6.So.n.Trinitatis, 11.07.2021, Stadt- und Mutterhauskirche, Matthäus 28,16 - 20, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth und Mutterhaus 6.n.Trin. - 11.VII.2021                                                                             

                     Matthäus 28, 16-20

Liebe Gemeinde!

Diese Worte schweben über uns allen.

Allen, die wir getauft sind, wurden sie auf den Kopf zugesagt.

Als Missionsbefehl umspannen sie die Geographie und durchziehen die Geschichte dieser Welt.

Und durch seine Auffahrt in die Herrlichkeit entfaltet diese Zusage Christi eine buchstäblich universale Dynamik, die Zeit und Raum des Kosmos unendlich übertrifft.

Kinderkopf und Globus und Weltall erschließen also wie konzentrischen Kreise die Ziel- und Reichweite von Tauf- und Missionsbefehls und der vorangestellten Proklamation der Herrschaft Jesu Christi. … Und das alles in fünf kurzen Versen, die uns so überraschungslos vertraut zu sein scheinen.

Wenn wir uns aber die persönliche, die physikalische und die ewige Dimension vergegenwärtigen, in die diese Worte vorstoßen, wird klar, wie konzentriert, aufgeladen, energiereich das Potential des berühmten „Matthäi am Letzten“-Passus wirklich ist: Er mag zwar den Abschluss des ersten Evangeliums darstellen, aber in Wahrheit ist er die Keimzelle einer Entwicklung, die über das Ufer aller menschlicher Horizonte tritt.

Denn nicht nur für einzelne Lebensgeschichten, nicht nur für Kirchen- und Weltgeschichte strömt aus dieser Quelle eine unaufhaltsame Kraft, sondern für den Heilsprozess der gesamten Wirklichkeit. Die Formel, die Alchemie und Physik, Philosophie und Forschung von den Anfängen her suchen, … die Formel, die Einstein als Gleichung und Teilhard de Chardin als Omega-Punkt auf ihre Weise bestimmten: Hier hat sie ihr biblisches Gegen-, besser vielleicht Urstück. Hier findet sich nämlich etwas, das alles zusammenhält und gleichzeitig zu einer immer lebendigeren Ausdehnung führt. Hier findet sich das Wachstums- und Verknüpfungsprinzip, das sinn- und das segenstiftende Motiv der christlich betrachteten und geliebten Welt.

Das Erste, was darum festzuhalten ist, wenn wir am heutigen Sonntag der Taufe den Taufbefehl meditieren, ist die Erinnerung, dass wir unsere Taufe missverstehen, wenn wir sie bloß persönlich auffassen oder autobiographisch. Natürlich ist es ein Datum unseres Lebenslaufes, ein Eintrag in unsern Stammbüchern und ein erstes individuelles Rampenlicht für uns als Vertreter einer Menschheit, die an die eigene Existenz nur glaubt, wenn sie sich photographiert weiß, dass wir einst getauft wurden. Aber dennoch passiert etwas bei dieser Eingliederung in das Volk Gottes, wenn wir in Seinen Bund eintreten und einverleibt werden in den lebendigen Christus, der „als Gemeinde existiert“ (Bonhoeffer)[i], … etwas, das unser Einzelleben in eine viel umfassendere Perspektive rückt:

Gern nehmen wir die Taufe an als Segen für uns selbst. … In Wirklichkeit aber soll unsere Taufe noch viel mehr ein Segen für andere, ein Segen für alle sein!

Denn ihre Verheißung und Kraft sind es doch, dass sie eine Gemeinschaft der Lernenden – nichts anderes bedeutet „Jünger“ ja – schafft, die durch alle Zeiten hindurch kontinuierlich die Lehre Jesu üben, halten und anwenden werden.

Getaufte sind also Schüler und Nachfolger, Lehrlinge und Gesellen derer, die in dieser Welt das Evangelium und seine Lebensweise praktizieren und weitergeben. Getaufte sind also berufen das zu sein, was man heute in Sachen Wissen und Fähigkeiten „Multiplikatoren“, „Vermehrer“, Ausbreiter nennt.

… Wo einem von uns seine Taufe demnach bewusst ist und er sie bejahen kann, da geht weiter, was „Matthäi am Letzten“ befohlen wird: Jesus Christus gewinnt Einfluss, und aus einer individuellen Lebensgeschichte wird ein Teil der Weltgeschichte Dessen, Der in den Himmel aufgefahren ist, um diese Erde keiner Fremdherrschaft und auch keiner Anarchie zu überlassen, sondern sie im Reich Gottes zu vollenden. ———

Diese Sicht der Taufe fällt uns zugegebenermaßen immer schwerer.

Wir sind ja froh und zufrieden, wenn Eltern ihre Kinder oder junge Menschen ihre eigene Zukunft durch die Taufe einem sinnvollen Leben ein Schrittchen nähergebracht sehen.

Dass darüber hinaus die ganze Welt ihrem Sinn näherkommt oder besser wird, weil jemand unter uns getauft worden ist:

… Wer wagt es wohl, daran zu denken?

Die Zeiten, da das Private so politisch war, sind doch vorbei, und es herrscht Einvernehmen, dass Entscheidungen und Überzeugungen wie die Taufe und das zu ihr führende Bekenntnis und die aus ihr folgende Lebenshaltung höchst privat zu sein und auch zu bleiben haben.

Aber das ist eben der geradezu unsinnige Trugschluss, den wir an diesem Sonntag wirklich vermeiden sollten: Die völlige Verflechtung, die im Taufbefehl am Schluss des ersten Evangeliums den einzelnen Christen und die Gesamtheit aller Menschen unlöslich verknüpft, … diese dreiste, aber auch zündende Verquickung jeder persönlichen Berufung zur Jüngerschaft mit der Machtfrage auf Erden, ist doch wohl das Politische am Evangelium schlechthin.

Nicht umsonst ist der Taufbefehl zugleich ja auch der Missionsbefehl, bei dem es tatsächlich um den gleichen Grundsatz geht: Wem gestehen wir Autorität zu … über uns selber wie über alle Dinge? Wessen Anspruch auf Vertrauen und Gehör gilt also … für mich und für die Menschheit? Wem ist alle Gewalt im Himmel und auf Erden zuzutrauen? Von wem soll darum abhängen, was endgültig mit der uns anbefohlenen Welt geschieht und auch in jener Welt, die wir nie in den menschlichen Griff bekommen werden? …….

… Wenn wir uns mit der Taufe persönlich dazu bekennen, dass die Antwort „Jesus Christus“ lautet, dann sollen und können wir der Frage nicht ausweichen, inwiefern wir seine Herrschaft für uns als Einzelne zwar bejahen, sie aber nicht als konkreten, als echten, als praktischen und damit eben als politischen Anspruch auf die ganze Wirklichkeit begreifen?

Paulus bringt in unserer heutigen Epistel (Römer 6,3-11) die Dringlichkeit der Tauffrage – dass wir durch die Taufe nämlich eine verbindliche Wahl der für uns geltenden Lebensordnung treffen – doch unüberhörbar in Kategorien eines echten Herrschaftswechsels[ii] vor: Sünde und Gerechtigkeit – Leben nur für sich oder Leben, das dem anderen zugewandt ist – sind die zwei realitätsbestimmenden Mächte, zwischen deren Sphären sich jeder Mensch unweigerlich verorten muss. … Eingliederung in den einen dieser Machtbereiche und Widerstand gegen den anderen stellen daher eine radikale Wahl dar, … radikaler als dass sie so oberflächlich, experimentell, launisch oder unernst geschehen dürfte, wie wir nun einmal allzu oft sind!

Darum jedoch ist die Wahl des Menschen auch auf allerernsteste Weise vollzogen und von Gott bestätigt worden: Beides in Jesu vollständiger, radikaler Bereitschaft, für die Gerechtigkeit zu leben und zu sterben – und damit die Sünde für alle, die Jesus zum Herrn haben, zu entmachten!

Wer sich durch seine Taufe also dem Tod Christi anschließt, der wählt ausdrücklich die endgültige Entmachtung der Sünde und die unwiderrufliche Befreiung zur Gerechtigkeit.

Jede Taufe ist also eine Abstimmung, eine Wahl, die mit über die Weltpolitik und die Weltgeschichte entscheidet. ———

So weit, so klar … auch wenn es uns längst nicht immer klar ist, die wir eher ein Kinderfest oder eine kleine Segensversicherung in der Taufe erkennen: Dass es sich dabei aber wirklich um Parteiergreifen für das Leben handelt und um den Eintritt in die Gesellschaft der Freunde Jesu, die jedem Menschen Wohl wollen, … nun das bleibt selbst im einfachsten Taufbegriff unterschwellig noch spürbar. ——

Das eigentliche Problem allerdings haben wir ja auch gar nicht mit dem Inhalt dieses Befehls, sondern mit seinem Radius! … Vor der großen, großen Weite, vor dem offenen Horizont Dessen, Der die ganze Schöpfung und jedes Geschöpf in Seiner Herrschaft versöhnen, heilen und verbinden will, rutscht uns das Herz in die Hose!

„Gehet hin in alle Welt …, machet zu Jüngern alle Völker“das ist eine Aussendung, der sich die reisefreudigste und globalisierteste Kultur alle Zeiten reflexhaft entzieht.

……. Und zwar nicht ohne schreckliche Gründe!

Die Gräber der einheimischen Kinder, die die kanadischen Waisenhäuser und Umerziehungsschulen umgeben, die ausgeplünderten Landstriche und ausgelöschten Kulturen der ehemaligen europäischen Kolonien auf allen anderen Kontinenten, das Erbe und die Altlasten so vieler abendländischer „Zivilisationsprojekte“, die nichts als hemmungslose Barbarei bedeuteten, haben den allermeisten Christen des 21.Jahrhunderts eine Lähmung beschert: Christentum, das nach außen getragen wird, … die Bewegung einer frohen Botschaft, die zur Mitte der Welt drängt, … der geschichtliche und menschliche, der politische Auftrag einer Liebe, die keine Begrenzung kennt … sie alle sind madig geworden, verdorben, entstellt und unglaubwürdig.

… Eher beschränken wir uns auf den Privatgebrauch dessen, was wir unter der Lehre und der Verheißung Jesu Christi verstehen, als sie noch einmal mit jener Überheblichkeit und jenem Missbrauch öffentlich unter die Menschen zu bringen, die die Mission in der Vergangenheit begleitet haben müssen. …….

Doch auch wenn das moralisch scheint: Ist es die richtige Lehre aus einer verkehrten Lage?

Ist Untätigkeit wirklich eine bessere Reue als Umkehr?

Macht künftiges Unterlassen des Gebotenen weniger schuldig als das Geschehen von Verbotenem? …….

Wenn wir nüchtern in die Gegenwart schauen und uns nicht der erkennbar unsinnigen Logik überlassen, es sei sinnlos, aus Fehlern lernen zu sollen, dann kommen wir nicht umhin, festzustellen, dass die Schuld der Vergangenheit uns doch erst recht zu besserer Nachfolge Dessen verpflichtet, Dem allein wir die Menschheit guten Gewissens anvertrauen können!

Denn dass die Mächte und Gewalten, die jenseits der christlichen Versuche und des christlichen Versagens einflussreich und herrschend sind, die Entwicklung dieser Welt gewiss zu einem guten Ziel treiben werden, ist doch nicht anzunehmen. Sie alle haben, wo sie sich zu erkennen geben, doch eigene Ziele: Sie dienen der Durchsetzung einer Idee oder einer Gruppe, sie verfolgen einen Gewinn oder einen Vorteil, sie suchen gierig oder versteckt nach Macht, und sie haben alle miteinander einen Feind: Die Endlichkeit, die gegen alle zugleich arbeitet, weil Rechte und Linke, Demokraten und Diktatoren, Kapitalisten und Kommunisten sämtlich sterblich sind … und was sie leisten können, das wollen sie darum auch noch erleben. Viel weiter als an sich selbst und den Genuss des eigenen Rechtes zu Lebzeiten hat darum noch selten, vielleicht nie ein Machtmensch und Mach-Mensch wirklich gedacht!  

… Sollte sich das jetzt ändern, weil heute eine Generation lebt, die zwingend über den eigenen Zeitrahmen hinaus wird denken und urteilen und sorgen müssen, dann können wir das nur aus vollem Herzen begrüßen. Auf alle Fälle würde es uns nämlich näher an Den bringen, von Dem wir glauben, dass Er allein tatsächlich immer für alle, für jeden einzeln und zu jeder Zeit für alle miteinander in grenzenloser Weitsicht da sein kann, … helfend, tröstend, mitleidend, rettend, als Sieger.

Jesus Christus hat als Einziger von allen, die die Menschheit je führen, beglücken oder ins Paradies versetzen wollten, keine persönlichen, keine privaten Ziele mehr, … „sondern nur noch politische“: Er muss dem Leben nichts mehr für sich abringen - Er gab es schließlich freiwillig hin -, und Er hat vom Tode nichts mehr zu fürchten - schließlich hat Gott durch Ihn den Tod um allen Gewinn gebracht -, so dass tatsächlich gilt: Jesus Christus ist alle Gewalt, … alle Herrschaft, … alle Verantwortung gegeben!

… Er muss sie nicht mehr ergreifen oder behaupten. Er verfolgt sie nicht mehr für Sich, sondern teilt sie frei mit allen, die zusammen mit Ihm üben wollen, für alle zu sein. Das ist es, was die Taufenden in Seinem Namen lehren und die Getauften als Glieder Seines Leibes lernen sollen: Das Sein für die Welt, das Sorgen für die anderen, das Eingehen und Aufgehen des eigenen Lebens in keiner individuellen Absicht außer der Liebe.         

Das lehret sie halten! … Das neue Gebot, das eine Gebot: Liebe!“ (vgl. Joh15,12)

In diesem ganz und gar evangeliumsgemäßen, in diesem ganz und gar jesuanischen Sinn kann man also festhalten: Der Taufbefehl, der Missionsbefehl ist tatsächlich das Politische schlechthin, er ist endgültige Übernahme und Beteiligung an den Anliegen, Hoffnungen und gerechten Zielen der Gesamtgesellschaft aller Menschenkinder.

Der missionarische Taufbefehl, die Einladung an alle, das Leben in Christus zu verwirklichen, ist Weltpolitik in ewiger Perspektive!

Und darum stehen diese Worte wirklich über uns allen: Sie sind das Versprechen, das Karl Barth seinem Freund Eduard Thurneysen am Abend vor seinem Tod gab: „Es wird regiert“[iii].

Sie sind das Programm, das die Kirche und alle ihre getauften Glieder tatsächlich weit und breit und ernst und offen in der ganzen Menschheit ausrufen sollen: „Suchet zuerst das Reich Gottes, so wird euch alles zufallen“ (Matth.6,33).

Und schließlich gipfeln diese Worte, mit denen jeder von uns auf den Weg zu Gott und auf den Weg in die Welt gerufen worden ist, in der allergrößten, in der allerersten und allerletzten Wahrheit.

Denn sie führen zu einem letzten Verb, das in den Sprachen der Bibel sonst oft fehlt, weil es auf Hebräisch und Griechisch meistens näher durch gesprochene Äußerungen oder Zeugnisse der Tat bestimmt wird.

Das letzte Verb am Schluss des Matthäus ist aber ausdrücklich das Gottesverb, … das politische – also die Welt ordnende, die Geschichte lenkende und die Zukunft eröffnende – Verb: „Ich bin!“

„Ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung der Welt.“

So beginnt die Herrschaft Jesu Christi über uns allen: „Ich bin bei Euch.“

Dieser Satz ist der einzige Satz, der alle drei Zeiten – das Gewordene, das Gegenwärtige und das Gewünschte – umfasst, … der also das Gesamte der Wirklichkeit durchdringt und niemals an die Grenze seines Sinnes stoßen wird. ——

In diesen Satz hinein sind wir getauft.

Diesen Satz wollen wir für die Menschheit hinaus in die Welt bringen.

Und durch diesen Satz werden wir einst das Ziel unseres Lebens und unserer Welt finden.

… Durch diesen Satz, in dem Jesus Christus alle Gewalt und alle Welt und alle Zeit verbindet; durch diesen Satz, in dem Jesus Christus uns und alle von allen Seiten umgibt: „ICH BIN bei Euch“.

Amen.



[i] Vgl. dazu ausführlich: Dietrich Bonhoeffer, Das Wesen der Kirche (Vorlesungsmitschrift, Sommersemester 1932), in: Dietrich Bonhoeffer Werke (DBW 11), Ökumene, Universität, Pfarramt 1931-1932, hhg. v. E.Amelung und C.Strohm, Gütersloh 1994, bes. S.271ff.

[ii] Hier ist immer noch hilfreich: Ernst Käsemann, Paulinische Perspektiven, Tübingen 19933, darin bes. „Zur paulinischen Anthropologie“ (hier: S. 9-60) und: „Rechtfertigung und Heilsgeschichte im Römerbrief“ (S. 108-139).  

[iii] Vgl. Eberhard Busch, Karl Barths Lebenslauf – Nach seinen Briefen und autobiographischen Texten, München 19864, S.515.

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