Ewigkeitssonntag / Gedenktag der Entschlafenen, 21.11.2021, Stadtkirche, 5.Mose 34, 1 - 8, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Ewigkeitssonntag - 21.XI.2021                                                                                          

                   5.Mose 34, 1-8

Liebe Gemeinde!

Sterben, das sei der Tiefpunkt denken wir. …Weil es uns tatsächlich – uns, die Hinterbliebenen, uns, die Lebenden! – in einem finsteren Tal, manchmal in einem Abgrund der Trauer zurücklässt: Gebeugter, bedrückter und niedergeschlagener als da unten in der Dunkelheit nach dem Abschied, … niedergeschlagener, bestürzter und lahmgelegter als da unten in der plötzlichen Stille des Endes, … lahmgelegter, versunkener und untergegangener als da, wo uns einer gestorben ist, können wir vielleicht gar nicht sein. … Denen, die weiter leben, ist das Sterben ein Tiefpunkt.

Wie aber ist es für die, die sterben?

… Wir können nicht verallgemeinern.

Aber eben auch nicht von uns, den Lebenden auf die schließen, die schon hinter sich haben, was noch vor uns liegt.

Und da hören wir von Mose, dem Mann Gottes, dem, der „Gottes Freund“ genannt wird (vgl.2.Mose33,11), dass sein Sterben ganz anders gewesen sein muss, als unser Bild des Abstiegs und Niedergangs und des Tiefpunktes es nahelegt.

Mose, dessen Leben nach dem großen Aufbruch des Exodus ein einziges Wandern im Kreis wurde – vierzig Jahre Wüste, die ihn doch nicht zum Einzug in Kanaan gelangen ließen – … dieser Mose mit der unerfüllten Lebensgeschichte, mit dem unabgeschlossenen Abenteuer wurde von Gott am Schluss nicht hinunter und hinaus geführt, in die Tiefe des Vergessens, sondern das Ende des Mose ist wie der Ausgang Jesu mit einer ganz besonderen Richtungsangabe verbunden: Der Vermittler des ersten Bundes mit Gott ist wie der Mittler des erneuerten Bundes zu seinem Tod hinaufgezogen (vgl. 5.Mose32, 50; Mk10,32f)!

Sie beide – der, der in der Bibel Gottes Freund heißt und der, der Gottes Sohn ist – … sie beide sind dem Tod nicht als Erniedrigung der Sterbenden begegnet, sondern haben durch ihn schließlich Erhöhung erfahren.

Dabei wissen wir, dass der Sohn, der ans Kreuz erhöht wurde, schreckliche Qualen litt.

Der Freund aber – der, den die christliche Theologie als Bringer des Gesetzes und Symbol einer angeblichen Gerechtigkeit durch Strafe missverstanden hat – Mose also starb hoch erhoben über das Labyrinth des Lebens, auf dem Gipfel, auf dem das Kleine klein, das Große groß erscheint[i] und man nicht mehr aus der Mitte der Not, die uns verwickelt, sondern aus der Weite der Freiheit, die uns verheißen ist, das Ganze schaut.

Mose starb einen schönen Tod.

Auch an einem Tag, an dem wir den Schmerz, den das Sterben zufügt, nicht vergessen können, begegnet uns also heute eine andere Seite der Endlichkeit. Sie ist nicht nur der Bergrücken, auf dem wir endgültig absteigen.

Unsere Lebensbewegung kann uns - im Gegenteil - auch erheben und zum höchsten Punkt emporführen.

Das Beispiel des Mose aber mag uns gerade in diese Blickrichtung lenken.

Mose, dem die Formung, ja die Bildung einer chaotischen Menschenmenge - das eben noch versklavte Israel - zufiel, die als Losgelassene keine Bindung, keine Verantwortung tragen wollten, sondern ihren Träumen und Bedürfnissen folgen, … Mose steht vor uns als der Übervater schlechthin. Sein ganzes Leben ist der energischen und frustrierenden Erziehung eines zur Unabhängigkeit drängenden, lernenden, eigensinnigen Volkes gewidmet. Er lenkt sie und will sie einbinden in die Gebote, an denen sie zur Mündigkeit, zur Partnerschaft mit Gott heranwachsen sollen, und sie - wie alle Lebensanfänger - sind stur in ihrem Beharren bloß auf äußerlicher Geschwindigkeit beim Erreichen ihrer Ziele und können dem Wachstum nicht Zeit lassen. Wie sehr es aber an Moses Nerven zehrt und wie furchtbar das gegenseitige Leiden Israels an seinem Pädagogen (vgl.Gal3,24) und Moses an seinen halsstarrigen Anbefohlenen ist, davon erzählen die Wutausbrüche und Missverständnisse, die vom Sinai an vierzig Jahre lang auf den Wegen und Umwegen eintreten, die Gottes Freund und Gottes Volk dann nehmen mussten, um der Selbständigkeit und der Verwirklichung eines eigenen Lebens im gelobten Land näher zu kommen.

Doch Mose soll das Ziel nicht sehen. Er soll nicht ernten, was er in den heißen, stürmischen Wüstenzeiten mit Tränen zu säen versucht hat. Mose soll wie die ganze Generation der Unreifen, die der Autonomie noch nicht gewachsen waren, die im zuverlässigen Halten eines eigenen Gesetzes besteht, nicht erleben, wie die Vision, der er diente, zur Realität wird. ——

Ob solche Erfahrungen dessen, was nicht erreichbar war, was offenbleiben wird, nicht aber zu jedem Sterben gehören?

… Wem ist schon vergönnt, die Vollendung zu schauen?

Ist das aber ein Grund dafür, dass wir das Enden ohne Vollendung - das menschliche Sterben also - als einen solchen Abbruch, ja einen Absturz erleben?

…. Gewiss: Für Vieles, das man sich und den Seinen noch wünschte, ist es nach dem Tode zu spät und es lässt sich nicht klar- und richtigstellen, was noch unbewältigt blieb.

Aber wenn wir hier Vollkommenheit erführen, … was für einen Kampf, welchen Widerstand müsste dann nicht das Ende des Lebens auslösen?

Umgäbe uns hier tatsächlich das gelobte Land, wäre der unumgängliche Abschied von der Welt ja noch viel katastrophaler; und ginge alles in Erfüllung, was wir begehren, wie sollten wir jemals die Freiheit gewinnen, die Welt und die Menschen, wie wir sie kennen, loszulassen?

Dass zum Aufgehen aller Pläne und zum Reifen aller Hoffnungen eine Grenze gezogen bleibt, die wir nicht überschreiten werden, ist für uns, die wir siebzig oder achtzig oder inzwischen auch neunzig Jahre in der Zeit haben, eher ein Glück als ein Unheil. Wie sollten wir denn jemals klug werden können beim Gedanken daran, dass wir sterben müssen - wie es im einzigen Psalm (90) heißt, der Mose zugeschrieben wird -, wenn uns der Tod das Reich der Herrlichkeit verlieren machte?! ——

Der schöne Tod des Mose lehrt uns statt der unerfüllbaren Illusion vollkommenen Lebens eine andere, … die wirkliche Weisheit: Sie erreicht, wer nicht fürchtet, dass die Zeitlichkeit nur abschüssig ist und Niedergang bringt. Die wirkliche Weisheit - die nichts mit scharfem Verstand oder tiefsinniger Philosophie zu tun hat - erreicht, wer sich allmählich oder auch nur endlich zum Schluss seiner Tage führen lässt, wohin er nicht wollte (vgl. Joh21,18), wo aber gut sein ist. … Dahin führt Gott. Es ist der Weg empor auf den Berg, den Weg des Hinauswachsens über sich selber.

Denn auch das ist für unser eigenes Ende einst nötig: Dass wir mit der Zeit nicht nur lernen, das perfekte Leben nicht herbeizwingen zu wollen - Kanaan also nicht vor der Frist zu stürmen -, sondern dass wir uns allmählich an die Begrenzung heranführen lassen von Dem, Der uns dabei nicht vergisst, nicht verstößt und nicht verlässt, sondern - im Gegenteil - wie Seinen Freund Mose näher zu Sich heran, heraus aus dem Gedränge, hinauf auf den Berg führt.

Und dort oben – vielleicht ist das der intimste Augenblick, den unsere spröde, weise Bibel überhaupt schildert – dort oben auf dem Berg Nebo, gegenüber von Jericho da geschieht etwas erschütternd Schönes, etwas von dem man eigentlich auch heute nur mit gedämpfter Stimme und ganz sachte sprechen kann. Gott zeigt uns da, von dieser letzten Höhe aus die Welt: „Der HERR zeigte Mose das ganze Land: Gilead bis nach Dan und das ganze Land Naphtali und das Land Ephraim und Manasse und das ganze Land Juda bis an das Meer im Westen und das Südland und die Gegend am Jordan, die Ebene von Jericho, der Palmenstadt bis nach Zoar.“

Was also zeigt Gott da auf dem Berg?

Dem Mose zeigt er das Land, das für andere zu erreichen seine Mission und selbst nicht zu betreten sein Schicksal war. Gott zeigt dem Mose also Seine Treue: Dass Er Wort hält, auch wenn die Erfüllung Seiner Zusage nicht so geschieht, wie wir wohl wünschen.

Gott zeigt dem Mose, was diesem zeit seines Lebens vorgeschwebt sein muss: Die Wahrheit, an die er glaubte, die Hoffnung, die kein Trug war. Doch Er zeigt dem Mose auch, dass man diese Wahrheit gar nicht besitzen und die Hoffnung nicht mit eigenen Händen greifen muss. Stattdessen weitet Gott den Blick dafür, dass jede Seiner Verheißungen viel größer ist, als sie sich einem Einzelnen von uns je zeigen könnten.

Und indem Er den Mose sehen lässt, was dieser nicht selber erleben würde, führt Er ihn über seine Grenzen hinaus. … Mose selbst hätte vom ganzen schönen Lande Israel ja auch nur einen Fleck besitzen oder bewohnen können, wenn er hineingelangt wäre, und am Ende wäre ihm nicht mehr geblieben als der Vater des Glaubens, Abraham besaß: Eine Grabkammer.

Wenn er nun aber von Dan bis in das Südland, vom Jordan bis zum Mittelmeer blicken darf, dann entfaltet sich vor ihm, was weit über seine eigenen Möglichkeiten sowohl zu hoffen als auch zu haben hinausgeht. … Mose, da oben im Land Naphtali - wenn’s später einmal Galiläa heißen wird -, da wird einer heranwachsen und in Gilead am Jordan wird der Heilige Geist ihn als Gottes lieben Sohn offenbaren, der wird auf den Bergen von Dan predigen und in den Dörfern heilen, der wird im Land Ephraim und Manasse wandern, der wird im Südland, noch tiefer als Zoar dem Teufel widerstehen und in Jericho mit den Sündern essen und dann wird er im Herzen des Landes Juda sterben, erhöht wie du, aber sein Tod wird furchtbar sein und doch der Durchbruch für die ganze Welt. Denn durch den Tod dieses Einen, - erhöht an’s Kreuz - wird für alle, die davon hören und es glauben, sich zeigen, was Du, Mose hier auf dem Berg Nebo siehst: Dass es weiter geht!

Das ist die wunderbare Einsicht, die der Blick vom letzten Gipfel des Lebens eröffnet: Dass es weiter geht, … über mein eigenes, begrenztes Leben hinaus!

Wer das erfährt, dem tut sich die große Weisheit auf, in deren Licht - und sei’s ein Sonnenuntergang! - das eigene und alles Leben neu leuchtet.

Dass es weitergeht, das ist - wo Gott uns dafür die Augen öffnet - der Beginn aller Ethik. Weil Ethik doch nichts anderes bedeutet, als zu erkennen, dass mein eigenes Leben weder der Rahmen noch die Begrenzung des Guten und des Richtigen sein kann. Es muss weit über meine eigenen Möglichkeiten und auch über meine Zeit hinaus das geben und das gelten, es muss das erhalten bleiben und bestehen, was man sich selber wünschen und worin man selber den Wert des Daseins finden kann.

Dieser Blick vom Nebo, über die eigenen Grenzen hinaus, ist in der Menschheit noch nie so nötig gewesen wie heute. Wir alle müssen ja wahrlich hoffen, nicht zu jenen zu gehören, die dem Sterben als einem trostlosen Abstieg entgegensehen und darum alles mit sich in den Abgrund reißen möchten. Vielmehr sollen wir beten und schaffen, dass wir Schritt für Schritt jene höhere Erkenntnis erlangen, die uns das Leben im Land der Zukunft zeigt, das wir zwar nicht mehr teilen werden und dessen Aussichten doch unser Trost sein können. Blicken wir dorthin, wo sie nach uns ihre Zeit zubringen werden, um selbst getrost das Zeitliche zu segnen. Es wäre der schöne Tod des Mose, wenn wir das zuversichtlich tun dürften.

Dass es weitergeht, das ist - wo Gott uns dafür die Augen öffnet - aber nicht nur im Blick auf die Nächstenliebe, sondern auch im Blick auf uns selber eine Quelle der Vergewisserung. Dass unsere Perspektive zwar nicht endlos weit reicht, trifft zu, aber dass unser Tun und unsere Wirkung weiter als nur bis an die Grenze unserer Gegenwart führen, ist noch klarer. Wir leben immer auch über den Rand des Gegenwärtigen hinaus, weil wir die Zukunft für uns und andere in unserm heutigen Leben anlegen, einbeziehen und mitdenken. Diese verpflichtende, zugleich aber tröstende Dimension, dass uns heute auch schon das Morgen berührt, hat Dietrich Bonhoeffer bewogen, nachdem sein Todesurteil unausweichlich zu werden schien, im Gefängnis ein Gedicht über den Tod des Mose[ii] zu schreiben, das durch-sichtig ist für seine eigene, begrenzte Lebenserwartung, die doch nicht verzweifelt. Bonhoeffer legt Mose darin die Bitte um das Geschenk des Todes „auf steilem Berge“ in den Mund … „das Sterben, über dessen ernste Grenzen / schon die Fanale neuer Zeiten glänzen“. Diese Trostdimension, dass auch meine vergehende Existenz mit ihren Folgen in die Zukunft eingebunden ist, bleibt die zweite Botschaft, durch die der Blick über mein Ende hinaus ein gesegneter werden kann.

Der dritte und letzte und eigentliche Segen der Botschaft, dass es weitergeht - wo Gott uns auch für ihn die Augen öffnet -, ist nun aber schlicht der Punkt an dem Moses schöner Tod zum Evangelium wird.

Es ist die schlichte und doch die Welt, in der der Tod ein Tiefpunkt sein soll, überwindende Wahrheit, dass unser Sterben nicht ohne Gott geschieht, ja, dass im Gegenteil Gott solchen Anteil daran nimmt, dass es dadurch zum Gipfel werden kann.

Mose starb nach dem Wort des HERRN, heißt es an dieser Stelle in der Bibel, ……. in ihrer Muttersprache aber ist eine noch berührendere wörtliche Aussage enthalten: Mose starb „nach dem Mund Gottes“, könnte man lesen. Er, der Übervater wurde von Gott wie ein kleines Kind geküsst[iii], um über die Grenze dieser Zeit hinüber und hinauf in Gottes Wirklichkeit treten zu dürfen.

Sein Grab bereitete ihm Gott selber, … doch so wie die Bibel es formuliert, sollen wir dieses unauffindbare Grab nicht als Ort auf Erden denken. … Es liegt damit anders[iv]:

Weil es weitergeht, wenn einer von uns nach dem Wort des HERRN sterben wird, … wenn er den Gute-Nacht-Kuss empfängt, der der Atem der Lebendigkeit, der Anfang des Endlosen ist, … weil es weitergeht, wenn wir bei Gott in das Leben der kommenden Geschlechter blicken, … wenn wir bei Gott die Zukunft finden, die unser Leben durchzog, … wenn wir bei Ihm die kommende, nie vergehende Wirklichkeit jenseits aller Grenzen betreten dürfen, in die Er uns ruft, führt und schließlich aufnimmt.

Rätselhaft, aber unendlich tröstlich ist also dieser schöne Tod des Mose auf dem Berg.

Er zeigt uns unsere Grenzen, lehrt uns wahre Weisheit und schenkt uns den Trost im eigenen Leben und Sterben, dass es weitergeht.           

„Herr, nun lässest du deinen Diener im Frieden fahren, wie du gesagt hast“ (Lk2,28)!

Amen.                



[i] Vgl. das Lied von Marie Schmalenbach „Brich herein, heller Schein“: EG 572,4.

[ii] Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung (DBW 8, hgg. v. Chr.Gremmels, E. und R.Bethge, I.Tödt, Gütersloh 1998, S.590-598).

[iii] So deutet die jüdische Auslegung den Ausdruck „al-Pi“ = „nach dem Munde von/ gemäß dem Wort von“ auch gerne.

[iv] Dass Mose auch für das Neue Testament nicht einfach zu den Vergangenen und Toten zu zählen ist, ergibt sich aus seiner Gegenwart bei Jesu Verklärung gemeinsam mit dem in Himmel entrückten Propheten Elia (vgl.2.Könige 2,11): Mk9,4 und Parallelstellen.

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