Reminiszere, 08.03.2020, Stadtkirche, Römer 5, 1 - 5, Jonas Marquardt

 

Predigt Kaiserswerth Reminiszere - 8.III.2020                                                                                                    

 

                     Römer 5,1 – 5

 

Liebe Gemeinde!

 

Skeptisch macht die flotte Aufzählung christlicher Erfahrungen und ihrer Folgen schon. … Klingt sie doch ein bisschen nach Rezept oder Bastelanleitung:

 

„Man nehme Glauben und Friede, vermische mit Liebe und Geist, füge nach Belieben Trübsal hinzu, lasse es kräftig mit Geduld vermengt gehen und im Ofen des Leidens garen: Fertig ist der Napfkuchen der Hoffnung und der Herrlichkeit.“

 

„Kleben Sie auf die Grundplatte des Herzens eine dicke Schicht ausgegossener Liebe, drücken den Glauben kräftig an, härten das Ganze in Trübsal, legen dann – nachdem Sie mit Hoffnungsfirnis die Oberflächen versiegelt haben – den Zugang über die tragenden Seitenteile und der Sockel der Herrlichkeit ist stabil zusammengeleimt.“

 

Ob das wirklich so einfach geht, … der Reihe nach? Ob man solche allgemeinen Abfolgen psychischer Zustände und deren komplexe Ergebnisse wirklich so nach Laufzettel und Lehrbuch aufsetzen kann? … Uns bleibt der Zweifel angesichts eines derartigen Schemas. Ist das nicht allzu mechanisch, allzu formal? …….

 

Was ist es aber, das uns so misstrauisch gegen eine Botschaft macht, die ja nicht ein Akademiker für ein Preisgeld zusammengetüftelt oder irgendein Phantast um des Ruhmes willen ausgebrütet hat, sondern die im Brief eines der erprobtesten, hingebungsvollsten Glaubensmenschen der Geschichte steht … noch dazu in einem Brief an echte Leser, an konkrete Frauen und Männer, deren Erleben zu schmerzhaft war, um von Floskeln berührt zu werden?

 

Ist unsere Zurückhaltung darin, Glaubenserfahrungen Wirklichkeit mit Wirkungen und Folgen zuzutrauen, nicht wie die unbeteiligte Haltung eines Gesunden, der der Medizin nicht traut?

 

… Dass Honig heilt und Penicillin rettet, dass ein Kaiserschnitt nötig und eine Schädeltrepanation überhaupt möglich sein könne, … das alles scheint manchen Menschen höchst unwahrscheinlich, märchenhaft, nüchtern betrachtet wenig überzeugend.

 

… Sei’s drum. Wenn die Schürfwunde nicht eitert und die Blattern nicht mehr entstellen, wenn weder Mutter noch Kind sterben und der Patient lebt, dann sind die neunmalklugen Besserwissereien plötzlich nicht mehr gültig. Dann zeigt sich, dass es nicht an dem liegt, was wir uns leicht vorstellen können, sondern an dem, was im Schweren wirklich wirkt.

 

……. Wie der Glaube. Er ist eine so mächtige Hilfe, eine so wirksame Heilkraft, dass alle unsere theoretischen Vorbehalte und unsere kühle Distanz – so unbenommen und verständlich sie sind und bleiben – dennoch nicht die richtige Frage stellen. Die Frage ist nicht: Kann der Glaube helfen? Sondern: Kennst Du seine Hilfe?

 

So unbefriedigend es nämlich auch für Gespräche am Kamin oder Urteilsbildung in der Diskussion sein mag: Wir müssen erkennen, dass wir wo jeder mitredet und alle ihre Meinung haben, nicht der Wirklichkeit begegnen, von der Paulus den Römern schreibt. Vielmehr … und noch viel unangenehmer: Wir müssen erkennen, dass wahrscheinlich gerade wir den Schnabel und die Luft anhalten müssten, wenn es um das geht, was der Heilige Geist den Angefochtenen und Leidenden schenkt. Nicht das Geschwätz des Internet, das wir auch ohne Tastatur und Bildschirm fortsetzen, wenn wir immer schon erklären, was nicht stimmt und was wie sein müsste … nicht das Geschwätz der Ahnungslosen hilft uns weiter zur Wahrheit: Wenn nämlich – wie Jesus es im Blick auf seine eigene Hilfe sagt (Mk.2,17//Lk5,31) – die Starken und Gesunden keines Arztes bedürfen, dann sollten sie sich auch nicht anmaßen, dessen Kunst und Kuren zu beurteilen. Sondern schweigen und hören, was die Schwachen, die Patienten – wörtlich: die „Geduldigen“ – zu sagen haben. So erfahren Verwöhnte und Verschonte wie wir es sind mehr als ihre bloßen Vorstellungen es ihnen je vermittelt hätten. ———

 

Dafür ist der Römerbrief aber ein besonders geeignetes Erkenntnis-Instrument.

 

Als echter Brief überliefert er uns nicht nur die Stimme seines Verfassers, sondern den Ton und Inhalt eines wirklichen Austausches. Was Paulus schrieb, schrieb er doch bewusst vor dem Horizont der Erfahrungen seiner Adressaten. ……. Und die waren wie aus den Schlagzeilen unserer unruhigen, hasserfüllten Tage geformt: Wer den Römerbrief als Erstes las, hatte persönlich intoleranten - rassistischen – Menschenhass, Fluchtschicksale und die Gleichgültigkeit einer frühen Globalgesellschaft erlebt.

 

Etwa sechs Jahre vor der Abfassung dieses letzten und größten der Gemeindebriefe des Paulus waren aus der Hauptstadt des Weltreiches sämtliche Juden vertrieben worden, weil Kaiser Claudius, der eine Politik altrömischer Tradition verfolgte, sie als Bedrohung der Identität des Reichs und seiner Bürger ansah[i]. Auslöser der Judenvertreibung war die Unruhe, die ein gewisser „Chrestos“ unter den jüdischen Stadtrömern ausgelöst hatte. Ob es sich bei diesem Chrestos bereits um die Nachricht von dem Mann aus Nazareth handelte, ist ungewiss; sicher dagegen ist, dass mit der Synagogengemeinde auch die allerfrühesten Anhänger Jesu Christi in der Stadt am Tiber zu Flüchtlingen wurden.

 

Einige Spuren ihrer erzwungenen Migration durchziehen das Neue Testament.

 

Besonders auffallend immer wieder der Weg des judenchristlichen Ehepaares Prisca und Aquila[ii]. Ihr Zeltmacherhandwerk und alles, was an Gerätschaft und Geschäft dazu gehört, verloren sie, als sie im Jahr 49 n.Chr. aus Rom weggejagt wurden. Bei der Ankunft im griechischen Korinth waren sie mittellos, doch weder die leibhaftige Not noch die quälenden inneren Sorgen brachen ihren Glaubensmut: In Korinth verband sie die Freiheit derer, die nichts mehr zu verlieren haben, und der Fleiß derer, deren Gewinn nicht auf Erden zu suchen ist, mit ihrem Glaubens- und Zunftgenossen Paulus. Zusammen arbeiteten sie sich durch die bittere geteilte Armut und die gemeinsame herrliche Freude des Missionarsdaseins und sammelten erst in Korinth, danach hinter der griechisch-türkischen Grenze in Vorderasien, in Ephesus zusammen mit dem Apostel Menschen zur weltweiten Kirche Jesu Christi. In Ephesus riskierten sie beide – Prisca, die tonangebende Frau und ihr wohl weniger bedeutender Mann – ihr Leben für den inhaftierten Paulus (vgl.Rö16,4), leiteten die Gemeinde nach dessen Abreise weiter und waren weder durch Heimatlosigkeit noch durch Bedrängnis, weder durch gemeindlichen Zwist noch persönliche Erschöpfung zu entmutigen. Die Liebe Gottes war aus-gegossen in ihre Herzen durch den Heiligen Geist, so dass weder Trübsal noch Angst noch Verfolgung noch Hunger noch Blöße noch Gefahr noch Schwert (vgl.Rö8,35) sie klein-kriegten.

 

Prisca und Aquila lebten ihren Glauben und ihr Glaube lebte in ihnen … unter ökonomischen, sozialen und psychischen Umständen, die uns unvorstellbar erscheinen müssen: Doch gerade an sie – die am Briefschluß eigens genannt werden (vgl.Rö16,3f!) – richtet sich der Römerbrief, denn sie waren nach dem Tod des judenfeindlichen Kaisers Claudius wieder in die Hauptstadt zurückgekehrt. Ihre Trübsal hatte ja tatsächlich Geduld in ihnen gewirkt, die sich als Hoffnung in unmittelbarer Not bewährte. Gewiss: Sie waren Treibgut der Geschichte, Ohnmächtige im Gewoge der politischen Entwicklungen, und wenn sie noch länger lebten nach des Claudius Tod, dann wurden sie Zeugen und vermutlich auch Opfer der Epoche Neros, des nächsten Christenverfolgers an der Spitze des Weltreiches. Aber wie so viele damals und später … und heute: Prisca und Aquila hatten Frieden mit Gott durch ihren Herrn Jesus Christus.

 

Diese Worte des Apostels sprachen in den Ohren seiner römischen Geschwister nichts Theoretisches, sondern ihre allerunmittelbarsten Erfahrungen aus: So mächtig ist die Wirkung des Zugangs zur Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, den der Glaube öffnet, dass Menschen dadurch wirklich Linderung aller Schmerzen zuströmt und eine Kraftquelle, ein Heilmittel, eine Stärkung, denen nichts sonst gleichkommt.

 

Wer es – wie die Gemeinde des Römerbriefes – am eigenen Leib erfahren hat, für den bezeugen die Ausführungen des Apostels die grundlegendste Tatsache der Welt.

 

Wer dagegen – wie wir – aus sicherem Abstand ungläubig rätselt, wie der Friede des Glaubens an den Katastrophen des Lebens nicht scheitern soll, sondern über sie hinaus in Gottes kommendes Reich tragen, der wird am heutigen Tag der Fürbitte für die verfolgten Christen zumindest ganz bescheiden gemacht. Denn wenn wir uns umschauen – rückwärts in die Vergangenheit und seitwärts zu unseren Mitchristen heute, – dann wird klar, dass unsere vermeintliche Weisheit Stückwerk und unser Erkennen Stückwerk sind (vgl. 1.Kor13,9):

 

Millionen von Christen bezeugen es in drückendem Elend und aussichtslosen Lagen, dass ihre Hoffnung durch Leiden nicht etwa vernichtet, sondern verdichtet wird und dass Druck sie als Christen nicht bricht, sondern festigt. ——

 

Wenn der Blick an diesem Sonntag Reminiszere in das zweite Mutterland der Christen gelenkt wird, nach Syrien[iii], wo der Völkerapostel vor Damaskus zu seinem globalen Dienst berufen wurde und die Nachfolger Jesu in Antiochien zum ersten Mal den Christennamen erhielten (vgl.Apg.11,26), auf den wir eben noch einen Menschen getauft haben, … wenn wir heute also nach Syrien blicken, wo anfing, was die Kirche in aller Welt werden sollte, dann begegnen uns in unserer Gegenwart ganz ähnliche Bestätigungen der Paulusworte von der Trübsal, in der Hoffnung wächst, die nicht zuschanden werden lässt:

 

Von 23 Millionen syrischer Staatsbürgern sind 11 Millionen entwurzelt, traumatisiert und geflohen.

 

An der Wiege unseres Glaubens herrscht flächendeckend tiefste, brutale Verstörtheit. Die ältesten Kirchen der Erde hat der IS gesprengt, die ältesten urchristlichen Gemeinschaften, die in Jesu Muttersprache zweitausend Jahre ununterbrochen weitergebetet haben, wie er sie lehrte, hat der Krieg in alle vier Winde getragen.

 

… Und doch: Wo immer man auf sie treffen mag – die chaldäischen und assyrischen Christen, die byzantinischen und melkitischen, die armenischen und arabischen Getauften – ob in den Trümmern der Kirchen und Klöster Syriens oder im Exil von der Türkei bis Kanada, von Detroit bis Gütersloh (weil weltweit nirgends so viele Menschen die aramäische Sprache Jesu sprechen, wie in diesen beiden Städten) – … wo immer man also auf die Glaubensgeschwister des Paulus, der Prisca und des Aquila trifft, wird man auf allen ihren Fluchtrouten und Wegen des Martyriums einen Verlust kaum antreffen: Was sie auch aufgeben und zurücklassen mussten, ihren Glauben haben sie nicht verloren! In den Ruinen Syriens bauen sie architektonisch tatsächlich das alte Erbe, das auch unsere Wurzel ist, mühsam und behelfsmäßig wieder auf, obwohl ihre Zahl grauenvoll gemindert wurde; in der Raubtieratmosphäre des Bürgerkriegs und der wiedererstarkten Zwangsherrschaft Assads reiben sie sich auf, um Diakonie und Bildungsarbeit der Kirche nicht auslöschen zu lassen; und auch in den womöglich dauerhaften Exilen und Asylen, in die es die Nachkommen der ursprünglichen Christenheit verschlagen hat, feiern sie Liturgie und Eucharistie, bauen die Gemeinde und sind fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal und halten an am Gebet (Rö.12,12).

 

Denn das vermag der Glaube:

 

Er hält am Leben. Er heilt fürchterliche Verletzungen. Er richtet Gequälte auf. Er bringt Entkräftete zu sich und auf die Beine. Er nimmt Schmerzen und schenkt Antrieb. Er entgiftet die Erinnerung und entbindet Energie. Er nährt das Herz und schützt die angegriffene Seele. Er löscht das entflammte Rachegefühl und tränkt die welkenden Empfindungen mit Mut.

 

Der Glaube, durch den wir gerecht geworden sind, beugt den Mord- und Selbstmord-gefahren vor, denen Menschen in akuter Not begegnen, weil er unverstellte Sichtweisen auf das eröffnet, was die Trübung, die in aller Trübsal herrscht, sonst verschleiert.

 

Und so verwandelt der Glaube negative Erlebnisse in die Grundlegung von Besserung. Glaube transformiert Übel in Überwindbares und setzt Erwartungen frei, die bis in den Himmel beflügeln.

 

Glaube ist tatsächliche Rettung durch die Widerstandskraft herrlicher Hoffnung, deren Lebendigkeit sich nicht mit dem Lauf der Zeit abnutzt, sondern wächst, weil sie von der Zukunft erfüllt ist.

 

Glaube ist die Zugabe, ohne die Leben bloß stofflicher Verschleiß und Verbrennung wäre. Wenn aber die schöpferische Liebe des ewigen Gottes in Herzen ausgegossen wird, dann wachsen Menschen auf Ihn hin, was immer ihnen auch sonst widerfährt.

 

Und so versetzt Glaube Berge, macht Kleine groß und Schwache stark, strahlt in der Finsternis, schafft freie Menschen hinter Gefängnismauern, versetzt Opfer der Welt auf den Thron der Geschichte und öffnet die Ewigkeit für vergessene und vergehende Sterbliche. ——

 

Diese Botschaft von den wirklichen Möglichkeiten, von der möglichen Wirklichkeit, die gläubige Christen in Trübsal, Geduld, Bewährung und Hoffnung erfahren haben und immer wieder erfahren, steht heute so vor uns, wie sie vor den ersten verfolgten Christen stand und ihren gegenwärtigen Leidensgenossen.

 

Dass ihre Frage dabei nicht unsere Frage ist – „Wie sollte solche Wirkung des Glaubens denkbar sein?“ – hat seinen letzten Grund aber nicht in denen selber, die es erfahren, sondern in Christus: Christus hat die Möglichkeiten des Glaubens zur unumstößlichen Tatsache gemacht, als er nicht für einige wenige, sondern für uns alle, für jeden einzigen Menschen den Tod an- und vorweggenommen hat, um allen Gerechtigkeit und Frieden zu eröffnen.

 

Denn das ist Fakt, dass Christus zu der Zeit, da wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben ist (Rö5,6 – Wochenspruche an Reminiszere)!

 

Und darum müssen – und werden! – auch wir nicht immer weiter nur fragen, ob denn das alles möglich sei, was Christen im Glauben widerfährt.

 

… Auch unsere starke Stunde kommt, … die Stunde, in der wir es erleben werden.

 

Amen.

 



[i] In bündiger Form fasst die Diskussion zum sog. Edikt des Claudius zusammen: Bernd Kollmann, Einführung in die neutestamentliche Zeitgeschichte, Darmstadt 2006, S.99f.

[ii] Prisc(ill)a und Aquila begegnen in Apostelgeschichte 18 sowie den Grußlisten Römer 16 und 1.Korinther 16, außerdem in 2.Timotheus 4,19. Sie faszinieren, weil sie ein nicht-paulinisches Judenchristentum belegen, das intensiv mit der paulinischen Heidenmission kooperierte. Ihre Bedeutung für das Urchristentum verliert sich zwar weitgehend im Unklaren der spärlichen Quellenlage, aber eine originär judenchristlich-stadtrömische Tradition wird durch die beiden immerhin greifbar. Weitere – naheliegende – Spekulationen, wie die zuerst von Adolf von Harnack vertretene These, Prisca können die ungenannte Verfasserin des Hebräerbriefes sein, bleiben reizvoll, wenn auch nicht beweisbar.       

[iii] Vgl. zum Folgenden auch die empfehlenswerte Handreichung: Fürbitte für bedrängte und verfolgte Christen – Sonntag Reminiszere 8.März 2020. Im Fokus: Syrien, hgg.v. EKD Hannover, Oktober 2019, die im Netz zugänglich ist unter: https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/reminiszere_2020_syrien.pdf

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