Ostersonntag, 04.04.2021, Stadtkirche, 2.Mose 14 i. A. + 15,20f, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Ostersonntag - 4.IV.2021                                                                                                   

             2.Mose14 i.A. + 15,20f

Liebe Gemeinde!

Ostern am Meer. … Heute erleben wir, was so viele sich gerade dieses Jahr wünschten.

… Nicht alle indes: Israel hätte das Schilfmeer lieber nie gesehen.

… Den allermeisten Flüchtlingen geht es so, denn die ostpreußischen Toten auf dem Grund des Frischen Haffs und die Pommern auf dem Grund der Ostsee, die Nordafrikaner, Syrer, Afghanen, die es nicht über’s Mittelmeer schafften oder zuletzt sogar am Ärmelkanal scheiterten, die Rohingya, die im Golf von Bengalen ertranken, … sie alle erinnern uns daran, dass das Meer ein Massengrab ist.

… Also ein Osterort wie jeder Friedhof.

… Ostern am Meer.

Nur dass auf unseren Friedhöfen auch die liegen, die nicht gekreuzigt und nicht verfolgt wurden, deren Sterben auch nicht immer grausam oder panisch war, sondern so wie bei den Alten, die zu ihren Vätern versammelt wurden. An sie dachte Israel als es durch die Wüste zog und sich zurücksehnte nach den Gräbern Ägyptens. … Es waren zwar nicht jene großen Nekropolen, an denen sie als Sklaven gebaut hatten und es war auch nicht die Höhle Machpela in Kanaan (vgl.1.Mose23,17ff; 25,9; 49,31), in der Sarah und Abraham, Isaak, Rebekka und Lea bestattet waren und wohin sie den Sarkophag des Stammvaters Jakob trugen, der seinen Leichnam auf keinen Fall in Ägypten hatte zurückgelassen wissen wollen, … und doch war man auch als Fronarbeiter im Nildelta wenigstens im trockenen Sand verscharrt worden und nicht von der grauenerregenden Untiefe des Meeres verschlungen. … Nur kein Tod in den Wellen, nur kein Versinken in der Flut! …

Aber Gott führt Wege, die sich niemand aussucht, … schrecklich hinunter, herrlich hinauf, wie drei österliche Lieder des Alten Testaments es schildern, in denen überall die Tiefenangst Israels, der Horror vor dem Bodenlosen anklingt, das mit dem Tod verbunden wurde: Hanna, die kein Leben weitergeben konnte und doch Mutter wird, Hiskia, der König, der vom Totenbett noch einmal aufstehen durfte und Jona, der Prophet, der tatsächlich dem Albtraum der Unterwasserwelt ausgeliefert war … alle drei beschreiben den Sog der Tiefe (vgl.1.Sam2,6 /Jesaja39,10/Jona 2,4ff), der für die Nachkommen der Exodus-Generation der Inbegriff grässlicher Unentrinnbarkeit bleiben sollte. … Atemnot in der Todestiefe, sich türmende und alsbald herabstürzende Wogen: Diese Urangstschwelle der Vorfahren, die am Ufer gestanden hatten und dann hindurchmussten, saß den Nachkommen auf der Brust.

Der Tod: Das Meer. ———

Ob auch auf Golgatha, wo er doch zu ihren Häupten am Kreuz hing, eine der Frauen, die seinen Todeskampf mitansahen, die alten, archetypischen Ertrinkens-Ängste mitlitt?

Fast alle Frauen auf Golgatha hießen ja Miriam - Maria - nach jener ersten Zeugin des Todesweges in’s Leben, die einst beim Exodus am Meer gestanden und aus Ur-Angst ein Ur-Ostern hatte werden sehen. ———

Miriam, die Prophetin ist die erste menschliche Stimme, die sich am jenseitigen Ufer hören ließ. Nicht nur das. Miriam ist nach Erkenntnis der Forschung überhaupt die erste Stimme, die wir in der Bibel hören, … die älteste, die ursprünglichste Trägerin biblischer Überlieferung, denn das Lied, das sie zur Pauke im Reigen anstimmte – ein so winziges und archaisches Fragment es auch ist – dürfte der Atomkern, der Kristallisationspunkt aller weiteren Erinnerungen, Traditionen und Schriften Israels sein.

Mit dem Lied dieser Frau, dem Lied der Erlösten fängt die Geschichte der Bibel und also die Geschichte des Glaubens an. Sie ist Rettungsgeschichte, … wir können heute nicht anders sagen, als: Sie ist österlich durch und durch.

Ob das aber den Namensschwestern der jubelnden Miriam am Meer durch den Kopf ging, während sie erleben mussten, wie der, den sie für Israels Hoffnung und endgültigen Befreier hielten, oben am Mast des Kreuzes Schiffbruch erlitt und von der Flut seiner Schmerzen in die unterseeischen Kammern des Todes gerissen wurde? …….

Ob irgendeine von ihnen - den Marien auf Golgatha - an die Maria vom Schilfmeer dachte?

… Wie sollten sie wohl nicht an das Wunder von damals gedacht haben?

Immerhin hatten sie alle doch noch am Abend vor Golgatha das Passa gefeiert, also genau das Aufbrechen wie im Flug in der Nacht des Todesengels, das Laufen ums Leben, das jähe Bremsen am Wasser, wo der Exodus zur Sackgasse wurde, und dann das unglaubliche, unvergessliche – gestern abend in Jerusalem und allen jüdischen Häusern für dieses Jahr ein letztes Mal besungene – Wunder des Hindurchkommens, des Gerettetwerdens aus der Flut.

Sie hatten das Passa, sie hatten Miriam im Herzen … und sahen die Hoffnung Israels sterben.

Was haben sie da empfunden? … Dass ihr Name ein Hohn sei? Dass sie Rahel statt Miriam, die Klagende, nicht die Lobende sein sollten? ……..

Oder hat eine von ihnen - vielleicht Maria, die Mutter? - auch in dieser herzzerreißend aussichtslosen Stunde noch an Tamburin und Tanz als Mitte und Auslöser aller Zeugnisse über den Gott Israels denken können?

… Aber selbst mit dem biblischen Bericht von der Wunderrettung im Ohr … da am Kreuz starb der Falsche.

Das Wunder vom Schilfmeer, aus dem der Optimismus der ganzen Bibel, die ungeheure, sture Lebens- und Überlebenskraft Israels, die nicht kleinzukriegende Heils- und Hoffnungshartnäckigkeit des Volkes Gottes herrührt, gründet doch auf dem Tod der Richtigen, … der Ägypter, der rösserreitenden Zwingherren und Häscher, die im Strudel nach dem Wunder hilflos wie die Fliegen ersoffen. …….

 

(Mit Kippah:) Halt! So einfach ist es nicht! Die Freude am jenseitigen Rand des Schilfmeeres, die Freude am rettenden Ufer, der Taumel der Erlösten, die wie die Träumenden … den Mund voller Lachens … sich im Kreis drehen und unter Miriams Taktgebung die erste Ode an die Freiheit singen, … sie sind nicht erfüllt vom Rausch der verdienten Rache!

Das ist ein Trugschluss, ein Zerrbild.

Und selbst wenn Menschen- oder Engelszungen es behaupteten, dass da die rohe Erleichterung der Vergeltung die eben noch Beschwerten beschwingt, … wir haben ein Zeugnis, das schwerer wiegt! Würde sich bei den Geretteten nur das Luft machen – liebloser Triumph über die Feinde – , dann wären es wahrhaftig bloß tönendes Erz und klingende Schelle (vgl.1.Kor.13,1), leeres Plärren der Lieder, die Gott nicht hören mag (vgl.Amos5,23).

Aber Rabbi Schmuel ben Nachman sagt im Namen Rabbi Jonathans, was Rabbi Jochanan an anderer Stelle sagt, dass der Gott Israels es nämlich den Dienstengeln seiner himmlischen Heerscharen voller Trauer verboten hat, in Jubel auszubrechen, als Pharao und sein Ge-folge zugrunde gingen:

„Das Werk meiner Hände ertrinkt im Meer

und ihr wollt vor mir das Lied anstimmen?“[i]

In Gottes Gegenwart kann man das Sterben nicht feiern!

So schlicht steht es im Talmud.

… „Der Tod der Richtigen“? In solch primitiver Vergröberung, in solcher dualistischen Moral des Stammtisches, solcher duellierenden Logik des Western löst sich die Wahrheit zwischen Tätern und Opfern, Schuldigen und Unschuldigen in der Heilsgeschichte Gottes nicht auf. ———

… Gleichwohl aber singt Miriam! Gleichwohl tanzen die nicht-ertrunkenen und nicht-gefassten und nicht-geschändeten und nicht-verwitweten Frauen am Gestade der Freiheit den Reigen, mit dem die Bibel und alles, was aus ihr jemals folgen soll, beginnt.

Doch wie nüchtern ihr Lied ist! Anders als das im Text des Buches Exodus heute vorangestellte Lied des Mose (vgl.2.Mose,15, 1-18): Da haben wir einen Hymnus, der wie alle Poesie Gefühle und Stimmungen erregt, voller Schauder, Erhabenheit und Ekstase.

… Dagegen das Ur-Lied: Rein und schmucklos. Ehrfürchtiges Tatsachenbekenntnis.

„Der HERR ist hoch erhaben. ER hat Ross und Reiter ins Meer gestürzt.“

Das ist die Botschaft.

Keine Deutung.

Keine emotionalen Werte.

Kein seelisches Spiegeln der menschlichen Beteiligung.

Bloß objektiver Gottesruhm. ———

Eine wunderbare, tiefe Betrachtung dieses völlig zurückgenommenen, ganz auf seine Kunde, gar nicht auf seine Kunst konzentrierten Liedes, verbindet seine spröde Sachlichkeit mit einem rabbinischen Prinzip, das man meditieren muss[ii]:

- Alle Wirkungen sehnen sich zurück nach ihrer Ursache.

- Kein Ereignis will etwas anderes, als seinen Auslöser zu bestätigen und zu verherrlichen.

Wenn Miriam auf diese Weise ihre Stimme erhebt – als eine Folge, die notwendig und ausschließlich zurück zur Ursache führt –, dann singt sie von Gottes Tat bloß mit dem einen Ziel, Ihn zu erheben. Andere Motive scheiden aus.

Botin Gottes. Miriam, die Prophetin. Mehr nicht. Nicht Rache-Priesterin, nicht Tanz-Mariechen, weder Kassandra, noch Jean d’Arc. … Nur Miriam, die Prophetin, durch die es sich mitteilt, dass nichts fest bleibt, was Menschen in ihrem Hochmut oder ihrer Verzweiflung für fest halten, … weil nur Gott bleibt, Er allein.

Miriam, Seine Botin. Mehr nicht … und darin als reine Folge der Einen Ursache: Alles.

 

(Ohne Kippah:) Und damit stehen wir wieder unter dem Kreuz.

Nein, nicht mehr nur dort.

Sondern am jenseitigen Ufer des Schiffbruchs von Golgatha. Am Strand der neuen Welt Gottes, die beginnt, wo das Grab hinter den Botinnen liegt:

… Miriam, Maria, die Mutter. … Maria, der Mutter Schwester. … Maria aus Magdala.

Sie alle wussten als Töchter Israels, als Nachkommen der Tanzenden vom rettenden Ufer, dass in Gottes Gegenwart kein Tod der Tod der Richtigen sein kann, und keine Tat Gottes die falsche Tat sein wird …

Aber wenn der Tod nicht richtig und Gott nicht falsch sein kann, dann muss die Tat aller Taten Gottes darin bestehen, dass durch einen Tod, der ganz falsch ist, sich die ganze Richtigkeit, die Gerechtigkeit Gottes offenbart.

Dann muss es eine endgültige Befreiung aus der Sklaverei des Todes geben, die ohne das Verderben Pharaos, ohne den Untergang ganzer Völker und Kulturen gelingt.

Dann muss der kommende Exodus ein Wunder werden, bei dessen Vollendung Gott kein Leid mehr tragen wird um das Werk Seiner Hände.

Das Ziel muss also ein Ziel frei vom Tod sein, um Gottes Tränen um alle, die sterben mussten, zu stillen. ——

… Ob eine von ihnen das schon am Tag des Todesurteils und der Hinrichtung ahnte?

– Es ist ja durchaus die Frage, was alle Theologie, was aller Glaube uns nutzen mag, wenn unser Liebstes stirbt und unsre Welt zerbricht. Ob wir dann etwas andres wünschen als bloß ein sandiges Grab in Ägypten, wo es wenigstens vorbei wäre und kein Gang in die Tiefe, kein Weg unter Wasser mehr droht? Vielleicht ist es so, dass jeder von uns vor dem direktesten Durchbruch der Rettung die schwärzeste Stunde, den grausigen Abgrund erlebt, ohne zu ahnen, dass die Wasser sich teilen werden und wir stille sein dürfen?!

Vielleicht hat aber wenigstens die Mutter, die eine reine Botin wie Miriam war, auch unter dem Kreuz gehofft:

Ihr musste ja seit dem ersten Augenblick bewusst sein, dass sie eine Folge und ihr Kind die Ursache war. Und dass dieses Kind darum, wenn es sterben sollte – so sehr sie gebangt hat – doch nicht einfach so falsch wie wir alle sterben würde … und damit das Leid Gottes, der selbst Pharao beklagte, unendlich vergrößern. Dass mit ihrem Kind, wenn es untergehen sollte, ein Auszug beginnen würde, wie am Schilfmeer, … ein Auszug aus dem Elend, aus der Gefangenschaft, ein Auszug mitten hindurch durch alles, was das Leben vernichtet, nur dass dieses Mal die Wogen nicht wie Mauern stehen, sondern die Mauern, die Grabnischen und die Steine davor wie Wasser davonfließen und verdampfen werden.   

Sie wird die Miriam-Worte, diese unnachahmlich trockenen Worte am brausenden Meer vielleicht im Herzen getragen haben: „Der HERR ist hoch erhaben …“

… So hoch erhaben, dass alles, was uns zu verschlingen droht, die ganze bodenlose Untiefe, die wir fürchten, vor der wir zittern, einfach zu tief ist, um den Hocherhabenen hinunterzureißen?!

Wer aber würde dann versinken in seinem Untergang? Nicht die Ursache des Lebens.

Sondern das, was dem Leben seine Ursache, seinen Ursinn abstreitet.

Wer würde versinken im Grab dessen, der das Meer teilte? … Kein Sterblicher.

… Sondern der Tod, der seine Herrschaft auf seinem hohen Ross so sicher wähnt. ——

Maria und die Worte der Miriam: Ur-Kunde unseres Glaubens.

Dass der HERR so hoch erhaben ist, dass die Todestiefe Ihn nicht halten konnte.

„Wär’ Er nicht erstanden, so wär’ die Welt vergangen …

… Seit dass Er erstanden ist ……:

Halleluja! Halleluja! Halleluja!“

Amen



[i] Dieser Spruch wird im Talmud zweimal überliefert in Synhedrin 39b (Der Babylonische Talmud, übersetzt v. Lazarus Goldschmidt, Bd. VIII, Frankfurt/M 1996, S. 615) und als Ausspruch Rabbi Jochanans in Megilla 10b, (aaO, Bd. IV, S. 40).

[ii] Höchste Anregung verdankt die Predigt an dieser Stelle der eindringlichen, knappen Auslegung des (Mose- und) Miriam-Liedes unter der Überschrift „A Song of Longing“ durch Rabbi Norman Lamm, die in einem digital zugänglichen Typoskript von 1967 vorliegt, das unbedingt lesenswert ist:

https://archives.yu.edu/gsdl/collect/lammserm/index/assoc/HASH01bb/92cfbd25.dir/doc.pdf

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