Kantate, 02.05.2021, Stadtkirche, Lukas 19,37-40, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Kantate - 2.V.2021                                                                                                             

                 Lukas 19, 37 - 40

Liebe Gemeinde!

Kann man das wirklich: Von der schönsten Zeit des Jahres singen (EG 319), … über Lieder predigen, … über die Verbindung von Gesang und Glauben nachdenken in einer Zeit wie der unsrigen?

Ist das nicht ein Hohn?

Sollten wir nicht eher – so wie die schrecklichen vierzehn Monate es uns gelehrt haben – schweigen und denen danken, die noch singen dürfen, noch singen können, ansonsten aber lauschen in die Welt, der die wirkliche und nahe und klingende Menschenstimme unheimlich, ja ein Gegenstand der Angst geworden ist? – Wer allzu lustig atmet, beschwört für uns ja die Sterblichkeit herauf …….

…. Ob man dann nicht aber wirklich etwas hört, wenn wir alle schweigen? …

Ob man – wenn die Tränen in Israel getrocknet sind, wo man vorgestern in Windeseile die Toten vom Meron bestatten musste, ehe es Sabbat wurde und wo vielleicht gerade jetzt, am ersten Tag der Woche Beerdigungen nachgeholt werden, weil die Körper der Erdrückten nicht alle rechtzeitig identifiziert und freigegeben werden konnten – … ob man es also in Jerusalem hören könnte, wenn einmal kein Muezzin ruft, keine Kirche läutet, keine ultraorthodoxe Lernstube lebhaft durcheinander psalmodiert und auch die Totenklage verstummt: … Ob man die Steine schreien hören könnte? …

Ob sie nicht auch tonlos, aber zitternd schreien in ganz Indien zwischen den Scheiterhaufen der zahllosen Corona-Toten? Klagen nicht die Wände, trauern nicht die Türme von Delhi bis Hyderabad? Singt der Wind um die uralten Wüstenburgen und die Lehmhütten des Jemen nicht nur noch Leichenlieder? Weint nicht der Christus aus Stahlbeton hoch über Rio de Janeiro?

Und müssten nicht die Stacheldrahtzäune und die Hafenmauern heulen auf beiden Seiten des Mittelmeeres, wo so viele Menschen zugrunde gehen, weil sie ertrinken oder in Libyen in der Hölle der Lager oder in Griechenland in einer höllischen Lage festgehalten werden?

Müssten nicht überall auf Erden die behauenen und die rohen Steine, müssten nicht sogar Zement und Kunststoff trostlos zum Himmel schreien in einer Zeit, die genau weiß, dass ihre hartnäckige Bequemlichkeit allen heutigen Kindern Kriege um Trinkwasser, Atemluft und Seelenfrieden bescheren wird?

Ja, die Brocken und die Bauten, die Instrumente und Hinterlassenschaften der Menschheit müssten schreien …, wenn wir sie denn hören, wenn wir sie denn beachten würden.

Und wir hätten das Maul zu halten!

So ist es doch eher … an diesem Sonntag Kantate. Eher Verstummen oder Brüllen … Alles eher, als weiter die harmlosen Weisen trällern, die übrig bleiben werden, wenn das letzte klassische Kulturprogramm abgeschafft und der letzte störende Akkord jener Musik verweht ist, die man nicht mehr spielen soll, weil sie von weißen Männern geschrieben wurde.

Singstreik. … Liedfasten. … Harmonieverzicht. … Schweigesymphonie. ————

Doch er lässt uns nicht!

Die Pharisäer, die ehrlichen Herzens vorsichtig sind und keinen Lärm, keinen Tumult erregen wollen, … die Pharisäer machen: „Psssscccchhht! Keinen Anstoß erregen! Schön still sein! Weise doch diese naiven, … diese provokanten Jünger, die du da hast, zurecht, dass sie brav und leise und am besten nur privat das feiern, was sie zum Feiern zu haben glauben!“

Genau so hört man auch von ehrlichen Herzens Verantwortlichen in der Kirche unserer Tage:

„Haltet euch ruhig! Wenn man in den Nachtclubs keine Party machen darf, dann sollten auch wir nicht feiern! Pscht!“

Aber er lässt uns nicht!

Er, der Einzige, der weiß, was da gespielt wird.

Seine Jünger – von denen es nur an dieser einen Stelle ausdrücklich heißt, dass sie ein Chor waren, dass sie gemeinsam sangen – seine Jünger wissen nicht, was bevorsteht. Sie denken, es sei Ostern – Erhöhung, Triumph, Herrschaftsbeginn und Thronbesteigung im Zeichen der Unvergänglichkeit – … seine Jünger also singen im Irrtum, singen aus einem Missverständnis, aus Leichtgläubigkeit, … Übereifer, … singen aus Phantasiegründen.

… Doch dass sie singen und was sie singen, ist viel nötiger und wahrer, als sie es je selber hätten ahnen können.

Dazu gibt uns der Evangelist Lukas einen wunderbaren Wink, … dieser Lukas, für den als einzigen Nichtjuden unter den Evangelisten das betende Singen und gesungene Gebet in Israel etwas Besonderes, etwas so Beflügelndes gewesen sein muss, dass er sein Evangelium mit drei Gesängen, drei hymnischen Psalmen beginnen lässt, die bis heute die Musik des kirchlichen Tagesrhythmus bestimmen: Die Tagesouvertüre ist der Lobgesang des Zacharias - das Benedictus (Lk.1, 68-79) -, der Ausklang der langsamen und stürmischen Sätze eines jeden Tages findet sich im Magnifikat - dem Lobgesang Mariens (Lk.1,46-55) - und der ruhige Schlussakkord vor dem Eingang in die Stille des Schlafes ist das kurze Lied des sterbenszufriedenen Erlebens: Simeons „Herr, nun lässest du deinen Diener im Frieden fahren …“ (Lk.2, 29-32).

Lukas also, mit seiner staunenden, heidenchristlichen Theologie biblischer Musik gibt uns einen Wink, warum die singenden Jünger am Palmsonntag so richtig liegen mit ihrem falsch intonierten, unpassenden Lied. Sie greifen nämlich – ohne es zu wissen – den wirkungsvollsten Chor auf, den das Neue Testament kennt: Ihr Jubel ist der Spiegelkanon des Weihnachtsjubels am Himmel über den nächtlichen Hirtenfeldern von Bethlehem (vgl.Lk.2,14).

Sangen damals die himmlischen Heerscharen „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!“, so singen in der morgendlichen Menschenmenge vor den Mauern Jerusalems die Jünger Jesu: „Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“

Nach den beiden Begrüßungsfanfaren – „Euch ist heute der Heiland geboren!“ / „Gelobt sei, der da kommt, der König im Namen des Herrn!“ – … unterscheiden sich die kurzen Salut-Chöre, die sich so exakt entsprechen und doch nicht identisch sind, nur durch ein Wort:

Als Jesus zur Welt kam, sang der Himmel vom Frieden auf Erden.

Als Jesu letzte Woche auf Erden begann, sang es auf der Straße vom himmlischen Frieden.

Was dieser auffallende und doch rätselhafte Unterschied zu sagen hat?

– Dass wir völlig verkehrt liegen, wenn wir in unseren geistlichen Gesängen, in den Liedern und der Musik des Glaubens bloße Reflexe, bloße Echos der Weltlage suchen wollen.

Was von den prophetischen Worten und von der Weisheit, was von der Ethik und der Lebensdeutung der Bibel erwartet werden soll, ist Rede an die Gegenwart und Sprache für das Jetzt.

Aber im Jubel und im Lobgesang, in den anbetenden und visionären Variationen der Menschenzunge, die Gottes Ruhm und Gottes Barmherzigkeit in Dur und Moll, laut und leise an- und ausrufen, die improvisieren und meditieren, was Gott im Menschen zum Schwingen bringt, … in diesem Überfließen von menschlicher Seele und menschlicher  Stimme in Gottes empfängliche Ohren, da kann und soll die Lage der Dinge, da soll und kann der Zwang der Gegenwart nicht diktieren, was wie und auf welche Weise geäußert wird. Im Hymnus und im Heulen, im Schweben und im Schrei funkt nicht bloß der Moment sein SOS und klatscht auch nicht nur die Fangemeinde des Tages ihren Applaus.

Es geht um mehr als die augenblickliche Realität und es geht freier zu, wenn es um das geht, was man im Sprechen nicht sagen und doch ohne Worte nicht ausdrücken kann.

In der Musik – von der man früher annahm, dass ihre physikalischen Gesetze das eigentliche Muster des Kosmos abbilden – … in der Musik geht es um mehr als das Einzelne, es geht um’s Ganze, weil alle Ebenen hier miteinander kommunizieren: Das Geistige und das Stoffliche, … Stimmung also und Stimme, … das Intellektuelle und das Intuitive, … der flüchtige Hauch und das mathematische Prinzip.

Deshalb singt das Lied von Bethlehem vom Frieden auf Erden … obwohl wenig später von den gleichen Fluren und Feldern als Schauplatz eines sadistischen Verbrechens die Rede sein wird: Wo Engel eben noch ihr Gloria und Pax sangen, erfüllt sich nach dem Kindermord des Herodes das Schriftwort: „In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen …“ (vgl. Matth2,18)!

Die Freude einer Kindsgeburt, die auf die Erde Frieden bringt und die Trostlosigkeit der Weltverbrechen des menschlichen Geschlechts: Logisch sind es einander ausschließende Gegensätze.

Im Klang des Lebens, in der Musik der Bibel aber bringt das eine das andere nicht automatisch zum Verstummen.

Ebensowenig wie es nur Missklang war, als die Jünger so ausgelassen vom Frieden im Himmel genau in jener Woche sangen, in der die Sonne sich verfinsterte, weil der geliebte Sohn des Höchsten am Kreuz den Todesstoß empfing.

Diese Reibung zwischen dem, was ist und dem, was klingt, spricht weder gegen das eine noch das andere: Nur dass es biblisch eben nicht darum geht, in Ton, Lied und Musik die Welt noch einmal abzubilden, sondern ebenso gut auch ihr Gegenteil, ihre Fortsetzung, ihre Offenheit, ihre Ober- und Untertöne, ihre Tiefe, ihre Hoffnung, ihre Harmonie, ihren Grundton vernehmlich zu machen.

Die Welt ist nach biblischem Glauben ja durch das gesprochene Wort entstanden; durch das gesungene wird sie darum in ihrem Potential, in ihren Möglichkeiten noch über das Vorhandene hinaus entfaltet!

Aus diesem Grund erschöpfen die großen Lieder des Glaubens, die Klänge der Seele und die Melodien der Kirche sich nicht: Weil sie auf keine Situation beschränkt sind. Weil sie den Überschuss freisetzen, der jeder Zeit voraus bleibt. Weil sie gewöhnlichen Menschen wie Dir und mir das Loblied der himmlischen Heerscharen auf die Lippen legen; weil sie im Alltag den Ton der Vollendung anschlagen dürfen; weil Leidende im Singen Erlöste werden; weil Zweifelnde in der Erhebung einer Melodie eine Weite erfassen können, die jedes andere Teilnehmen übersteigt.

„Ach so“, werden da natürlich die Aufgeklärten sagen. „Wenigstens gibt er es selber zu: Gesang ist also doch nur Flucht oder Autosuggestion. Es ist nur Hyperventilation zu starken Texten oder Betäubung durch einen manipulativen Rhythmus, der das Rationale überblendet und den Verstand zugunsten des Mitreißenden außer Kraft setzt.“

Doch da kommen wieder die schreienden Steine in’s Spiel:

Warum hat Jesus denn das Lied seiner Jünger, ihre gelöste, ekstatische Freude, die sich steigerte von den Sprechchören des Palmsonntags hinauf in die gesungene Weise, in die Freiheit und Schönheit, die alle Rede übertrifft … warum hat Jesus diesen Ausbruch einer tatsächlich nicht bloß rationalen, sondern emotionalen Mitteilung nicht etwa nur nachsichtig geduldet, sondern ultimativ gefordert, indem er festhielt, dass man entweder von den Seinen oder von den Steinen etwas würde hören müssen?

Warum gibt Jesus diesem Lied von Ehre und Frieden seinen ausdrücklichen Segen, obwohl er doch auf dem Weg in Schmach und Todesschmerzen war?

Weil – das stumme, starre, tote Bild der Steine beweist es doch! – … weil Jesus dem seligen Singen der Seinen den Vorzug vor aller zementierten Statik gibt!

Nicht die Wand, sondern der Wandel, … nicht das Feste, sondern das Festliche, … nicht das Bestehende, sondern das Entstehende, … nicht das Mauermassiv, sondern der Melodiebogen, … nicht der Lehm, sondern der Ton, …, nicht das Leid, sondern das Lied weisen Ihm den Weg, der da unter dem ahnungslosen Jubel seiner Jünger in die Passion reitet.

Lieber und angemessener ist es ihm also unter den Klängen einer Zukunftsmusik, die über den gegebenen Zeit-und-Raum-Rahmen hinausweist, als im sinnlosen Schweigen der Fakten seine Mission zu vollenden.

Die Jünger sangen am Palmsonntag faktisch das Verkehrte; aber weil sie es dem Richtigen sangen, war es wahrer als sie wussten.

Hätten sie ihre Stimmen bloß dem geliehen, was gerade als sicher gelten musste, hätten sie Tatsachen verewigt, die vergehen würden, … und wäre stumm geblieben, was gegen alle Wahrscheinlichkeit doch werden sollte. ——

Ob wir also in einer Zeit wie der unsrigen von der schönsten Zeit des Jahres singen, … über Lieder predigen, … über die Verbindung von Gesang und Glauben nachdenken können, das ist keine neue Frage.

Ihre Antwort aber steht auch nicht unter dem Vorbehalt, dass wir derzeit weder singen sollen, noch etwas zu singen wüssten.

… Wir können es nie wissen! … Und wir können unser Singen, unser Gotteslob, unseren Glaubensjubel, unsere Herzen, unsere Seelen, unsere Stimmen nie davon abhängig machen.

Denn auch wenn wir nie wissen können, was wir singen und beten sollen, steht all unser Beten und Singen bloß unter dem einen Vorbehalt (Rö.8,26): „Dass der Geist unserer Schwachheit aufhilft. Denn wir wissen nicht, was wir beten (und singen) sollen, wie sich’s gebührt; der Geist selbst aber vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.

Wenn wir also singen und beten, dann mag es Karfreitag sein oder Palmsonntag. Die jeweilige Zeit wird uns nicht fesseln, und wir werden sie auch nicht aufheben.

… Im Lied aber und im Lob wird daraus doch Pfingsten!

– Komm, Heiliger Geist, und erneuere das Angesicht der Erde!

Amen.    

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