11.nach Trinitatis, 15.08.2021, Stadtkirche, Epheser 2, 4 - 10, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 11.n.Trin. - 15.VIII.2021

              Epheser 2, 4 - 10

Liebe Gemeinde!

Wer jetzt noch Christ ist, muss Gründe haben.

Gewohnheit oder Langeweile können nicht mehr zählen, seit uns allen klar ist, dass die Zeit davonläuft. Nicht lange mehr und man wird sich fragen, ob die Zeit vielleicht sogar schon ausgeht, wie das Wasser weltweit auszugehen beginnt und Korn und Reis und Sommer und Winter und Luft und Leben.

Wenn aber nicht mehr viel bleibt von allem, was nötig ist, dann sollte für den christlichen Glauben gelten, was für alle andern unserer Lebensvollzüge auch gilt: Lassen wir, was überflüssig ist! Geben wir auf, was entbehrlich wäre! Verzichten wir auf das, was lange schon verzichtbar ist! Schluss mit dem Selbstverständlichen! Nur noch das Entscheidende sollte bestehen!

… Wer jetzt noch Christ ist. …

Muss sich ehrlichen Herzens fragen, ob zu dem Wenigen, das man beibehalten wird, ausgerechnet das bisschen Christlichkeit gehören soll, … die Floskeln, die Muster, die Ahnungen, die Erinnerungen, Vorurteile und Automatismen, die unsern Sonntag, unser Weihnachten, unsere Ethik, unsern Geschmack, unsere Entrüstung, unsere Konventionen, unsern mühsam behaupteten gesellschaftlichen Überbau ergeben.

Wenn so vieles nun wird enden müssen: Warum noch das erhalten, was doch oft so trocken, so sperrig, so blass, so unklar bleibt?

Angenommen wir wären tatsächlich vor der größten Weichenstellung der Menschheit angekommen – einem Nadelöhr, durch das kein reiches, Wohlstand träge mitschaukelndes Kamel je kommen wird, sondern nur noch die bis auf die Knochen entblößte nackte Menschennot – … angenommen wir wären tatsächlich an der engen Pforte angekommen, durch die kaum etwas vom Unsrigen mehr gehen wird: Wer von uns packt das Christentum in’s Fluchtgepäck? … Das Kreuz, das so schwer ist, … die Worte, die so groß sind, … die Verheißungen, die so ungreifbar bleiben, … die Liebesgemeinschaft, die den Einzelnen so hindern wird, seine eigne Haut zu retten.

Wer würde das Christentum ergreifen, wenn er zur Auswahl des Lebensunentbehrlichsten gerufen wird? ……. ———

Schon lange gibt’s die sogenannten Senfkornbibeln. Winzige Drucke der Heiligen Schrift, die in mancher Jackentasche alle Wege der Siegerländer Wanderarbeiter, der schwäbischen Aus-wanderer um die Jahrhundertwende, der Gefangenen in den Lagern der Diktaturen mitgemacht haben. Senfkornbibeln fanden sich in Schützengräben und KZs, in Verstecken und auf Trecks. Senfkornbibeln haben im Feld und in der Zelle, im Bunker und im Lazarett getröstet und den Lebensfunken angefacht. Aber sie sind auch zuhauf von Aufsehern zerrissen, in die Latrine geworfen, genüsslich verbrannt worden.

Der Großvater meiner Frau konnte seine treu gelesene Senfkornbibel bis in die sowjetische Kriegsgefangenschaft retten. Bis nach Sibirien hat er sie gehütet.

Dann wurde sie ihm bei der Durchsuchung genommen.

Dann hat er sie beim Holzfällen zwischen den abertausenden Stämmen unter dem „Raboti! Raboti!“-Geschrei der Aufseher verloren.

Dann fiel sie in den Schlamm, der nach einem endlosen sibirischen Winter alles verschluckt. Und heute, nach hundert Jahren, von denen sie sechs im Lager, im Müll, im Matsch des Gulag verbracht hat, ist sie meiner Schwägerin und meinem Schwager ein teures Zeugnis. 

Für mich aber bezeugt diese immer wieder verlorene und immer wieder unerklärlich aufgetauchte kleine Bibel mit dem Namenszug dessen auf der Innenseite, der sie bei aller Treue nicht selbst bewahren konnte, die Antwort auf meine Frage: Ob wir das Christentum bewusst zum Lebenswichtigsten zählen oder uns vielleicht inzwischen eingestehen, dass wir persönlich es nicht mehr als eiserne Ration für die letzte Zeit betrachten würden, das ist zwar für uns selber, nicht aber für die Botschaft von Jesus Christus entscheidend.

Die christliche Botschaft, ihre Wahrheit und also die Wirklichkeit Jesu Christi: Die muss und die kann niemand von uns behaupten und aufrechterhalten, niemand von uns kann und niemand von uns wird das retten, was das Christentum ist und will.

Genauso wie der fromme Gefangene in Sibirien es erleben musste, dass seine entschlossene Anhänglichkeit an die kleine Bibel doch nicht reichte, um sie festzuhalten, werden wir feststellen müssen, dass es in der Zeit, die bleibt, nicht um unser Durchhalten gehen wird.

… Natürlich liegt es mir nahe, mir ein trotziges „Jetzt erst recht“ vorzustellen, wenn neben die vergleichsweise kleinen Anfechtungen durch die immer noch herrschende Pandemie und Pandemiepolitik nun die Infragestellungen aller unserer Übungen und Bräuche tritt, weil die Welt sich binnen Kurzem radikal ändern muss. Natürlich neige nicht nur ich zu einer Reaktion des „Bei uns bleibt’s beim Alten!“, „Wir geben nicht auf, was wir übernommen haben“, „Ihr werdet sehen: Wir halten durch!“ … und wie der protestantische Bekennermut, der in Wahrheit nur Werkgerechtigkeit ist, sich sonst noch gefällt.

Bestimmt werden wir auch noch lange bei dem zu bleiben versuchen, was uns vertraut und heilig ist und worauf wir uns gründen; … schließlich redet ja auch alle Welt mitten in der größten Umwälzung aller Dinge von nichts anderem als von eigenen Identitäten.

Aber das alles ist - außer für’s Selbstgefühl - nicht entscheidend. Nicht für’s Christentum, nicht für die Welt.

Entscheidend ist vielmehr, dass wir damit aufhören, von uns her und auf uns hin zu denken.

Entscheidend ist, dass wir der furchtbaren Einbildung den Abschied geben, dass es immer wieder nur an uns läge, die Welt zu lenken.

Unsere Weltlenkung, unsere menschliche Selbstbezogenheit, unser menschheitliches Selbstvertrauen, wir allein könnten die Welt aus den Angeln heben, … haben sich erfüllt! …….

Und nun ist die Stunde da, dass wir es hören, was Gott alledem entgegensetzt: Sich selber nämlich!

Gott setzt der Menschheit, die sich allein regieren, reformieren und retten will und dabei doch immer weiter in den Schlamm des auftauenden Sibirien, in die Ödnis der abgeholzten Wälder, in die Brutalität des Materialismus rutscht und überhaupt nicht halten kann, eine gewaltige, eine übermenschliche, eine vor- und nachmenschliche Macht entgegen, die unseren Hochmut entlarvt, entmachtet und entlässt: Seine Gnade!

Gottes Gnade ist die Rettung und nicht unsere Macht und Möglichkeiten!

Das ist ein so einfacher Satz, dass wir ihn nicht hören. Weil es ein Satz mit Überschallqualität ist, ein Satz, der alles, was wir kennen und verstehen, übertrifft. Gnade ist nämlich ein anderes Wort für die souveräne Unabhängigkeit Gottes. Gnade bedeutet, dass es nicht auf das ankommt, was die Menschen vermögen – und auch nicht auf das, was die Menschen verbrechen. ———

Und damit sind wir beim Gnadenhymnus des Epheserbriefes, den der heutige Demutssonntag, ein Sonntag am Ende der Zeit anstimmt, als wäre es zum ersten Mal:

Gott – so singt es der Apostel für uns alle – Gott ist so gnädig, Seine Liebe ist so groß, dass Er alles begonnen und alles vollendet hat, ohne auf den hochmütigen Selbstzerstörer namens Mensch zu warten!

Gott hat in Liebe begonnen und aus Barmherzigkeit vollbracht, was der verrückte Mensch, das Lebewesen, das das Leben nicht erschaffen, aber doch eigenhändig zerstören kann, sich anmaßt.

Gott hat alles von Anfang bis Ende getan, ohne Tat und Untat, ohne Werk oder Zerstörung des Menschen zum Maßstab zu machen, der sich doch immer wieder – im Guten, im Bösen – gerade so verstehen will.

Gott hat vor aller Zeit schon das Ewige sichergestellt … den ewigen Weg der überschwänglichen Gnade, die in Christus Jesus den ungeborenen und den toten, den gar nicht lebendigen und den gar nicht mehr tragbaren Menschen mit durch alle Stadien des Daseins und der Geschichte, der Prähistorie und der Apokalypse in das wirkliche Leben bringt.

Gott hat den todverfallenen, den sinnlos auf den Tod versessenen Menschen untödlich gemacht, hat ihn ent-todet, ihn dem Leben verbunden, ins Leben gelenkt, noch ehe der Mensch in irgendeine, in seine falsche Lieblingsrichtung laufen konnte.

Das alles hat der liebende Gott gemacht, weil für Ihn der Mensch Christus, weil Christus der Mensch für Ihn ist. Weil Er Christus vor allem und über alles liebt – den Menschen Christus! –, darum hat Gott nichts anderes als die Christuswirklichkeit und -wahrheit bestätigt vor jeder menschlichen und tödlichen Verneinung.

Das bedeutet die Gnade: Dass der massenvernichtungs- und weltzerstörungsfähige Mensch nicht herrschen kann!

Dessen Hochmut widersteht Gott nämlich mit einer Gnade, die der erste Urknall und der letzte Endpunkt aller Dinge ist. Die Gnade, die Jesus Christus ist, hat den Lauf der Menschheit entschieden vor deren erstem Schritt! ————

Das ist aber Wahnsinn!, schreit da der Mensch auf!

Das entmündigt uns und das entschuldigt uns, das nimmt uns ja die Verantwortung und macht uns verantwortungslos. Jetzt, wo wir endlich erkennen, dass wir die Welt vernichten, könnten wir sie doch endlich auch retten, wenn da nicht die Verurteilung zur Gnade wäre, die uns so ohnmächtig macht! Jetzt, wo wir dem Unheil unserer Wege Heilswege entgegensetzen werden, … jetzt, wo wir dem Zerstörungswerk unseres Geistes ein unvergleichliches Werk der Wiedergewinnung der verlorenen Welt entgegenstellen, soll alles auch ohne uns gehen? Jetzt, wo wir am apokalyptischen Abgrund überhaupt erst merken, dass wir göttliche Allmacht besitzen, sollen wir sie nicht mehr nutzen dürfen? Jetzt, wo das Ende bevorsteht, sollen wir gar nicht mehr neu anfangen? …….

Doch der Gnadenhymnus des Apostels am Demutssonntag will nicht verstummen:

Natürlich sollt ihr anfangen! Natürlich werdet ihr umkehren! Um alles in der Natur willen werdet ihr heilende Kräfte entfalten und um alles dessen willen, was lebt, werdet ihr euch gegen den Tod wehren. Aber in der Gnade der Demütigen, in der Demut der Gnade wird das geschehen: Die Kraft eurer guten Werke ist ebenso in Christus schon gegeben und gesichert wie das Scheitern all eures bösen Tuns! ——

Das ist die Überschallwahrheit, die Wirklichkeit, die sich jenseits unserer Wahrnehmungsschwelle öffnet: Dass die sichere Zukunft alles Guten und das sichere Scheitern alles Bösen in Jesus Christus wirklich und wahr sind, und wir weder verderben noch retten können, was in ihm unwiderruflich und unumkehrbar ist!

… Wir sind es nicht, die da zu rühmen, wir sind es nicht, die da die Verdammten sind. Denn alles, was in der Welt und ihrer Geschichte und alles, was in unserem Leben und seinen Wechselfällen geschieht, ist unsere kollektive und individuelle, ist historische und biographische Teilnahme am Leben und Sterben, … ist Mitvollzug des Sterbens und Lebens Jesu Christi!

Wir sind mit ihm tot.

Wir sind mit ihm auferweckt.

Wir sind mit ihm in den Himmel aufgenommen – so wie die katholische Kirche es heute beispielhaft an seiner Mutter Maria verdeutlich sieht und feiert.

Wir – die „Mit-Menschen“, … die Mitmenschen Jesu.

Wenn diese Botschaft des Mit-Leidens und Mit-Lebens, des Mit-Wirkens und des Mit-Teilens in aller Herrschaft und Herrlichkeit, das Christentum ist, … wenn diese Botschaft von einer Gnade, über die nicht die Hochmütigen verfügen, sondern die die Mitgift der Demütigen wird, die annehmen können, was sie nicht verdient haben, das Christentum ist, … dann lautet sie übersetzt in die Erfahrungen unserer jüngsten Zeit: Der Sündentod des Klimawandels ist etwas, das wir ebenso mit Christus erleiden wie die österliche Wende von der Vernichtung zur Bewahrung des Lebens. Beidem – dem Schrecklichen wie der Erlösung – sind wir nicht alleine ausgeliefert, der Vollzug von beidem ist keine reinmenschliche Angelegenheit.

Diese Schuld und jene Gnade treffen uns jeweils in vollständiger Verbundenheit mit Christus.

Die Verdammnis, die wir auf uns laden und von der unsere Zeit heute geprägt ist, werden wir darum ebensowenig ohne Christus bewältigen können und müssen, wie die erhoffte Zukunft, zu der sich das Los der Menschheit wenden wird, allein als unser Werk erfahren werden soll.

Wenn wir demütig genug sind, das zu begreifen, dann haben wir auch begriffen, wie Gnade uns unsere eigenen Werke und deren Folgen nimmt und uns zu dem Werk und seinen Folgen führt, die Gott in Christus begonnen und vollbracht hat.

Wir können nichts retten.

Weil wir gerettet sind.

Darum gibt es auch keinen anderen Grund für unser Christentum, als es Grund gibt für die Welt und ihre Hoffnung. Christus ist beides, … nur Er!

Wer heute noch Christ ist und Christ bleibt, der ist wie die Senfkornbibel, die verloren wurde, aber nicht verloren blieb: Ein Zeichen für Den, Dem wir verdanken, was wir selbst nicht vermögen.

Wer heute noch Christ ist, in der Zeit, die noch bleibt, ist das Ewige: Er ist Christi … geschaffen, gefunden und lebendig aus Gnade!

Amen.

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