Pfingsten - 23.05.2021, Stadtkirche, 1.Mose 11, 1 - 9, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Pfingsten - 23.V.2021                                                                                                         

                     1.Mose 11, 1-9

Liebe Gemeinde!

Pfingsten ist kein Familienfest … so viel dürfte feststehen.

Ein Familienfest kann es aber auch gar nicht sein, weil es das Ende der naturgeschichtlichen Ära, das Ende der biologischen Erbteilung und der evolutionären Auffächerung bringt, für die wir die zoologischen und botanischen und ideologischen Begriffe der Reiche, Stämme, Klassen, Ordnungen, Familien und Gattungen kennen.

Bis Pfingsten konnte man alles einsortieren in verschiedene Stammbäume und Schichten, in die Abfolge der beherrschenden und aussterbenden Spezies, in die krankhaft schematische Buchhaltung der Rassetheorien und der Kulturdarwinisten, deren Pyramiden von den primitiven Naturvölkern bis auf den Zenit der Zivilisation führen, wo der höchste Gipfel die erhobene eigene Nasenspitze ist, über die hinaus man in solcher Höhe gar nichts mehr erkennen kann: Dieses Modell eines sich nach oben verjüngenden Körpers ist typisch für unser westliches Weltgefühl, das immer auf Kampf um Führung, auf Auslese und Aufstieg drängt und von der Illusion einer uneinholbaren Überlegenheit derer „ganz oben“ angetrieben wird. Ironischerweise treffen sich allerdings die abgehobenen Perspektiven der selbstempfundenen „Top“-Leute mit dem Weltgefühl der dumpfsten Alt-Germanen in ihrer Beschränktheit: Man kennt und anerkennt nichts als sich selbst.

Eine solche Fixierung auf das Eigene, eine so ausschließliche Verteidigung der tatsächlich oder vermeintlich erreichten Höhe ist aber das radikale Gegenteil der Bewegungen Gottes.

Gott ist in sich und in aller Geschichte ein Ausschwärmen, … ein Ausschwärmen aus der Erhabenheit in die Tiefe, … aus dem, das alles übertrifft, in das, was nahe der Vernichtung ist, … aus der Einzigkeit in ein Gemeinsames:

Gott, der Vater … das ist die Geschichte des reinen Lichtes, das den Stoff erweckt.

Gott, der Sohn … das ist die Erniedrigung des Göttlichen, Der Sich in die Menschenwirklichkeit hinein entäußert.

Gott, der Heilige Geist, … das ist die Kraft aus der Höhe, die ausgegossen wird über alles Fleisch.          

Immer hinab, immer hinunter, immer zu anderen, immer in die Fremde: Das ist der Weg Gottes in die Schöpfung, der Weg Gottes in der Liebe bis zum Tod, der Weg Gottes zur Einwohnung in Herz und Mund und Tat und Leben der Seinen. 

Gottes Weg ist also pfingstliches Ausströmen von Anfang an.

Und darum findet sich am Beginn der Bibel schon ein Ereignis, das sich zunächst nicht einfach deuten lässt.

Eine große Weite liegt da um die Menschheit ausgebreitet … die Ebene von Schin’ar. Was sich dort aber entfaltet, ist so etwas wie eine ur-amerikanische Saga: Die „vom Osten Aufgebrochenen“ – von daher, wo das Paradies, die verlorene alte Welt lag – sind westwärts gezogen und die unendliche Landschaft des nördlichen Irak lädt die Siedler – sämtlich Nachkommen der Besatzung der Arche – dazu ein, etwas Gigantisches zu unternehmen: Einen kolossalen Skyscraper in der Wüste zu errichten, einen Leuchtturm der erfolgreichen Gattung des homo sapiens, dem technisch unbegrenzte Möglichkeiten zueigen scheinen. …

Der große Trek nach Westen und der Traum von der übermenschlichen Freiheit zu allem scheinen indes zu scheitern. Der Wolkenkratzer von Shenzhen, dessen 300 Meter hohe Konstruktion letzte Woche in’s Schwanken geriet und für Panik in der Millionenstadt sorgte, erinnert uns daran, dass Höhe und Hybris, dass Wagnis und Wackeln noch immer eine gemeinsame Maßeinheit darstellen.

Und doch ist wohl verkehrt, das, was im später so genannten „Babel“ geschah, allzu selbstverständlich als ein Strafgericht misszuverstehen: Der bloße Klötzchenturmzerstörer, der nicht ansehen will, wie die Kleinen Großes anpeilen, ist Gott ja gewiss nicht.

Keinesfalls um Höhenneid geht es also in der Höhe über Babels Turm.

Eher um eine Pädagogik der Zerstreuung, … eine Erziehung also dazu, sich nicht verbissen auf einen einzigen Standpunkt zu konzentrieren, sich nicht für alle Zeiten unveränderlich in dieser Welt einrichten zu wollen, sondern buchstäblich das Weite zu suchen, … die Weite zu suchen, die in unterschiedlichen, vielleicht entlegenen, gewiss auch gegenteiligen Blick-, Denk- und Lebensrichtungen auf den Menschen wartet.

In Babel, wo die frühlingsjunge Menschheit sich schon in einem riesigen tschernobylesken Betonsarg ein Monument dessen, was sie erreichen kann, errichten wollte, hat Gott sie gnädig und großzügig verflüssigt, so dass sie ausströmen konnte, … hat Gott ihre Wege und Wirklichkeiten, ihre Worte und Wendungen durch Seinen schöpferischen Erfindergeist vervielfältigt und im Prisma der unterschiedenen Sprachen, die in verschiedene Richtungen deuten, die Ansichten des Lebens unendlich vermehrt.

Dass in Babel der letzte Akt des Vorspiels der biblischen Urgeschichte vor der weiten Weltgeschichte nicht in Rache, sondern in Reichtum mündete, das haben sogar die meisten Kirchenväter schon so gesehen[i].

Denn die DNA des Christentums ist nun einmal die DNA von Babel. Der Geist, aus dem die Kirche gezeugt wird und Leben empfängt, ist der multilinguale Dichter und Dolmetscher, der mehrstimmige Souffleur und Sänger, dessen Inspiration in jedem Menschenwort, in jeder Menschenstimme erklingen kann.

Gott hat der Menschenwelt – als sie Höhe erstrebte – Weite eröffnet.

Er hat in Babel, als die erste Horde dazu reif war, ihren selbstgebauten Sprungturm genutzt, um Seine Menschen auf Seinen eigenen Weg der Kondeszendenz, des Hinabstrebens und Eintauchens in die Niedrigkeit zu senden.

Wahrhaftig von Babel an gilt - verborgen zunächst - der kategorische Imperativ Jesu Christi: „Gehet hin in alle Welt … und siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!“ (Mk.16,15 + Matth.28,20) ——

Diese Deutung, die in der Sprachvermehrung einen Auftrag Gottes zur Verbreitung, Vertiefung, Erweiterung der Reflektion und Kommunikation innerhalb der Menschheit erfasst, ist christlicherseits natürlich eine Erkenntnis von Pfingsten her. Allerdings vertritt schon die biblische Erzählung Israels eine unvergleichlich pfingstliche Perspektive: Anders als das Abendland, das bis in die (Pseudo-, … also „Lügen“-)Wissenschaft des 19.Jahrhunderts Gründe suchte, den vermeintlich messerscharf zu trennenden Rassen nicht nur qualitative Verschiedenheit, sondern essentielle Ungleichheit zuzuschreiben – so dass man nach dem Vorbild Carl Hagenbecks Menschen aus Afrika, aber auch das Volk der Sami aus Nord-skandinavien im Zoo ausstellte! –, hat das Alte Testament mit seinen Völkertafeln ebenso wie mit dem Bericht von Babel die ursprünglich wurzelhafte Einheit aller Kindeskinder der Ureltern betont. Dass irgendein Volk, eine Kultur, ein Phänotyp innerhalb der sprach-fähigen Hominiden nicht zu den Menschen zu zählen sei, verbietet die Bibel: Es ist hier kein Unterschied, sie sind allzumal einer; sie alle sind Adam, … sie waren alle in Babel (vgl. Rö3,22; 5,18; 1.Kor.15,22; Offenb.7,9).

Gegen diese Weite des biblischen Universalhumanismus ist es unser Germanenerbe, die Welt eben aufzuteilen wie unsere Vorfahren hinter ihren Palisadenzäunen: „Unser Volk ist Midgard und was außerhalb liegt ist Utgard“[ii].

Mission der Menschen Jesu Christi aber ist es, wie in Babel geschehen, die Wacht- und Wohntürme, in denen man sich verschanzt, die Wälle und Zäune, durch die man sich schützt, die Grenzen, die man zwischen sich zieht und das Nicht-Verstehen-Können, auf dem man sich ausruht, nicht als endgültig, sondern als überwindbar zu betrachten: Wo man beim Turmbau gemeinsame Sache machen konnte, kann man es auch beim Brückenbau; wo man seinen Größenwahn verdenkmälern konnte, kann man umgekehrt auch die Weite seines Denkens vergrößern. 

Das also ist die christliche Berufung: Babel nicht rückgängig, sondern fruchtbar zu machen, … nicht eine uniforme Menschheit wieder auf dem Bauplatz ihrer geballten Größe, sondern an den Schnittstellen ihrer zahllosen geteilten Erfahrungen zu versammeln und so eine Gemeinschaft derer zu werden, die alle Sprachen für einander übersetzen, ohne den Zwang, die Mutter- und Zeichensprachen, die Bildsprachen und die Sprachspiele der Welt dabei zu vereinheitlichen.

Es ist daher auch der Stolz der alten Kirche nach Pfingsten gewesen, dass in ihr in Erfüllung ging, was unser Choral ersehnt:

„O, dass ich tausend Zungen hätte / und einen tausendfachen Mund,

so stimmt ich damit um die Wette / vom allertiefsten Herzensgrund

ein Loblied nach dem andern an, / von dem, was Gott an mir getan“

(Johann Mentzer, 1704 - EG 330)!

Die geistgetriebene Botschaft von Christus hat nämlich buchstäblich Zungen gelöst und Zeichen geschaffen, durch die viele Völker und Kulturen in Wort und Schrift zu eigenem Ausdruck kamen!

Und weil diese Bewegung der pfingstlichen Mission älter und besser und verheißungsvoller ist als aller eurozentrische Kolonialismus, ist es keinesfalls akademisch, sondern echte Pfingstfeier, wenn wir uns erinnern, dass alle Liturgie und Theologie der Christenheit, der wir uns hier und jetzt verdanken, vielsprachig war. Fünf Sprachwelten[iii] haben im ersten halben Jahrtausend das geprägt, was wir als Grundlagen unserer Bekenntnisse und Gottesdienstfeiern und damit letztlich unseres christlichen Selbstverständnisses kennen: Die semitisch-syrische Urkirche, in der Jesu aramäische Muttersprache das biblische Erbe direkt fortführte; die griechische Geistsprache, in der der Glaube zur philosophischen Mündigkeit reifte; die Ordnungs- und Verwaltungssprache des westlichen Mittelmeeres und Nordafrikas, das Latein der knappen Klarheit von Untergrund- und Amtskirche; die koptischen und äthiopischen Dialekte des altchristlichen Ostafrika, in denen das Evangelium und seine Handschriften auf einem Nährboden wurzeln, der bis in älteste pharaonische Vorzeit zurückreicht; und schließlich noch die kleinen Sprachen des eurasischen Gebirges - das Armenische und Georgische -, die wenn nicht ihre ganze Gestalt, so doch allemal ihr Schriftalphabet dem frühen Dienst der Christianisierung verdanken.

So fremd- und mehrsprachig – syrisch-hellenistisch-römisch-amharisch-kaukasisch – ist das missionarische Pfingstwunder, das sich in allen unseren eigenen Äußerungen weiter entfaltet.

Es trieb und es treibt weiter die herrlichsten Blüten, … es pfingstete und pfingstet in der kirchenslawischen Sprachschöpfung ebenso wie in der kostbaren Bibelsprache Luthers, die bis heute ein Kraftwerk ist, aber genauso, wenn uns vertraute Choräle in der südafrikanischen Klicksprache Xhosa erklingen – vor zwei Jahren noch bei einem ökumenischen Besuch in unserem Gemeindehaus – oder wir hier in unserer Stadtkirche immer mehr auch zu Übersetzern werden dürfen, die den Weg der Frohen Botschaft zurück in eine Sprache aus der geographischen Nähe zu Babel – in’s Farsi – erleben. ——

Gott sprach und spricht hinein in alle Sprachen und durch sie alle hindurch.

Er hat sie werden lassen, um in ihnen allen die Wahrheit, die größer als jede einzelne mögliche Formulierung ist, zu verbreiten und um die Liebe mitzuteilen, die über jedes unserer Worte und auch alle davon zusammen hinausgeht, weil diese Liebe, dieser Jesus selber DAS Wort ist, das im Anfang war und Fleisch wurde, um von den Menschen geistig und sinnlich, im Sagen und im Sakrament aufgenommen zu werden.

Der von Babel ausgehende und in Jerusalem am fünfzigsten Tag nach Ostern zusammen-, aber nicht ineinanderfließende Strom der Sprachen und der Stimmen aller Völker ist aber deshalb kein blutleer-abstraktes, linguistisches Phänomen, weil unsere Gegenwart genau danach schreit.

In ihr scheint ja ein aufwallendes Medium alle Menschen zu umschließen und mit sich zu führen: Wir kennen diesen Ausfluss des menschlichen Geistes, in dem wir alle mitschwimmen, und nennen ihn sozial und erwarten von ihm – weil er überall hinreicht – weltweite Kommunikation.

… Wie pfingstlich das wohl wäre?!

… In Wirklichkeit aber hat der Fluss aller Daten nicht jene Verbreitung von Licht und jene Verbundenheit in der Wahrheit gebracht, die man erhoffen musste, sondern ein erbittertes Gegeneinander der einzelnen Tropfen des Ozeans, die sich zu lauter kleinen Wirbeln und dann zu Stürmen zusammenbrau-en, bei denen sich ein Tosen erhebt, das in die einzige Sprache übersetzt wird, die heute allgemeinverständlich scheint: Die Sprache des Hasses, in der alles durcheinander tönt.

Pfingsten aber ist das Gegenteil, und heute feiern wir es: Nicht das Fest einer einzigen Gegen-sprache gegen alle anderen, … keine weitere jener Wahrheiten, die nur für mich gelten und in Richtung aller anderer bloß Lüge sein wollen.

Pfingsten ist die wunderbare, endlose Bewegung Gottes zu, durch und in allen Menschen. Es ist die Bewegung, die der globalen Sprache der Verneinung die unglaublich vielen Sprachen der Liebe entgegenhält: Ein Fest also nicht der Familie oder anderer Gestalten von Gemeinschaft, die Blut brauchen. Sondern das Fest der Fremden, die jeder in der eigenen Sprache verstehen, dass Gott gegenwärtig und ewig die Liebe ist.

… Und dazu braucht es nichts, als was heute über die Welt kommt: Gottes Geist!

Amen.



[i] Eine (beinah erschöpfende) Übersicht über die patristische, mittelalterliche und neuzeitliche Interpretation der Turmbauüberlieferung bietet das fünfbändige opus magnum von Arno Borst: Der Turmbau von Babel. Geschichte der Meinungen über Ursprung und Vielfalt der Sprachen und Völker, (Originalausgabe 1957ff) Nachdruck: München 1995. Dass in der Epoche der Väter die „Sprachverwirrung“ tatsächlich überraschend überwiegend auch positiv gedeutet wird, liegt an der (triumphalistischen? universalistischen?) antiken Sicht auf die Kirche, in der die Oikumene – der ganze Erdkreis in seiner Pluriformität – sich spirituell und eschatologisch verbunden findet. Man sollte diese Freude an der menschheitlichen Weltkirche keinesfalls vorschnell als christlichen Hegemonieanspruch abtun. Was wäre denn eine Alternative? Nationalkirchen? Eine exklusiv den zufällig historisch irreversibel christianisierten Kulturräumen vorbehaltene Idee der universitas christiana? Eine alle Entwicklungen, alle Inklusion ab- und ausschließende Zementierung eines missionsgeschichtlich kontingenten status quo? Der universale Horizont der Bibel und die universale Mission des Evangeliums bieten für derlei Inkonsistenzen keinen Anhaltspunkt. „The happy few“ sind theologisch gesprochen immer zu wenig!    

[ii] Borst, a.a.O. Bd. II/1: Ausbau – S. 441 (mit Zitat aus Wilhelm Grönbech, Kultur und Religion der Germanen). Die germanische Selbstreferentialität fasst Borst (ebd.), heutige Engigkeit entlarvend zusammen: „Das Universale gehörte zum Fremden, es stand nicht hoch im Kurs, selbst wenn man es kannte.“

[iii] Diese fünf Sprachwelten und ihre antiken handschriftlichen Corpora sind es, die in der philologischen Arbeit am Neuen Testament zusammengenommen die Grundlagen jeder Textkritik ergeben. Aus ihrem Vergleich speist sich der wissenschaftlich objektive Blick auf die primären schriftlichen Quellen des neutestamentlichen Zeugnisses.

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