1.Christtag, 25.12.2020, Stadtkirche, Jesaja 52, 7 - 10, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 1.Christfest - 25.XII.2020                                                                                                  

                         Jesaja 52, 7-10

Liebe Gemeinde!

Weihnachten der Unsichtbaren: Das ist 2020 wahrhaftig.

Nicht im sozialkritischen oder im Märchen-Ton……. , obwohl es immer bitter richtig ist, dass wir wie Oscar Wildes glücklicher Prinz uns die Augen öffnen lassen für das massenweise unbeachtete, das übersehene, in Hintergrund und Tiefe, jenseits der Nachrichten verdrängte Leid und Elend dieser Erde: Gerade alle Unsichtbaren, ungern Gesehenen, von denen voller Absicht abgesehen wird, sollten uns Christen, wenn Gott uns Sein Licht aufgehen lässt, ja am meisten vor Augen stehen.

… Sonst wäre das obdachlose Kind aus dem Himmel umsonst in der unverschlossenen Höhle geboren worden, um die sperrangelweite Tür zum Vater zu werden.

… Wenn wir nicht wissen, dass Weihnachten die Einladung an alle ohne Ansehen ist, dann läuft es in’s Leere, in’s hirn- und herzlos Unsinnige.

Doch 2020 ist ein Weihnachten der Unsichtbaren in einer weiteren Hinsicht. Es wird gefeiert in einer Welt, die belagert und durchdrungen wird von etwas, das wir nicht sehen: Weil unsere Augen zu grob, zu ungeeignet sind, um es zu erfassen.

Ohne dass wir es wahrnehmen oder erkennen könnten, ist aber trotzdem das zackenreiche Virus zum ungekrönten Beherrscher der Weltlage bei der diesjährigen Weihnacht geworden. Und die Unsichtbarkeit verleitet wie alles, was unsere Begriffe übersteigt, zu Furcht und Zweifel. … Trotzdem aber sollte es bereits einem Kind von sieben Jahren bekannt sein, wie hilflos unsere Sinnesorgane ja tatsächlich bleiben, wie klein der Ausschnitt dessen, was wir wirklich mitkriegen und aus eigener Erfahrung bestätigen können, ist und wie tausendfältig, vielschichtig, ungezählt die Elemente und Geheimnisse der Wirklichkeit sein müssen, die sich uns entziehen! … Das müsste das Jahr, in dem Weihnachten im Schatten des Unsichtbaren liegt, uns lehren.

Und dann müsste es uns – wenn wir die Grenzen der Empirie, der Beobachtung und Anschaulichkeit verspüren – leichter, sogar leicht werden, vor der Grenzenlosigkeit zu stehen. …

Da stehen wir nämlich wirklich. Wir vor ihr, … die Grenzenlosigkeit vor uns.

Denn wir stehen vor Gott.

… Das ist ja Weihnachten: Die Grenzenlosigkeit, die alles Verstehen übersteigt (vgl.Phil4,7), ist in den winzigen Ausschnitt eines einzigen Wesens gekommen. Die unendliche Gesamtheit beginnt endlich – „endlich“ im doppelten Sinn – irdisch zu leben! —

Eigentlich müsste so etwas völlig unbegreiflich, völlig unfassbar sein, wenn wir die Botschaft von der Sichtbarkeit des Geistes, von der Geburt des Ewigen, von der Individualität des Universalen angesichts jenes kleinen Kindes von Bethlehem hören.

Das sprengt doch alles Denkvermögen, obwohl Menschenaugen das schmatzende oder greinende oder schlummernde Körperchen voller Verletzlichkeit wahrhaftig anschauen können, und eine Mutterbrust kann das Mäulchen füttern und eine Hirtenhand kann die runzligen Neugeborenenärmchen streicheln und der Mund eines Weisen kann schweigen und den kleinen Fuß vorsichtig, vorsichtig küssen. … Aber dass in diesem Geschöpf der Schöpfer, in diesem rohen Organismus die ewige Weisheit, in dieser winzigen Wirkung die alleinige Ursache des Alls zu treffen sei – wie soll das jemals nachvollziehbar werden? … Wer könnte das jemals einsehen? ———

… Weihnachten der Unsichtbaren.

 – Doch es gibt Hilfe, es gibt Hinweise und Hinwege, es gibt Hinworte und Hinführung zu dem, was unsere Augen nicht sehen, unsere Sinne nicht aufgreifen, unsere Gedanken nicht verarbeiten können.

Und von dieser Hilfeleistung lebt Weihnachten. Dank dieser Hilfestellung wurde es überhaupt auch nur Weihnachten, und nur durch ein ähnliches Auf-die-Sprünge-Helfen hat sich die Weihnachtswahrheit trotz ihrer Un„wahrschein“lichkeit durchgesetzt.

Von diesen Helfern also, die das nahebringen und weitersagen, die das verkündigen und deuten, die zum Hören, zum Einsehen und schließlich nicht nur zum Verstehen, sondern – was noch wichtiger ist – zum Glauben helfen, muss jetzt also die Rede sein.

Sie sind die Unsichtbaren, deren Weihnachten wir immer feiern und nicht nur in diesem Jahr: Es sind die Boten, deren Füße auf den Bergen lieblich sind, es sind die Wächter, deren laute Stimmen den Jubel der Erlösung erklingen lassen.

Nur dass wir sie nicht erblicken, nicht erkennen können. Unsere Antennen für sie sind zu schwach, unser Radar ist nicht dafür ausgerüstet, sie zu erfassen. Zwar umgeben und durchstrahlen sie uns, sie berühren und sie elektrisieren uns genau wie alle anderen Wellen und Teilchen, Kräfte und Ströme, Impulse und Felder, die den ungesehenen Kosmos ausmachen, … aber ihre unmerkliche Bewegung – so „lieblich“ sie auch ist – , und ihre nicht einzuordnen Stimmen – so „laut“ sie auch sind – lassen uns staunend, skeptisch, zweifelnd zurück.

Zu den Engeln fällt uns nichts ein: Zu den Engeln, den unsichtbaren Boten und Verkündern, ohne die Weihnachten und Christentum, ohne die Ostern und die Kirche nicht wären. Wir haben keine Vorstellung von ihnen.

Ihr Auftauchen und ihre Ausbreitung, die Übertragunsgwege, auf denen sie in Menschen Glauben entzünden und Hoffnung anstecken und dann die Wirkung, durch die sie aus Einzelnen Unzählige machen, die es ebenfalls in sich tragen und weitergeben werden – die Freu-de, den Frieden, das Gute, das Heil – , …. diese Inspirationsketten, die sich von der Heiligen Nacht her durch die gesamte Menschheit verbreitet haben und immer wieder neue, persönliche, leib-seelische Schicksalsgemeinschaft mit dem menschgewordenen Gott hervorrufen, bis eine weltweite Herden-Kommunität, die wir die Kirche nennen, entstand … für dieses ganze Geschehen sind unsere bloßen Augen von Natur aus mindestens so blind wie für die Erfassung der viralen Vorgänge, die dieses Jahr so prägen. ——

… Mein blinder Fleck sind die Engel jedenfalls seit Jahrzehnten, und wäre nicht das gesundheitliche Drama von 2020 mit dem Predigttext aus dem Propheten Jesaja zusammengetroffen, ginge mir womöglich immer noch nicht auf, wie verblendet ich da bin … beinah so willkürlich ignorant wie jene, die das Virus nicht selber festmachen können und es darum als Mythos betrachten.

Doch die Freudenboten, die nicht schwerfällig über die geröllreichen Hügel Judas oder gar die Trümmer Jerusalems steigen müssen, sondern leichtfüßig, ja schwebend überm Hirtenfeld den unendlichen Gloria-Gesang anstimmen, der seither nicht mehr verstummt, diese Evangeliumssänger und Herolde des Trostes und der Erlösung Jerusalems und aller Welt sind es wirklich wert, dass sie wie bei Jesaja zum Gegenstand unserer fröhlichen Betrachtung an diesem Weihnachtsmorgen werden:

Wir mögen keine Vorstellungen von ihnen formen können; sie werden den geflügelten Götterboten Griechenlands und den gefiederten ägyptischen und babylonischen Halbwesen, die bei uns ihr Bild prägen, so unähnlich sein wie ihr krankheitserregendes Gegenstück in Wahrheit keiner Krone gleicht, … doch alle diese Schwierigkeiten, sie uns zu vergegenwärtigen, können und sollen uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie wirklich und wirksam sind, so heilvoll wie die anderen Unsichtbaren unheilvoll, und dass wir letztlich ihretwegen versammelt und durch sie bewegt sind, weil wir es schließlich ihnen, der Menge der himmlischen Heerscharen verdanken, dass die frohe Kunde von Bethlehem bis hier und jetzt ihre lebensverändernde, stärkende, frohmachende, erlösende Wirkung entfaltet.

Gabriel, der Maria die Empfängnis verkündet (vgl.Lk.1,26ff), und der namenlose Engel, der sie dem Joseph erklärt (vgl.Matth.1,20ff), sind für die Jungfrau der erste Freudenbote des Weihnachtswunders und für ihren Verlobten der erste Wunderbote zögerlicher Erlösungsfreude.

… Weihnachten der Unsichtbaren!

Doch wie dann dem Joseph vor und nach der Geburt des Immanuel immer wieder ein Engel das je Nötige und Richtige, die je neue Weisung und Hoffnung trotz aller Schatten und Schrecken mit tragender Gewissheit nahebringt (vgl.Matth.1,24ff; 2,13ff. 19ff), das ist das erste individuelle Motiv, die erste Einzelstimme, die sich aus dem himmlischen Weihnachtschor über den dunklen Landschaften der verstörten, der erwählten, der beglückten Hirten Bethlehems löst.

……. Und seither bereiten, säumen und deuten Engel den Weg des Weihnachtskindes: Dienen ihm im Hunger (vgl.Mk.1,12), trösten ihn im Leid (vgl.Lk.22,43), öffnen sein Grab (vgl.Matth.28,2), verkündigen seine herrliche Auferstehung (vgl.Joh.20,12ff), bezeugen seine Himmelfahrt und Wiederkunft (vgl.Apf.1,10f), lenken und stärken seine Jünger (vgl.Apg.10,3; 12,7ff), schützen, lehren und bewachen das Wachstum der Gemeinden (vgl.Offenb.2f) und warten auf jedes Zeichen, dass sie einen der Kleinen, die zu Jesus gehören, verteidigen und schirmen oder endlich zu Gott heimtragen sollen (vgl.Matth.18,10; Ps.91,11f).

Dass die Weihnachtslieder und -bilder durch und durch auch Bilder und Lieder der Engel sind – Lieder über die heimlichen und doch unüberhörbaren Zeugen und Gesandten, Bilder der unanschaulichen und doch unbezwinglichen Helfer und guten Mächte der Christusbotschaft und der christlichen Gemeinde –, das ist für jeden, der nicht mehr zu den schnöden Engel-Leugnern zählen mag, mehr als schmückendes Beiwerk. Um es in der Sprache dieses Jahres und im Geist des Propheten Jesaja, der die Boten der guten Nachricht so überschwänglich rühmt, zu sagen: Die Engel sind als treibende Kräfte jederzeit so zur Stelle, sie sind als die dynamischen Beweger, die das Geschehen des Weihnachtsevangeliums in Gang und voran bringen, so zentral, dass man in ihnen erkennen muss, was wir in den letzten Monaten endlich in den pflegenden und helfenden, den erziehenden und sorgenden Berufsgruppen erkannt haben … die wirklich „Relevanten“, d.h. wörtlich die, die wirklich „hochheben“ und „erhöhen“, was zählt.

Und was dieses Überragend, alles Aufwiegende, dieses Allein-Wichtige auf Erden ist, das sagen uns Jesaja und Lukas in den Grundworten ihrer Engels-Kunde: Trost und Erlösung, große Freude, die Ehre Gottes, Frieden der Welt und den Menschen ein Wohlgefallen!

Das ist vor allem anderen und zu allen Zeiten wirklich relevant: Wer davon ergriffen ist, wer von den Engeln, die diesen Frieden, dieses Heil und Gute verkündigen, mit ihrer wundervollen, auf landläufige Weise unsichtbaren, aber nichtsdestotrotz unendlich wirksamen Freude über Jesus, den Christus angesteckt wurde, der hat auch in diesem trüben, bedrückenden, lähmenden Jahr das beste Gegenmittel gegen alle Leiden gefunden, den echtesten Inhalt in aller Leere, die unvergänglichste Gabe für alle menschlichen Entbehrungen und Mängel.

Wo sich die Weihnachtsbotschaft der Engel verbreitet, verbreitet sich genau das, was wir Menschen sämtlich brauchen: Zuversicht, dass nichts unheilbar zerbrochen, nichts unrettbar zerstört sein wird. Hoffnung, dass die Einsamkeit der Vielen und die Feindschaft durch die wahre göttliche Menschlichkeit überwunden werden soll. Glaube daran, dass unsere Zweifel und unsere Schuld schließlich doch von Gottes Nähe widerlegt und durch seine barmherzig-endlose Gerechtigkeit getilgt werden. … Und eine Liebe, die mit einem weiteren, einem tieferen, einem höheren Sinn als alle unsere anderen Wahrnehmungen schließlich tatsächlich beherzigt und begreift, dass in dem kleinen Kind in der Krippe in Davids Stadt alle gemeint und alle verbunden, alle erwählt und alle versöhnt sind! ——

Diese wunderreiche Zusage, dieses Evangelium bringen die unsichtbar gegenwärtigen Freudenboten Zions, die Heerscharen des HERRn in jedes Land, an jeden Ort, zu jedem Menschenkind auch heute.

Und so verborgen und geheimnisvoll das uns immer noch scheinen mag, hat doch Jesaja das letzte Wort: „Aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes.“

Auf Hebräisch wörtlich: „Alle Enden der Welt sehen den »Jesus« unseres Gottes“!

Amen.

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