Gründonnerstag, 01.04.2021, Stadtkirche, Johannes 13, 1-15,34f, Jonas Marquardt

 

Predigt Kaiserswerth Gründonnerstag - 1.IV.2021                                                                                               

             Johannes 13, 1-15.34f

Liebe Gemeinde!

Fangen wir hart an … in dieser neurotisch-empfindlichen und planlosen Zeit:

Die evangelische Kirche ist dement. … Sie hat das „Gedächtnis“ verloren.

Dabei hat der Herr es doch gestiftet, damit es die Seinen orientiere, damit es sie begleite und ihnen in Fleisch und Blut übergehe als helfende, ordnende, steuernde Anwesenheit, als die zuverlässige Quelle aller menschlichen, täglichen, auch unbewussten Entscheidungen, Übungen und Wiederholungen, die das Leben fordert und die gelingen, wenn die tiefe Kraft strömt, die uns in der Fülle der Erfahrungen und Begegnungen des Daseins etwas wiedererkennen und dann richtig wählen lässt, die uns also sicher und souverän macht.

Dazu ist das Gedächtnis da: Der Speicher des Lebens, in dem Vergangenheit zum Augen-blick wird und Perspektiven noch bis an’s Ende unserer Tage schenkt.

„Er hat ein Gedächtnis gestiftet seiner Wunder, der gnädige und barmherzige HERR!“ (Ps.111,4). So beten wir an jedem Gründonnerstag mit dem unvergesslich sinnstiftenden Psalmwort.

Das Gedächtnis, … das erlösende Geheimnis der Erinnerung, des Gedenkens, von dem die hebräische Bibel und die jüdischen Geschwister in allen ihren geistigen, praktischen, rituellen Vollzügen leben. Das Gedächtnis, … die memoria, über deren intellektuelle und emotionale Aufklärungskraft der Kirchenvater Augustinus mit unvergleichlicher Schärfe und Staunen und Andacht so fruchtbar meditiert hat, dass Philosophie, Psychologie und Theologie bis heute daraus schöpfen. Das Gedächtnis, … der Seelenhort der Individualität, den wir heute weniger füllen und häufiger technisch auslagern und doch so existentiell vermissen, wenn er im Laufe langen Lebens abnimmt und sich auflöst. …….

Das gestiftete, das lebenswichtige Gedächtnis der Kirche ist das Abendmahl: Kein anderes Organ, kein anderes Medium vermag dem Körper der Kirche und allen ihren Gliedern das zu schenken, was in Brot und Wein eben nicht bloß Gehör und Gehirn – also die kognitiven Kanäle – erreicht, sondern das Gemüt, die Geschmacksnerven und den Gleichgewichtssinn von Leib und Geist erfasst … das vegetative System also, die Kreatürlichkeit des Menschen schlechthin.

Wo wir das Abendmahl feiern, ist das Leben Jesu Christi - des Hauptes - dem ganzen Körper am gegenwärtigsten, weil beides - Seele und Sinne - berührt und durch die Gedächtnisgegenwart, die Geistesgegenwart im Fleisch vom Heil erfüllt werden. ——

… Und dieses Wunder aktiver Durchblutung und pulsierender Christuswirklichkeit in uns Christen vergisst unsere Kirche je länger, desto folgenreicher.

Die Schusseligkeit, das Nicht-Wahrhabenwollen, dass man Wichtiges nicht mehr richtig wiederfindet und der daraus folgende Trotz, dass man es ohnehin nur selten wirklich brauchte, sind lange schon uns vertraute Erscheinungen des evangelischen Abendmahls(un)verständnisses:

Es fing an mit der Reformation, die das Gedächtnis nicht verlieren, sondern von der Bevormundung der als alt Empfundenen befreien wollte. Doch bei dieser Emanzipation geschah, was wir in unserer Gegenwart akut beobachten können: Wenn Gemeinsames - auch aus notwendigen Gründen - aufgegeben wird, folgt die Zersplitterung in vielfache Einzelsichtweisen. Wie dabei aber das kollektive Gedächtnis in lauter mehr oder minder private Ausschnitte, Vorlieben und Korrekturen zerfällt, kann man an den Abendmahlsstreitigkeiten und nach deren Abflauen an der zunehmenden Abendmahlsdämmerung in den protestantischen Konfessionen beobachten. Erst noch in persönlicher, dann bloß in konventioneller Pietät gepflegt, ist das Abendmahl mit der Zeit für die mündige Christenheit unverständlich, … befremdlich, … entbehrlich, … gleichgültig geworden.

Ihr Gedächtnis und ihr Mund merken es nicht mehr, wie leer sie allmählich sind, … wie unbelebt, wie abgestorben.

In den Monaten seit dem vergangenen Gründonnerstag ist mir nur hier und da noch ein Aufflackern der Erinnerung an das, was man nicht mehr regelmäßig zu feiern wusste, begegnet. Gewiss … wann immer wir es hier in der Kirche erleben durften, dass wir trotz aller Abgewöhnung das Gedächtnis Jesu Christi im Abendmahl ganz frisch an Leib und Geist erfahren konnten, da war eine so gesammelte, so greifbar ergriffene Dankbarkeit, wie sie zu erwarten ist, wenn die verschütteten Gestalten wiederkehren, wenn aus dem Vergessenen plötzlich wieder direkte Wirklichkeit wird.

… Aber hat die evangelische Kirche gemeinsam und vernehmlich nach der Feier des Sakraments verlangt?

Gab es Hunger bei uns zulande nach jener Gegenwart Gottes, des Sohnes, die nicht vermittelt, nicht medial, sondern unmittelbar Gemeinschaft seines Leibes und Blutes (vgl.1.Kor10,16) in unserer direkten Leiblichkeit ist? ——

Dabei hätte gerade unsere Kirche – der das priesterliche Tun Jesu in der Danksagung, der „Eucharistie“ bei der Einsetzung des Passaritus zu seinem Gedächtnis unheimlich ist – einen genuin protestantischen Grund, das Abendmahl ernst zu nehmen, wann immer wir den Bericht des Johannes von der Fußwaschung hören.

Diese Fußwaschung, die nicht das Abendmahl, sondern seine konkrete, unmissverständliche Darstellung und Begründung ist, … diese Fußwaschung ist eine so typisch prophetische Zeichenhandlung, wie sie Jesus mit dieser Tragweite ein einziges Mal vollzogen hat.

Keine andere Tat sonst zeigt uns jedenfalls  das prophetische Amt Jesu - das die reformatorische Theologie besonders liebte - so sprechend und einleuchtend, so einprägsam und elementar wie dieser einfache Ausdruck der zu jedem Dienst und jeder Demut bereiten Liebe.  

Die Propheten Israels vollzogen solche Taten, solche von ihnen selber ausgeübten und erlittenen lebendigen Symbole als allgemeinverständliche, sinnenfällige Vorwegnahmen und Unter-streichungen, als Illustrationen und physische Vergegenständlichungen ihrer Botschaft oft.

Hoseas ganzes Leben und Wesen etwa war von symbolischen Handlungen zerfleischt (vgl. Hos1+3): Ihm wurde wiederholt aufgegeben eine Prostituierte heiraten, um die Drastik der gestörten Bundesbeziehung zwischen Gott und Seinem Volk zu demonstrieren, und die Kinder dieser Ehe versinnbildlichten nach Herkunft und Namen die Spannungen zwischen Liebe und Verrat noch biographischer. Hesekiel wiederum – der priesterliche Mystiker unter den Propheten – wurde zu überspannten, exzessiven Zwangshandlungen getrieben, die in psychosomatischen Tabubrüchen die traumatischen Folgen der Abwendung von Gott konkretisierten (vgl. Hes.3f+24,15ff). Jeremias persönliche Passionsgeschichte wurde von teils öffentlichen, teils verborgenen Inszenierungen unterstrichen (vgl. Jer13+19), die ihn als leibhaftiges Zeichen dessen auswiesen, was er weissagte, …  z.B. wenn er die Drohung von Frohn und Exil durch das absurde Herumtragen eines Joches vor den Augen der Tempelgemeinde unübersehbar machen sollte.

Solche Sprache der Tatsachen, der lebenden Bilder, der persönlichen Verschmelzung mit der eigenen Verkündigung gebrauchten die Propheten, um ihre Sendung zu beglaubigen.

Solche klare Sprache überraschend eindeutiger Tatsachen spricht auch die Fußwaschung, in der Jesus zu seinem eigenen Propheten wird, dessen Auftrag mit seinem Auftritt einswird.

Jesus ist – so zeigt es die Zeichenhandlung vor dem Beginn des Passmahles – die Hingabe.

Jesus ist durch seinen Todes- und Erhöhungsweg zum Vater persongewordener Dienst, er ist personifizierte Wohltat.

Weil er es ist, der die Seinen reinigt. Weil er es ist, der durch sein Zuvorkommen den Seinen reichlich Anteil gibt an dem, was er für sie tun will.

Weil er bewusst seinen Weg wählt und keinen Widerspruch dagegen duldet.

Dass diese bewusste Wahl sich gerade in der Fußwaschung unverkennbar ausdrückt, zeigt nicht zuletzt der Widerstand, den Petrus sofort erhebt.

Die typische Sklavenaufgabe, die Jesus sich mit solcher majestätischen Selbstverständlichkeit aneignet, indem er sich halb entkleidet und das Handtuch wie eine Schürze um seine Hüften knotet, war nämlich schlicht ein praktizierter Skandal: Nach rabbinischem Recht durfte man von einem jüdischen Sklaven einen derart entwürdigenden Dienst nicht in Anspruch nehmen.

Was Jesus also demonstriert ist seine unzweideutige, eigene Entscheidung zu vollständiger Demütigung und völliger Erniedrigung, … einer Demütigung, deren Zweck darin zu finden ist, dass sie anderen so unmittelbar zugutekommt wie er sie vollzieht. ——

… Dieses sich selbst auslegende Zeichen also empfindet Petrus sofort mit der Empfindlichkeit eines evangelischen Theologen, der bestimmte Standards menschlicher Selbstbestimmung nicht unterschreiten lässt. Er sträubt sich gegen eine Geste, die eine so vollständige Selbsthingabe bezeichnet.

Doch eben die Totalität, die Wirklichkeit dessen, was Jesus aus freien Stücken leisten will, spricht aus der schlichten Symbolhandlung, die Johannes unter die grandiose Überschrift setzt: „Wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende.“

Eine Tat vorbehaltloser Liebe also wird mit dieser Deutung eingeleitet, und die so gedeutete Liebe, die sich im Tisch- und Sklavendienst realisiert, ist ihrerseits volle und gültige Interpretation dessen, was in der Passafeier, im Abendmahl besiegelt und im Anschluss daran durch die Ereignisse der Nacht von Gethsemane und des Morgens auf dem Steinpflaster von Gabbata und dann bis zum bitteren Ende des Tages auf Golgatha vollzogen wird.

Jesu reiner Dienst an den Jüngern erschließt auf der Tat-Ebene die Bedeutung des feierlichen Mahles, das seinerseits in Fleisch und Blut den Sinn des Leidens und Sterbens Jesu vermittelt. ———

Alle drei Ebenen des Gedächtnisses sind also organisch verknüpft: Was einst geschah, wie es in Erinnerung bleibt und was das Gedenken daran bewirkt.

Was geschah? – Jesu Blutvergießen und Lebenshingabe am Kreuz.

Wie es uns in Erinnerung bleibt? – Durch die Zeichenhandlung der Fußwaschung als frei gewählte, radikale Entscheidung Jesu, die Seinen hingebungsvoll bis ins Letzte, … ins Leid, … in den Tod zu lieben.

Was solche Erinnerung, solches Gedenken auslöst? – Die tatsächliche, lebendige Vermittlung des Leibes und Lebens, die Jesus aus Liebe einsetzt, auch an uns jetzt, in unserer Gegenwart, damit sie durch das Abendmahl in unserm Leib und unserm Leben wirksam seien.

Uns begegnen also Vergangenheit, Vergegenwärtigung und künftige Verlebendigung im Abendmahl, … Ereignis, Sinn und Segen.

Vollkommener und vollständiger können wir nicht mit Jesus, kann er nicht mit uns verbunden sein, als indem wir leibhaftig in seine Entscheidung, seinen Willen einbezogen werden, sich selbst als das Leben für andere einzusetzen, darzubringen, dahinzugeben. 

Welch’ eine Liebe! Welche überwältigende Konsequenz! Worte können nicht beschreiben, Bilder nicht wiedergeben, Musik nicht ausdrücken, dass diese damalige und einmalige Bereitschaft Jesu uns zu helfen, uns zu erfüllen, unser Leben, unsere Hoffnung, unser Heil zu sein, hier und heute gültig und wirklich ist.

Man kann es nur erfahren, nur „schmecken und sehen“, wie der Psalm (Ps.34,9) es mit den beiden intensivsten biblischen Ausdrücken für Wahrnehmungen sagt, die die Sinne dem Sitz der Erkenntnis vermitteln.

Jesu Liebe durch den Empfang seines Lebens in Brot und Wein tatsächlich zu er„leben“ – unser anderes deutsche Wort für Erfahrungen ist ja noch stärker –, bleibt die Möglichkeit, durch die Christinnen und Christen, durch die die Kirche bei Trost sein kann, die Möglichkeit in planloser und schmerzlicher Zeit das Gedächtnis, das Orientierung und Sicherheit gibt, nicht zu verlieren. ——

Es ist ein Jammer, dass wir das Abendmahl nur zu wenigen feiern können, dass wir aus Vor- und Rücksicht vielleicht länger noch verständlichen Verzicht darauf üben müssen.

Aber an uns sollte es nicht liegen. Als die bis zum Ende, als die final Geliebten wollen auch wir lieben, … ihn und einander, in gegenwärtiger Wirklichkeit.

Denn das ist das alt-neue Gebot an die, die von Jesus leben: Lieben.

Doch es speist sich nicht aus Theorien oder Imperativen, sondern daraus, dass er uns zuerst geliebt hat (1.Joh4,19)!

Das empfangen und erfahren wir im Abendmahl, das durch die radikale Zeichenhandlung der restlos sich einsetzenden Liebe gedeutet wird und uns den Gekreuzigten lebendig schenkt.

So erfüllt sich tatsächlich der uralte Vers – Bernhard von Clairvaux zugeschrieben – der das Thema unserer Tage - Abstand oder Präsenz – vorwegnimmt:

 

Iesu dulcis memoria,

dans vera cordis gaudia:

sed super mel et omnia,

eius dulcis præsentia.

 

Jesu wunderbares Gedächtnis

gibt dem Herzen wahre Freude,

aber über Honig und alles andere weit hinaus

geht seine köstliche Gegenwart.

 

Amen.



Vgl. die Belege in: Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch, hgg. v. H.L.Strack und P.Billerbeck, 2.Bd., München 19746, S.557.

Der Text z.B.in: Die kirchlichen Hymnen und Sequenzen. Deutsche Nachdichtungen mit den lateinischen Texten. Mit Einleitung und Anmerkungen hhg. v. O. Hellinghaus, Mönchengladbach 1926, S. 153. Ob je ein schöneres geistliches Gedicht verfasst wurde?

 

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