Konfirmation (Erntedank), 04.10.2020, Mutterhauskirche, Psalm 73,1+23, Jonas Marquardt

Predigt Mutterhauskirche Konfirmation 4.X.2020                                                                                               

                       Psalm 73, 1 + 23

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden!

Reden wir an Eurem Glücks- und Segenstag doch mal vom Pech; … vom Pech, das an manchen Leuten oder Dingen, an manchen Zahlen oder Vögeln einfach klebt: Der Rabe wird seit den Tagen der Sintflut bloß noch mit Unglück verknüpft; Freitag, der Dreizehnte wird misstrauisch betrachtet, ob er nun einen Lockdown bringt oder nicht; und wenn irgendjemand eine bahnbrechende Maschine konstruieren wollte, würde er den Protoptypen – wovon auch immer – wohl „Titanic“ nennen? …

Wieso allerdings von solchem Aberglauben reden, wenn’s heute doch um Glauben geht?

Wieso von schlechten Vorzeichen sprechen, wenn Ihr heute Euer Leben doch unter das beste nur denkbare stellt, indem Ihr es Gott überlasst?

… Weil wir Evangelischen stets Spielverderber sein müssen, die nur bloß keine ungetrübte Laune aufkommen lassen können, sondern gleich immer das Bittere und Bedenkliche vor Augen setzen und daran arbeiten wollen?

Nein. Über’s Traurige lohnt sich’s tatsächlich nur vom Trost her zu reden, und so viele ungute Ahnungen kann in Wirklichkeit nur ertragen, wer eine gute Nachricht dagegen zu setzen weiß.

Darin ist die menschliche Natur eigentlich sogar sehr gnädig eingerichtet, was Ihr auch im Rückblick auf den heutigen Tag noch merken werdet: Was uns zur Zeit einschränkt und was wir mit Unbehagen, mit Sorge erlebt haben in den vergangenen Monaten, die das Leben so verschwommen, so beklommen machten, … alles das werdet Ihr, wenn Ihr später einmal die heutigen Fotos seht, auf denen Ihr Euch so stolz und schön und zugleich so versteckt begegnet, gar nicht mehr direkt im Gedächtnis wieder finden.

Ich merke, wie dieses feine Sieben, das der Erinnerung das Schöne so hell wie weißes Mehl zuführt und die hässlich-stacheligen Lagen darum verwehen macht, schon einsetzt: Die ganze Sorge, die ich um Euch hatte, als der Konfirmandenunterricht plötzlich abbrach, … als der Frühlingstag, den wir miteinander feiern wollten, aus dem Kalender einfach gelöscht wurde, als wäre in die Zeit ein Loch gerissen, … als man sich lange nicht sah und die Ungewissheit, wie und ob und wann einen echten Juckreiz unter dem Gips auslöste, in dem der Abstand alle stillgelegte, … diese ganze Irritation und Komplikation, die wir in Wirklichkeit bisher zumeist ja mehr als glimpflich überstanden haben: Das alles wird kleiner und dünner und blasser und leiser, und stattdessen treten die Erfahrungen, die dann eben zu machen waren, hell und warm hervor. … Statt im Saal kamen wir eben im Garten zusammen. Anstelle von Stühlen saßen wir halt im Gras. Und wo wir selbst nicht singen konnten, sangen uns dafür die Vögel – und ab und zu die Hunde – die ewige Melodie des großen Gotteslobes.

Es war – in allem Unheimlichen und in aller Unklarheit – alles plötzlich ein wenig einfacher geworden. Wir sind dem Wanderprediger, der unser Herr ist, der die Leute auf dem Feld zusammenrief und ihnen unter freiem Himmel Essen und Hoffnung und Vergebung und Heilung und Wahrheit und Leben schenkte, unverhofft näher gekommen.

Und seinem Jünger Franz von Assisi, an den die evangelischen Christen gestern und die katholischen heute denken, sind wir da unter den Bäumen und in der völligen Ahnungslosigkeit, wie alles wohl weitergeht, ein bisschen ähnlicher geworden: … Trotz Kummer unbekümmert, trotz Fragen fröhlich, trotz Mist prächtig gelaunt.

Denn – alte Erntedank-Weisheit! – viel Gutes gedeiht tatsächlich nur auf dem Mist!

Und darum wollte ich über das Pech reden, über das, was man sich nicht wünschen und nicht aussuchen würde.      

Man soll sich danach bestimmt nicht drängeln! … Und den Eindruck habe ich von Euch zum Glück durchaus, dass Ihr lästig von angenehm und anstrengend von lau und Hausaufgaben von Zusatzaufgaben, die bloß Sternchen bringen, gesund und eindeutig unterscheiden könnt.

Doch noch gesünder ist, dass Ihr erlebt habt, wie auch harte Zeiten zarte Seiten zum Schwingen bringen: Oder hättet Ihr gedacht, woran und worauf man sich alles freuen kann, wenn es nicht eine Zeitlang unmöglich gewesen wäre … und an manchen Stellen auch noch bleibt?

Ein Pech kann sich als eine Pause zeigen; ein Reinfall kann reinigen; ein Nachteil, der uns zum Nachdenken führt, kann uns weit voranbringen.

Darum lasst uns nicht nur negativ über das Negative urteilen.

Und lasst uns dabei ganz vorne anfangen, … bei einem unscheinbaren, kleinen, benachteiligten Negativum, mit dem so vieles beginnt. Ich spreche vom Buchstaben „N“, den ich – entweder weil ich ein Narr oder ein Neuverliebter bin – ganz frisch für mich entdeckt habe.

Das „N“ hat’s bei uns schwer. Es kann nichts Gutes sagen. Mit ihm kommt das „Nein“! Der „Neid“. Die „Not“. Das „Nackte“. Die „Null“. Mit dem „N“ wird’s „Nacht“, mit dem „N“ wird’s „November“. Mit dem „N“ heißt’s schließlich: „Nie“! Das arme „N“ ist wahrhaftig ja schon buchstäblich der Auslöser des „Negativen“. Und es führt den schrecklichsten ersten und letzten Angriff auf Gott, den Schöpfer aller Dinge, indem es einfach frech und verzweifelt trostlos etwas buchstabiert, das doch eigentlich ausgeschlossen ist: Das „Nichts“. …….

Aber zugleich ist es das Schönste alle Zeichen, denn es führt uns in seiner schlichten Form einen tödlichen Trugschluss und eine unerledigte Hoffnung vor Augen.

Erst will es uns weismachen, dass die Enttäuschung, dass das Pech ganz ausnahmslos seien:
So hoch wie’s geht, so tief geht’s auch.

Auf diesen beiden Bahnen ist der Buchstabe, der hinauf- und hinuntergeschrieben wird, ganz nüchtern, vielleicht sogar zynisch. Und wäre er damit fertig – ein Aufstrich, ein Abstrich –, dann wüsste man, was er zu sagen hat: „Wie gewonnen, so zerronnen“.

Aber dieser Buchstabe, mit dem sie andernorts die Christen, die „Nazarener“ als Freiwild kennzeichnen, erzählt eine andere Geschichte von einer anderen Freiheit.

Wenn Ihr beides – hoffentlich bewusst, hoffentlich gelassen, hoffentlich zu Eurem Heil! – erlebt habt …, dass Euch ist, als würdet Ihr der siebten Wolke zuschweben oder den Himalaya des menschenmöglichen Erfolges bezwingen, wenn Euch also schwindelig von der Höhenluft des Glücks zumute war … und wenn Ihr dann auch verstanden habt, dass es wohl sinnvoll wäre, nicht immer in der dünnen Atmosphäre solcher Gipfelerfahrungen zu bleiben, sondern auch wieder den Boden der Tatsachen und irgendwann sogar den Schoß der Erde zu erreichen, weil Bruder Tod – wie Franz von Assisi ihn nennt – dem vielen Auf und Ab mit seiner Ruhe folgen soll … wenn Ihr das erlebt habt, dann schlägt die Stunde unseres ganz und gar nicht negativen, sondern überwältigend positiven, hoffnungsfrohen Buchstabens, der uns (selbst im Tod) nicht einfach zurück an den Ausgangspunkt und hinab in die Niederungen bringt.

… Er hat ja noch eine Linie, dieser kleine Buch-Stab, … noch einen Federstrich.

Und wenn wir den noch bedenken und beherzigen, wenn wir den noch verfolgen, dann sind wir bei allem, was uns das Schlechte doch noch als Weg zum Segen, die Nacht als den Anfang des Tages, das Unglück als die Vorform des Glücks erkennen lässt.

Wenn wir den dritten Ansatz des übersehenen und missachteten Buchstaben „N“ beherzigen, wenn wir den noch begreifen, dann erkennen wir den Weg der Christen in Wahrheit.

Wenn wir den noch begreifen, dann erkennen wir das „Dennoch“!

Das „Dennoch“, das Gottes Leute in Israel und in der Kirche immer und immer gesagt haben und sagen werden.

Es kann ein ganz trotziges und rotziges Wort sein, so ein „Dennoch“! Es kann heißen, dass wir uns wie ein Jakob, ein Hiob, eine Magdalena nicht abspeisen lassen mit Weniger als dem ganzen Segen, der vollen Gerechtigkeit, dem reinen Heil. Hartnäckig brechen solche Menschen, die das „Dennoch“ einklagen, durch alle Widerstände hindurch und verlangen, ja erstreiten, dass Gott sie nicht am Boden lässt, sondern erhebt und froh macht und frei.

Es kann auch ein ganz mutiges Wort sein – so ein gläubiges „Dennoch!“ – , ein Licht, das durch die Nebelnächte der eigenen Tränen oder fremden Leids leuchtet und hinüber führt, wie Mose die Israeliten in die Zukunft oder der Gedanke an den Vater den verlorenen Sohn nach Hause.

Es kann ein Wort der Gelassenheit oder umgekehrt auch ein Wort des Triumphes sein, wenn jemand da, wo allen alles schlecht scheint, vom Negativen nicht bloß negativ redet, sondern ein „Dennoch“ sagt, ein „Es geht auch anders – nämlich: weiter, …. nämlich: besser, … nämlich: zu Gott hin“.

Es kann so vieles sein: Das Wörtchen „Dennoch“, das den Weg eröffnet, der in meinem neuen Lieblingsbuchstaben das endgültige Hinauf, die Aufwärtsbewegung, das letzte Aufstehen aus Trägheit und Tod bezeichnet und uns zeigt, dass wir nicht im Niedergang, sondern im Aufgang, nicht im Tiefen, sondern im Freien unser Ziel haben. ———

Es kann so vieles sein, das Wörtchen „Dennoch“!

Euch aber wünsche ich vor allem anderen, dass es Euer Wort wird und bleibt!  

Darum sagt Euch dies „Dennoch“: Gegen allen Zweifel und gegen alle Gewöhnung.

Sagt Euch dies „Dennoch“: Wenn Ihr Sorgen habt und genauso wenn Ihr mal selbstzufrieden werdet.

Sagt im Negativen „Dennoch“ und sagt’s im Positiven auch.

Sagt es auf der Lebens-Höhe und an ihrem Gegenteil; sagt’s in Glück und Leid!

Denn auf dem schönen Buchstaben „N“, der gleich doppelt darin vorkommt, werdet Ihr schließlich ja in die neue Welt hinauf geführt, in die Nähe, ja, in die Gegenwart Gottes, Der es hört und Der es wahrmacht, was Ihr jetzt konfirmiert, also bekennt (Ps.73,23):

„Dennoch bleibe ich stets an Dir, HERR, denn Du hältst mich bei meiner rechten Hand, Du leitest mich nach Deinem Rat und nimmst mich am Ende zu Ehren an!“

AmeN!

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