Darstellung Jesu im Tempel, 02.02.2021, Stadtkirche, Lukas 2, 22-40, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Darstellung des Herrn - 2.II.2021                                                                                     

                     Lukas 2, 22-40

Liebe Gemeinde!

Eine ganz regelrechte „Quarantäne“ haben wir seit Weihnachten nun hinter uns: Vierzig Tage, fast anderthalb Monde, die vergingen, seit die westliche Christenheit die Geburt des Herrn feierte. … Und nun, nachdem unter mehr als trüben winterlichen Verhältnissen ein Neuntel eines Sonnenjahres verstrichen ist, … nun will auch Jerusalem endlich feiern!

Denn darum geht es beim heutigen, erst vor Kurzem in’s evangelische Kirchenjahr zurückgekehrten Fest[i]: Die christliche Gemeinde von Jerusalem, die sich immerhin als Mutter der Kirche fühlen durfte, tat sich schwer, dass das Urereignis in jedem Jahr des Herrn außerhalb ihrer Mauern, 10 Kilometer Richtung Süden seinen festen, feierlichen, hochheiligen Ort hatte.

Weil aber an der Lokalisierung von Weihnachten in der Kirche über der Bethlehemer Grotte weder zu zweifeln noch zu rütteln war, konnte die Mutterkirche im Heiligen Land von Glück sagen, dass die Geburt eines Kindes, erst recht eines männlichen Erstgeborenen nach biblischem Gesetz tatsächlich noch Handlungen im Herzen Israels vorsah: Die Darbringung einer Dank- und Reinigungsgabe am Heiligtum für die aus dem Wochenbett kommende Mutter und die Auslösung des ersten Sohnes am Tempel, der nach uralter Überlieferung von Rechts wegen als Eigentum Gottes zu betrachten war.

Neugeborenes und Wöchnerin sollten also zusammen die Pilgerfahrt nach Jerusalem antreten, so dass die außerordentlichen, völlig kreatürlichen und doch auch tief persönlichen Erfahrungen von Wehen und Geborensein, Mutterschaft und Kindheit ihren Ort nicht nur im Einzelleben, sondern im geheiligten Raum der Gemeinschaft erhielten.

Und weil die Jungfrau und ihr Sohn diesen Weg zu Gott wie alle jüdischen Mütter und Kinder gingen, konnte der Patriarch von Jerusalem im 4.Jahrhundert mit Fug und Recht den Tag am Schluss der Weihnachtsquarantäne, den Tag, mit dem Weihnachten einmal durch das ganze menschliche System hindurchgegangen ist, als hohes Fest auf Zion einsetzen: Mit einer Lichterprozession von den Toren der Jerusalemer Stadtmauer durch die Straßen und in alle ihre Kirchen: Christus – das Licht zu erleuchten die Heiden und zum Preis des Volkes IsraelChristus kehrt zu seiner Darbringung und zur Reinigung Mariens zum ersten Mal im Kreislauf eines Jahres in der Stadt Gottes ein. Christus kommt an’s Ziel: Das war die sinnenfällige Botschaft, mit der die christliche Gemeinde der spätrömischen Jahrhunderte das Fackeln- und Kerzenfest, das man im Rheinland als „Lichtmess“ kennt, in Jerusalem beging. Christus kommt an’s Ziel, schon als Säugling, noch vor allen Taten und Leiden, noch vor Flucht und Verborgenheit, noch vor Wanderschaft und Offenbarung.

Christus kehrt heim zu seinem Vater, in Dessen Haus er sein muss. ——

Eine solche Zionszentrierung unseres Kirchenjahres und unserer Liturgie ist uns heute reichlich fremd; doch bleibt es nötig, uns zu erinnern, dass nichts an unserem Glauben und auch keines unserer Feste unter nördlichem Himmel oder in abstrakter Entfernung zu halb märchenhaften, poetischen Orten der Vorzeit begonnen hat, sondern mitten drin, in echter, auch räumlicher Vertrautheit mit und Kontinuität zu den biblischen Ereignissen.

Wir können also der etwas pikierten Jerusalemer Glucke und Mutter der Kompanie nur dankbar sein, dass auch sie etwas vom Glanz und von der Volksfestfreude der Heilandsgeburt haben wollte, die nach Bethlehem gehörte. Denn diese Ortstradition der Heiligen Stadt schenkt uns – 1700 Jahre später und in wahrlich gewandelten Verhältnissen – die Nachweihnacht dieses Abends. Und mit ihr die Bestätigung, dass Christus tatsächlich und konkret an sein Ziel, … dass er zum Vater und gerade damit und dort auch in die Herzen und sogar die Arme der Menschen kommt.  

Zunächst ist die Bewegung vierzig Tage nach Weihnachten nicht anders als jene am vierzigsten nachösterlichen Tag. Darbringung und Himmelfahrt weisen und führen in die selbe Richtung: Christus muss – wie er es zwölfjährig selber gesagt hat – sein in dem, was seines Vaters ist (vgl. Lk2,49). Er gehört in das Heiligtum, in die Heimat, in das himmlische Reich Gottes!

Christus und der Vater: Unmöglich, sie voneinander-, unmöglich sie auseinander zu halten. Wo der eine ist, gehört auch der andere hin. Ihr Daseinsraum, ihre Existenzweise zeigen sich bei der Darbringung des neugeborenen Kindes und der Auffahrt des aus dem Reich der Toten wiedergeborenen Mannes als identisch.

Alle Wege Jesu sind Jerusalems- und also Himmelswege: Wege zur Einkehr in Gottes Gegenwart, … Wege zur Einheit mit Gott.

Doch gerade der erste dieser Gotteswege Jesu, der erste dieser Heimkehrwege des Gotteskindes von Bethlehem zeigt uns – gottlob! – auch ganz leuchtend und wärmend, dass es nicht um Abstand, nicht um soziale Distanz, nicht um Geschiedenheit von uns Menschen geht, wenn der Sohn in das Leben des Vaters eingeht, sondern im Gegenteil:

In Jerusalem, im Haus Gottes steht doch die wartende Menschheit, ergraut vielleicht, viel-leicht kopfschüttelnd belächelt und für lebensuntauglich gehalten in ihrer Sehnsucht danach, dass Gott kommen und sie wieder jung machen möge wie ein Adler.

Über Simeon, den kurzatmigen Todeskandidaten und über Hanna, die schrullige Alte, über diese beiden Vertreter einer aus der Zeit gefallenen Erwartung, dass Gott wirklich und dass er sogar im eigenen Dasein wichtig sein könne, wird man gelächelt haben und sich an die Stirn getippt. Über ihre Einfalt, ihre greisenhafte Sturheit, ihre Demenz, die Dinge wahrnimmt – für „wahr“ nimmt –, die alle anderen weder sehen noch hören können.

… Die armen Altchen. Trottelig wieder geworden wie die Kinder. ———

Aber jeder, der jemals das Fest der Darbringung des Herrn gefeiert hat, … jeder, der wie die Kirche es seit Jahrhunderten tut und ich es jedem unter uns nur herzlich empfehlen kann, seinen Tag beschließt mit dem kurzen, herrlichen Lobgesang des Simeon, … jeder, der weiß, was diesen beiden unbeirrbaren Gotteserhoffern, Heilsherbeiwartern, lebensverlängernd Lebensverlangenden widerfahren ist, kann doch nur heute und immer wieder an die großen alten Wartenden denken und sagen (Ps.84,11): „Lieber will ich die Tür hüten in meines Gottes Haus, als wohnen in der Gottlosen Hütten.“

Denn ihre Erwartung ist in Erfüllung gegangen: Vor allen anderen Taten oder Leiden, vor aller Herrlichkeit und allen Schrecken seines ganzen Weges ist das neugeborene Jesulein einfach und unmittelbar ihnen geschickt worden, damit sie getröstet, damit sie gerüstet, damit sie im Frieden seien!

Herz, was willst Du mehr?

Seele, was suchst du wohl noch?

Mensch, was kannst Du anderes hoffen, als es diesen beiden widerfahren ist?

Den Heiland sehen und sterben. Sterben und den Heiland sehen: Nicht umsonst steht das am Anfang des Evangeliums. Nicht umsonst ist das das erste Geschenk, das das Kind aus der Krippe in die Welt bringt: Der alles andere übersteigende Friede des Herrn strahlt und strömt aus, seit die beiden Alten das kleine Kind auf Erden begrüßen und herzen durften.

Man muss nicht, … vielleicht sollte man auch gar nicht Theologie studiert oder des Pudels Kern oder den Code zum Entriegeln der großen Sinnmaschine des Universums gesucht haben, um das zu erfassen, was da geschieht: Ein Menschenleben ist erschienen, ein einfaches, echtes, gewöhnliches Menschenleben, und auch wenn es seine junge Mutter gewiss erschreckt haben muss, … sie wird nicht bloß hilflos zugesehen, nein, sie wird mit ihrem großen „Ja“ verstanden haben, warum dieses kleine, unscheinbare, welttröstende Menschenleben in zwei alte Arme gelegt werden musste: Dieses Menschenleben ist erschienen denen, die da sitzen in Finsternis und Schatten des Todes (vgl.Lk.1,79).

Und wer dieses Menschenleben empfängt, so wie sie – Maria – es empfangen hat, der kann nur noch singen wie sie, singen wie der selige alte Mann (vgl. Lk1,46ff + 2, 29ff):

 

„NUNC MAGNIFICAT[ii]

– Jetzt erhebt meine Seele den Herrn,

denn meine Augen haben den Heiland gesehen,

und er hat große Dinge an mir getan

und mich den Frieden finden lassen,

weil er die Niedrigen erhebt

und allen Völkern das Licht bringt,

weil er Abraham und Israel

und Simeon und Hanna

und alle Heiden und alle Müden,

alle Zweifler und alle Verzweifelten,

alle Kämpfenden und alle Wartenden,

alle Hoffenden und alle ohne Hoffnung

in diesem Kind, in diesem Menschenkind hält und erhellt

und niemand je wieder außerhalb dieses Lebens sterben,

niemand je wieder ohne dieses Menschenkind leben wird!“

 

Es ist so schlicht, es ist so einfach … dieses unendliche Geschenk der Darbringung des Herrn.

Man kann es verstehen, wenn man es bloß sieht, und man wird darüber hinaus nicht klüger, wenn man es auch noch so oft durchdenkt und durchdreht: Dieses Menschenleben, das da am Ort Gottes ist, dieses Menschenleben, das zu Gott gehört und das gerade darum in die ausgebreiteten Arme eines Fremden gelegt wird, ist das Ziel jedes Weges, ist der Sinn aller Dinge. ———

Die orthodoxe Kirche, die in der Tradition der Jerusalemer Anfänge das Fest dieses Tages als das „Fest der Begegnung“ zwischen dem Christuskind und der Menschheit feiert, wacht in ihrer Ikonentheologie eifersüchtig über das Mysterium der Fleischwerdung, das alles zudringliche Begreifen und plumpe Betasten übersteigt. Orthodoxen Christen ist darum vieles von unserer rührseligen und berührseligen Weise, uns Weihnachten zu nähern, verdächtig … läppisch, oberflächlich vielleicht. Einfach einen Stall, eine Landschaft nachzubauen, in denen wir uns die Geburt und Wirklichkeit Christi sizilianisch oder alpenländisch oder rheinisch vergegenwärtigen und einbilden, zu Weihnachten gehörten eben das Maskottchen unseres Lieblingssports oder die Mülllabfuhr unserer Stadtwerke dazu[iii] – wie es an traditionsreichen Krippen in Köln der Fall ist –, würde den Christen des Ostens und des Orients furchtbar widerstreben. Für sie ist es ganz unsinnig und unvorstellbar, ja lästerlich den fleischgewordenen Sohn des Vaters so unbekümmert einfach in Beschlag und Besitz zu nehmen, weshalb auf den Bildern, die sie kennen, eigentlich nur die Mutter – die Gottesmutter, wie es die Kirche in Ost und West seit dem 5. Jahrhundert bekennt[iv]! – das Kind hält und berührt.

Doch das heutige „Fest der Begegnung“ – bei dem auch wir jetzt keine malerische Krippe mehr vor Augen haben, sondern vor allem das reine Licht, das in diesen Tagen am Himmel nun wieder so eindeutig zunimmt und wächst – … das heutige Begegnungsfest also bringt allerdings die Ausnahme auf den Ikonen: Simeon, der das Menschenkind voller Gottesleben, das Gotteskind in seiner Menschenwirklichkeit im Haus des Vaters begrüßt, er darf es auch ehrfürchtig und selbst überschwänglich berührt halten. Er darf dies Kostbarkeit dieses Lebens, das Gottes ist, auf den Händen tragen. Und heißt darum: „Simeon, der Gottesempfänger“.

Denn er zeigt und verkörpert es für uns alle:

Christus, der da ist, wo sein Vater ist, kommt an’s Ziel!

Wenn wir ihn – den Glanz, den die Augen unseres Herzens auch da schauen, wo kein Weihnachtslicht mehr brennt – … wenn wir ihn mit den Augen der Seele, den Armen des Glaubens, der Empfänglichkeit unseres Herzens fassen, dann ist er wirklich angekommen: Christus bei Gott, Christus bei uns.

Christus, in dem die Verbindung besteht, … das Licht, das die Heiden heimführt nach Jerusalem, zum Preis Israels, in das Reich, in die Gegenwart, in das Leben des Vaters.

Amen.


[i] Zur Wiederaufnahme des Festes der „Darstellung Jesu im Tempel (Lichtmess)“ in das von der Liturgischen Konferenz der EKD 2018 herausgegebene Perikopenbuch (dazu aaO S. XXVf) heißt es auf den kommentierenden Seiten zwischen S. 568 und 569: „Im protestantischen Bereich ist der Gedenktag kaum verankert. Mit der jüngsten Perikopenrevision hat er allerdings auch im evangelischen Kirchenjahreskalender seine Funktion als Schwelle zwischen der weihnachtlich geprägten Epiphaniaszeit und die Kar- und Ostertage ankündigenden Vorpassionszeit zurückerhalten.“ AaO auch einiges zur liturgiegeschichtlichen Einordnung des Tages. Vgl. dazu außerdem: Karl-Heinrich Bieritz, Das Kirchenjahr. Feste, Gedenk- und Feiertage in Geschichte und Gegenwart, München 19882, S.207ff.    

[ii] Das „Magnificat“ - der Lobgesang Mariens - ist seit jeher der Vesper zugeordnet und das „Nunc dimittis“ - Simeons Lobgesang - der Komplet: Die Abend- und Nachtgebete der Kirche sind also zugleich Gebete aus dem Kindheitsevangelium und darum voller Lebensbejahung, zu der auch die Bejahung des Sterbens gehört, das dem Leben keinen endgültigen Abbruch mehr tun kann.  

[iii] So zu sehen an den Krippen von St.Maria im Kapitol und des Doms zu Köln!

[iv] Dies einer der wichtigsten Beschlüsse des dritten ökumenischen Konzils der alten Kirche, das 431 in Ephesus zusammentrat und im Streit verschiedener Schulen der Schriftauslegung u.a. feststellte, dass Maria „Theotokos“ - „Gottesgebärerin“ - zu nennen sei, um die Konsequenz der vorhergegangenen Konzilien zur christologischen Zwei-Naturen-Lehre ausdrücklich zu benennen. Das III. ökumenische Konzil gehört zu denen, die auch in den Bekenntnissen der reformatorischen Kirchen allgemein anerkannt worden sind.

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