Altjahresabend, 31.12.2020, Stadtkirche, Jesus Sirach 1, (18) 22, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Altjahresabend 2020                                                                                                           

     Jesus Sirach 1, 18 (Vulgata: 22) 

Liebe Gemeinde!

… Sollen wir Bilanz ziehen?

Oder ist das nicht das Tagesgeschäft seit Monaten schon, dass wir dieses schön mit der doppelten 20 so symmetrisch, so parallel geordnet daherkommende Jahr vermaledeien und verwerfen, weil es in Wahrheit nun gar nicht einzuordnen, gar nicht ebenmäßig, sondern unrund und chaotisch und voller Brüche ist?!  ….

Doch, wir ziehen Bilanz: Viel zu danken. Viel zu lernen. Viel zu hoffen. Viel zu üben. Viel zu verbessern und viel zu vergessen.

Nur das Eine nicht, das nottut: „Was Er dir Gutes getan hat“ (Ps.103, 2)! ——

Das Jahr, das jetzt leiser, als es seit Jahrzehnten üblich war, Vergangenheit wird, hat niemanden ungerührt lassen können. Der Alltag wurde 2020 zu etwas Köstlichem. Und Selbstverständliches hörte auf verachtet zu sein. Globales durchdrang den eigenen Lebensraum, wie es für Weltbürger, die keine Höhlenmenschen mehr sind, sein muss. Angst und Unverstand, Tapferkeit und Wissenschaft begegneten einander und ihr Ringen dehnte sich aus der öffentlichen Arena bis in jeden einzelnen Zug unseres Denkens und Handelns. Und wir wuchsen über Gewohnheiten hinaus und versagten in einfachsten Herausforderungen. Medizin und Menschlichkeit, nackte Sorge, ungeahnte Langeweile, turbulente Spannung bestimmten in ihrem Durcheinander die Schlagzeilen und die Stundenpläne. Wirkliches oder dessen Ersatz, die Not mit der Nähe, die heiligen Urerfahrungen von Berührung und Gesang: Alles kam auf den Prüfstand, und wenn wir nicht demütig daraus lernen, wovon der Mensch lebt und was ihn zum Menschen macht und weshalb er keine Maschine ist und werden darf, dann käme ebenso eine Zivilisationsfinsternis, wie wenn nach dem Impfen nur der geile Reigen der Hemmungslosigkeit anbräche, den die Soziologen für die wilden Zwanzigerjahren vorhersagen. —

Über dem allen aber wurde die ernsteste Mahnung, die jede Stunde von Neujahr bis Silvester predigt, vielen von uns ungewollt bewusst: Zeitlich sind wir und darum steht nichts fest; sterblich sind wir und also nie sicher. —

Ob aber das Unvorhersehbare und Ungewisse dieser Tage ein Vorbote großer Verdunkelung oder der Aufbruch zu einer vorsichtigeren Weise des In-der-Welt-Seins war, können wir nicht sagen, … gebannt wie wir sind an den jeweiligen Augenblick, der je und je so unterschiedliche Folgen freisetzen kann. ——

Doch gerade bei diesem Eingeständnis, dass die Zeichen der gegenwärtigen Zeit bei aller Eindrücklichkeit keine Eindeutigkeit ergeben, kann uns eine der großen Konstanten der Geistesgeschichte des Glaubens zur Eröffnung klarer Perspektiven werden.

Ich meine ein biblisches, ein jüdisches und christliches Prinzip, das so uralt und so verdrängt ist, dass seine Vergessenheit es beinah schon wieder frisch macht: Es ist der unvordenkliche Grundsatz, dass unsre Erkenntnis und damit aller Sinn, dass sämtliche gültige Wahrheit und jedwede Anwendung unseres Intellektes anhebt und hinzielt auf die Gottesfurcht.

… Da zucken wir. … Und grinsen. „Gottesfurcht“ ist keine geläufige Vokabel des 21.Jahr-hunderts und war es schon seit dem 18. nicht mehr.

Und wenn tatsächlich die logische und technische Vernunft, die wir experimentell entgrenzen und verfeinern, wenn tatsächlich der materielle und der virtuelle Kosmos, die wir entwerfen und gestalten und verschmelzen, unter das Vorzeichen oder in die Perspektive der „Gottesfurcht“ gerückt werden sollen, dann klingt das für die wenigsten von uns noch nach der großen abendländischen Tradition, die von Aristoteles bis Anselm, von Thomas über Erasmus bis zu Kant das Denken ja nicht etwa theologisch unterdrückt, sondern christlich universalisiert und humanisiert hat, … sondern für die allermeisten von uns ist „Gottesfurcht“ eher gleichbedeutend mit der Rückständigkeit, die das Stichwort Scharia hervorruft.

Wie um alles in der Welt sollte also ein so ungeschmeidiger, archaisch-absoluter Begriff wie ausgerechnet „Gottesfurcht“ uns in der komplexen Pluralität und Zufälligkeit unserer Krisen weiterhelfen? Wie viele Fliegen soll die eine Klatsche denn zu unserer Beruhigung treffen?

Doch es war – entgegen landläufiger Meinung – nie naiv, wenn die Frommen Israels und der Kirche in der Gottesfurcht das erste Motiv und das letzte Kriterium unseres Selbst- und Weltbewusstseins fanden.

Es war vielmehr immer schon der alles-entscheidende Vorbehalt vor dem katastrophalen Irrtum, der Mensch sei alles, … einem Irrtum, der entweder in die Hybris, in den Größenwahn führte, als wäre Gott vom Menschen erledigt oder aber zur Resignation, zur Verzweiflung, dass der Mensch von Gott verlassen sei.

„Gottesfurcht“ ist also ein rettendes Korrektiv, das aus der Isolation befreit. Weder Angst, die ja immer tiefer in die Einsamkeit treibt, wie unsere Viren- und also Menschen- und letztlich Lebensfurcht es beweist, noch die Sklavenmentalität, die Nietzsche am Christentum verabscheute, sind das, was im Glauben seit jeher wegweisender Maßstab war.

Eher sollten wir darin das sinnenscharfe Bewusstsein sehen, uns an einer Intention beteiligen zu können, statt uns reiner Willkür auszuliefern.

Wer das aber spürt – dass er selbst als Geschöpf im Entwurf aller Dinge nicht Objekt, sondern Teilhaber ist –, dem gehen Werte und Wunder auf, die sich nicht im Materiellen erschöpfen.

Die Tiefe und Weite des Wirklichen erwachen ja für den, der auf seinem Feld nicht nur zum Täter oder Opfer, sondern zum Zeugen berufen ist.

Wo wir aber eines größeren Forums innewerden, dessen Urteil nicht allein unserem augenblicklichen Nutzen und Lustgewinn gilt, da erfassen wir das Gewissen nicht mehr bloß als überflüssigen Blinddarm oder nutzlose Wolfskralle, sondern als Antenne für die Richtung, die unser eigener Beitrag zum Ganzen nehmen soll.

Und so formt die Einsicht, dass wir nicht Urheber des Alls und auch nicht seine Tyrannen sein können, uns viel mehr zu mündigen Wesen als die vermeintliche Unabhängigkeit gottloser Erfahrung es vermag.

Weit davon entfernt, den Menschen zu knechten, befreit die Gottesfurcht ihn also zur respektvollen Aufmerksamkeit für das Gefüge des Lebens und zur zuversichtlichen Einbindung und Entfaltung seines persönlichen Scherfleins in das Kunstwerk der sinnreich geschaffenen Gesamtheit.

Wollten wir sie also mit unseren Worten beschreiben – die alte Ehrfurcht, die der biblische Glaube immer schon als Grundhaltung und Erkenntnisziel gelehrt hat –, dann müssten wir von ethischer Lebensbejahung oder empathischer Weltverantwortung sprechen, die geborgen sind in einer unverbrüchlichen Gottesbindung. ——

Was aber trägt eine solche Meditation über die jahrtausendelange Überlieferung, die in der Einordnung unter Gottes Willen nicht Beklemmung, sondern Befreiung erfährt, denn noch aus in der Lage, in der wir heute sind?

Sind das nicht doch veraltete Schablonen und unbrauchbare Versatzstücke mitten im schrillen Schwirren von Inzidenzzahlen und im großen Schweigen des Abstandserlebens? Gehört die Gottesfurcht nicht irgendwo in das Archiv der frühen Menschheitsmuster, die heute nicht mehr tragbar sind?

— Salomo, der König vor dreitausend Jahren, als Israel plötzlich selbstbewusst aus dem Schatten der ägyptischen und mesopotamischen Mächte trat, hat der Gottesfurcht doch diese sprichwörtliche Rolle zugewiesen: „Aller Weisheit Anfang“ sei sie, sagte Salomo (vgl. Sprüche 1,7; 9,10; Ps.111,10); … was aber, wenn man so fortgeschritten ist wie wir, wenn der Ausgangspunkt der menschlichen Erforschung der Welt in grauer Vorzeit verloren liegt? … Was ist „die Furcht des HERRN“ denn dann?

„»Corona«, … die »Krönung« also, die höchste Auszeichnung aller Verstehensbemühungen des Menschen, das ist die Gottesfurcht bis zum heutigen Tag“, sagt ein anderer Weiser in Israel: Jesus, Sohn des Sirach, dessen philosophisches Trostbuch aus der Epoche stammt, in der Europa aus dem Geist der Griechen und den Sitten der Römer zu etwas zusammenwuchs, das dem fruchtbaren alten Orient an Kultur ebenbürtig werden sollte.

Die Ehrfurcht vor Gott, die fundamentale Achtung vor der Gabe und der Grenze, die den Menschen im Glauben begegnen, sind für Jesus Sirach auch vor dem Hintergrund hellenistischen Denkens nicht roher Ausgangsstoff, sondern schönste Besiegelung des Geistes.

Insofern ist es eine glückliche Fügung, dass mich der heutige Abend zu diesem uns fremden, für uns apokryphen Buch geführt hat.

Ich wollte das Wort, das in 2020 alles beherrschte, nicht einfach wiederholen und damit stehen lassen, als sei dieses Jahr nun plötzlich doch eindeutig.

Auf der Suche nach der biblischen Verwendung der lateinischen Vokabel blieb ich dann aber dort hängen, wo ich nicht heimisch bin: In den Büchern, die die Reformatoren verwarfen, weil sie zu ihrer Zeit nicht auf Hebräisch bekannt waren und deutlich jünger als alle anderen Schriften des Alten Testaments sind. Inzwischen sind in Qumran und andernorts große Teile des Urtextes von Jesus Sirach entdeckt worden, und da ich ohnehin eine Verpflichtung diesem Buch gegenüber spüre, weil einer meiner Urgroßväter wegen seines hartnäckigen Zitierens des jüdischen Weisheitslehrers aus dem öffentlichen Dienst des 3.Reiches entfernt wurde, habe ich mich am Beginn von Jesus Sirach festgelesen, in einem herrlichen Hymnus auf die Gottesfurcht, die Weisheit – also segensreiche Lebensethik – ist.

Und siehe da: In der lateinischen Bibel findet sich im 22.Vers des 1.Kapitels der einprägsame Vierwortsatz: „CORONA SAPIENTIÆ TIMOR DOMINI“ – „Krone aller Erfahrung und Wissenschaft ist der Respekt vor dem Herrn.“ Im Griechischen aber folgt (nach dortiger Zählung in Vers 18) die Bestimmung, dass diese Krönung aller Theorie und Praxis ὑγίειαν ἰάσεως, (unsere zentralen Themen des Jahres: Hygiene und Pflege!) d.h. „gesunde Heilung“ hervorbringt.

… Und das glaube ich auch!                   

Was wir brauchen – jetzt, am Schluss des europäischen Doppeljahrtausends, das zu Jesus Sirachs Zeiten heraufdämmerte –, ist genau diese, der Welt trotz allem vertrauende und das sterbliche Leben achtende, aber nicht vergötzende Einwilligung in die Weisheit des Schöpfers und Vollenders.

Wenn wir unsere Gründung in Seinem großen Werk, unsern Halt an Seiner allesumfassenden Wirklichkeit bewahren, dann entgehen wir den Gefahren der ängstlichen Einseitigkeiten und versöhnen, was wir sonst verabsolutieren: Gesundheit des Leibes und der Seele; die Ansprüche von Bedürftigen wie Befähigten; das Recht auf Schonung neben dem Recht auf freie Entfaltung; die Bereitschaft zu leben ebenso wie die notwendige Bereitschaft zum Sterben. In der „Gottesfurcht“, in der Beugung vor und der Einbettung in Gottes Welt- und Himmelsherrschaft schwinden die ausschließlichen Betonungen, mit denen wir – wie in diesem Jahr scheinbar so zwangsläufig – immer nur einen Akzent setzen und uns nur einem Anliegen widmen können, …. nicht, weil wir durch die Gottesfurcht plötzlich so viel mehr oder gar alles selber vermöchten, sondern weil wir uns einbezogen wissen in die unendliche, die gerechte, die gnädige Gesamtliebe Gottes.

Und wenn wir diese Krone der Weisheit erlangen, dass wir unser Leben und Erleben und alles Lebendige und Erlebte als Winke und Werke aus Gottes Hand verstehen, dann kommen wir zu der gesündesten, der nötigsten und heilsamsten Erkenntnis, die unsere ganze Gegenwart am meisten braucht: Wo Gott der Schöpfer und der Herr, ja der Heiland Seiner Schöpfung ist, da ist unser einziger geschichtlicher Auftrag in der Welt nicht jenes pulverisierende Verschleißen, das wir „Machen“ nennen, sondern das sorgfältige Hüten und Heilen des Gemachten; nicht als Hersteller, sondern als Wiederhersteller nehmen wir Christen Teil an Gottes Plan; nicht die Erfindung, sondern die Heilung der Welt ist die Aufgabe, vor die Zeit und Zukunft uns in der Furcht Gottes stellen.

So bringt sie nämlich Frieden und Gesundung. Das, was alle hoffen und was sie alle haben sollen.

Das vergessen wir gerade am Ende dieses schrecklichen Jahres nicht: Was Er uns Gutes getan hat und tut. Und wie wir nicht in Menschen-, Krankheits- oder Todesangst schweben müssen, sondern in Gottesfurcht leben dürfen.

Benedices coronæ anni benignitatis tuæ“ sagt es ein Psalm (Vulgata:64,11) mit dem Wort, das uns so bis zum Überdruss verfolgt hat und das doch so viele andere Inhalte, so viel Verheißung und Hoffnung freisetzen kann: „Du krönst das Jahr mit Deinem Gut!“ (Ps.65,11)

Wünschen wir und suchen wir das für uns, für die Menschen, für alle Welt im kommenden Jahr: Die Krone der Weisheit, die uns heilt – DOMINI TIMOR SAPIENTIÆ CORONA!

Amen

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