7.So.n.Trinitatis, 18.07.2021, Stadt- und Jonakirche, Johannes 6, 1 - 15, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth & Jonakirche 7.n.Trin. - 18.VII.2021                                                                                 

                         Johannes 6, 1- 15

Liebe Gemeinde!

Wie mich die Christen rühren! Ihre Schlichtheit, ihre Menschlichkeit, ihre Genügsamkeit!

Pharao Cheops hat sich ein Grabmal für viereinhalb Jahrtausende geschaffen. Alexander hat Einfluss vom Nil bis zum Indus geübt, Qin Shiuang die große chinesische Mauer begonnen, Hannibal Elephanten über die Alpen geführt. Dschingis Khan war Beherrscher des größten zusammenhängenden Weltreichs; Johann III. Sobieski besiegte zu unser aller Glück bei der Schlacht am Kahlenberg im Wirbel von 80 000 Hufen die Türken vor Wien; Andrew Carnegie hat mit 90% seines Vermögens als einer der reichsten Menschen der Geschichte mehr Wohltätigkeit geübt als je ein anderer; Richard Branson, Jeff Bezos und Elon Musk spielen Halbtagsausflug in die Schwerelosigkeit!

Zu welch großen Taten, Zielen und Wirkungen Menschen fähig sind.

… Und wir Christen wissen und feiern nach zweitausend Jahren noch, dass Jesus Brot nahm und die Leute bei ihm satt wurden!

Das ist wirklich kein ironischer, kein irgendwie ausgenzwinkernder Ton, sondern aufrichtiges und bewegtes Staunen.

Unter so vielen tatsächlichen und legendarischen Husarenstücken und Glanzleistungen, unter so viel gigantischem und verschrobenem Heldentum in eigener Sache bewahrt die größte Glaubensgemeinschaft der Welt in ihrem Herzen als eine der heiligsten ihrer Erinnerungen nicht mehr als: „Unser Herr nahm Brot, er gab es anderen und es war niemand da, der nicht satt wurde.“

Diese Unmittelbarkeit, diese bescheiden irdische Verständlichkeit ist aber vermutlich nicht nur das Geheimnis des Christentums, sondern zugleich auch die wahre Offenbarung Christi.

Denn darin besteht ja Seine Sendung bis zum jüngsten Tag: Dass Jesus Christus nicht die Antwort auf Sonderfragen und nicht die Lösung von Luxusproblemen bringt, sondern dass Er der Schlüssel und das Mittel, ja, dass Er die Gabe des Lebens selber ist.

Schnickschnack und Tiefsinn, raffinierte Besonderheit und rätselhafte Überwältigung besorgt sich die Menschheit in jeder Sekunde selbst: Von den frühesten Kulten bis zum spätestens Kapitalismus, vom rohen Tauschhandel bis zum abstraktesten Denken geht es immer auch um die Ersetzung des einfachen Erlebens und Erleidens aller Sterblichen durch etwas, das die gewöhnliche Menschensituation übertrifft, indem es Neuigkeit, Höherwert, Erkenntnisplus und also ein von hier und jetzt aus gesehen Jenseitiges verspricht.

Nur Jesus bringt das, worum Er uns bitten lehrt: Das alltägliche Brot, das bisschen grobe Speise, von dem man einfach nur lebt.

… Als Programm ist das lächerlich. Als Philosophie banal. Als Tat vollkommen gewöhnlich.

Doch in dieser, unter allen Weltanschauungen und Weltbewegungen anspruchslosen Einfachheit ist Er wirklich zu erkennen als die wahre Ausnahme, als die göttliche Einzigartigkeit: Das Besondere macht sich nämlich allgegenwärtig mit seinen Sensationen. Das Allgemeine dagegen bleibt so ohne Beachtung, dass es unsichtbar wirkt.

Und während jeder Quacksalber uns Lebensqualität und alles Quecksilber uns irgendeine angereicherte Lebensveränderung verspricht, ist doch weit und breit nur dieser Jesus Christus gekommen, der so entwaffnend fragt: „Wie kriegt man Euch satt? Habt Ihr denn Brot? Gibt’s genug Leben für Euch alle?“ ——

Das aber ist doch keine ernstzunehmende Frage! Sondern etwas, das allenfalls in die Antike gehört oder in eine Welt, die heute jedenfalls nicht die unsere ist. Wir leben schließlich unter Verhältnissen, in denen geschlachtet und geerntet, gebacken und gekocht wird für die Abfalltonne und die Müllentsorgung.

Brot ist wertlos unter uns geworden. … Für viele. … Nicht alle.

… Wertlos wie das Leben selbst.

Denn auch das schätzen wir vor glattem Überfluss und verlängerter Haltbarkeit und anscheinend grenzenloser Verfügbarkeit eigentlich nicht mehr. … Nur Leben? Nicht ein „Er-Leben“, nicht irgendeine Steigerungsform, nichts Außergewöhnliches ……. sondern tatsächlich nur „Leben“ … das ist eigentlich zu wenig, um uns wach zu machen oder wenigstens ein Verlangen in uns zu wecken. … Leben, das ist noch nicht das, was wir erwarten, sondern bloß die Grundlage, die Voraussetzung dessen, was wir eigentlich haben und erfahren wollen.

Leben suchen wir nicht.

… Bis es fehlt. Bis wir nicht mehr genügend finden, um uns satt zu machen. Bis wir wie die Hungrigen irgendwo auf der Flur stehen und merken, dass das Einfachste und Alltäglichste das ist, woran alles hängt und was uns niemand ersetzen kann. ——

Genau dieses tiefe – nicht „symbolische“, sondern gerade ganz konkrete, ganz wirkliche – Verständnis für das Brotwunder dürfen wir bei den Zeugen des Neuen Testaments annehmen. Weil sie, anders als wir, wussten wie es ist, am Abend nichts gegessen zu haben oder zum Ende des Winters keine Vorräte mehr zu besitzen, weil sie Missernte und Teuerung, ausbeuterische Zölle und ungleiches Recht aus eigener Anschauung kannten, darum wussten sie um beides viel besser als wir: Um Brot zum Leben und um das Leben, das wie Brot ist.

Nicht alle waren sie gewiss regelmäßig Hungerleider; nicht alle lebten sie von der Hand in den Mund, denn der Genezareth ernährte seine Leute schon, und auch in Jerusalem waren es erst die Witwen in der Urgemeinde, die regelrecht unversorgt darbten. Aber ihnen allen war doch vertraut, was wir gerade erst wieder begreifen: Was selbstverständlich scheint, ist in Wahrheit ein Wunder.

Wer das nicht wieder zu fassen und wer dafür nicht wieder zu danken und wer darum nicht wieder das Allereinfachste lernt, der wird Jesus Christus und mit Ihm das Leben nicht finden.

Und darum ist der Sinn der im Neuen Testament in jedem einzelnen Evangelium – also ähnlich zentral wie der Bericht von der Passion und Auferweckung Jesu – überlieferten Speisung der Fünftausend nicht im pseudowissenschaftlichen Fragen nach übernatürlichen Möglichkeiten der Stoffvermehrung und auch nicht in einer pseudopolitischen Moral des Teilens zu suchen, sondern in der unglaublich schlichten Tatsache, dass wir Jesus in Seinem Tun erkennen und darin finden sollen, was Er auch uns zu geben hat.

Jesus Christus offenbart sich durch die Fürsorge für die Männer- und dann die mindestens ebenso großen Frauen- und Kindermassen der Tausenden Hungriger als Der, Der gibt, was wir uns nicht nehmen können – woher denn? –, und Der jeden Menschen dadurch erhält, dass Er das Eine den Vielen und das selbe Allen gibt: Das lebendige Brot, … sich.

Doch dieses Wunder Seiner Lebensteilung, dieses Wunder, dass Seine Rettung reicht für alle, die bei Ihm sind und auf Ihn warten, ist kein Zauber, keine übernatürliche und damit für uns vielleicht schon wieder packende Rezeptur des Exotischen und Großen, sondern es sind Zutaten aus Kinderhand, es sind die Mittel, die ein ganz Kleiner hat, durch die sich Jesus hier als das einfachste und nötigste Geschenk der Welt erweist. Er ist selber durch Seine eigene Kindschaft – Gottes Sohn: Ein Menschenkind! – ein Teil dieser Welt geworden, Der in echter Menschenkindlichkeit eben nichts anderes sieht, sagt und hergibt als das, was nötig ist: Brot, wenn sie hungern. Trost, wenn sie weinen. Liebe, wenn der Hass herrschen will. Licht, wenn Finsternis und Blindheit walten. Sein Leben, wenn alles andere überall nur noch Tod bringt.

Diese bestürzende, in sich fraglose Sicherheit, mit der Jesus eingreift, obwohl er doch weiß, dass nach der Logik des Philippus und der Lebenserfahrenen und Geschäftstüchtigen und der Rationalisten nichts zu machen ist – Philippus hat mit seiner praktischen Gegenrechnung ja auch gleich die Formel zur Hand, die den Versuch von Hilfe und Hoffnung unsinnig macht ….  die bestürzende Zweifellosigkeit, mit der Jesus erfasst und mit der Jesus anpackt, was notwendig ist, kommt nur aus dem Herzen eines Kindes, mit dem Gott ist, weil es

gar nicht abzählen kann, sondern reinsten Überfluss verspürt.  

Doch gerade das ist nicht Naivität oder die noch schlimmere Dummheit, als die es uns erscheinen mag!

Die viel sträflichere Dummheit, die Naivität der Sünde, die jetzt über die Menschheit mit aller Macht hereinzubrechen beginnt, ist die kalkulierte Wahnidee, wir Menschen wüssten um den Preis und Wert des Lebens und seiner Möglichkeiten.

… Es zeigt sich ja, dass wir es nicht im Geringsten einschätzen können, was wirklich nötig und was bleibend gut ist. Wir haben keinen Schimmer davon, wo denn das Brot der Zukunft, wo das am morgigen Tag Nötige, wo die unentbehrliche Kraft für den Wandel auch nur eines Jahrzehnts oder wo gar die Sicherheit in der Lebensspanne der nächsten Generation herkommen solle.

Nichts wissen wir, die doch so sauber rechnen können. Nichts schaffen wir, die doch so gern verbrauchen. Nichts haben wir, um es denen zu reichen, die schrecklich schlichten, echten, tödlichen Hunger einfach nur nach dem Leben, dem Am-Leben-Bleiben, dem Weiterleben haben! ——

… Wenn nun nach der schrecklichen Wasserflut tatsächlich eine Flut der Hilfsbereitschaft, eine Flut der Menschlichkeit durch ein erschrockenes Land strömen würde, dann wäre das ein Zeichen und ein Segen, aber ein Gegenbeweis gegen die ratlose Torheit unserer Fehleinschätzungen und unseres Versagens bei dem, was wirklich für das Leben not- und allen Lebendigen guttut, wäre es noch lange nicht.

Doch keine Hilfe sonst, ja keine andere Rettung kann uns in dieser Welt und Zeit begegnen, als die unmittelbar direkte, die nicht den Umweg über die berechnende Vernunft sucht - fast immer führt die ja zu einsichtsvoller Resignation -, sondern die aus einem vollen Herzen schöpft, dem fest steht: Hunger braucht Brot, … Not braucht Linderung, … Schuld braucht Gnade, … der Mensch braucht Gott. ——

Denn das ist ja die eigentliche, ungeheuerliche Erkenntnis aus dem schlichtesten, aber eben auch unbegrenzten Tun Jesu, Der im Herzen der Gemeinde – nicht symbolisch, sondern wirklich und im Brot selber – lebt als der hungerstillende Brotbrechende.

Ihn braucht die Menschheit! Ihn braucht die Welt! Weil sie selbst – so voller Menschen, voller Brot sie auch sein mag – es nicht schafft, das einfach Notwendige zu geben wie’s gebraucht wird.

Wir alle brauchen dringend existentiell und eben darum ganz und gar einfach die Gabe Gottes, die Jesus heißt und unser Leben erhält.

Nach Ihm zu hungern und von Ihm gespeist zu werden, ist kein Mangel und kein Luxus, sondern die Grundtatsache und das Grundmittel unseres Lebens.

Denn Er ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll, durch den erfüllt wird, was Jesaja (55, 1-4) ankündigt: „Wohlan alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und eßt! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? … Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben. Siehe, ich habe ihn den Völkern zum Zeugen bestellt, zum Fürsten für sie und zum Gebieter.“  

Wir alle brauchen Ihn, um zu leben!

Mögen es nicht nur die Katastrophen und die Untergänge sein, die uns das zeigen.

Möge es die einfache Schlichtheit und Genügsamkeit der Christen sein, die uns begegnen und die wir selber werden sollen. Die geben und teilen, je nachdem es andere nötig haben, die das Brot brechen und die Mahlzeiten halten mit Freude und lauterem Herzen (vgl.Apg.2,45f), weil sie wissen: Wir alle leben von Gott, Der unseren Brot- und Lebens-hunger stillt mit dem wahren Brot, dem echten Leben … mit Jesus Christus!

Mich rührt diese schlichte, unergründliche Wahrheit, die sich uns schenkt, weil wir sie brauchen.

Es rührt mich, auch wenn Alexander weiter herrschte, Carnegie mehr gab und unsere Milliardäre höher aufsteigen; es rührt mich tiefer als ich sagen kann, dass wir erfüllt und gespeist und gerettet werden durch Den, zu Dem wir jetzt kommen, einfach weil Er fünf schrotige Gerstenlaibe und die zwei Fische eines Kindes austeilte und uns damit jetzt und hier sagt:

„Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. … Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen. Wer von diesem Brot essen wird, der wird leben in Ewigkeit.“ (Joh.6, 35+51)

Amen.  

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