16.S.n.Tr., 19.09.2021, Dan.5, Mutterhauskirche, Heimann&Höh

Text/Thema: Das Mene Tekel in unserer Zeit (Dan.5)
(Dialogpredigt von Pfarrerin Ulrike Heimann und der Studentin der Theologie Mareile Höh)

Liebe Schwestern und Brüder,

kennen Sie die Geschichte, die im 5.Kapitel des Danielbuches erzählt wird? Wenn auch nicht im Original, so ist sie Ihnen vielleicht in der Dichtung von Heinrich Heine schon begegnet. Und weil diese deutlich kürzer ist als das Kapitel 5 und ihr außerdem viel besser zu folgen ist, bringen wir sie hier zu Gehör - als etwas anderen Einstieg in eine Predigt:

„Belsazar"
Die Mitternacht zog näher schon;
In stummer Ruh lag Babylon.

Nur oben in des Königs Schloss,
da flackert's, da lärmt des Königs Tross.

Dort oben in dem Königssaal
Belsazar hielt sein Königsmahl.

Die Knechte saßen in schimmernden Reihn
Und leerten die Becher mit funkelndem Wein.

Es klirrten die Becher, es jauchzten die Knecht;
So klang es dem störrischen Könige recht.

Des Königs Wangen leuchten Glut;
Im Wein erwuchs ihm kecker Mut.

Und blindlings reißt der Mut ihn fort,
und er lästert die Gottheit mit sündigem Wort.

Und er brüstet sich frech und er lästert wild;
Die Knechtenschar ihm Beifall brüllt.

Der König rief mit stolzem Blick;
Der Diener eilt und kehrt zurück.

Er trug viel gülden Gerät auf dem Haupt;
Das war aus dem Tempel Jehovas geraubt.

Und der König ergriff mit frevler Hand
Einen heiligen Becher, gefüllt bis zum Rand.

Und er leert ihn hastig bis auf den Grund
Und rufet laut mit schäumendem Mund:

Jehovah, dir künd ich auf ewig Hohn -
Ich bin der König von Babylon!

Doch kaum das grause Wort verklang.
Dem König ward's heimlich im Busen bang.

Das gellende Lachen verstummte zumal;
Es wurde leichenstill im Saal.

Und sieh! Und sieh! An weißer Wand
Da kam's hervor wie Menschenhand

Und schrieb und schrieb an weißer Wand
Buchstaben von Feuer und schrieb und schwand.

Der König stieren Blicks da saß,
mit schlotternden Knien und totenblass.

Die Knechtenschar saß kalt durchgraut
Und saß gar still, gab keinen Laut.

Die Magier kamen, doch keiner verstand
Zu deuten die Flammenschrift an der Wand.

Belsazar ward aber in selbiger Nacht
Von seinen Knechten umgebracht.

Soweit die Dichtung zu Daniel 5 von Heinrich Heine. Liebe Schwestern und Brüder, ich würde ihn, wenn ich könnte, schrecklich gerne fragen, warum er die entscheidenden Verse der biblischen Erzählung nicht mit in sein Gedicht aufgenommen hat. „Die Magier kamen, doch keiner verstand / zu deuten die Flammenschrift an der Wand." So weit stimmt es. Aber es kam ja dann doch einer, nämlich Daniel, und der konnte die Schrift lesen und deuten - ähnlich wie Josef die Träume des Pharao schildern und deuten konnte. Daniel, der schon Belsazars Vater, dem König Nebukadnezar, unerschrocken Rede und Antwort gestanden hat, tritt so auch vor Belsazar hin.

(Mareile) „O König, der höchste Gott hat deinem Vater Nebukadnezar Königreich, Macht, Ehre und Herrlichkeit gegeben. Und um solcher Macht willen, die ihm gegeben war, fürchteten und scheuten sich vor ihm alle Völker, Nationen und Sprachen. Er tötete, wen er wollte; er ließ leben, wen er wollte; er erhöhte, wen er wollte; er demütigte, wen er wollte. Als sich aber sein Herz überhob und er stolz und hochmütig wurde, da wurde er vom königlichen Thron gestoßen und verlor seine Ehre und wurde verstoßen aus der Gemeinschaft der Menschen ... bis er lernte, dass der höchste Gott Gewalt hat über die Königreiche der Menschen und sie gibt, wem er will. Aber du, Belsazar, sein Sohn, hast dein Herz nicht gedemütigt, obwohl du das alles wusstest, sondern hast dich gegen den Herrn des Himmels erhoben. ... Darum wurde von ihm diese Hand gesandt und diese Schrift geschrieben. So aber lautet die Schrift, die dort geschrieben steht: Mene mene tekel u-parsin. Und sie bedeutet dies: mene, das ist, Gott hat dein Königtum gezählt. Tekel, das ist, man hat dich auf der Waage gewogen und zu leicht befunden. Peres, das ist, dein Reich ist zerteilt und den Medern und Persern gegeben."

(Ulrike) Eine hoch spannende Geschichte. Auch wenn sie sich teilweise so anhört wie ein Märchen aus Tausend und einer Nacht. Es ist eine Geschichte, die uns einen Spiegel vorhält, in dem wir uns und unsere Zeit wiederfinden können - mit unseren Problemen, unseren politischen und gesellschaftlichen Nöten und Fragen. Sie will uns zum Nachdenken bringen und - gut prophetisch - zum Umdenken und Umkehren.
Mene mene tekel - gezählt, gewogen und zu leicht befunden.
Mareile, bei unserem ersten Gespräch über diesen Text Daniel 5 hast Du sehr deutlich gesehen: es geht hier nicht nur um den einen König, um den einen Verantwortlichen, um Belsazar, sondern um eine ganze Gesellschaft - in der Geschichte repräsentiert durch die Höflinge und Knechte. Das hat Heinrich Heine glasklar gesehen:
Es klirrten die Becher, es jauchzten die Knecht;
So klang es dem störrischen Könige recht.
Und weiter:
Und er brüstet sich frech und er lästert wild;
Die Knechtenschar ihm Beifall brüllt.
Es gibt das Bonmot: Jede Gesellschaft, jedes Volk hat die Regierung, die es verdient.

(Mareile:) Es scheint mir als wollte diese Geschichte uns den Spiegel vorhalten: Belsazar, der Herrschende, der abhängig von der Gunst seiner Gesellschaft ist, erkennt erst in dem Moment seinen Fehler, in dem das Unsichtbare durch die schreibende Hand sichtbar wird. Sein Handeln wird buchstäblich angekreidet. Das Unsichtbare, das Belsazar in Trunkenheit und angespornt von seiner Gesellschaft leichtfertig herausfordert, lässt ihn durch das Sichtbar-Werden seine volle Macht spüren.
Ich weiß nicht, wie es Dir, wie es Ihnen, liebe Gemeinde, ergeht, aber für mich tut sich hier eine erschreckende Parallele auf. Wie Belsazar fordern auch wir immer wieder leichtfertig das Unsichtbare heraus, obwohl uns doch bewusst ist, dass es erheblichen Einfluss auf uns nehmen kann. Ich denke hierbei konkret an die Klimakrise. Eine Krise, die nicht tagtäglich in vollem Ausmaß bei uns zu spüren ist, die lange ignoriert wurde.

(Ulrike:) Stimmt genau, ignoriert vom Volk, von den meisten von uns und von den politisch Verantwortlichen, die ja bis heute vor allem die Sorge umtreibt, ob sie als Verkünder schlechter Botschaft wie weniger Fleischkonsum und weniger Individualverkehr wiedergewählt werden.

(Mareile:) Dabei wäre beides absolut nötig: Die Politikerinnen und Politiker müssen den Mut haben, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu einem nachhaltigen Gebrauch der Ressourcen gesetzlich festzuschreiben. Und wir als Wahlvolk müssten aufhören, nur an das individuelle Wohlergehen zu denken. Wir müssten unsere Ansprüche zurückschrauben, unseren Lebensstil verändern. Die Ressourcen unserer Erde sind begrenzt und müssen für alle reichen, nicht nur für uns Europäer, sondern für alle Menschen weltweit und für alle anderen Lebewesen.

(Ulrike:) Und nicht nur für meine Generation, sondern auch für Deine und für die Kinder, die heute und morgen geboren werden. Wir haben da eine große Verantwortung. Bisher sind wir dieser Verantwortung nicht gerecht geworden. Uns ging es ja gut. Die Katastrophen ereigneten sich weit weg, in Afrika, in Asien.
Es ist verrückt, aber irgendwie bin ich fast froh, dass die meist unsichtbare Klimakrise jetzt bei uns sichtbar geworden ist.

(Mareile:) Die zerstörerischen Wetterphänomene, der Starkregen in diesem Juli bei uns, oder auch die verheerenden Waldbrände in Südeuropa und der Türkei - das ist jetzt so sichtbar geworden, dass wir es nicht mehr ignorieren können.

(Ulrike:) Der Weltklimarat hat im August geradezu beschwörend an die politisch Verantwortlichen appelliert, wirklich alles zu tun, um das Ruder noch herumzureißen und den Anstieg der Erderwärmung unter 2 Grad zu halten - es sind nicht mehr fünf Minuten, sondern 5 Sekunden vor Zwölf.

(Mareile:) Die Dringlichkeit sichtbar gemacht haben aber nicht nur Großbrände und verheerende Hurrikans. Am 20. August 2018 verweigerte ein 15-jähriges Mädchen in Schweden den Schulbesuch, um stattdessen vor dem schwedischen Parlament für ein Umdenken in der Klimapolitik zu demonstrieren. Sie alle werden ihren Namen kennen: Greta Thunberg bewegte mit ihrem Einsatz weltweit SchülerInnen und StudentInnen dazu, für das Klima und somit auch für unsere Zukunft auf dieser Erde auf die Straße zu gehen. Sie alle kreideten das Nicht-Handeln der Politik an wie niemand sonst zuvor.

(Ulrike:) Dabei haben Wissenschaftler des Club of Rome schon vor fast 50 Jahren die Gefahren beschrieben, die unser westlicher konsumverliebter Lebensstil für das Leben auf der Erde nach sich zieht. „Die Grenzen des Wachstums" hieß ihr Bericht. Kein Politiker hat sich beeindrucken lassen, und das Wahlvolk hat immer denjenigen Beifall und Stimme geschenkt, die Wirtschaftswachstum versprochen haben.

(Mareile:) Greta Thunberg hat für mich fast so eine Rolle wie der Prophet Daniel. Sie und die Fridays-for-Future Bewegung haben erneut das laut gemacht, was vor 50 Jahren schon bekannt war. Aber aufgrund ihres Alters zählen sie nicht. Ihr Alter macht sie als Wählergruppe uninteressant. Sie sind lautstarke Unmündige. Vielleicht gerade deswegen haben sie als solche die Problematik umso klarer erkannt. Als Außenseiter haben sie sich in die politische Debatte eingebracht. Außenseiter wie auch viele Propheten des Alten Testamentes es waren. So auch Daniel. Ihre Botschaft ist so wie die der Propheten: Nicht gewünscht, aber eindringlich: Mene mene tekel -Die Zeit unseres Planeten und unseres Lebens auf diesem ist gezählt.

(Ulrike:) Für Belsazar heißt es: mene mene tekel gezählt, gewogen, zu leicht befunden. Er hat sich an Gott versündigt, hat Gott gelästert, wie es im Text heißt. Und nun ist es für ihn aus und vorbei. Und das Urteil vollstrecken ironischer Weise diejenigen, die eben noch mitgegrölt und mitgefeiert und ihm Beifall geklatscht haben.

(Mareile:) Belsazar hat sich an Gott versündigt. Irgendwie tun die Menschen unserer Tage das ja auch. Er hat uns diese Erde anvertraut, um sie als Lebensraum für alle Geschöpfe zu erhalten. Aber wie wir mit ihr umgehen, sie ausbeuten, ihre Lebensgesetze mit Füßen treten - das ist für mich wie Gotteslästerung.

(Ulrike:) So sehe ich das auch. Gott ist die Lebenskraft in allem. Wer das Leben und die Lebensordnungen stört und zerstört, der versündigt sich am Schöpfer, an Gott.
Mene mene tekel - ich muss immer öfter daran denken, wo wir da heute stehen, ob der homo sapiens mit seinem Tun gewogen, gezählt und zu leicht befunden ist; ob seine Tage auf dieser Erde bereits gezählt sind, weil seine Taten einfach für die Erde mit all ihren anderen Geschöpfen unerträglich geworden sind. Er ist nämlich nicht weise - sapiens - gewesen, sondern dumm und selbstsüchtig.

(Mareile:) Du denkst an die Kipp-Punkte, nicht wahr? Ob die schon im Gang sind - das Abschmelzen der Polkappen, das Auftauen der Permafrostböden, das Versiegen des Golfstroms im Atlantik. Die Folgen wären unvorstellbar, würden menschliches Leben, wie wir es kennen, unmöglich machen.

(Ulrike) Genau. Ich habe deshalb auch lange Zeit einen Bogen um diese Erzählung von Daniel gemacht. Mene mene tekel - gezählt, gewogen und zu leicht befunden. Chance vertan. Das war für mich viel zu düster. Aber inzwischen habe ich einen neuen Zugang zu diesem 5.Kapitel entdeckt - nämlich den Abschnitt, den Heinrich Heine in seinem Gedicht übergangen hat. Für ihn war Belsazar die wichtige Figur. Aber für Daniel ist es jemand anderes: nämlich Nebukadnezar, der Vater von Belsazar.

(Mareile:) Aber Nebukadnezar, das ist doch für die Juden der Bösewicht schlechthin. Nebukadnezar hat Jerusalem erobert, den Tempel zerstört und viele Juden ins Exil verschleppt.

(Ulrike:) Ja, das stimmt. Und das verschweigt Daniel auch nicht. Nebukadnezar war ein größenwahnsinniger Tyrann, der große Schuld auf sich geladen hat. Und der damit buchstäblich im Dreck gelandet ist, ausgestoßen und aller Macht verlustig gegangen. Aber dann, so erzählt Daniel die Geschichte weiter, ist er umgekehrt, hat er erkannt, dass nicht er, sondern Gott der Herr des Lebens ist. Ist er aus seinem Wahn, der Herr zu sein, aufgewacht und ist umgekehrt - hin zu Gott; und das heißt auch: er konnte so der Verantwortung, die er als Herrscher hatte, gerecht werden. Und man hat ihn wieder als König akzeptiert.
Auch von einem total verkehrten Weg kann man umkehren, das erzählt hier Daniel. Und damit macht er uns Mut. Auch wenn wir schon mitten in der Katastrophe sitzen - wie viele Menschen im Ahrtal es ja erlebt haben und heute noch erleben - wir können lernen und umkehren, wir können uns neu einfinden im Gewebe des Lebens auf dieser Erde - als Teil des Ganzen, der eine besondere Verantwortung für das Ganze hat.

(Mareile:): Noch haben wir die Wahl: Sind wir Belsazar oder Nebukadnezar? Lernen wir? Kehren wir um? Oder sind wir weiter verschwenderisch? Und wird uns das zum Verhängnis werden? Vielleicht braucht es nicht nur einen Wandel von außen, sondern auch einen Wandel von innen. Einen Wandel, der unsere Haltung und unser Denken verändert. Auch die Theologie. Einen Wandel hin zu einer Theologie, die weniger über den Menschen allein und seinen Bezug zu Gott spricht, sondern viel stärker die Gemeinschaft der Schöpfung wahrnimmt und auslegt. Eine Theologie, die den Menschen in den Kreis der Geschöpfe zurücktreten lässt und ihn als einen von vielen betrachtet. Eine Theologie, die den Menschen haftbar für sein Handeln macht, weil es eben nicht länger nur um ihn geht.

(Ulrike:) Daniel steht hier in einer Reihe mit den Propheten bis hin zu Jesus. Die haben immer wieder gemahnt und betont: Gott hat nicht Gefallen am Tod der Gottlosen, sondern ihm ist es darum zu tun, dass die Menschen umkehren und leben.

(Mareile:) Belsazar oder Nebukadnezar. Lernen wir? Kehren wir um? Wir können wählen.

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