Misericordias Domini, 18.04.2012, Stadtkirche, Hesekiel 34 (in Auswahl), Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Misericordias Domini - 18.IV.2021                                                                                   

            Hesekiel 34 i.A.

Liebe Gemeinde!

Es ist Halleluja-Zeit im Kirchenjahr, … auch wenn uns mehr nach Stöhnen sein mag und vielen Menschen nach noch weit Ernsterem: Das Gedenken an die Verstorbenen der gegenwärtigen Pandemie, das der Bundespräsident für den heutigen Tag angesetzt hat, erinnert uns daran, dass nicht nur unsere Gewohnheiten und Geduld derzeit auf die Probe gestellt werden, sondern dass vielmehr weite Teile der Menschheit – hier und allerorten, Junge und Alte, Arme und Reiche, Freie und Unterdrückte – existentiellen Schrecken begegnen: Krankheit, Schmerz, Not, Sorge, Einsamkeit, Sterben.

Es ist Halleluja-Zeit, und es sind bittere Monate.

Die Auferstehung leuchtet und gleichzeitig wird der Tod weltweit spürbar.

Solche Osterwochen voller Licht und voller Schatten, voll Jubels und voller Wehklage schärfen unseren Blick dafür, dass es nichts Einseitiges, nichts Harmloses gibt, wenn wir im Glauben der Wirklichkeit, wenn wir der Wirklichkeit im Glauben begegnen.

Gottes Botschaft an die Welt, Gottes Gegenwart im Wort haben stets etwas von einem Röntgenstrahl, von einem Licht, das die Dinge transparent werden lässt und im Undurchdringlichen das dahinter Verborgene, im Staub die Perle, im Fleisch das Gerippe sichtbar macht.

… Natürlich macht wirkliches Osterlicht, dass wir den Tod erkennen, der in und hinter allem unserm Halleluja anwesend ist: Wir würden ja nicht mehr die Auferstehung feiern, wenn kein Leid und Geschrei, kein Schmerz, keine Tränen mehr wären, … denn dann wäre das Reich Gottes vollendet.

So aber, in dem „Noch nicht“, das unsere Wirklichkeit bezeichnet, müssen wir bereit sein für den zweiten Blick, für die aufdeckende und beunruhigende, die durchdringende Wirkung einer Sichtweise, die unter der Oberfläche wahrnimmt, was zwar übersehen werden, aber bei Licht betrachtet nicht geleugnet werden kann. ——

Der zweite Blick heute gilt einem Urbild der Geborgenheit … oder was wir dafür halten.

Vermutlich ist ja immer noch kein Psalm so vertraut, keine Metapher so geläufig, kein Bild so unauslöschlich im kollektiven Unterbewussten lebendig wie das Hirtenmotiv des 23.Psalms: Dass jemand auf uns achtet, dass wir uns also nicht unbemerkt verlaufen und verlieren können, weil wir geführt, gesucht, schließlich sogar getragen werden und darum auch auf den dunkelsten, abgründigsten Abschnitten des Lebensweges ein Stecken und Stab an unserer Seite beruhigende Klopfzeichen in der Tränenschlucht und stützenden Schutz vorm Abstürzen bieten, … diesen Inbegriff eines vielleicht belächelten, gewöhnlich versteckten Urvertrauens, auf das im Ernstfall aber instinktiv zurückgegriffen wird, weil es einen so elementaren Vitaltrost verströmt, … diesen Archetyp dessen, was biblischer Glaube sich unter Gott vorstellt, will und soll niemand missen.

Aber doch müssen wir auch durch dieses schöne Bild auf seinen Grund schauen, auf das, woran es haftet. … Gerade jetzt, in Zeiten schmerzlicher Verunsicherung und des Gefühls eines verwirrenden Ausgeliefertseins.

Denn die Verheißung eines Hüters der Ausgesetzten, eines Verteidigers der Wehrlosen und eines Sammlers der Verirrten ist nicht bloß das Bild und Gebet gewordene Geborgenheitsverlangen des Menschengeschlechts, sondern es ist eine drastische Kampfansage Gottes.

Dass sich im Guten Hirten tatsächlich nicht nur ein pastorales Idyll, sondern ein Konflikt und eine Parteinahme verkörpert, deckt das heutige Wort aus dem Propheten Hesekiel auf: Zu unserer Überraschung erinnert es uns nämlich daran, dass der ganze biblische Reichtum an Hirten-Theologie auf einem politischen Schlachtfeld gewachsen ist, das hier offen vor uns liegt.

Vielleicht aber sollte uns das nicht ganz so sehr erstaunen. Taucht man ein wenig tiefer in die politische Ideengeschichte der Menschheit, steht am Anfang aller Ordnungen und Zivilisationen, in denen wir wurzeln, ja nichts anderes als der Übergang vom Wilden Mann zum Herdenhüter. Aus der Jagd als Lebensgrundlage wird die Zucht als Fundament des Menschenlebens. Der Speerwerfer und Fallensteller fängt an, den Hirtenstab zu führen und die Schutzbefohlenen zu zählen, die unter seiner stumpfen Abwehrwaffe in die Sicherheit der behüteten Gemeinschaft, in den Stall ziehen.

Das Hirtenamt ist also der Ursprung, der aus Horden Gesellschaften macht. Und bis in die Tage der Bibel war der Hüter darum nicht Inbegriff der naturnahen Feld-, Wald- und Wiesenromantik, die wir mit ihm verbinden mögen, sondern Erzgestalt und Erzgestalter des Sozialen: Ehe es Könige gab - so verrät uns auch die Abfolge der biblischen Epochen - bekleidete der Hirte die Rolle des Verantwortlichen.

Wie hochpolitisch also jede Rede vom Hirten ist, verrät der Ursprung des Herrschaftszeichens schlechthin … des Szepters: In ihm lebt der Hirtenstab fort noch Jahrtausende nach den Tagen Abrahams.

Wie hochgefährlich politisch jede Rede vom Hirten ist, verrät uns die naheliegendste Veranschaulichung seines Rechts und seiner Pflicht: Der Hirt ist „Führer“.

Wenn es demnach um den Guten Hirten und andere biblische Hirtenbilder, Hirtenämter geht, dann stellt sich die Führer-Frage.

… Und wie explosiv, wie existentiell die ist, das sollten wir wissen. ——   

Hesekiels Zeit war eine Zeit akuten Politik-Versagens: Hatten die letzten Herrscher Judas allzu lange geglaubt, sie könnten mit völliger Selbstüberschätzung und windigen Bündnissen der Großmacht Babylon trotzen, so zahlte Hesekiel selber den Preis für diese Illusion. Er gehörte zu jener Oberschicht an Hof und Tempel in Jerusalem - wo er aus priesterlichem Geschlecht stammte -, die als Erste in die Verbannung nach Babel geriet, … etliche Jahrzehnte ehe Jerusalem und Juda tatsächlich vollständig vernichtet wurden.

Doch die neue Elite, die die ersten Deportierten ersetzte, unterschied sich in nichts von ihren Vorgängern: Macht und Vermögen wollen … Macht und Vermögen. Verantwortung bemisst sich leicht nach dem Vorteil, den sie bringt; wenn sie kostet, verliert sie an Glanz. Und die menschliche Kurzsichtigkeit, die eine rasche Befriedigung einer langsamen Sicherheit vorzieht, verdarb die Würdenträger in den letzten Tagen vor dem Untergang wie sie es immer wieder tut. Den damaligen Hirten in Adel und Klerus, in Heer und Beamtenschaft, die allesamt nur selber ungeschoren zu bleiben hofften und sich nicht scheuten mit am Fell zu zerren, das den Wehrlosen über die Ohren gezogen wurde, gilt die Gerichtsrede, die wir heute hörten!

„Wehe den Hirten, die sich selber weiden! Ich will an die Hirten!“, spricht der Gott der HERR.  

Diese Kampfansage ist es, die wir immer hören müssen, wenn sich uns das beschauliche Bild aus der Kinderbibel als eine Mischung aus Lüneburger Heide und orientalischem Kitsch aufdrängt. Psalm 23 und die berühmten anderen Schäferstunden – „Er weidet seine Herde wie ein Hirte, Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen“ (Jesaja 40,11 / Jer.31,10) – … alle diese weltvergessen sonnig scheinenden Bilder, sind nicht Balsam für’s Gemüt, sondern ungemütliche Hoffnungsfanfaren, die bei Jesaja, Jeremia und Hesekiel aus den exakt gleichen Jahren, den Jahren der völligen Katastrophe unter Nebukadnezar, dem Bezwinger des Vorderen Orients, dem Sieger vom Euphrat bis zum Nil, dem neuen Weltordner ohne einen Platz für Israels Gott und dessen Volk stammen.

Das Hirtenmotiv der Bibel ist der Hall eines Halleluja über den Ruinen des Tempels, über geräumten Schlachtfeldern auf den Bergen Judas, eines Halleluja über Totengebein.

Es ist ein Ruf gegen das Versagen der Verantwortlichen. Ein Ruf, der dem Scheitern der Menschenmacht ein anderes Wirken und Wollen, eine andere Zielsetzung entgegenhält.

Das Hirtenmotiv stellt die Führerfrage, indem es alle Führer in Frage stellt. ——

… Und auch Jesus hat seinen Hesekiel gelesen und gelernt.

Wenn Jesus sich sechshundert Jahre später mit den Worten des von den Mächtigen verratenen und enttäuschten Propheten Hesekiel als der Hirte vorstellt, der die Seinen nicht opfert, sondern ihnen selbst aufopferungsvoll nachgeht in ihre Verlorenheit, ihre Verletzlichkeit, ihre Verlassenheit, dann ist das jedenfalls genau wie jene Verheißung der Hirten-Hoffnung in den Tagen des Exils kein stummer Trost für seine kleine Herde, sondern kündigt einen wirklichen, einen auch politischen Anspruch an:

Dass Hilfe gegen die Hilflosigkeit der Menschen kommt.

Dass eine Beherrschung der Menschenherrschaft ebenso wie der Menschenanarchie kommt.

Dass trotz des menschlichen Unheils den Menschen Heilung widerfahren wird.

Dass trotz der Irrwege, gegen die Menschenmacht nichts ausrichtet, die Menschen nicht machtlos in ihre Irrtümer verwickelt bleiben müssen.

Dass inmitten der Fehlleitungen und Irreführungen, inmitten des Ausnutzens und Aussitzens ein Pfad zu neuen Ufern an frischem Wasser gebahnt und ein Durchschreiten des Todschattentales eröffnet ist. ——

Das ist eine politische Botschaft, die keine Politik ist. Jedenfalls nicht in jenem engen Sinn, in dem sie uns gewöhnlich begegnet: …Als Kunst des Menschenmöglichen, deren Ausführende allzu menschlich und deren Zuschauer und Ratgeber - zumal auf den Kanzeln - allzu moralisch sind.

Politisches ist immer doppelt begrenzt: Durch das zu viele Schlechte, das zu den Menschen gehört, und das zu viele Gute, das die Menschen sich dennoch einbilden.

Doch gerade dadurch werden ja aus Hirten immer wieder nutzlose Wächter, fliehende Mietlinge oder gar schuldige Räuber, die nicht helfen, nicht wehren und nicht schonen.

… Gewiss, es gibt die anderen wahrhaftig auch: Menschen, die heilen und helfen, heben und tragen, wo immer die Not es erfordert und die Pflicht es verlangt.

Wenn wir heute an die Toten dieser Monate denken, dann steht uns zugleich die quälende Verantwortung vor Augen, die so viele Menschen tatsächlich ja treu und aufopferungsvoll an vielen Orten tragen – in den Krankenhäusern und Heimen, den Schulen und Kindergärten, den Behörden und Diensten.

Doch ist dieser Tag nicht auf den Blick in unsere Nähe und über unser Land zu beschränken:

Weltweit ist die Verlassenheit der Menschen, das Ausgeliefertsein an Gefahren, das Preisgegebenwerden durch die, die Macht haben und nicht zum Guten anwenden, nicht weniger himmelschreiend als in Hesekiels und Jesu und allen Tagen seither.

Doch darum ist auch das Hirtenheil, das nicht von der Politik und nicht von der Wissenschaft, nicht von der Medizin und auch von keiner anderen menschlichen Kunst oder Fähigkeit zu hoffen ist, nicht weniger notwendig als es immer war und bleiben wird.      

Denn der Schrei der Herde, der Schrei der Menschheit insgesamt bleibt der Schrei jenes anderen Hirtenpsalms 80:

„Du Hirte, Israels, höre, der du Josef hütest wie Schafe.

Erscheine, der du thronst über den Cherubim vor Ephraim, Benjamin und Manasse. Erwecke dein Kraft und komm uns zu Hilfe!

Gott, tröste uns wieder und lass leuchten dein Antlitz, so genesen wir!“

In diesem Schrei ist das Sterben zu hören … wie es nach dem „Halleluja“ ruft!

Beides zusammen aber ruft jene Antwort hervor, die mehr tröstet und mehr bewirkt als alles menschenmögliche Vermögen.

Denn nichts wird größer sein, als das, was Hesekiel angesagt und Jesus bekräftigt hat, und wozu wir uns mit dem 23.Psalm immer wieder, weiter, wunderbar bekennen:

„Ich selbst will meine Schafe weiden, spricht Gott der HERR.

Ich will das Verlorene wieder suchen

und das Verirrte zurückbringen

und das Verwundete verbinden

und das Schwache stärken

und was fett und stark ist behüten,

ich will sie weiden, wie es recht ist.“

  Der ist mein Hirte!

Amen. 

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