2.S.n.Epiphan., 19.01.2020, "Vertrauen wagen", Mutterhauskirche, Ulrike Heimann

Die Freundlichkeit und Liebe Gottes sei mit euch allen.

Ich heiße alle ganz herzlich willkommen zu diesem Gottesdienst am 2.S.n.Epiphanias, und schließe auch alle mit ein, die an den Übertragungsgeräten in den Häusern der Kaiserswerther Diakonie mit uns verbunden sind.

Dieser Gottesdienst hat heute eine ganz andere Gestalt als üblich. Ich lade Sie ein zu einer Reise, zu einer Glaubens-Reise. In der nächsten Stunde werde ich Sie mit Ihnen bislang unbekannten „Ländern" und „Landschaften" unseres christlichen Glaubens bekannt machen. Was Sie hören werden, wird sicher beides für Sie bereithalten: etwas, das interessant ist und fasziniert und etwas, das eher erschreckend ist.

Mir selbst sind beide Seiten begegnet, als ich vor über 30 Jahren diese Reise unternahm; sie stand nicht im Lehrplan der theologischen Fakultäten (da wird sie leider bis heute nicht angeboten).

Sie überhaupt anzutreten, war gar nicht so leicht. In gewissem Sinne gab es da auch ein Gleis Neundreiviertel (Harry Potter Fans kennen das); da muss man den Mut haben, durch eine Wand zu springen, um auf den Bahnsteig und so zum Zug zu gelangen, der einen auf diese Reise mitnimmt. Ja, es braucht den Mut, die eigenen Glaubenstraditionen in Frage zu stellen und einmal zur Seite zu legen, die verschiedenen Tabus, mit denen man im eigenen Glauben, in der eigenen Konfession und Religion „eingehegt" wurde, zu durchbrechen, es braucht den Mut, aus dem Boot „Evangelische Volkskirche" auszusteigen und über das Wasser zu gehen - dem Christus Jesus entgegen..

„Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.", so heißt es im Wochenspruch aus dem Johannesevangelium.

Darum geht es mir: ich möchte Ihnen an dieser Fülle, die sich mir erschlossen hat, Anteil geben. Nicht nur Gott ist größer, als wir uns das gemeinhin so vorstellen, auch Christus ist größer und darum ist es wichtig, dass auch unser Glaube wächst und größer wird. Denken wir nur an die Jahreslosung: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!" Ich hoffe, dass dieser Gottesdienst ihnen Mut macht, mehr Vertrauen zu wagen, tiefer und weiter zu glauben.

Das Gottesdienstprogramm will dabei zweierlei sein:

Einmal soll es Ihnen Orientierung geben, wo wir im Ablauf dieses Gottesdienstes sind, welche Lieder wir zusammen singen. Zum anderen habe ich Inhalte/Aussagen, die mir wichtig sind, festgehalten; so können Sie auch noch später einmal den angesprochenen Gedanken nachgehen und gerne auch mich daraufhin noch einmal ansprechen.

In der nächsten Stunde möchte ich Ihnen wichtige Stationen unseres Glaubens nahebringen, biblische Texte zu Gehör bringen und sie als Zeugnisse des Glaubens in ihrer Zeit und in ihrer Bedeutsamkeit heute würdigen. Dabei werden uns auch Glaubenszeugnisse anderer Menschen helfen.

Wir werden miteinander singen und beten und immer wieder auch Zeit finden, in uns hineinzuhören.

 

Lassen sie uns nun miteinander beginnen mit dem

 

Lied 165 „Gott ist gegenwärtig", die Strophen 1+2+4+5.

 

Gebet

Hier bin ich

Und suche Zutritt zu dir, weil ich deiner bedarf.

Doch wie könnte ich Zutritt zu dir suchen durch das,

was dich unmöglich erreichen kann?

Oder wie könnte ich klagen bei dir über meine Lage,

da sie dir nicht verborgen ist?

Oder wie könnte ich dir`s erklären mit meiner Rede,

da sie von dir kommt und auch zu dir geht?

Und wie könnten meine Hoffnungen scheitern,

da sie zu dir gekommen sind?

Und wie könnte meine Lage nicht gut sein,

da sie durch dich besteht und zu dir hin geht?

Mein Gott,

durch die Vielfalt der geschaffenen Zeichen

und den ständigen Wechsel der Phasen

habe ich gelernt,

dass es dein Wille ist,

dich mir kenntlich zu machen

in allem,

damit ich dich nirgendwo

nicht erkenne.

 

(Ibn Ata Allah)

Meditation A

Wir kommen von Weihnachten und Epiphanias her. Dieser Sonntag ist der 2.S.n.Epiphanias und die Epiphaniaszeit dauert noch bis zum 2.Februar. Bis Mariä Lichtmess leuchtet uns noch der Stern, möchte er uns Mut machen, unsere Reise anzutreten und fortzuführen.

Weihnachten, das ist ein guter Ausgangspunkt für unsere Glaubensreise. Das Fest der Geburt Jesu ist verbunden mit einer Geschichte, an der deutlich wird: der christliche Glaube war von Anfang an nichts Statisches, nichts Abgeschlossenes. Vielmehr bezog er seine Lebendigkeit aus seiner Wandlungsfähigkeit, aus seiner Fähigkeit, die Menschen, mit denen er es zu tun bekam, ernst zu nehmen mit ihren Hoffnungen, mit ihren Visionen und Bildern, mit ihren Traditionen und mit ihrer Welterfahrung, mit ihren Freuden wie mit ihren Leiden.

Die zentrale Gestalt im christlichen Glauben ist Jesus. Ohne Jesus kein Christentum. Jesus ist beides: eine Gestalt des Glaubens und eine historische Person.

Von den Umständen seiner Geburt wissen wir - nichts.

Damals gab es keine Standesämter.

Wahrscheinlich ist er in Nazareth geboren; dort lebte seine Herkunftsfamilie.

Doch als die Nachfolger und Nachfolgerinnen Jesu in den Jahrzehnten nach der Kreuzigung und nachdem ihnen Jesus bleibend als der Lebendige aufgeleuchtet war, als sie nun das, was sie von Jesus gehört und verstanden hatten, den Menschen außerhalb Judäas und Galiläas, also außerhalb ihres eigenen kulturellen und religiösen Umfeldes weitersagen wollten, da sahen sie sich genötigt, eine Geburtsgeschichte zu erzählen, die der Bedeutung, die Jesus für ihren Glauben hatte, gerecht würde. Ein wichtiger Mensch musste einfach eine besondere Herkunft haben.

So erzählt Lukas davon, dass Jesus in Bethlehem zur Welt kommt. Das war ihm deshalb wichtig, weil es die Verheißung gab, dass einmal ein Nachkomme aus dem Haus Davids kommen würde, der Israel aus seiner Knechtschaft befreit. Und David stammte aus Bethlehem. Mit Jesus ist der verheißene Retter geboren, das ist Lukas wichtig. Diese Botschaft verkündet deshalb ein Engel. Und die Rettung gilt vor allen Dingen den Menschen am Rand, den Geringsten; das war ja die Botschaft, die Jesus verkündigt hatte. Und deshalb erzählt Lukas, dass die Engel zuerst den Hirten auf den Feldern Bethlehems die Geburt des Retters verkünden. Hirten gehörten zu den Menschen, die ganz unten in der damaligen Gesellschaft standen.

Lukas wusste offensichtlich schon etwas von der „Freiheit eines Christenmenschen". Um die Botschaft Jesu seinem Freund Theophilus und dessen Umfeld möglichst verständlich zu machen, entdeckt der Arzt Lukas sein erzählerisches Talent und setzt es wirklich gekonnt ein - zur Freude der Menschen bis heute.

Ähnlich Matthäus, der sein Evangelium ja für einen ganz anderen Adressatenkreis schreibt und selbst anderer Herkunft ist als der Grieche Lukas. Die ganze Geschichte mit der Volkszählung: die hatte sich Lukas einfallen lassen, um Maria und Josef einen Grund zu liefern, von Nazareth nach Bethlehem zu gehen; außerdem konnte er so noch einmal die schlimme Lage des jüdischen Volkes unter römischer Besatzungsherrschaft vor Augen zu führen. Nichts davon finden wir bei Matthäus. Bei ihm bewohnen Maria und Josef ein Haus in Bethlehem, und dort kommt Jesus eben zur Welt. Matthäus lässt auch keine Engel auftreten und Hirten kommen auch nicht gelaufen. Matthäus hat ein ganz anderes Interesse: er will zeigen, dass die Botschaft Jesu nicht nur für das jüdische Volk von Bedeutung ist, sondern auch für die Menschen in anderen Ländern, anderer Kultur und Religion. Die Männer, die dem Neugeborenen ihre Huldigung entgegenbringen, sind deren Repräsentanten. Sie sind gerade keine Könige. Sie sind Suchende, die bereit sind, sich der unterschiedlichsten Quellen zu bedienen - seien es Sternkonstellationen oder die heiligen Schriften einer ihnen fremden Religion - um ihr Ziel zu erreichen. Am Ende seines Evangeliums lässt Matthäus den Auferstandenen genau daran anknüpfen. Da weist er seine Nachfolgerinnen und Nachfolger an, zu den Menschen aller Völker hinauszugehen, um die Botschaft von der Liebe Gottes zu verkünden.

Wirklich wunderbare, bedenkenswerte Erzählungen, die uns auch heute noch begreifen und spüren lassen, was diese beiden Feste - Weihnachten und Epiphanias - uns vermitteln wollen. Wobei es eben um beides geht: der Glaube ist eine Sache von Herz und Verstand.

Doch wenn wir uns umsehen, dann müssen wir feststellen: die Verbindung zu beiden ist äußerst bedroht:

zum Herzen durch den überbordenden Konsum gerade in der Weihnachtszeit

und zum Verstand durch die verhängnisvolle Unwissenheit, zu der die theologische Zunft leider maßgeblich beigetragen hat. Besonders dadurch, dass sie die biblischen Erzählungen nicht als solche gewürdigt hat, sondern zu historischen Fakten umgebogen hat, die „man eben glauben muss".

Für das Theologiestudium habe ich Griechisch und Hebräisch lernen müssen, um die Bibel in ihrer Originalsprache lesen zu können. Das ist auf jeden Fall sinnvoll.

Aber eine Sprache hat man dabei völlig außer Acht gelassen, die Symbolsprache, von der der Psychoanalytiker

Carl Gustav.Jung mit Recht gesagt hat, das sei die Sprache, die alle lernen sollten, weil sie die Sprache ist, in der sich die Seele des Menschen ausdrückt und mit der sich die Menschen über Kultur- und Religionsgrenzen hinweg austauschen und verbinden können. Diese Sprache habe ich mir dann selbst beigebracht und habe erlebt: C.G.Jung hat Recht. Denjenigen, die mit der Symbolsprache vertraut sind, erschließen sich viele biblische Texte erst in ihrem ganzen spirituellen Reichtum. Und darüber hinaus auch Texte aus den Heiligen Schriften anderer Religionen.

Die Symbolsprache ist in besonderer Weise die Sprache der Mystikerinnen und Mystiker aller Religionen und aller Zeiten. Sie ist wirklich universal und global. Ich bin tief davon überzeugt, dass es für die Menschheit von entscheidender Bedeutung sein wird, dass sich alle Religionen wieder auf diese Sprache besinnen. Sie müssen sie in ihren eigenen Kontexten neu kultivieren und mit ihr Brücken bauen von einer Religion zur anderen, von einer Kultur zur anderen, von einer Lebensweise zur anderen. Nur so können wir der um sich greifenden Kultur der Abgrenzung und des Hasses etwas Konstruktives und Positives entgegensetzen.

Der erste Lernschritt ist das Innehalten.

Man wird sich bewusst, wie oberflächlich man bisher vieles genommen hat, was in der Bibel zu lesen ist, mit welchem verkürzten Begriff von wahr und wirklich.

Und dann bittet man Gott um seinen Geist, dass er einem neue Zugänge eröffnet.

 

Lassen sie uns das jetzt zusammen tun, indem wir das Lied 382 miteinander singen „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr"; nach jeder gesungenen Strophe hören wir ein Zwischenspiel der Orgel, das uns Gelegenheit zum eigenen Nachdenken gibt.

 

 

 Meditation B

 

Glauben heißt unterwegs sein, nur so ist er lebendig.

Dabei gibt es zwei Reiserouten.

Auf beiden heißt es zu wandern.

Beide sind gleich wichtig.

Die eine Route führt uns ins Weite, die andere in die Tiefe.

Die eine verläuft außen, die andere im Innern.

Die eine heißt Mission, die andere Kontemplation.

Bei der Mission geht es allerdings entgegen dem landläufigen Verständnis nicht um Bekehrung zum christlichen Glauben, darum, möglichst viele „Heiden" zu taufen (es hat ja tatsächlich solch schlimme „Wettbewerbe" gegeben zwischen Missionsgesellschaften); nein, es geht um die Mission Gottes, der möchte, dass allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen:

Der Wahrheit nämlich, dass wir alle zu der einen Menschheitsfamilie gehören,

dass wir untereinander Geschwister sind,

als Geschöpfe mit aller Kreatur verbunden,

gebildet aus Sternenstaub und lebendig durch Gottes Geist, Gottes Atem,

mit Gott verbunden in der Liebe und in der Barmherzigkeit.

 

 

 

Der ökumenische Rat der Kirchen formulierte 1983 auf der Vollversammlung in Vancouver den Missionsauftrag als Lernprozess so: „Geht hinaus und macht euch stark für Gerechtigkeit und Frieden und die Bewahrung der Schöpfung."

Das meint auch: verbindet euch in diesem Bemühen mit allen Menschen guten Willens, entdeckt, wo Menschen anderer Kultur und Religion, aber doch lebendig durch denselben Gottesgeist und so auch eure Geschwister, sich ebenfalls darum bemühen, dass es gerechter und friedlicher auf dieser Welt zugeht, die sich dafür einsetzen, dass die Menschheit ihre Heimat, diesen einzigartigen Planeten Erde nicht durch ihre Gier nach Macht und Geld zerstört.

Als in der Sylvesternacht das Affenhaus des Krefelder Zoos abbrannte, da löste das eine Welle der Betroffenheit und Trauer aus. Wie sehr müssten wir aber trauern um all die Tiere, die den verheerenden Bränden in Australien zum Opfer gefallen sind! Über 1 Milliarde lautete die Schätzung von Wissenschaftlern am 6.Januar; allein in der Provinz New South Wales starben über 8000 Koalabären. Und das Sterben in den Flammen geht weiter. Ja, Mutter Erde fiebert.

„Gott will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehre und umkehre von seinem falschen Weg." (vgl. Hes.18,23) Das ist die Mission Gottes: die Menschheit auf den richtigen Weg bringen. Und Gott zieht alle Register, um dieses Ziel zu erreichen, um das Überleben der Menschheit, ihr Zusammenleben miteinander und mit allen Geschöpfen zu befördern. Er zeigt die unterschiedlichsten Wege auf, in der Hoffnung, dass da schon für jede und jeden einer dabei ist, der für ihn oder für sie möglich und gangbar ist.

Mission so zu verstehen und diesen Weg nach außen zu gehen, hinaus und unter Menschen fremder Kultur und Religion ohne den Herrschaftsanspruch, meine Religion ist die einzig wahre, das setzt voraus, dass eben auch der Weg nach innen gegangen wird, der Weg der Kontemplation.

 

Der Apostel Paulus ist geradezu der Prototyp eines Reisenden in Sachen Glauben, der auf beiden Wegen unterwegs ist.

Er war bis zu seinem berühmten Erlebnis vor Damaskus ein jüdischer Fundamentalist und Eiferer, der für seinen Glauben über Leichen ging, mit klaren Grenzziehungen: hier das Volk Gottes und dort die Gojim, die Heiden. Und nur Israel kennt Gott, liebt seine Weisungen und wird von Gott geliebt.

Doch dann verändert sich für ihn vor Damaskus alles.

Lukas berichtet davon in der Apostelgeschichte. Seine Erzählung hat aber eine Lücke, eine Lücke von ein paar Jahren, nämlich zwischen dem Damaskus-Erlebnis und dem Beginn der Missionstätigkeit des Paulus. Ich denke, in dieser Zeit hat die geistliche Verwandlung des Saulus zum Paulus stattgefunden. Wir wissen es nicht, aber ich glaube, er wird sich noch einmal sehr intensiv und kritisch mit seinem bisherigen Glauben befasst haben; ganz sicher hat er ihn nicht einfach auf den Müll geworfen, das sieht man jedenfalls an seinen Briefen. Und er wird sich neu und mit weniger Abwehr, eher neugierig und interessiert mit den Religionen und Kulturen seiner Umwelt befasst haben. Auch das spürt man seinen Briefen ab. Auf jeden Fall ist sein Glaube tiefer und weiter geworden. Über Nacht passiert so etwas nicht. Das braucht Zeit. Aber dann war er soweit, seine Erkenntnisse mit anderen zu teilen, anderen mitzuteilen.

 

 

Gebet

Immerfort empfange ich mich aus deiner Hand, Gott.

Das ist meine Wahrheit und meine Freude.

Immerfort blickst du mich voll Liebe an,

und ich lebe aus deinem Blick.

Du mein Schöpfer und mein Heil.

Lehre mich in der Stille deiner Gegenwart

das Geheimnis zu verstehen, dass ich bin.

Und dass ich bin durch dich

und vor dir

und für dich.

(Romano Guardini)

 

Lied  EG 379 „Gott wohnt in einem Lichte" 1-3+5

 

 

Meditation C

 

Im 1.Korintherbrief (4,1) schreibt Paulus: „So soll man uns betrachten: als Diener Christi und als Verwalter von Geheimnissen Gottes."

 

Ein Geheimnis, dass sich ihm erschlossen hat und so sein bisheriges Denken und Glauben auf den Kopf gestellt hat, benennt Paulus im Epheserbrief (3,3-7):

 

„Durch Offenbarung ist mir das Geheimnis kundgemacht worden, wie ich zuvor aufs Kürzeste geschrieben habe.

Daran könnt ihr, wenn ihr's lest,

meine Einsicht in das Geheimnis Christi erkennen.

Dies war in früheren Zeiten den Menschenkindern nicht kundgemacht,

wie es jetzt offenbart ist

seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist;

nämlich, dass die Heiden Miterben sind

und mit zu seinem Leib gehören

und Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind durch das Evangelium."

 

Zwei Dinge sind Paulus ganz neu klar geworden und das nicht, weil er so ein kluger Mann war. Paulus spricht hier nicht von Erkenntnissen, zu denen er gekommen ist, sondern von Offenbarung. Ihm ist eine Einsicht geschenkt worden, eine neue Sicht auf das Leben. „Durch Offenbarung ist mir das Geheimnis kundgemacht worden."

Wir sind durch eine jahrhundertelange Tradition dazu gebracht worden, uns vorzustellen, dass diese Offenbarung etwas ganz Besonderes war, die geheimnisvolle Stimme von Oben, die nur Paulus zuteil wurde. Doch das ist Unsinn.

Offenbarungen geschahen und geschehen immer wieder.

Auch heute noch und morgen auch.

Der Geist Gottes, auf den sich Paulus hier ja auch bezieht, war seit Anbeginn der Schöpfung unterwegs. Er suchte und sucht sich bis heute Menschen, denen er neue Einsichten vermitteln kann, denen er ein Licht aufgehen lassen kann.

Damit sie begreifen, wes Geistes Kinder sie sind.

Damit sie begreifen, worauf es ankommt, um im Frieden und Einklang mit allen Menschen guten Willens und mit allen Geschöpfen auf Erden zu leben.

Solange Gottes Geist über diese Erde weht, wird es Offenbarung geben. Allerdings: dieser Geist zwingt niemandem neue Einsichten auf. Er will eingeladen werden. „Komm, Heiliger Geist!", das ist einer der ältesten Gebetsrufe der Christenheit. „Komm, Heiliger Geist, und erneuere uns!"

Wie töricht, wenn die Kirchen, nicht nur viele Theologinnen und Theologen, sondern auch viele Männer und Frauen in den Gemeinden gerade im Gottesverständnis alles Neue abwehren mit Hinweis auf die Tradition.

 

Doch zurück zu Paulus. An zwei entscheidenden Punkten ist ihm ein neues Verständnis aufgeleuchtet.

Das erste ist das „Geheimnis Christi". Um was geht es da?

Nun, erst einmal muss ich hier eine entscheidende Korrektur an der Übersetzung auch der neuen Lutherbibel vornehmen, sonst ist das Geheimnis kein Geheimnis, sondern Irreführung.

Im griechischen Text heißt es nicht „das Geheimnis Christi", sondern „das Geheimnis des Christus". Und das macht einen riesigen Unterschied.

In unserer Umgangssprache in der Kirche haben wir uns daran gewöhnt, immer von Jesus Christus zu sprechen, so als wäre das ein Eigenname wie Karl Otto, Hans Christian oder Eva Maria. Und da, wo wir in der Bibel von Christus lesen, ergänzen wir automatisch: aha, hier geht es um Jesus.

Doch das ist falsch. Christus ist kein Name, sondern ein Titel. Im Aramäischen und Hebräischen steht dafür Messias. Der Messias aber ist eine Hoffnungsgestalt des Glaubens, er ist derjenige, der einmal, wenn er kommt, am Ende der Zeiten, Recht und Gerechtigkeit, Frieden und Heil durchsetzen wird.

Damals um die Zeitenwende herum, als es Vielen im römischen Reich elendig ging, war die Hoffnung unerhört lebendig, jetzt müsse doch dieser Messias, dieser Christus kommen. „Bist du es, der da kommen soll?", so lässt Johannes der Täufer aus dem Gefängnis heraus seine Anhänger Jesus fragen.

In den Briefen des Paulus findet sich häufig die Nennung „der Christus Jesus", wie in unserem Text ja auch. Das ist angemessen. Aber Paulus ist noch etwas ganz anderes aufgeleuchtet, der Geist Gottes hat ihm noch weiteres zu verstehen gegeben: nicht nur Israel, nicht nur die Juden hofften auf einen Retter, einen Messias. Paulus, der ja aus Tarsus kam und wohl immer schon viel gereist war, ein richtiger Kosmopolit der Antike, der wusste: überall im Reich hofften Menschen auf Rettung, gab es in den unterschiedlichsten Religionen und Kulturen solche Hoffnungsgestalten. Überall beteten die Menschen, dass da einer komme, der Recht und Gerechtigkeit, Frieden und Heil mit sich bringt. Paulus sah darin das Wirken des Heiligen Geistes. Und vor allen Dingen begriff er: der Christus-Messias, der kann nicht nur der Messias für Israel sein. Der muss viel größer sein. Der Christus ist der Christus der Welt, der Christus des Kosmos.

Im Kolosserbrief findet sich der wunderbare Satz „In Christus liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis." (2,3)

Der kosmische Christus ist größer und anders als Paulus bisher gedacht hat. Und was ihm auch aufgeht: das Heil, das er bringt, ist längst da, aber eben wie ein Schatz, der gehoben werden will. Wen erinnert dieser Satz nicht an das Gleichnis vom Schatz im Acker, das Jesus erzählte? Auf das Heben der Schätze der Weisheit und der Erkenntnis kommt es an. Der kosmische Christus ist kein kosmischer Supermann, sondern er braucht Menschen, die sich in Dienst nehmen lassen und sich die Mühe machen, neu zu werden in ihrem Denken und Verstehen, in ihrem Glauben und Handeln.

Und wie gehört Jesus nun dazu? Für Paulus ist Jesus derjenige, der ihm den Zugang zu diesem Christusverständnis geschenkt hat. Und vor allen Dingen ist Jesus für ihn derjenige, der dafür gesorgt hat, dass der Christus in seiner Größe nicht abgehoben über den Menschen und ihrer Realität schwebt, sondern dass er geerdet ist.

In Jesus ist dieser Christus Mensch geworden, ist hinabgestiegen in alle Tiefen menschlicher Existenz bis ans Kreuz und in den Tod. Die Christen in der Gemeinde des Johannes hatten sogar einen Hymnus, der diese Erdung besingt und feiert, den Johannes an den Anfang seines Evangeliums gesetzt hat: Das Wort wurde Fleisch. Der Christus wurde Fleisch.

Auf die Erdung kommt es an, und die erfahren wir, wenn wir den Weisungen Jesu folgen, ihm nachfolgen, ganz konkret mit Werken der Barmherzigkeit, erfüllt von Liebe und Demut; dann, so Paulus, haben wir Anteil an dem kosmischen Christus. So heißt es im Kolosserbrief weiter (2,6-10):

„Wie ihr nun angenommen habt den Herrn Christus Jesus,

so lebt auch in ihm, verwurzelt und gegründet in ihm

und fest im Glauben, wie ihr gelehrt worden seid,

und voller Dankbarkeit.

Seht zu, dass euch niemand einfange durch die Philosophie und leeren Trug, die der Überlieferung der Menschen und den Elementen der Welt folgen und nicht Christus.

Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig

und ihr seid erfüllt durch ihn, der das Haupt aller Mächte und Gewalten ist."

Dieses „Geheimnis des Christus" ist letztendlich das Geheimnis der übergroßen Liebe Gottes. Es ist allen Mystikerinnen und Mystikern aller Zeiten und aller Religionen geoffenbart worden - von dem einen Geist Gottes in jeweils der Gestalt, wie sie es zu ihrer Zeit, in ihrer jeweiligen Kultur erkennen konnten.

 

 

Hören wir das Gebet von Husain Ibn Mansur Al-Haladsch:

 

Herr,

in meinem Herzen kreisen alle Gedanken um dich.

Anderes nicht spricht die Zunge, als meine Liebe zu dir.

Wenn ich nach Osten mich wende,

strahlst du im Osten mir auf,

wenn ich nach Westen mich wende,

stehst vor den Augen du mir,

wenn ich nach oben mich wende,

bist du noch höher als dies,

wenn ich nach unten mich wende,

bist du das „Überall hier".

Du bist, der allem den Ort gibt, aber du bist nicht sein Ort.

Du bist in allem das Ganze, doch nicht vergänglich wie wir.

Du bist mein Herz, mein Gewissen,

bist mein Gedanke, mein Geist.

Du bist der Rhythmus des Atmens,

du bist der Herzknoten mir.

 

Lied EG 400,1+4-7 „Ich will dich lieben, meine Stärke"

 

Das zweite Geheimnis, das Paulus vom Geist erschlossen wurde, betrifft die Beziehung des Juden Paulus zu seiner nichtjüdischen Umwelt, zu den sog. Heiden - ein schreckliches Wort. Nachdem er begriffen hatte, dass der Christus ja nicht nur eine Glaubenshoffnung für Israel und von Israel war, sondern dass er ein Bild für die weltumspannende Hoffnung aller Menschen war, eine Hoffnung, die ihnen derselbe Geist Gottes geschenkt hatte, verschwand für Paulus jede Berechtigung, die Menschheit in von Gott erwählte und von Gott nicht erwählte Menschen und Völker zu unterteilen. Alle sind Kinder des einen Vaters im Himmel. Alle sind Miterben und Mitgenossen der Verheißung in dem Christus Jesus durch das Evangelium, durch die Botschaft von der allen Menschen geltenden Liebe Gottes, durch die Botschaft vom Reich Gottes, das mitten unter uns Wirklichkeit werden will.

 

Orgelspiel

 

Meditation D

 

Was können wir aus all diesem für uns heute „mitnehmen"?

Wohin könnte uns der eine Heilige Geist auf unseren Glaubenswegen führen?

Es gibt nicht die eine Reiseroute für alle, sondern je eine für jeden und jede. Gott, der Christus gibt sich redlich Mühe, jedem etwas Gangbares anzubieten.

Sind wir bereit, uns der Mühe zu unterziehen, die Schätze der Weisheit und Erkenntnis, die in Christus verborgen sind, für uns und unsere Zeit zu heben?

Welche Grenzen müssen wir für uns einreißen, welche Tabus brechen, damit das Reich Gottes unter uns wachsen kann?

Das ist doch spannend. Darüber lohnt sich der Diskurs.

Wann fangen wir ihn an?

Mission und Kontemplation, die Glaubensreise nach außen und nach innen. Beide wollen angetreten werden. Von jeder und jedem einzelnen - und dann auch von uns zusammen.

 

Lied „Kommt, teilt das Leben"

 

Abkündigungen

 

Gebet

Dies ist an dich mein Gebet, Herr -

Triff, triff bis zur Wurzel des Mangels mein Herz.

Gib mir die Kraft, leicht meine Freuden und Sorgen zu tragen.

Gib mir die Kraft, meine Liebe fruchtbar im Dienste zu machen.

Gib mir die Kraft, die Armen nie zu verleugnen und meine Knie vor ungerechter Macht nicht zu beugen.

Gib mir die Kraft, meinen Geist über den täglichen Kleinkram zu heben.

Und gib mir die Kraft, meine Kraft deinem Willen hinzugeben in Liebe.

 

(Rabindranath Tagore)

 

VaterUnser

 

Segen

 

Orgelnachspiel

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