahr wie ein guter Hirte es tut: Sie wachen über den Weg und wehren Gefahren ab, sie schützen vor Fehltritt und Fall und achten auf den Zusammenhalt aller. Ihr Dienst an denen in ihrer Obhut ist leise, unmerklich und vor der Wahrnehmung der Beschützten beinah ganz verborgen. Kein Schaf spürt auf der Weide, wie im Hintergrund der Hirte wacht. Kein Mensch merkt seinen Engel ihn beschützen. Doch gerade dieses Verschwinden in einer Wolke der Selbstverständlichkeit ist es, was die Menschenhüter und die Tierhirten tief verbindet.

Und auf den Weiden in der Weihnacht rufen die himmlischen Wächter und Hüter ihren irdischen Brüdern zu, dass ihnen Großes und Gutes widerfahren ist: Ihnen, … die im Verborgenen sorgen, die sich mit einer Verantwortung tragen, nach der viel zu selten gefragt wird, die achtgeben auf andere und selber nicht geachtet werden, … ihnen, den dienenden Geistern, den helfenden Händen, den pflegenden Kräften, den unentbehrlichen Übersehenen ist heute der Heiland geboren.

Was aber das Hocherfreulichste an der Ankunft des Heilandes ist, das ist nicht, dass er die Hirten von der Härte ihres Daseins erlöst. Sie werden nach der Nacht an seiner Krippe vielmehr wieder umkehren, Gott preisen und loben und dann bei Tag und Nacht, in Frost und Hitze, sommers wie winters weiter die Lämmchen auf die Welt zu bringen helfen, die Mutterschafe schonend leiten, Angriffe abwenden, schmutzige Handgriffe leisten; sie werden weiter in der Bescheidenheit und Unbequemlichkeit ihres Wächteramtes, ihres Hirtendienstes da sein für eine Herde, die das nicht danken könnte, selbst wenn sie wollte; und dann werden sie eines Tages wettergegerbt und gichtig nicht mehr ausziehen können mit den andern, sondern liegen bleiben und aushauchen oder einer von ihnen stürzt ab, wenn er nach dem verlorenen Schaf klettert oder sie werden - wenn sie in der Weihnacht erst Hirtenbuben waren - von den Römern am Ende des jüdischen Aufstands gemetzelt werden, als trügen sie Dolche im Gewand, obwohl es zeitlebens nur Hirtenstäbe oder - David zu Ehren - kleine Schleudern waren.

Sie werden also nicht aufhören, Hirten zu sein.

Niedrig und gewiss auch ausgegrenzt. Selten im Licht. Meistens im Zwielicht.

… Und die großen Völkerhirten werden weit über die Zeit der Weihnachtshirten hinaus weiter das tun, was Hesekiel (34,3f) schon so leidenschaftlich an ihnen tadelte: „Ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Ge-mästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht …“

… „Mietlinge“ wird das Kind in der Krippe diese verantwortungslosen, diese nur auf sich selbst und ihren Vorteil, ihre Sicherheit bedachten Menschenvernachlässiger nennen.

Doch allein das, genau das ist das Heil, das den Hirten von Bethlehem widerfahren ist!

Genau das und das allein ist die große Freude, die allem Volk widerfahren kann und soll: Zu hören, zu glauben und an sich selbst zu erfahren, dass das Kind in der Krippe geboren wurde, nicht um zu einem jener Pseudo-Hirten zu werden, die viel von sich geben und wenig wirklich übernehmen, sondern dass dieses Kind in der Krippe ein ebenso treuer, ja noch treuerer Hirte geworden ist, als die Schäfer von Bethlehem und die himmlischen Sänger.

Der große Hirte der Schafe - wie der Hebräerbrief (13,20) das Kind Jesus nennen wird - hat wie die Hüter auf dem Felde bei den Hürden mit der Fürsorge und Verantwortung, die das Menschen- und Engelamt ist, Ernst gemacht und macht es noch! Er trägt unbemerkt und unbedankt Sorge für alle. Er wendet das allgemeine und unausweichlich Unheil ab, in das der vereinzelte Mensch gerät, dem aber auch die ganze Herde der Menschen entgegenstrebt, weil sie dem falschesten aller Hirten vertraut – dem Tod, der sie in seinem Reich weidet (vgl.Ps.49,15). Er nimmt es mit den Feinden auf, die seine Herde gar nicht bemerkt – der unerkannten Sünde und dem selbstverständlichen Egoismus –, und er verteidigt sie gegen ihren Pakt mit dem Bösen und gegen die Finsternis mit dem eigenen Leben. Und das alles tut er übersehen von den allermeisten Menschen, unbemerkt wie die Schutz- und Hüteengel es sind und sogar sein wollen.

… Er ist da und es liegt alles an ihm, aber die Seinen nehmen ihn nicht wahr, sondern halten sich selbst für die Leithammel der Welt.

Aber in der Nacht der Viehhirten und der himmlischen Hirten und des neugeborenen Hirten in Bethlehem, da ist dennoch ein Pakt geschlossen worden: Die, die helfen wollen und werden, sind einander da begegnet. Die, die Verantwortung für andere zu übernehmen bereit sind, haben sich dort gefunden. Die, die ganz ohne große Gesten und eitlen Anspruch einfach das Amt des Auf-andere-Achtens untereinander teilen, haben da aneinander Freude gefunden, … Freude für immer. ——

Ein ganz klein wenig haben die letzten harten Jahre, die bitteren Zeiten der Krankheit und Krise es die Menschheit vielleicht sogar gelehrt, die unscheinbaren Hirten und Helfer, die Pflegenden, die Hüter und Wächter der Angewiesenen zu sehen und zu ehren, ihnen Dank abzustatten und ihren Dienst zu feiern in einer Welt, die den Selbstlosen und Hilfsbereiten bisher nur mit höhnischer Verachtung für solche Dummheit gegenübertrat.

Dass wir alle ohne einen Hüter im finsteren Tal dem Unglück ausgeliefert und im Angesicht unserer Feinde Hunger, Durst und Qual preisgegeben wären, hat sich vielleicht auch den bockigsten Einzelkämpfern mitgeteilt.

Wenn wir heute abend jedenfalls wieder mit den Schäfern an die Krippe getreten sind und nach dem Wort der himmlischen Herdenlenker dort den kleinen Hirtenjungen gefunden haben, der das Lamm Gottes ist und der sein Leben lässt für seine Schafe, dann widerfährt sie auch uns: Die große Freude, von der ein altes Lied, ein Lied für die stille Stunde am Bettchen eines Kleinkinds singt!

„Weil ich Jesu Schäflein bin, freu ich mich nur immerhin

über meinen guten Hirten, der mich wohl weiß zu bewirten,

der mich liebet, der mich kennt und bei meinem Namen nennt.“ [i]

… Das Kleinkind als der große Fürst der Engel und Hüter aller Herden auf Erden und im Himmel! …

Und alle vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten.

Amen.



[i] Luise von Hayn (1724 – 1782).

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