Israelsonntag, 10.So.n.Trin., 16.08.2020, Stadtkirche, Römer 11,25-32, Jonas Marquardt

 

Predigt Kaiserswerth 10.n.Trin. - 16.VIII.202                                                                                                      

 

                  Römer 11, 25-32

 

Liebe Gemeinde!

 

Von Mysterien redet man als heutiger evangelischer Christ eher nicht: Geheimnisse lüften wir ja, Rätsel lösen wir, Probleme nennen wir „Herausforderungen“, Rückschläge nennen wir … „Herausforderungen“, … Unerklärliches und Unglückliches und sogar Schreckliches nennen wir … – na eben! – „Herausforderungen“, und in dieser permanenten Herausforderung unserer mentalen und technischen Fähigkeiten, die immer schärfer schließen und schneller schießen und genauer ansetzen müssen, wird die Wirklichkeit zwar nicht weniger sprung- oder rätselhaft, als sie es immer schon war, doch wir bauen sie ab: Schreckliches wird erklärt (… und tut immer noch weh), Unheil kann man berechnen (… und es ist trotzdem auch weiter das Ende so vieler Dinge), Tiefes und Böses wird entmythologisiert (… und es verdunkelt die aufgeklärte Welt dennoch wie eh und je) ……. wir können so viel und ändern damit so wenig! … Oder ist irgendjemandem kühler geworden seit wir genau wissen, wie wir die Welt erhitzen?

 

Nur die Mysterien, die schaffen wir ab, indem wir rationale Scheinlösungen, technische Ersatzwunder, algorithmische Pseudoangebote erzeugen, wenn das Leben uns herausfordert.

 

… Worauf aber Hoffnung ruhen soll, wie man sich mit Schuld belädt und damit ohne Lüge leben kann, was den Tod überwindet und wo wir einmal sein dürfen, wenn nichts mehr ist: Diese Grundfragen der armen, zähen, entschlossenen und doch ohnmächtigen Menschheit … die laufen vor lauter illusionären Lösungen ins Leere. —

 

Dagegen Paulus, der wagemutige und geistesgegenwärtige Pionier, dem wir es verdanken, dass es weltweites und nicht nur bibelländisches Christentum gibt, … Paulus bekannte und Paulus verkündete auf seiner Mission ohne die Anmaßung, sie erklären zu können, überall „Mysterien“ … und er nannte sie auch so. Das Mysterium der Sünde und das Mysterium des Heils – an denen wir rettungslos scheitern müssten, wenn wir sie als unseren Denksport betrachteten –, … das Mysterium des Kreuzes und das Mysterium der Auferweckung – Not-Wendiges, auf das kein menschliches Genie verfallen wäre –, … das Mysterium des Gnadenwillens Gottes und Seiner Gnadenwege: Sie alle hat Paulus den Menschen mitgeteilt. … „Gelöst“ aber hat er keines von ihnen.

 

Denn das ist ja ihr Wesen, dass wir in ihnen dem begegnen, das unsere Horizonte übersteigt und uns dennoch nicht bedroht, sondern aus dem Staunen in den Frieden führt, der sich auftut, wo man nicht über allen Dingen steht, sondern vertrauensvoll in ihrer Mitte oder an ihrem Rand, jedenfalls aber als ein Teil des unermesslichen Ganzen ruht. ——

 

Das heutige Mysterium aber bleibt beunruhigend.

 

Jedenfalls für uns.

 

Es heißt Israel.

 

Nichts Beunruhigendes hat Israels Zukunft: Über dieses „Geheimnis“ – griechisch eben: „mysterion“ – hat Paulus schon vor zweitausend Jahren die Gemeinde in der heidnischen Welthauptstadt aufgeklärt. Israels Zukunft ist in keiner Weise ungewiss oder verborgen.

 

Wo Gottes Liebe den Anfang bezeichnet – bei Seinem erwählten Volk ebenso wie bei der Erschaffung Seiner ganzen Welt, da der Kosmos und Israel sich ja wie das Rad und die Nabe vom Ursprung her in einer gemeinsamen Form und Bewegung befinden –  … wo Gottes Liebe also den Anfang bezeichnet, da ist das Ziel unzweifelhaft genau diese Liebe.

 

Das können und sollen wir heute im Blick auf die kritische Situation in Nahen Osten ebenso wie auf die krisen-, ja katastrophenhafte Lage der Erde und des Lebens auf ihr festhalten:

 

Gott hat alle eingeschlossen in das Rätsel, in die Symptome und Folgen des Ungehorsams, damit Er sich aller erbarme! ——

 

Doch was dazwischen geschieht, was sich in Israels langer und erst recht, was sich in Israels jüngster Vergangenheit ereignet hat, das ist so unverständlich wie es unverzeihlich ist, wenn wir von denen reden, die das geliebte Volk Gottes haben leiden lassen. Und was sich in der derzeitigen Geschichte der gesamten Schöpfung zuträgt, fällt unter das gleiche Urteil: Unverzeihlich und unverständlich. … Aber niemals – auch nicht in der Nacht der Vernichtung – ist es ein Grund, an der Berufung und den Gaben Gottes, an Seiner Kraft, die allein Entstehung und Vollendung bewirkt, zu verzweifeln. ——

 

Welche Rolle jedoch wir – die Zeitgenossen des eben noch preisgegebenen Israel und der gesamten verratenen Kreatur – spielen, das lässt sich einfach nicht erklären, weil darin die Gefahr des Verstehens und im Verstehen die Täuschung der Nachvollziehbarkeit läge.

 

Wer aber tatsächlich nachvollziehbar (!) darstellen und damit rechtfertigen würde, was die Christen an Israel getan haben oder der moderne Mensch an der Natur, der würde sich in Schuld und Lüge verstricken müssen, weil es unmöglich ist begreifbar zu machen, dass eine Kirche, die den Römerbrief kannte, Pogrome und Endlösungen der Judenfrage stillschweigend oder gar beteiligt ertrug, … genauso wie es unbegreiflich ist, dass eine Menschheit, die Vernunft und Wissenschaft besitzt, dem Brandopfer, dem Holocaust, zu dem alles Lebendige wird, nicht Einhalt gebietet. —

 

Es ist diese schreckliche, aber unzweifelhafte Rätselhaftigkeit, es ist das Geheimnis, dass wir nicht verstehen können, was wir doch selber tun und was durch uns selbst geschieht, die in unseren Tagen das Mysterium Israel ausmacht – vielmehr als das Rätsel des Ungehorsams, des nicht-christlichen Glaubens der jüdischen Gemeinde.

 

Weil’s aber Wahnsinn und Frevel wäre, wenn ich jetzt Logik, wenn ich Erkenntnis, wenn ich Verständliches predigen würde in Anbetracht dessen, was wir nicht begründen und nicht beschönigen, was wir nicht entschärfen und nicht bewältigen können, … darum nimmt die Meditation des mysteriösen Weges, auf dem Gott die volle Zahl der Menschen retten und triumphierende Barmherzigkeit durchsetzen wird, nun eine andere Richtung.

 

… Barock, rokokohaft wendet sich der Blick.

 

… Nach oben, wo man vor drei Jahrhunderten die Decke sich plötzlich einfach von den Gebäuden lösen ließ, wo man das Gebilde von Menschenhand, die Bauwerke der menschlichen Kunst nicht mehr selbstgenügsam abschließen, nicht mehr krönen wollte: Der Rahmen über dem, was die Menschen errichten, verschwindet in jener von uns als verspielt, ja verkitscht empfundenen Zeit. Und Wolken und Engel, Sphären und Sonnen, unendliche Offenheit und wimmelnde Weite tun sich auf, wo früher die Rippen des Gewölbes und der Schlußstein die Zielstrebigkeit und das Fertigwerden der Bau-meister bewiesen.

 

Unter diesen dachlosen, diesen endlosen, unter diesen unabschließbaren Überwelten des Barock bin ich Freund strenger Romanik und trockener Backsteingotik in den letzten Wochen also mit verrenktem Hals, mit protestantischem Zweifel, orientierungslosem Glotzen … und schließlich immer leichter und luftiger werdender Freude daher spaziert.

 

Und ob ich nun skeptisch und überlegen in Oberammergau oder in der Wieskirche, im Kloster Ettal oder auf der Birnau, in Meersburg in der Schlosskapelle oder in jener auf der Mainau den Kopf in den Nacken legte oder ob es sonstwo in Dorf- und Abteikirchen zwischen Bayern und der Schweiz war: Immer verlor sich der Blick in der selben, für einen evangelischen Pfarrer befremdlichen Aussicht.

 

Doch mit der Zeit hat dieser Sog, den da die naiven Lüftelmaler und die raffinierten Rokokokünstler nach oben ins herrlich Endlose und endlos Herrliche erzeugen, etwas in mir gelöst.

 

Denn die, die dort immer und überall im Herzen der rauschenden Himmelswelt aufsteigt, die auf Wolken oder einfach nur im Lichtglanz alle Schwere hinter sich lässt und uns die immer wunderbarere Freiheit der sichtbar erscheinenden Gottesnähe zu spüren hilft, … wie schwer hatte sie sich doch getan.

 

Sie ist die Tochter Zion, sie ist die jüdische Mutter.

 

Das junge Mädchen, das kaum begreifen kann, was Gott mit ihr gemeinsam anfängt.

 

Sie ist es, in der sich alles Heilige verkörpert, was Israel liebt: Die Prinzessin Sabbat, die in jeder Synagoge und jedem jüdischen Haus umworben und empfangen wird wie eine Braut, die paradiesische Unschuld und Heiterkeit mit sich bringt, weil mit ihr die Weisheit, die Geisttaube, der Hauch der Gottesnähe wenigstens für einen Tag von sieben verbunden ist.

 

… Aber wie ist ihr das Lachen so schnell vergangen.

 

Ein Schwert ging durch ihr Herz, als sie ihr Kind schon am achten Tag wieder in einen viel größeren Rahmen als den ihrer Mutterträume gehoben sah (vgl. Lk2,35).

 

Und sie hütete die Hoffnung ebenso wie die Angst, die das Kind in ihr weckte (vgl. Lk2,51).

 

Und sie schützte ihn, als er hilflos war, nur um zu erleben, wie er sie schon mit zwölf Jahren ein erstes Mal vergaß und verließ (vgl. Lk2,49).

 

Wer kann der Tochter Zion, wer kann der jüdischen Mutter verdenken, dass ihr Jesus ihr Kummer machte?

 

Und wer kann ihr nachfühlen, was sie empfand, als er dann schlicht aus dem Vertrauten, das sie ihm sein wollte, aufbrach und ein Leben führte, das fremd und unerhört, das frei, aber auch feindselig wurde?

 

Er trennte sich von ihr und wollte statt ihrer Andere in seiner Umgebung haben: Denn alle, die das Wort seines Vaters hören und den Willen dieses Vaters tun, sollten jetzt seine Mutter und sein Bruder sein (vgl. Mk3,35//Lk8,21).

 

Und die jüdische Witwe, von der die traurigen Wiegenlieder in den Ghettos so voll waren, die Mutter, deren Sohn auf und davon zog und sie nicht mehr brauchte, scheinbar auch nicht mehr kannte und ehrte … wie bitter wurde es ihr, dass es ihr Fleisch und Blut war, das sich da so gegen sie zu wenden schien.

 

… Es ist das Mysterium Israels verdichtet in einer einzigen Menschengestalt.

 

Der Konflikt, die Enttäuschung, die Entfremdung, die diese Mutter durchlitt, als ihr geliebter Sohn sich von ihr abwandte und allen anderen zu …, die sind auf die Jahrhunderte verteilt genau die Ursache dessen, was Paulus die „Verstockung“ Israels nennt. Die Erfahrung, dass das Evangelium Feindschaft bringt, ja, dass – in Jesu Worten – „des Menschen Feinde seine eigenen Hausgenossen sein werden“ (Matth10,36) hat sich in Israel geradezu bestätigen müssen: Er gehört doch ihnen, sie haben ihn hervorgebracht, ihr Erbe und ihre Verheißung wachsen heran und strahlen hervor in ihm, doch er bricht so ohne Umschweif aus der Gemeinsamkeit aus, dass sie wirklich bitterste Wut und herbste Zweifel packen können … und kaltes Grauen.

 

… Bis er den schrecklichen Weg geht, den Israel nur allzu gut kennt, den es vor ihm und nach ihm immer schon, immer wieder so grauenvoll trostlos und hilflos ziehen musste.

 

Da sind sie wieder beisammen.

 

Da steht die Tochter Zion unter dem Kreuz und leidet, leidet, leidet alles, was er leidet.

 

Da ist es wieder: Das Mysterium Israel. Sie sind in aller Trennung und allem Zwiespalt, in die seine unendlich weite Liebe sie stürzt – eine Liebe, deren Weite ja gerade uns gilt!, die gerade uns rettet! – … sie sind in alledem doch eins.

 

Um unseretwillen geschieht das!

 

Um unseretwillen geschieht, was der jüdischen Mutter und ihrem geliebten Sohn, dem geliebten Sohn Gottes, widerfährt.

 

Ich will euch dieses Geheimnis nicht verhehlen, so hat es der Apostel gesagt. ——

 

Und auch das Geheimnis, das Mysterium nicht, das die süddeutschen Freskenmaler in allen ihren wunderbar offenen Kirchenhimmeln zeigen und das die katholische Kirche gestern ohne biblischen Beleg, aber mit aller biblischen Hoffnung als „Mariä Himmelfahrt“ gefeiert hat:

 

Die jüdische Mutter, der Schoß, aus dem er stammt, das Volk, zu dem er gehört: Ihr Platz ist in Ewigkeit ganz und gar bei ihm!  

 

… Wie könnte es anders sein?!

 

Wie könnte seine Mutter nicht bei Christus in seiner Herrlichkeit den Platz haben?!

 

Wie könnte ganz Israel nicht gerettet werden?!

 

Nicht stellen und erst recht nicht auflösen lässt sich diese rhetorische Frage, sondern nur anbeten als das Mysterium Gottes, Der Sich aller erbarmt!

 

Amen.

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