5. Sonntag n.Trinitatis, 04.07.2021, Stadt- und Mutterhauskirche, 1.Korinther 1, 18 - 25, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth und Mutterhaus 5.n.Trin. - 4.VII.2021                                                                               

                       1.Korinther 1, 18 - 25

Liebe Gemeinde!

Was ist das „Wort vom Kreuz“?

Es ist das Wort, das all unser Reden überführt. … Würden wir es hören und aushalten, dann würden wir viel weniger tönen.

Denn unser Reden ist Müll: „Tönendes Erz und klingende Schelle“, „Stückwerk“… also Trümmer, Hack und Geröll nennt Paulus unser Gequatsche später im ersten Korintherbrief (13,1).

… Warum wir so leer klingen?

Ich frage es mich in diesen Tagen besonders von den Sterbebetten und von den Särgen her. Und habe mir heute, am Beginn eines Sommers, in dem man auf Teufel komm raus reisen wird, um dann im Herbst womöglich wieder ganz und gar eingeschlossen zu sein, vorgenommen, auch schonungslos frei heraus zu sprechen. … In ein paar Wochen kann ja dann wieder alles zurückgenommen sein, wenn die Begegnungen wieder ausbleiben und der Austausch wieder gemieden wird.    

Ich will also offen reden über das nicht-offene Gerede, das ich an mir selbst bemerke:

Da ist diese gedankenlose, leichtfertige Art zu sprechen, die ich mir angewöhnt habe, weil sie unsere Umgangssprache sein zu sollen scheint! Verständigung täuscht sie vor … ohne Sinn. Und Worte nutzt sie, die um die Wirklichkeit einen großen Bogen machen. Die Stimmbänder bewegt man dabei, damit bloß alles stumm bleibt. …….

Was ich meine? Es geht beim ersten Satz los, beim völlig entleerten Gruß: „Geht’s gut?“, der heute noch umfassender sinnlos, geradezu unendlich uneigentlich geworden ist, seit er vorzugsweise „Alles gut?“ lautet?

Wer hat diesen Wahnsinn eigentlich zuerst zu fragen gewagt?

In einer Welt, in der keiner, den wir sprechen, je schuld- und sorgenlos sein kann, aber jeder, den wir sprechen, zum Tode verurteilt ist?!

Wer hat diese Gemeinheit eingeführt, dass wir einander nichts anderes als das glatte Lügen aufnötigen, wenn wir uns eben erst treffen? Niemals ist alles gut!

Der Volksmund weiß genau, was die Seelsorge als vermeintliches Geheimnis wahrt: Unter jedem D-ach ist ein Ach! Jeder Glanz und alles Glatte, denen wir so jämmerlich nachhelfen, übertünchen die Schatten und Risse, die das Leben begleiten, seit das Kind runzlig wie ein Greis aus dem Mutterschoß kam, mit den Lachfalten und Tränensäcken im neugeborenen Gesicht, die sein zu Heiterkeit und Trauer führendes Los einst reichlich fordern wird.

Dass unser Dasein etwas ist, das keinesfalls makellos und vollendet, sondern verletzlich und mangelhaft sein wird, weiß, wer einen Säugling sieht: Schöpfungsschön, doch schrecklich schutzlos; duftend rein, aber natürlich unsauber; ein ganzer Mensch, dabei aber von so nackter Notwendigkeit gezeichnet, dass er sie nie selber stillen kann.

Warum erwarten wir also, dass wir uns begegnen sollten im Zeichen des „Alles gut?“?

Und warum fällt uns als einziger Trost, wenn die Härten des Menschseins doch einmal zur Sprache drängen, immer wieder nur eine Abwandlung der seit jeher unwahren Behauptung ein: „Es wird schon wieder gut werden“?

Und warum trennen wir uns mit dem blödsinnigen und heillos überfordernden, völlig unmöglichen Befehl: „Na denn, mach’s gut!“?

Diese Fixierung auf’s Gelingen - wider besseres Wissen - in einem Leben, das so anders als nur heil und harmlos ist, … diese besessene Festlegung auf’s Gutmachen ist tatsächlich eine viel bösere Verdrehung der Tatsachen als das, was im Augenblick vielleicht wie ein „Schlechtmachen“ des Menschlichen klingt.

Das Schlimmste an der herbeigeredeten Allgegenwart dessen, was verdammt noch mal gut zu sein hat!, ist seine schleichende Wirkung. Es sickert in’s Unterbewusstsein ein, wenn jeder Gruß und jedes Beieinander in der Umklammerung durch Positives erfolgen und Traurigkeit und Scheitern weder in das Gespräch einfließen noch nach seinem Abschluss weitergehen dürfen.

Wenn alles Reden nur auf gut Glück gereimt wird, dann kann es nie ernst werden.

Und so haben die nichts zu sagen, deren Tage hart oder leer sind. Ihnen bleibt nur der Zweifel an einer schönen Spiegelwelt, die niemals auf das Üble reflektiert, das in ihr nicht zu Wort kommen darf, sondern verschwiegen wird. In solchem Zweifel aber, … an wem soll man da nun verzagen? … An denen, die doch bloß Gutes zu sagen wissen? … O nein, der Fehler muss bei mir liegen, wenn ich dabei nicht mitreden kann! … Ich allein unter allen diesen Ungetrübten weiche ab vom Brauch und von der Norm. Ich bin schlecht, wenn’s mir schlecht geht. Denn alle Welt fragt mich doch nur nach dem gewohnten Guten …….

Diese unbedachte und darum unmenschliche Oberflächlichkeit – Hauptsache der Schein bleibt strahlend – ist aber mehr als nur rhetorisches Blendwerk. Im Gegenteil: Es ist ganz fest verabredet unter uns, dass wir dem Trug das letzte Wort lassen. Alles muss uns guttun, alles muss gefallen, alles soll gehen, alles erfreuen, was wir auch denken, tun und dichten. Das Bittere und Zerbrochene, das Vergebliche und Unheilbare sind für uns keine akzeptablen, ja oft nicht einmal mehr auch nur denkbare Möglichkeiten. Arbeit soll der Selbstverwirklichung dienen und menschliche Bindung uns erfüllen, Pflicht wird Stolz und Belastung wird Kraft in uns wecken, sogar das Ehrenamt hat den Zweck, unser eignes Gleichgewicht zu stabilisieren, und wie immer wir Zeit und Fähigkeiten aufwenden, immer soll es uns zur Bestätigung oder Vertiefung unserer Möglichkeiten dienen.

Was vergebens geschieht oder sich schlicht erschöpft, was kein Wohlgefühl weckt und keinen Fortschritt erzielt, was eben unvermeidlich ist und schmerzlich wird, das hat keinen Ort in unseren Erwartungen und unserem Lebensentwurf, es ist nicht vorgesehen und soll nicht sein.

… Dann war’s halt nicht der richtige Beruf oder die falsche Frau, dann muss man seine Kondition eben steigern oder sein Steckenpferd umsatteln, wenn es irgendwann alles nicht mehr so schön und gut ist, wie wir es voraussetzen.

Das ist es, was Paulus das Griechische und das Jüdische nennt: Der hohe Anspruch der Israeliten an die eigene moralische Integrität und der hohe Anspruch der hellenistischen Heiden an das Ideal der Welt im Allgemeinen: Gut und schön, … gut und schön hat’s zu sein … das Ich und das All, vorzeigbar beides, als vollkommen erwiesen und erprobt durch weises wissenschaftliches Urteil und zuverlässige Demonstration des eigenen Ethos. ———  

Was mich nun aber so beunruhigt, dass ich derart einfach und erschrocken gegen den fatalen Trugschluss solcher positiven Suggestion und persönlicher Besserungsmotivation unter den Menschen predige, das ist die Ahnung, wie tief auch ich darein verstrickt, wie ganz auch ich gefangen bin in einem Entwurf des Lebens, der zweifellos angenehm, ja sogar erbaulich ist … aber nicht wahr! Auch ich als Christ, als Prediger, als Seelsorger sehe meine Aufgabe doch längst im guten Zureden, im turbo-optimistischen Beschönigen, im primitiven Appell an die leichtgläubige Selbsttäuschung, alles gelinge, wenn man’s nur vertrauensvoll – voll Selbstvertrauens wohlgemerkt! – angeht und zuversichtlich bleibt.

Dazu ist das Evangelium unter meiner Hand und in meinem Mund verkommen: Zu einem spottbilligen, weil ungedeckten Blankoscheck, dass schon nichts schief gehen wird, weil unser Mantra nun einmal lautet „Geht’s gut? – Und wo nicht, dann mach’ es endlich gut!“

Wer mich und wohl die meisten anderen, die auf den Kanzeln stehen, reden hört, der vernimmt vermutlich – verzerrt und verstärkt durch die Stimme der Zeit – die Botschaft vom gelingenden Leben, von Glück aus Segen, vom Heil als heiler „Heile-Gänschen“- Welt. ——

O heiliger Paulus und Petrus, deren Gedenktag (29.06.) an ihr Leid und ihre Todesqualen in der vergangenen Woche wir nicht begangen haben, … o heiliger Peter und Paul und alle ihr anderen Märtyrer Christi: Was für unwürdige und verächtliche, was für hasenfüßige und zugleich doch leichtsinnige Nachfolger ihr bloß an uns habt, die wir der Welt weis-machen wollen, alles werde wie geschmiert in Butter sein, wenn wir nur das Quentchen positiver Energie nutzen, das in unserer naiven Harmlosigkeit steckt!

Wie können wir eigentlich so fahrlässig tun? Wie können wir so arglistig täuschen?

Wissen wir denn nicht, erleben wir’s denn nicht, dass guter Glaube und gute Hoffnung alles andere sind als Garantien der Reibungslosigkeit?

Und wissen wir’s denn nicht, erleben wir’s denn nicht immer wieder, wie tief enttäuscht das Leben diejenigen zurücklässt, die von uns hörten, es werde alles gut, weil der liebe Gott so ein guter Mann ist und wir auch so gute Leute und dass darum so unwiderstehlich gute Laune herrschen muss, wo man als gute Christen die Ziele der Gutmenschen verficht und dass das Gute seinen guten Grund darin hat, dass wir in gutem Glauben uns nichts anderes mehr vorstellen wollen und darum auch nichts anderes wahr ist?!!!

Wenn aber doch die Träume platzen? Wenn das, was du dir versprachst, nicht auch deshalb schon eintritt, weil du es so gern so gut hättest? …………

Wenn also das Netzt leer bleibt, … einfach kein Fang, kein Fisch, kein Funken Hoffnung (Lukas 5, 1 -11: Evangelium des 5.Sonntags nach Trinitatis).

Was bewirkt dann der ganze faule Griechenzauber vom Guten, Wahren, Schönen? Und wie wäre da noch das große jüdische Elend aufzubieten, das Elend einer herrlichen Gerechtigkeit, die weit über die erschöpfte Kraft geht?

O ja, die Weisheit und Moral, die Theorie und auch die Praxis, die ganze Wirklichkeit des Menschenlebens schreit geradezu, schreit danach, dass wir aufhören mit dem Selbstbetrug, aufhören mit der Irreführung des Guten und des Richtigen, durch die wir es schon richten werden.

Nein!

Nicht durch die Parolen und auch nicht durch die Enttäuschungen des Positiven rettet Gott, sondern durch das Negative schlechthin, durch die denkbar radikalste Enttäuschung:

… Durch das Wort vom Kreuz!

Es sagt nicht mehr und nicht weniger, als dass Gott selber – Der alles gut geschaffen hat und allen alles Gute gönnt, weil Er der Geber aller guten Gaben ist und Seine Güte währt in Ewigkeit –  … dass Gott selber also Sich nicht zu gut dafür war, selbst in das Schlechteste zu gehen: Gott ist in die Schwäche gekommen, um uns von der zerstörerischen Täuschung unserer vermeintlichen Allmacht zum Guten zu befreien.

Gott ist in Finsternis und Not, in äußerste Anfechtung, in körperliche Qualen und seelische Nacht gegangen, um uns zu bewahren vor dem Irrtum, nur dort wo Helligkeit herrscht, könne man von Leben sprechen. … Auch in Verdunkelung, in trüber Zeit und schweren Stunden verläuft das Dasein doch nicht außerhalb der Liebe oder jenseits der Nähe Gottes … auch wenn wir das glauben machen!

Das Kreuz ist also die buchstäblich verzweifelte Abwehr Gottes gegen die furchtbare Exklusivität, die wir den Glücklichen gewähren, wenn wir vom allgegenwärtigen Leid in der Erfahrung der Menschheit absehen.

Gott schließt die Unglücklichen, die Hilflosen, die Gescheiterten, die Schuldigen, die Bitteren, die Müden, die Kraftlosen und Kranken, die Unterlegenen und Verlassenen, … Gott schließt die Sterbenden und Toten, Gott schließt die Verdammten nicht aus, sondern ein, indem Er kein anderes Geschick, keine andere Wirklichkeit als ihre für Sich gewählt hat!            

Das ist die Botschaft des Wortes vom Kreuz: Törichte Predigt und Ärgernis für uns alle! … Aber ganz bestimmt kein Schlechtmachen der wirklichen Erfahrungen von Menschen unter den Kreuzen, die sie tragen!

Und so überführt dieses Wort vom Kreuz all unser Reden. Indem es - anders als wir - die Wahrheit ausspricht und jene anspricht, die gekreuzigt werden, die sterben, die man begräbt, die ins Reich des Todes geraten.

Es sagt ihnen, was wir nicht sagen, … sagt uns, was wir nicht hören.

Es sagt nicht: „Mach’s gut!“ Sondern einfach: „Ich bin hier!“

Und ist darin so viel weiser als die Menschen sind und so viel stärker!

Und ausgerechnet jetzt, in der vermeintlich unbeschwerten Sommerzeit, in der uns so nach Leichtem ist, steht es da.

Ganz töricht, ganz unbequem, ganz schlicht.

Gern hätten wir andere Zeichen, gern nähmen wir anderes mit in unseren Alltag und unsere Ferien.

Aber alle Klugen und Schriftgelehrten und alle Weisen dieser Welt können niemals so viel Wahrheit mit bloß zwei Strichen sagen:

Gott und wir.

Untrennbar verbunden.

In Glück und Schrecken.

Leben und Tod.

Zeit und Ewigkeit.

Das Wort vom Kreuz.

Das ist alles.

Amen.

Alle anzeigen

Gemeindebüro

Fliednerstr. 6
40489 Düsseldorf
Tel.: 0211 40 12 54
Fax: 0211 408 98 16

Öffnungszeiten:
Dienstag: 15:00 - 18:00 Uhr
Donnerstag & Freitag: 9:00 - 12:00 Uhr


Flüchtlingshilfe

Kaiserswerth: 0159-038 591 89
Lohausen: 0211 43 29 20


Kirchengemeinde Kaiserswerth Spendenkonto

DE40 3506 0190 1088 4672 28
Cookies auf dieser Website
Um unsere Internetseite optimal für Sie zu gestalten und fortlaufend zu optimieren verwendet diese Website Cookies
Benötigt:
+
Funktional:
+