14.So.n.Trinitatis, 05.09.2021, Stadtkirche, 1. Thessalonicher 5,14 - 24, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 14.n.Trin. - 5.IX.2021                                                                                                         

           1.Thessalonicher 5, 14 -24

Liebe Gemeinde!

Der erste Thessalonicherbrief - ältestes Stück des Neuen Testaments - sollte eigentlich auch der letzte sein. Und nach dem Markusevangelium - dem ersten seiner Art - hätte kein weite-res mehr folgen sollen. Wie auch die Steinigung des Stephanus (Apg7) und der Tod des Jüngers Jakobus, den Herodes Agrippa hinrichten ließ (Apg12), im Jahrzehnt nach Ostern die finalen christlichen Todesfälle hätten bleiben sollen.

Denn – darin sind die frömmsten und die kritischsten Leser des Neuen Testaments ausnahmsweise einig – … denn die Zeugen Jesu Christi, den der Tod nicht halten konnte, haben das Ende der Welt erwartet, haben es bald erwartet, waren voller Naherwartung des Reiches Gottes.

Darüber lachen die kritischen Leser heute: Weil zweitausend Jahre nichts Nahes sind.

Und die auf ihre Weise noch viel kritischeren Frommen sind ebenfalls fröhlich, weil sie wissen, dass tausend Jahre wie ein Tag sind (vgl. Ps.90,4) und Gottes Reich daher sehr, sehr nahe ist, auch wenn es nach Ostern noch eine ganze Arbeitswoche Gottes brauchen sollte, bis Seine Todfeinde - die Lebensfeinde sind - endgültig besiegt sein werden.

Die spannende Frage aber – für die Erwartungsvollen wie für die Belustigten – ist, was eine solche Gemeinde der Naherwartung, solch eine Weltuntergangssekte denn während der fortdauernden Zeit hervorbringt? … Zerfall? … Lähmung? … Nichts? …

Die noch spannendere Antwort aber lautet: Moral.

Nun mag Moral gewöhnlich eher nach Langeweile klingen. Oder den Reiz eines Museums ausstrahlen, die Überraschung einer Rentnerpartei.

Dcoh eine Gemeinschaft, die entsteht, weil sie das Ende der Welt vorhersieht: … Deren Moral müsste uns Heutige wahrhaftig interessieren!

Denn auch wenn es nur eine Minderheit sein dürfte, die die heutigen Vorzeichen des Kommenden als die Wehen des Gottesreiches begreift, und auch wenn es selbst noch in den U-Bahnen, die zu U-Booten werden und in den Hightech-Zonen, die von mittelalterlichem Elend umbrandet sind, immer noch viele gibt, die an sich keine Veränderung verspüren wollen, … so ahnen wir doch zumeist, dass die Tage nicht nur des Sommers, sondern der Leichtigkeit weit fortgeschritten sind und der Welt Hartes bevorsteht. —

Dann kann man aber nur staunen, was im ersten Brieflein zu lesen ist, den ein Apostel schrieb, der es so eilig hatte, vor ihrem Ende die Welt noch mit der großen, frohen Schlußbotschaft zu erfüllen.

Diese Ur-Kunde des christlichen Daseins ist nämlich an keiner einzigen Stelle das, was wir klassisch „apokalyptisch“ nennen würden: Sie schürt keine Angst und achtet keine Drohung, sie lebt nicht vom Verneinen und malt keine Bilder der Zerstörung. Der kleine Brief an eine kleine Gemeinde, die das große Finale erwartet, ist aber auch ohne die Arroganz der Erwählten, ohne das Schwelgen in Rache und Vernichtungsphantasien und ohne jeden Beiklang der Schadenfreude oder Gewaltverherrlichung, die sonst so oft die Untergangspropheten motivieren.

Es ist ein Brief voll Bejahung und menschlichen Wohlwollens, ein Zeugnis der Zuversicht und der Neugierde auf das Leben, ein Brief der Hoffnung und des Gleichgewichts.

Gewiss, man spürt in diesem Schreiben nach Thessalonich, dass Paulus ganz unmittelbar den Anbruch der Endzeit erwartet und dass die Zwischenzeit ihn überraschte, weil tatsächlich auch unter den Getauften allererste, unerwartete Todesfälle auftraten (vgl.1.Thess.4,13ff), mit denen in diesen letzten Tagen niemand mehr gerechnet hatte: Doch keine Spur der Sorge, des Misstrauens, der Verunsicherung trübt die Haltung des Apostels, aus der doch seine Verhaltensratschläge, seine Grundlegung der christlichen Moral hervorgehen.

Da wird weder zum Verkriechen geraten noch werden Durchhalte-Parolen angestimmt, so wie es die großen Verschwörungstheoretiker treiben, die mit immer schrecklicheren Szenarien oder immer wüsteren Vorhersagen eines baldigen, plötzlichen Paukenschlags die Glut des Fanatismus ihrer Anhänger schüren müssen.

Im ersten Paulusbrief wird stattdessen die einzig sinn- und verheißungsvolle Haltung gelebt: Gut, wenn die Vollendung der Geschichte kommt, … geht sie aber noch weiter, dann werden wir das Beste daraus machen, indem wir nicht die Kräfte des Verfalls und der Zerstörung stärken, sondern nach Kräften alles suchen und stützen, was heilsam ist.

Dieser Grundsatz, diese positive Einstellung zu einem vergehenden Kosmos, diese Ethik des gänzlichen Beteiligtseins auch am Endlichen ist das wichtigste Merkmal der Naherwartungsmoral des Christentums: Christen beschleunigen keinen Untergang, sondern - so viel an ihnen liegt - halten sie ihn auf[i]!

Darum fängt der praktische Abschnitt des Urbriefes der Kirche auch mit dem nötigen Motiv an: Weist die Nachlässigen zurecht! … Wobei es vielleicht nicht überflüssig ist zu sagen, dass alle ethischen Ermahnungen des Apostels nur sinnvoll sind, wenn man sie am Spiegel einübt und nicht auf der Tribüne der Besserwisser und Klugscheißer!

Weist also die Nachlässigen zurecht!

Ach, wie wir die kennen: Die sagen, dass es keinen Sinn hat und nicht lohnt, sich noch zu kümmern, noch umzukehren oder anders anzufangen, nachdem es doch schon so gründlich schief läuft auf der Welt oder im eigenen Leben. Das sind die faulen Säcke, die ganz besonders schlau klingen, weil ihre Behauptungen „Zu spät! Zu schwer! Zu teuer!“ immer so berechnet, so durchdacht wirken. Weist sie zurecht, die bloß ihre Trägheit und ihre Geistlosigkeit hinter der Miene der besorgten und betrübten Resignation verbergen. Sagt ihnen, dass genau wegen des unzweifelhaften Endes aller Dinge jetzt bloß noch das zählt, was nicht noch mehr entmutigt, sondern trösten kann, was den Schwachen hilft und etwas von der großen Geduld ahnen lässt, die uns noch dieses Jahr, dieses Jahrzehnt, dieses Jahrhundert schenkt, eh wir dem A und Ω begegnen werden, dem Ursprung und dem Ziel.

… Das Ende kommt rasant, und darum gehört die Zeit eben nicht mehr dem Überflüssigen und Üblen, dem man sich überlässt oder unterliegen kann, wenn alles sich träg und schwammig ausdehnt wie schmelzender Käse. Das Ende kommt und gerade darum muss ein frischer Wind gehen, wenn wir füreinander und für jedermann noch das Gute erreichen wollen, das man in der sich überschlagenden Zeit mit Begeisterung und Einsatz erwischen muss.

Nicht abgestumpft, sondern lebendig macht also das eilige Verstreichen der jetzigen, bald letzten und dann unwiederbringlichen Gelegenheit, Gutes zu bewirken!

… Nicht abgestumpft, sondern lebendig macht also das urchristliche und immer-christliche Bewusstsein dafür, dass wir nicht in den langweiligen Zyklen des antiken Denkens existieren, das weder Anfang noch Ende der Wirklichkeit annahm und daher auch weder Eingriff noch Änderung darin bedachte. Das Christentum, das Anfang und Ende feiert, weil sie ihm beide von Gott gezeigt und in Jesus sogar menschlich nahegekommen sind, … das Christentum also glaubt, dass der Mensch furchtbar eingreifen kann – und im Namen des Christentums ist das auch geschehen! –, … aber das Christentum glaubt ebenso und noch viel ursprünglicher, dass neben all seinem Greifen und Vergreifen, dem Menschen auch die wunderbare Gnade der Veränderung gegeben ist.

… Und darum weckt die Endlichkeit in uns Christen gerade keinen Fatalismus, sondern die lebhafte und optimistische Änderung des Denkens und Handelns, des Wollens und Wesens:
„Kehrt um, denn das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen!“  Mit diesem Ruf hat alles begonnen und er wird nicht schwächer, bis alles vollbracht ist.

… Umkehr ist möglich!

Man kann sich ändern!

Die Wirklichkeit ist nicht unwandelbar und das Böse nicht unaufhaltsam!

Das sind die Gewissheiten, die aus unserem Glauben eben kein starres System, sondern dessen Gegenteil machen: Er-Lösung!

Und als die, die erlöst sind von der schrecklichen Idee eines ewig feststehenden, unbeweglichen und unverrückbaren Verhängnisses, haben die Christen tatsächlich eine so hoffnungsvolle Haltung zur Zeit und zum Leben entwickelt, dass schon im ersten Brief, der von ihnen zeugt, ein unglaubliches Eintauchen und Sich-Tummeln im Temporären, im Vorübergehenden beschrieben wird.

Statt sich abseits zu halten oder außerhalb der Zeit, weist der Apostel seine Thessalonicher mit ausgebreiteten Händen ja in den Schoß der Zeit und flößt ihnen Neugierde und Vertrauen ein. Die Zeit stört nicht angesichts des Ewigen, sondern sie ist ein Mittel, eine Hilfe, ein Instrument, um die Melodie der Gottesnähe an jedem Tag zu spielen, zu hören, zu vertiefen:

Alle Zeit kann Fröhlichkeit sein.

Alle Zeit kann Beten heißen.

Alle Dinge können Dankbarkeit wecken und steigern.

Dieses ungebrochene Verhältnis zum Hier und Jetzt, dieses bei allem Vorbehalt gegen das, was nicht bleiben wird, aufgeschlossene Teilhaben am Leben im Präsens, in der Gegenwart, beruht für den Apostel und die christliche Gemeinde dabei natürlich auf der Allgegenwart Gottes in jedem Moment, in allen Bruchstücken und Bewegungen der Zeit … beruht also auf dem Heiligen Geist. Weil Er in der Welt, weil Er in den Jüngern, in den Getauften, in jedem von uns also Seine Anwesenheit, Seine eigene Präsenz in unserem Präsens festgemacht hat, gibt es nichts zu fürchten und nichts zu fliehen!  Offenheit für genau diese aktuelle Wirklichkeit des Geistes spricht aus der Ermutigung, den Geist nicht auszulöschen und der Ermahnung die prophetische Rede nicht zu verachten: Man geht nicht zu weit, in diesen beiden Sätzen wirkliche Berührung auch mit dem Zeitgeist bestärkt zu sehen und die politische Dimension eines der Welt zugewandten, zeitgenössischen Glaubens unterstrichen.

Dass es wirklich nichts gibt, vor dem sich Christinnen und Christen abwenden sollen – auch wenn etwas noch so zeitbedingt und immanent wäre – schärft der Apostel seinen ersten Lesern mit dem vielleicht liberalsten, freigeistig-weitherzigsten Satz in allen seinen Briefen ein: „Prüft aber alles, und das Gute behaltet!“  

Dieses furchtlose Interesse an allen Erscheinungen und Strömungen in dieser Welt, ist das fundamentalste Prinzip der christlichen Moral: Es gibt keine Frage, die wir uns nicht gemeinsam mit allen anderen Menschen stellen müssen, und es gibt keine Antworten, die wir nicht alle miteinander teilen sollten. Es gibt keine Tabus, und darum gibt’s auch keine Entschuldigungen für einen ignoranten, weltfremden Glauben. Aus keiner Diskussion können Christen sich, als wären sie unbetroffen oder unbetreffbar, heraushalten und kein Vorschlag zur Güte, kein Weg für die Wahrheit, keine Lösung für die Nöte der Welt können uns gleichgültig sein.

Gerade weil diese Welt vergeht, ist sie so einmalig kostbar, dass alles Gute in ihr und mit ihr gesucht und alles Böse gemieden werden muss.    

Gerade weil diese Welt eben wahrlich nicht alles und nicht ewig ist, sondern ein Gewordenes, das einst gewesen sein wird, wenn Gottes Reich endgültig durch die Grenzen der Zeit hereinbricht, … gerade darum hängen wir nicht an ihr, als müssten wir sie beschlagnahmen, verteidigen und besitzen, sondern wir haben die Freiheit, die Welt, die ein Geschöpf wie wir selber ist, zu begleiten … so treu wie nur möglich, so gut wie es geht und so weit wie wir können.

Das ist die Moral der dem Ende aller Dinge innerlich so nahen, aber der Welt deshalb nicht abhandengekommenen ersten Christen: Eine Ethik des unabhängigen In-der-Welt-Seins als Für-die-Welt-Sein. ———

Gewiss blieb etlichen der Nachfolger des großen Weltapostels Paulus in Verfolgung und Bedrohung nur ein Weg des Rückzugs, eine fern vom Toben der Dinge ganz auf Gott gerichtete Einübung in die kommende Welt; aber schon die frühesten Generationen und erst recht ihre Nachfolger haben zur Gestaltung der Welt und zur Verantwortung für sie unermesslich beigetragen.

Weil sie wussten – und damit schließt die ethische Passage des ersten christlichen Briefes – dass wir aus Geist und Seele und Leib bestehen … einem Wahrheits-, einem Gottes- und einem Welt-Organ. Darum sind wir Christen wie auf Gott und die Wahrheit - um wirklich Menschen zu sein - auch auf die Welt angewiesen und die Welt auf uns.

In dieser Verbundenheit mit der vergehenden Schöpfung aber wird Gott uns untadelig – der Welt weder überlegen, noch von ihr abhängig – erhalten bis zum Kommen Jesu Christi, dem Ziel aller Dinge.     

Nach allem aber, was der erste Thessalonicherbrief uns ethisch lehrt, ist diese Gewissheit gerade nicht die Lizenz, die heutigen und morgigen Katastrophen und Krisen als gleichgültig oder als Überforderungen abzutun und wie viel zu viele unserer Welt- und Zeitgenossen an Zeit und Welt vorbei zu leben.

Nein: Hinein!

In die Anfechtungen und Sorgen. In die Hoffnungen und Aufgaben.

… Hinein und hindurch!

Weil wir nicht gezwungen, sondern gesandt sind, treu und ohne Scheu teilzunehmen an allem, was droht, was hilft, … was kommt.

Leben, handeln und hoffen wir doch nie allein … was immer die Lage, wie nah oder fern auch immer ihre Klärung und Wendung sein mag.

Denn der absolute Grundsatz, das wahre Fundament, die eigentliche und unüberbietbare Verheißung echter christlicher Ethik, echt christlicher Moral liegt in dem Satz, der uns und alles, heute und bis zum Ende schlicht trägt:

„Treu ist der, der euch ruft; er wird’s auch tun.“

Gott ist also unsere Moral. Seine Treue, die uns alles Misstrauen in die Welt nimmt und stattdessen Vertrauen schafft.

Am Anfang der Kirchen-, in der Mitte aller Krisen- und Katastrophengeschichte bis einst zum Ziel der Zeit:

„Treu ist der, der euch ruft; er wird’s auch tun!“

Amen.



[i] In diesem Zusammenhang ist wichtig, dass im 2.Thessalonicherbrief, den die Forschung zumindest für ein sehr spätes Stück des Neuen Testaments hält (weil im 2.Kapitel das Ausbleiben der Wiederkunft Christi, die sog. „Parusieverzögerung“ thematisiert wird), an einer viel umrätselten und tatsächlich sehr spannenden Stelle von jemandem die Rede ist, der das Ende aufhält (2.Thess.2,6): Ob dieses Aufhalten an dieser Stelle positiv verstanden wird (und Christus selbst derjenige ist, der den Zorn Gottes noch zurückhält) oder ob es negativ gesehen wird (und also der Anti-Christ die Vollendung zu verschleppen trachtet), ist nicht eindeutig. Vom 1.Thessalonicherbrief her ist jedenfalls das Verhindern von apokalyptischen Entladungen durchaus auf der Linie der christlichen Ethik und Hoffnung zu sehen!

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