13.So.n.Trin., 06.09.2020, Stadtkirche, Apostelgeschichte 6, 1 - 7, Jonas Marquardt

 

Predigt Kaiserswerth 13.n.Trin. - 6.IX.2020                                                                                                         

 

          Apostelgeschichte 6, 1 – 7

 

Liebe Gemeinde!

 

Wer glaubt, die Deutschen seien Vereinsmeier und G’schaftlhuber, die zu allem eine Uniform und Hierarchie bräuchten, kennt den weltweiten christlichen Erfindungsreichtum nicht, wenn’s um die Schaffung von Wichtigkeitsbestätigung geht. Die Stufen und Verästelungen der kirchlichen Ämtervielfalt sind eine Wissenschaft für sich. Ob das die Metropoliten und Erzpriester, die Archi- und Subdiakone, die Akolyten der Orthodoxie oder die Weih- und Suffraganbischöfe und Pfarrvikare und Pastoralreferenten der katholischen Kirche sind: Überall kann man einen herrlichen Artenreichtum seltener Vögel beobachten.

 

Falls wir uns aber selbst mal wieder für unverdächtig halten sollten, so sind die süddeutschen Dekanate und Prälaturen, die hannöver‘schen Sprengel, die preußischen Generalsuperintendenturen, die Konsistorialräte und die Präsides nur ein willkürlicher Auszug aus der freien Wildbahn und dem hohen Tierleben der evangelischen Kirche. Und wer - wie ich - angelsächselt, weiß dass der Schlussstein aller Pyramiden kirchlicher Gewalt und Herrlichkeit ein umstrittener Ort ist, der entweder den Flower- oder den Church-coffee-ladies gebührt – wobei ganz anglikanische Gemeinden auch noch die Damen berücksichtigen müssen, die die schönen Kniekissen sticken, ausbessern und an den einzig bestimmungsgemäßen Platz in der Bank zurücksortieren.

 

Das Amt macht den Christenmenschen. … So könnte man frotzeln.

 

Oder die Apostelgeschichte lesen.

 

Und feststellen, dass es gar nicht so lächerlich, sondern entscheidend ist, dass die Kirche genau das kennt und seit dem Ursprung, von dem heute die Rede ist, auch weitergibt: Ihre Ämter. ———

 

Ein wenig sind wir vielleicht ja doch alle Kinder der 68er oder einfach unbedarfte Rheinländer, wenn wir immer wieder meinen, es ginge auch ohne den organisationssoziologischen Ballast echter Ämter. … Ein bisschen Klüngel, ein bisschen „Schaumermal“, ein bisschen Anarchie und ein bisschen kreatives Chaos müssten die Sache eigentlich doch auch wuppen.

 

Aber just so laissez-faire ruckelt sich das menschliche Leben meistens doch nicht zurecht. Und das eigentliche kreative Chaos, aus dem die ganze Welt stammt – jener unbeschreibliche, ungeformte und unstrukturierte Ur- und Allzustand des noch Ungewordenen, den die Bibel als das „Tohuwabohu“ des Anfangs beschreibt – lehrt uns etwas ganz Erstaunliches über die kirchlichen Ämter.

 

Denn dieses malmende und kreisende Chaos, in dem alles nichts und nichts etwas war, wurde eben nicht sich selbst überlassen, sondern über und in ihm schwebte und durch alle seine Fluktuationen und Wirbel hindurch schimmerte der Geist Gottes (vgl.1.Mose 1,2).

 

Dieser Geist Gottes aber ist – manche mögen’s bedauern – kein kiffender, mühelos entspannter, halluzinatorischer Rauschzustand, in dem alles möglich wird, sondern der Geist Gottes ist die wirkende, die werkende, ja, die technische Kraft der Gestaltung, der Bildung, der Formung, der Schöpfung der Wirklichkeit.

 

Gottes Geist ist die Tat-Kraft, die aus Dingen Wesen, aus Versuchen Bleibendes, aus Ungefährem Klarheit, ja, die aus Wirrem Wahres macht.

 

Gottes Geist also ist in höchstem Maße praktisch, tatkräftig, eigentlich müsste man sogar sagen: Gerade Gottes Geist bringt die handwerkliche Verwirklichung des Wortes „Es werde“ zustande. Der Geist, der über der Tiefe des Abgrunds brütet und allem seine gewollte Struktur gibt; der Geist, der „künstlich und fein uns bereitet.“

 

Warum das wichtig ist im Blick auf die Ämter? Weil sich diese praktische Fähig- und Fertigkeit, durch die Gottes Geist sich zeigt und die er verleiht, bei der ersten Beauftragungen, der ersten Geistübertragung, von der die Bibel spricht, erneut bestätigt. Da heißt es im zweiten Buch Mose (31,2f / 35,30f): „Der HERR sprach: Siehe, ich habe mit Namen berufen Bezalel … und habe ihn erfüllt mit dem Geist Gottes, mit Weisheit und Verstand und Erkenntnis und mit aller Geschicklichkeit …“; doch was war dieser Bezalel, der erste Empfänger eines Pfingstgeschenkes, der erste feierlich Begabte und Begeisterte: War er ein glühender Prediger, ein eifriger Richter, ein tugendreicher Heiliger oder Herrscher? … Nein, er war Handwerker, war der Architekt und Bauleiter der Stiftshütte, des ersten provisorischen Gotteshauses auf dieser Erde.

 

Der Geist Gottes ist also der Geist der Kunstfertigkeit und der schöpferischen Materialbearbeitung; er weckt den Kulturkeim in der menschlichen Natur und führt die Hand, die aus einem ungeschlachten Rohstoff – Erz, Stein oder Holz – etwas Schönes schafft. Gottes schöpferischer Geist, der im Anfang die chaotische Natur geordnet hat, treibt also auch die Kultur, die Zivilisation hervor, die aus dem rohen Zustand der Menschheit den schönheitswilligen und -fähigen, den absichtsvoll die Welt gestaltenden Menschen macht.             

 

Und setzen wir diese Linie fort – vom strukturierenden zum zivilisierenden Werk, das Gottes Geist hervorbringt – so setzen wir auch die alte Linie fort, die vom Wahren zum Schönen zum Guten führt.

 

Und kommen damit zum dritten Chaos, das dem Tohuwabohu-Chaos der Kreatur und dem unbearbeiteten Zustand der stofflichen Welt folgt: Es ist das ganze brodelnde und blubbernde und ungefüge Durcheinandergären im Menscheninneren. Da, wo die Bedürfnisse und die Nöte, die Angst und die Begierden jedes Menschen ihr eigenes „Tohuwabohu“ ergeben und die Welt im Kleinen nach dem Geist Gottes schreit, der auch sie sicher werden lässt und schön macht. ——

 

Gewiss: Das ist nun allerdings eine weite Anreise gewesen – vom kosmischen Urzustand über die Anfänge der Kultur –, um bei der Unordnung und Unzufriedenheit, bei der Unübersichtlichkeit und dem Durcheinander der Urgemeinde in Jerusalem zu landen. Dort hatte nach Pfingsten ja tatsächlich so etwas wie eine neue Kreatur begonnen. Massen, die von einer starken Anziehung, einer geheimnisvollen Urkraft bewegt und in erstmalige Zusammensetzungen gebracht worden waren: Die Treuen aus Galiläa und die in Jerusalem schon von Christus selbst Bewegten und die auswärtigen, die fremden Menschen, die nach der Geistausgießung am Wochenfest nicht nach Partien, Medien und Elam, nicht nach Mesopotamien und Kappadozien, nicht nach Phrygien und Pamphylien (vgl. Apg,2,9ff) oder wohin sonst auch immer zurückgekehrt waren, sondern die blieben, weil das Wunder der damals im Feuer geborenen und sich langsam abzeichnenden Gemeinschaft der auf den Gekreuzigten und Auferstandenen Getauften sie nicht mehr in ihre alten Leben zurückfinden ließ. Die Menschheit schien umgeschmolzen werden zu sollen; eine nie dagewesene Verbundenheit versprach, sich im versöhnten, verbrüderten, vergeschwisterten Miteinander der Jesus-Jüngerschaft herauszukristallisieren.

 

Dass ein solcher Transformationsprozess, eine solche Metamorphose der bisher einander fliehenden Kräfte Israels und der anderen Kulturen der Welt nun aber chaotische Züge trägt, dass es Reibung und Funkenflug zwischen diesen und jenen, dass es Zusammenstöße und schmerzhafte Reaktionen gibt, wenn derart unverbundene Elemente einen stabile Aggregatzustand suchen, ist wenig überraschend.

 

Die judenchristliche Urgemeinde, in die noch gar keine wirklichen Heiden wie später in Korinth und Philippi, in Ephesus und Rom gehörten, sondern nur Judenchristen aus der Provinz, aus den Parteien der Davidsstadt und aus den vielen Diasporasiedlungen Israels, wo auch Nicht-Juden sich dem Gesetzesbund vom Sinai anschlossen, … diese judenchristliche Urgemeinde schien implodieren zu sollen. Hunger, Neid und Misstrauen stauten sich in ihr an.

 

Und die schwächsten Glieder – die nicht-einheimischen Witwen, die in der Stadt Jerusalem zunächst keine Fürsprecher hatten – waren der Auslöser einer bedrohlichen Krisenreaktion: Ihr wirkliches Leid wäre beinah der Zündfunke geworden, dessen Explosion die Kirche atomisiert hätte, noch ehe sie ein belastbares Gebilde hatte werden können.

 

Vor dem Ernst dieser Lage versteht man daher vielleicht, dass die ersten Jünger Jesu etwas Gewagtes und doch darin gerade Angemessenes taten:

 

Für sie war die Lösung des Problems der Unvereinbarkeit so drängend, dass sie ihr eigenes Unvermögen dazu eingestehen mussten. Sie konnten und wollten das Wort Gottes weitergeben, aber wie man die Unzusammenhaltbaren an einen Tisch bringen könne, entzog sich ihrer Weisheit. Und darum baten die ursprünglichen Jünger des Herrn um einen neuen Beweis des Geistes und der Kraft … und überließen die Realisierung dieser Suche nach Menschen „voller Geist und Weisheit“ dem Votum der Gemeinde selber. ———

 

Das nun ist also der Ursprung des ersten im Neuen Testament geschilderten Amtsverständnisses: Es geht in der Unübersichtlichkeit und im Gedränge des zwischen- und des innermenschlichen Lebens mit seiner sozialen Not, seinen körperlichen Belastungen, seinen politischen und privaten Unrechtserfahrungen um die Kunst des Richtigmachens. Der schöpferische Geist der Genesis, der auch der Schön-Geist in aller menschlichen Kultur ist, will als der gute Geist der Nächstenliebe konkret, praktisch, feinfühlig, unbestechlich dem Recht des Menschen und seinen Ansprüchen zur Geltung und zur Wirklichkeit verhelfen.

 

Das ist das tätig wirksame Diakonen-Amt, das Dienst-Amt göttlicher Weltgestaltung, durch das der Heilige Geist nach der Ordnung der Welt und ihrer Ästhetik auch ihre Ethik hervorbringt.

 

Tatsächlich kommt dieser geistgewirkte Dreiklang des Guten, Wahren und Schönen, der auch die griechische Philosophie erfüllt, in der kirchlichen Wahl und Beauftragung von sieben hellenistisch erzogenen Juden – das verraten uns ja ihre Namen: Stephanus, Philippus, Prochorus, Nikanor, Timon, Parmenas und Nikolaus – … tatsächlich kommt dieser Dreiklang des Wahren, des Schönen, des Guten in der Geburtsstunde der kirchlichen Ämter, der Geburtsstunde der Diakonie zur vollen Entfaltung.

 

Die Kirche Jesu Christi ist das Organ, durch das der Heilige Geist seine direkte und tatkräftige Kunst und Fähigkeit einsetzen will, Leere und Mangel mit seinen Gaben zu füllen, Sinnloses in Sinnvolles umzuwandeln und Zerstörerisches zu Konstruktivem zu machen.

 

Die Ämter, die der Heilige Geist in der Kirche ausprägt und die nach dem Wunsch der Apostel aus der Mitte der Gemeinde besetzt werden sollen, indem die Apostel selbst durch Handauflegung wie Jesus es bei den Kindern tat (vgl.Mk10,16) die Gottesbindung der Berufenen bekräftigen, sind praktischer Natur und sollen wirksam sein.

 

Durch ihre im Heiligen Geist ausgeübten Ämter dient die Kirche nämlich dann dem Schöpfungs-, dem Erlösungs- und dem Vollendungswerk Gottes, wenn die Ämter den großen Drei-klang befördern:

 

Alles, wodurch Menschen im kreatürlichen Leben gesegnet werden, … alles, was die irdische Schöpfung kultiviert und den von Gott geordneten weltlichen Lebensraum verschönt, … alles, was der Not und dem Leiden auch nur eines einzigen Menschen abhilft, … alles das ist ein Werkzeug des Geistes Gottes und seiner Weisheit.

 

Wenn die Berufenen und Begabten, die Lebens- und die Seelenkünstler, die Handwerker der Nächstenliebe und die Bauarbeiter der besseren Welt im Auftrag des Geistes sein Werk als ihr Amt umsetzen, dann treten sie in die Nachfolge, in die apostolisch gewollte und gesegnete Sukzession der sieben Diakone von Jerusalem, die das Chaos der Frühzeit durch ihren Dienst an den Menschen zu gedeihlichem Gemeindewachstum wandelten.

 

Und ob solche apostolischen Nachfolger in den Ämtern des weltbewegenden Geistes dann Kissen aufschütteln oder Mauern niederreißen, ob sie den Hungrigen bei den Tafeln Speise oder in den Künsten Trost und Gotteslob zukommen lassen, ob sie in der Sterbebegleitung oder im Kindergottesdienst das Heil von Anfang bis Ende des Daseins vergegenwärtigen, ob sie in der Gemeinde die Kasse oder den Keller ordentlich halten, ob sie Fenster oder Seelen putzen, ob sie Blumengestecke arrangieren oder den bunten Strauß der Ökumene liebevoll versammeln: Wenn diese vielen Ämter nur durch den einen Geist den Menschen allen zugutekommen, die doch ohne das Schöne, das Wahre, das Gute nicht leben können, … nun, dann kann es gar nicht genug Ämter in der Gemeinde Jesu Christi geben, Ämter, die ihm durch den Geist Ehre machen, … Ehren-Ämter für Gott im Dienst an den Seinen!

 

Wer also noch kein Amt hat, der bitte den Heiligen Geist darum!

 

Damit wir bald eine Gemeinde des allgemeinen Priestertums und des ebenso allgemeinen Diakonats sein möchten!

 

Amen.

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