3.n.Epiphanias, 24.01.2021, Mt.25,34-46, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann

Liebe Schwestern und Brüder,

welche Überschriften die Historiker einmal dem gerade begonnenen Jahr 2021 geben werden, mit welchen Themen es in den Geschichtsbüchern auftauchen wird, das wissen wir heute noch nicht. Ob es das Jahr des Impfsieges über die erste Pandemie des 21.Jahrhunderts sein wird ... keine Ahnung. Aber es wäre schön, wenn es für uns zu einem Jahr der Barmherzigkeit wird - inspiriert von der Jahreslosung „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist." Barmherzigkeit, ein altes, aber keineswegs antiquiertes Wort, ein Wort voller Schätze, die verborgen sind und entdeckt werden wollen.

Ich möchte Sie heute auf eine solche Schatzsuche mitnehmen.

Sie kennen sicher alle die Redewendung von den „Sieben Werken der Barmherzigkeit". Der biblische Bezug findet sich im Matthäusevangelium im Gleichnis vom großen Weltgericht (Mt.25,34-46). In diesem Gleichnis macht Jesus deutlich: ob der Mensch seine Seele, seine Menschlichkeit rettet, das entscheidet sich daran, wie er sich gegenüber den Ärmsten der Armen, gegenüber denjenigen, die ganz unten sind, verhält, mit denen Jesus sich identifiziert: alles entscheidet sich daran, ob einer die Hungernden gespeist, den Durstigen zu trinken gegeben, die Nackten bekleidet, die Fremden aufgenommen, die Kranken und die Gefangenen besucht hat. Wer genau nachgehalten hat, wird festgestellt haben, dass das nur 6 Werke der Barmherzigkeit sind. Nun, die mittelalterliche Tradition hat mit Bezug auf das Buch Tobit (Tob.1,17-20) noch ein Werk hinzugefügt: die Toten bestatten - was gerade in Krisenzeiten wie während der großen Seuchenzüge der Pest, aber auch in Kriegs- und Nachkriegszeiten alles andere als selbstverständlich war, wo jeder nur an sich dachte, an seine Sicherheit, an sein Überleben. Es hat Bruderschaften und Orden gegeben, die sich gerade diesem Dienst der Barmherzigkeit gewidmet haben.

Bei manchen Beerdigungen, den sogenannten Sozialbeerdigungen, wo der Verstorbene mittellos ist, es oft keine Angehörigen gibt und auch keine Bekannten und Freunde und ich als Pfarrerin alleine hinter dem Sarg aus rohem Fichtenholz hergehe, da habe ich mir immer wieder gedacht: wir bräuchten sie dringend auch in unserer Zeit, solche Bruder- oder Schwesternschaften, Menschen, die wenigstens mit dem Geistlichen zusammen am Grab ein Vaterunser beten.

Die Hungernden speisen, den Durstigen zu trinken geben, die Nackten bekleiden, die Fremden aufnahmen, die Kranken besuchen, die Gefangenen besuchen, die Toten begraben - Werke der Barmherzigkeit.

Im 14.Jahrhundert wurden diesen 7 leiblichen Werken der Barmherzigkeit noch weitere 7 geistliche Werke der Barmherzigkeit an die Seite gestellt:

-        Die Unwissenden lehren

-        Die Zweifelnden beraten

-        Die Trauernden trösten

-        Die Sünder zurechtweisen

-        Den Beleidigern gerne verzeihen

-        Die Lästigen geduldig ertragen

-        Für die Lebenden und Verstorbenen beten.

So wichtig die leiblichen Werke der Barmherzigkeit sind, so wichtig sind auch die geistlichen Werke, ja sie fordern uns sogar als Einzelne manchmal noch mehr heraus.

Schauen wir uns drei dieser geistlichen Werke einmal etwas näher an.

 

Die Unwissenden lehren:

Bildung, das ist viel mehr als sich Wissen aneignen, um ein Top-Abitur hinzulegen, um studieren zu können und dann Karriere zu machen.

Bildung, das meint Einsichten vermitteln, um die Welt zu verstehen, nicht nur mathematisch-naturwissenschaftlich, sondern als gemeinsame Heimat und Lebensgrundlage aller Lebewesen, heißt Einsicht bekommen, wie alles zusammenhängt, wie wir voneinander abhängig sind und einander brauchen, nicht nur um zu überleben, sondern auch um erfüllt zu leben. Bildung in diesem Sinn betrifft nicht nur den Geist, die kognitiven Fähigkeiten des Menschen, sondern auch sein Herz. Der Apostel Paulus sagt mit recht: Wenn ich alle Erkenntnisse hätte, alles Wissen der Welt und hätte keine Liebe, kein Herz - es würde mir nichts nützen. Ja, es kann mir und allen anderen dann sogar massiv schaden, wie wir spätestens seit der Zündung der ersten Atombombe 1945 wissen.

Die Unwissenden lehren: da geht es nicht nur um Schulpolitik, da sind nicht nur die Kinder im Blick, sondern Menschen aller Altersstufen. Wir haben nie „ausgelernt" und das ist eigentlich wunderbar. Wir können immer noch etwas Neues erfahren, unsere Welt immer besser verstehen lernen, nicht nur biologische und physikalische Zusammenhänge, sondern auch die Hoffnungen und Sehnsüchte der Menschen anderer Religionen und Kulturen, ihre Einsichten, die sie in ihren heiligen Schriften und religiösen Traditionen festgehalten haben - Gottes geliebte Kinder wie wir.

Bildung heute hat vor allen Dingen die Aufgabe, den Menschen Wertschätzung anderen Kulturen gegenüber zu vermitteln, die Liebe zur Schöpfung, zur Natur und all ihren Geschöpfen, die demütige Einsicht in unsere Grenzen, die Bereitschaft, es sich in diesen Grenzen genügen zu lassen - nicht als Zumutung, sondern als Zukunft eröffnenden Segen.

 

Instrumentalmusik

 

Die Sünder zurechtweisen:

Dieses vierte geistliche Werk der Barmherzigkeit klingt oberlehrerhaft. Oft haben Menschen gelitten unter den Zurechtweisungen der kirchlichen Oberlehrer. Noch im letzten Jahrhundert haben sie eher die Friedensfreunde zurechtgewiesen als die Kriegslüsternheit, eher die Streikenden als die Blutsauger. Tanz und Kinobesuche wurden zur Sünde erklärt, die Lektüre gesellschaftskritischer Bücher - aber nicht der Größenwahn und die Verschwendungssucht der Herrschenden, die Kolonisation und die Versklavung und Ausbeutung von Millionen Menschen. Da wurde in den Schlafzimmern geschnüffelt und die Menschen von ihrem Glück abgehalten.

Und doch gehört es zur prophetischen Aufgabe einer Kirche in der Nachfolge Jesu, dem Unrecht in den Weg zu treten - also die Blutsauger zurechtzuweisen, diejenigen, die meinen, alles in der Welt sei eine Ware zum Kaufen und Verkaufen, alles sei da, damit man es sich aneignen kann zum eigenen Vorteil und Gewinn: Wohnraum und Ackerflächen, Medikamente und Impfstoffe, Wasser und Urwälder, Tiere und Pflanzen, Mineralien und Rohstoffe - die Arbeitskraft der Menschen und selbst den Sand in der Sahara.

In der Bibel gibt es viele Geschichten von mutigen Propheten, die dem Unrecht im Namen Gottes entgegengetreten sind. Eine steht im 2.Buch Samuel.

König David begehrt Batseba, die Frau seines Feldherrn Uria. Er will sie unbedingt für sich haben und sorgt dafür, dass Uria aus einer Schlacht nicht lebend nach Hause kommt. „Dem Herrn aber missfiel, was David getan hatte", heißt es in Kapitel 11, Vers 27. Gott sendet den Propheten Natan zu David, und der erzählt ihm - wenn auch verschleiert - die Geschichte seiner eigenen Untat. Er erzählt von zwei Männern, einem reichen und einem armen. Der Reiche hatte viele Schafe und Rinder, der Arme nur ein einziges kleines Lamm, das er liebte und nährte. Zum Reichen kam ein Gast, dem er ein Mahl bereiten wollte. Er brachte es aber nicht über sich, von seinen eigenen Schafen und Rindern eines für das Festmahl zu schlachten, sondern er nahm sich das Lamm des Armen. Als er das hört, wird König David zornig und ruft: „Der Mann, der das getan hat, verdient den Tod!" Da antwortet Natan: „Du selbst bist der Mann!"

Seine Sünde ist für den König selbst zunächst nicht erkennbar. Macht scheint sich alles erlauben zu können, ohne dass sie zur Rechenschaft gezogen wird. Macht hat selten ein Unrechtsbewusstsein.

Das ist heute nicht anders. Ein Beispiel: unter den Superreichen hat ein Wettkampf darum begonnen, wer die längste und teuerste Yacht besitzt. Um die 800 Millionen Euro ist schon für ein einziges Boot ausgegeben worden: edles Teakholz, Tapeten aus Reptilienhaut, Liegen aus weißem Kalbsleder, vergoldete Armaturen, Luxuskabinen, 2 Hubschrauberlandeplätze. Auch hier wird munter das Lamm des kleinen Mannes und der kleinen Frau gestohlen, wird das Brot der Armen für den eigenen Luxus verschwendet. Und das Schlimmste: das ungeheure Unrecht wird als Unrecht nicht erkannt. Es maskiert sich als Recht: Es ist doch mein Geld, das habe ich doch verdient und kann damit machen, was ich will - werden Leute wie sie sagen. Diese Menschen handeln damit nicht gegen ihr Gewissen; sie haben kein Gewissen. Es ist ihnen verloren gegangen, begraben unter ihren eigenen Interessen. Das Gewissen orientiert sich nämlich am Interesse der Gemeinschaft.

Liebe Gemeinde, das, was sich bei den Superreichen so klar erkennen lässt, das betrifft aber grundsätzlich auch die Armen und natürlich auch uns Mittelständler. Auch wir laufen permanent Gefahr, unsere eigenen Interessen über die der anderen zu stellen: das jüngste Beispiel - die Impfdosen gegen Covid-19. Da können wir hören: warum gibt es für uns Deutsche nicht viel mehr Impfdosen; schließlich haben doch Deutsche das Mittel erfunden, also haben wir das erste Anrecht. Und ähnlich heißt es anderswo: America first, Britain first. Da ist es bitter nötig, dass Propheten ihre Stimme erheben - seien es Politiker oder Geistliche, Gewerkschafter oder Studentinnen, Wissenschaftler oder Mediziner, dass Menschen ihre Stimme im Namen der Menschheit, im Namen Gottes erheben und zurechtweisen: „Was hast du, Mensch, das du nicht empfangen hättest?" (1.Kor.4,7) Was du hast, das gehört nicht dir, sondern es ist dir geliehen, anvertraut, damit du es einsetzt für das Leben, für alle. Was hast du, was nicht allen anvertraut ist als Gabe des Schöpfers, als Gabe des Lebens? Der Segen liegt nicht auf dem Ich, sondern auf dem Wir. Mir geht es nur gut, wenn es dir gut geht, wenn es uns gut geht. Legen wir alle miteinander und jede und jeder für sich immer wieder unsere Gewissen frei, frei vom Schutt der vielen Ich und Mein und erleben das befreiende Glück von Wir und Unser, können so Verbundenheit und Gemeinschaft erleben, was uns helfen wird, viel besser mit allen Krisen und Gefährdungen, denen unser Leben nun einmal auf dieser Welt ausgesetzt ist, umzugehen und sie zu bestehen.

 

Instrumentalmusik

 

Für die Lebenden und Verstorbenen beten:

Das siebte geistliche Werk der Barmherzigkeit kann leicht missverstanden werden. Es geht nicht darum, dass hier ein gutes Werk getan wird, dass zum Beispiel für Kranke gebetet wird, damit sie gesund werden oder für Verstorbene, dass sie in den Himmel kommen. Wobei ich zugestehen will, dass viele das genauso denken und entsprechend tun.

Für mich hat sich da ein anderes Verständnis aufgetan.

Für andere beten: wenn ich für andere bete, dann heißt das erst einmal, dass ich vor Gott an sie denke, dass ich mit Gott über sie ins Gespräch komme. Mit „unserem" barmherzigen Vater. Ihm kann ich den oder die andere ans Herz legen - mit allen Hoffnungen, die ich für sie oder ihn und auch für mich und damit für uns habe. Vor ihm kann ich auch die Verletzungen benennen, die ich durch den anderen erfahren habe oder die ich ihm zugefügt habe. Geborgen an seinem Herzen kann ich die Verknotungen unserer gemeinsamen Geschichte ansehen und auflösen, auch wenn das oft schmerzliche Erkenntnisse über einen selbst zutage bringt; auf jeden Fall können so neue Einsichten und ein neues Verständnis auch für den anderen Menschen gewonnen werden. So kann sich ein neuer Zugang zu dem anderen auftun, auf jeden Fall aber ein entspannterer Umgang mit ihm - und mit mir selbst.

Und das betrifft auch noch die Verstorbenen. Sie sind ja nicht aus unserem Leben verschwunden. Sie gehören weiter zu uns, zu unserer Geschichte. Sie begleiten uns, ob uns das bewusst ist oder nicht.

Wer für die Verstorbenen betet, der betet immer auch für sich. Auf jeden Fall bringt er sie mit sich ins Gespräch mit Gott. Es tut einfach gut, vor Gott über die gemeinsame Geschichte nachzudenken. In Gottes Gegenwart noch einmal dankbar alles zu erinnern, was gut war. Aber auch das zu benennen und anzusehen, was nicht gut war, wo der andere einem etwas schuldig geblieben ist oder wo man selbst etwas versäumt hat. Wer das vor dem barmherzigen Gott tut, wer sein Herz vor dem Herzen Gottes ausschüttet, nicht nur einmal, sondern immer wieder, manchmal über ein paar Jahre, der kommt heraus aus Bitterkeit und Vorwürfen, der kann alles dem barmherzigen Vater in die Hände legen - im Wissen darum, dass nicht nur der oder die andere auf seine Barmherzigkeit angewiesen ist, sondern auch man selbst - und im Vertrauen darauf, dass Gott auch noch über das Grab hinaus Vergebung und Versöhnung, gegenseitiges Verständnis stiften kann, dass die Bitterkeit aus dem eigenen Herzen weicht und Platz macht für Wehmut und Liebe. Sie können darauf vertrauen: Gott ist auch ein hervorragender Psychotherapeut, ein Heiland der Seele.

Für die Lebenden und Verstorbenen beten, das ist ein geistliches Werk der Barmherzigkeit, das nicht nur dem anderen, sondern immer auch einem selbst zugutekommt.

Probieren Sie es aus. Suchen Sie das Gespräch mit Gott, dem barmherzigen Vater. Bei diesem Psychotherapeuten gibt es keine langen Wartelisten bis zur ersten Sprechstunde. Er ist jederzeit erreichbar.

Amen.

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