Septuagesimae, 09.02.2020, Stadtkirche, Matthäus 20, 1 - 16, Jonas Marquardt

 

Predigt Kaiserswerth Septuagesimæ – 9.II.2020                                                                                                 

 

            Matthäus 20, 1-16

 

Liebe Gemeinde!

 

Wie vieles auch in dieser Woche an den Grundfesten des demokratischen Konsenses durcheinandergerüttelt worden ist – etwa, dass man in einem echten Prozess Zeugen und Beweismittel zu berücksichtigen hat und dass man die Wahl seiner Verbündeten über das eigene Gewählt-Werden stellen sollte, weil es in der Politik nicht um Macht allein, sondern um Verantwortung geht – …. wie vieles dieser Tage, da man Ministerpräsident für eine halbe Woche sein kann, also auch durcheinandergerät, so gibt es doch immer noch eine philosophisch-politische Grundfrage, die der Pausenhof und der Stammtisch genauso gut und eindeutig beantworten zu können meinen wie etwa die Schule des Aristoteles: „Was ist Gerechtigkeit?“

 

… Obwohl eine differenzierte Definition kaum jemandem zur Verfügung stehen wird: Die allermeisten Menschen sind sicher unbefangen bereit, in Sachen Gerechtigkeit ihrem Bauch zu vertrauen, ihrem Instinkt oder wie immer man das rein intuitive Empfinden nennen wollte, das ja schon kleine Kinder zu empörter Anzeige und Anklage befähigt, wenn sie voll Selbstverständlichkeit protestieren: „Das ist nicht fair“. – Rückfrage: „Was wäre denn fair?“  – „Jedenfalls nicht, wenn der andere gewinnt.“

 

Wem das nun zu naiv, zu wenig ernsthaft klingt, der möge die Politik und die Wissenschaft, die Steuerexperten, die Wirtschaftsweisen, … nicht zuletzt die Rechtsgelehrten befragen. Er wird die selbe Schwierigkeit antreffen: Dass nämlich, was immer man jeweils im Brustton der Überzeugung als „Gerechtigkeit“ schildert, an zu viel Subjektivität – Parteilichkeit also – oder zu reiner Objektivität – Wirklichkeitsfremdheit – leidet und darum nicht herrschen wird. ——

 

Und doch bleibt die Frage nach der Gerechtigkeit die wichtigste Frage des Menschengeschlechtes: Grundlage seiner Verschiedenheit von allem, was bloße „Natur“ ist, Motor seiner Entwicklung und vor allem sein zentraler Auftrag, sein heiligstes Gebot von Gott: „Trachet zuerst nach Gottes Reich und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere zufallen“ (Matth. 6,33).

 

Wer die Gerechtigkeitsfrage aufgibt, wer das Recht gar nicht erst sucht, weil er erkannt hat, damit in eine unlösbare Aufgabe einzuwilligen, … wer sich also weigert, nach dem Heiligen Gral zu fahren, den zwar alle Menschen Gottes vielleicht noch nie in ihren Händen hielten, aber unablässig vor Augen hatten, … wer also kurzum darauf pfeift, dass es so viel Ungerechtigkeit gibt und doch zugleich die Überzeugung, wie anders es sein müsste: Der macht sich schuldig, ehe er sagen könnte, was Unschuld und Schuld seien.

 

Gerechtigkeit zu begehren, zu bestimmen und zu schaffen, bleibt der Silberstreifen am Horizont der Weltgeschichte, der verhindert, dass alles nur in Finsternis verläuft. ——

 

… Wo aber bleibt denn nun Gott?

 

Wenn Er Gerechtigkeit ist und Gerechtigkeit fordert, warum setzt Er sie dann nicht einfach autoritär um: Wieso sind so viele Seiner Gebote eigentlich nur Einschränkungen und Verhinderungen von Bösem und nicht klipp und klar Befehle des Rechts? Warum wird nicht unmissverständlich markiert, genau was genau wie genau wann genau von wem genau geleistet und gemacht werden muss? …….

 

Die Frage zu stellen, heißt sie zu beantworten: Weil eine Welt, in der das Gute auf Kommando erfolgt und Gerechtigkeit eine Vorschrift erfüllt, eine Diktatur wäre.

 

Wo Gerechtigkeit dem Zwang gehorcht, herrscht also Unrecht.

 

… Das ist die Schwierigkeit der Gerechtigkeit: Dass sie Freiheit und Freiwilligkeit erfordert, um sich nicht selbst zu verhindern.            

 

Gerechtigkeit, die den Namen verdient und nicht mit Widerwillen oder hasserfüllt zustande kommt, hat eben nichts von einer eigehaltenen Regel an sich, dafür aber alles von einer guten Gabe. Sie ist nicht der physikalisch statische Zustand, dass jeder das Gleiche hat, wie jeder, … dass kein Gut, kein Ding, kein Recht in unterschiedlicher Weise verteilt werden könnte, weil alles unabänderlich festliegt, … dass jeder nur tun soll, was jeder tut und einer nur muss, was alle müssen.

 

Statt solcher Erstarrung muss Gerechtigkeit ein freies Spiel der Kräfte, ein Durch- und Füreinander der Schwächen und der Stärken sein, eine Bewegung, die das Leben trägt. … Nicht Eis, sondern Fluss.

 

Niemand hat das jemals lebendiger und besser und weiter weg von dürren Definitionen zu sagen vermocht, als der sozialkritischste aller Propheten, Amos, bei dem es heißt (5,24): „Es ströme das Recht wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“.  

 

So ist Gerechtigkeit: Nie festzuschreiben, immer im Strom des Lebens, ein Geschenk des Guten an die Wirklichkeit, … das Geschenk der Wirklichkeit des Guten. ———

 

Das war – wie jedermann bemerkt haben wird – der dritte Teil der Predigt, der „Was lernt uns das?“-Abschnitt, die zusammenfassende Anwendung.

 

… Bloß warum so früh?

 

Warum nicht schön erst erzählen, dann deuten, dann schlußfolgern?

 

Weil Jesus sein Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg so angelegt hat, dass es theoretisch nicht auf eine beruhigende, leicht fassbare Pointe, auf eine bündige Moral hinausläuft, sondern auf blanken Anstoß.

 

Kein Mensch kann diese kleine Dichtung von einem ganz normalen Tag der Tagelöhner hören, ohne sich am Ende unwillkürlich mit zu ärgern.

 

Denn da kitzelt Jesus unser Stammtisch- und Schulhof-Bauchgefühl so stark, dass man wirklich gereizt reagieren muss: Es ist einfach nicht fair, die Knochenarbeit eines ganzen Tages nicht besser zu belohnen als das Stündchen Nachlese derer, die erst nach dem Ende der schrecklichen Hitze, die sie irgendwo im Schatten verdösen durften, noch ein bisschen rege waren! Es ist nicht fair, dass Schuften nicht mehr wiegen und bringen solle, als das Liegen auf der faulen Haut!

 

… Gewiss: Am Morgen, als alle noch Konkurrenten um den Tagesverdienst, um das tägliche Brot, das man erst am Abend bezahlen kann, waren, da hatten die einen Glück, weil der Ruf sie traf, und die anderen Pech, weil ihr Magen, je länger ihre Muße blieb, desto unheilvoller zu knurren begann. Bei Schichtbeginn haben die früh Geheuerten gefeixt und noch am Nachmittag sahen die Übriggebliebenen der Not entgegen. … Aber warum konnten die Verhältnisse nicht trotzdem objektiv gewahrt bleiben und alle dennoch satt werden …, nur die harten Arbeiter eben etwas satter?

 

… Wieso musste die übertriebene Großzügigkeit des Weinbergbesitzers die Zufriedenheit über einen an sich angemessenen Lohn verderben?

 

Wieso konnte das psychologische Gesetz nicht berücksichtigt werden, dass erst Vergleichsmöglichkeiten schrumpfen und nachdunkeln lassen, was uns eben noch reichlich und hell vorkam?

 

… Wieso erzählt Jesus ein so weltfremdes und der menschlichen Natur zuwiderlaufendes Geschehen überhaupt?

 

Wieso reizt er den Wutbürger in uns, der - je nachdem - in den Asozialen, den Leistungsschwachen, den Schmarotzern, denen, die nicht von Anfang an dabei waren, Verwöhnte, Bevorzugte oder schlicht „Schädlinge“ sieht … scheel, scheel, scheel??! …….

 

Vierzig, fünfzig Tage nach Weihnachten – als wir alle ihn noch einfach lieben konnten – … das ist ja nur sechzig, siebzig Tage vor Golgatha: ……. Und man gewinnt beinah den Eindruck, als habe Jesus es darauf angelegt, möglichst provokant, möglichst unpopulär, möglichst verwirrend in alle menschlichen Maßstäbe und Muster hinein- und sich damit bewusst um Kopf und Kragen zu reden.

 

Pass auf, Du, Jesus!

 

Unser Stammtischgefühl, dass wir ja nicht ganz ahnungslos sein können, was richtig und was verkehrt, was angemessen und was unzumutbar ist, weil wir ja schließlich auch was von der Welt verstehen … unser Stammtischgefühl ist uns verdammt nochmal heilig! Da können Amos und Aristoteles uns viel erzählen von ihren schwammigen Gerechtigkeitstheorien – Gerechtigkeit „wie Wasser“ oder abstrakt wie eine Algebraformel als ausgleichende, distribuierende, Billigkeit herstellende Funktion: Das ist alles das Gewäsch solcher, die nie zusehen mussten, dass der Lohn ihrer harten Arbeit nicht von den Bedürfnissen irgendwelcher anderer geschmälert und ihre Zufriedenheit verdorben wird durch die billige Tour, auf die so viele sich ein schönes Leben machen.

 

Jesus, erzähl’ Deine verdrehte, unlogische, sinnlose Geschichte wem anders!

 

Sonst wundert uns nicht, was Dir in septuagesimæ Tagen blüht! ———

 

Das war der Mittelteil der Predigt, der das Problem herausarbeitet, das es zu verstehen, das es zu durchdringen gilt: Jesu zu allen Zeiten und also auch ursprünglich wahrhaftig anstößige Gleichberechtigung der Nachzügler mit denen, die einen Vorzug haben müssten … historisch gesprochen: Der Heiden mit den ersterwählten Juden; soziologisch aber immer auch schon eine Parteinahme für die Benachteiligten, für das Lumpenproletariat, für die Chancenlosen, die bei ihm in jeder Hinsicht das selbe Gewicht wie die Eifrigen und Glänzenden und Vollkommenen haben. ———

 

Wie aber soll denn nun der wirklich dritte Teil, das Fazit der Predigt über die fair bis üppig entlohnten Erntehelfer, in denen wir die Menschheit am Ziel ihrer Anstrengungen erkennen müssen, ausfallen?

 

Soll es bei der Überlegung zur Freiheit und zum Gabecharakter der Gerechtigkeit bleiben?

 

– Der Gedanke ist nicht neu. Johann Gottfried Seume hat in einem Gedicht über das Recht, in dem er die Gerechtigkeit als Bauwerk vorstellt, festgehalten:

 

„Die strenge Pflicht, die der Vertrag erzwingt, / bleibt ewig Grund zu dem Gebäude; /

 

doch Milde nur und Güte bringt /ins leere Haus den Harrenden die Freude.“[i]

 

Dass Gerechtigkeit nicht das Starre, sondern das ist, was über den reinen Buchstaben des Gesetzes hinausgeht, ein Überfluss, der das Formale des Rechtlichen übertrifft, das kann man also auch ohne das Evangelium erkennen und lernen.

 

Und dass die sture Rechthaberei unchristlich ist, die den weniger Beteiligten, den weniger Befähigten, den weniger Bemühten grundsätzlich auch immer nur proportional weniger von allem zuerkennt und gönnt, das ist ebenfalls eine alte und nichtsdestotrotz wahr Erkenntnis. Ja, tatsächlich: Jesus ist der Parteigänger der Armen gegen die Reichen; er hat mehr übrig für die, die weniger haben, sind und können; und er wurde nicht nur unter Pontius Pilatus gekreuzigt, sondern auch seit seiner Auferstehung wieder und wieder verworfen, weil das Evangelium die Weltanschauung der Wohlhabenden und Abgesicherten zum Einsturz freigibt.

 

Eine sozialkritische Betrachtung als Predigtschluss wäre also keine gewaltsame Fehldeutung; ein befreiungstheologisches Plädoyer zugunsten der übersehenen Massen, denen materiell wie geistlich mindestens das zusteht, was wir für uns beanspruchen, wäre keine abwegige Verirrung, sondern schriftgemäß, … obwohl der Applaus von der nächste Woche vielleicht schon zu erwartenden Thüringer Minderheitsregierung auch nicht gerade beruhigend wäre. ……. ——

 

Doch die eigentliche Botschaft des Gleichnisses, das wir etwa auf der Mitte zwischen dem Geburtsfest und dem Todestag Jesu hören, geht weder in einer Theorie noch einer Partei der Gerechtigkeit auf.

 

… Sondern in der Person Christi: Um Ihn geht es uns, wenn es um Gerechtigkeit geht.

 

Nicht philosophische und nicht politische Gründe sind es ja, die im Gleichnis die befremdlich großzügige und doch unanfechtbar berechtigte Haltung des Weinbergbesitzers bestimmen, sondern allein seine ureigenste Entscheidung. Er hätte zwar Zulagen und Abzüge ganz anders zumessen können, aber es hat ihm gefallen, dass alle das empfangen sollten, was als Lohn für ihre Mühe unzweifelhaft gerecht, … in den meisten Fällen aber zudem auch fraglos gnädig ist.

 

Ein reiner Überfluss an Güte zeigt sich also in der Gerechtigkeit des Dienstherrn.

 

Und das ganze Matthäusevangelium, das mit dem heiligen Gebot: „Suchet zuerst die Gerechtigkeit des Reiches Gottes“ anfängt, wird spätestens durch die antwortlose Frage „Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin?“ zur Botschaft von der Rechtfertigung.

 

Was wir suchen sollen, ist also nicht ein Programm oder ein Plan, die unsere Gerechtigkeit kodifizieren oder quantifizieren könnten, sondern Den sollen wir suchen, Der sie jedem nach Seinem Wohlwollen schenken kann.

 

Denn Ihm – so schließt ja das Matthäusevangelium – Ihm ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden (vgl. 28,18)

 

Und darum gilt von Ihm, dass Er Macht hat zu tun, was Er will, mit dem, was Sein ist.

 

Er ist also der Herr. Und Seine Güte ist der Maßstab Seines Rechtes.

 

Vor dieser unglaublichen Güte aber, die den Verlierern und Verlorenen den vollständigen Gewinn zumisst und den Gottlosen Gnade schenkt, … vor dieser unglaublichen Güte, die die Sünder rechtfertigt, müssen die Weisheit und der Anspruch unseres als bloßes Bauchgefühl eingebildeten Rechtsempfindens schweigen.

 

Da gilt nur (Dan9,18 = Wochenspruch an Septuagesimæ): „Wir vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf Deine große Barmherzigkeit.“ 

 

Dann allerdings muss all unser Besserwissen und Besserseinwollen auch wirklich enden.

 

Wenn aber unser Gefühl, unsere vermeintliche Intuition von dem, was recht und billig sein soll, von Gottes Barmherzigkeit so überholt wird, dann wird aus dieser Predigt, in der das Letzte das Erste war, das Erste das Letzte: Dann ist Barmherzigkeit die Gerechtigkeit der christlichen Gemeinde und alle unsere Ansprüche werden zu Vertrauen.

 

Und in diesem Vertrauen sollen wir gehen und sie suchen und üben und leben: Die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, … die Gerechtigkeit Jesu Christi, die uns allen – Sündern und Gerechten, Reichen und Armen, Starken und Schwachen, den Früheren und den Nachgekommenen, jetzt und künftig – nach Seinem gnädigen Willen widerfahren soll. Die Gerechtigkeit, die Barmherzigkeit, die in Christus sind.

 

Amen.

 



[i] Johann Gottfried Seume, Spaziergang nach Syrakus, 1.Abteilung, in: Ders., Gesammelte Schriften, hhg. v. J.P.Zimmermann, 2.Bd., Wiesbaden 1823, S.44.

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