2.S.n.Weihnachten, 05.01.2020, Jahreslosung, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann

Liebe Gemeinde,

als mir vor den Sommerferien im letzten Jahr zum ersten Mal die Jahreslosung für 2020 unter die Augen kam, war ich ziemlich enttäuscht. Nach der so klaren, kernigen Jahreslosung 2019 „Suche Frieden und jage ihm nach!" (Ps.34,15), die mich wirklich durch das ganze Jahr begleitet hat, immer wieder Ansporn und Wegweisung gegeben hat, jetzt dieser Hilferuf „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!" (Mk.9,24)

Ausgesucht hätte ich mir diesen Vers niemals. Und eigentlich war ich noch Anfang Dezember entschlossen, diese Jahreslosung links liegen zu lassen, sie auf keinen Fall um den Jahreswechsel herum als Predigttext zu nehmen. Eine Jahreslosung soll doch Wegweisung geben. Wie kann das ein sehr persönlicher Hilferuf leisten? Aber dann, ja, dann hat dieser Text in mir gearbeitet. Ein persönlicher Hilferuf eines Vaters wurde so zur Grundlage einer sehr persönlichen Auslegung und Predigt, die ich Ihnen im Folgenden zu bedenken gebe - und vielleicht ergeben sich für jede und jeden von Ihnen Anknüpfungspunkte wieder ganz persönlicher Art. Und ja, irgendwie ist es so: diese Jahreslosung ist - anders als ihre Vorgängerin - mehr eine Wegweisung nach innen als nach außen. Sie wendet sich mehr an den Einzelnen als an eine Gemeinschaft, sie ist mehr persönlich ausgerichtet als politisch, wobei das, was das Herz und den Verstand des einzelnen Menschen bewegt und verwandelt durchaus auch politisch von Bedeutung sein kann und will.

„Ich glaube, hilf meinem Unglauben!" Dieser Vers gehört zu einer Heilungsgeschichte, die uns der Evangelist Markus überliefert hat. Eine Heilungsgeschichte mit Hindernissen.

Da hören wir von einem Vater, der sein krankes Kind zu Jesus bringt. Auf dem Weg zu ihm begegnet er Jesu Jüngern, die sich anbieten, zu helfen; sind sie doch sozusagen bei Jesus in die Schule gegangen, haben erfolgreich ein Praktikum absolviert und wollen gerne helfen. Doch ihre Bemühungen bleiben ohne Erfolg. Nun setzt der Vater all seine Hoffnung auf Jesus. Jesus sieht ihn, hört sich seine Leidensgeschichte an und sagt: „Alle Dinge sind möglich dem, der glaubt." Aber die Sache mit dem Glauben ist eben nicht so einfach. Für die Jünger nicht - warum wohl konnten sie das kranke Kind nicht heilen? - und für den Vater, der hier auch stellvertretend steht für alle diejenigen, die von Krankheiten betroffen sind und der auf diesen Satz Jesu, der beides ist, Zumutung und Verheißung, ausruft: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!"

Glaube - ein Wort, das leicht zu Missverständnissen führt.

Glaube kann verstanden werden im Sinne von „etwas für wahr halten". So haben die Menschen lange Zeit geglaubt, dass die Erde eine Scheibe ist.

Wer Glauben so versteht, der unterscheidet dann auch zwischen dem richtigen und dem falschen Glauben, zwischen Glauben und Unglaube oder Aberglaube. Da geht es darum, das richtige Bekenntnis zu haben, der richtigen Lehre zu folgen, die vorgegebenen Glaubenssätze und Dogmen für wahr zu halten.

Doch um einen so verstandenen Glauben geht es hier gar nicht. Es geht nicht darum, was ich glaube oder an wen ich glaube, sondern es geht darum, wem ich glaube, wem ich vertraue.

„Alles kann, wer glaubt", sagt Jesus zu dem Vater, der daraufhin ausruft: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben."

Ich möchte so übersetzen: „Wenn du nur Vertrauen hast, ist alles möglich." Und „Ich will ja vertrauen; hilf mir, mit meinen Zweifeln und Ängsten klar zu kommen."

Vielleicht wundern sie sich, dass ich nicht formuliert habe: „Hilf mir raus aus meinen Zweifeln und Ängsten."

Gewiss, das wäre ja das Allerbeste: wenn wir in einer schlimmen Situation feststecken, dann wollen wir da einfach nur raus. Hilf mir raus aus meiner Krankheit. Hilf mir raus aus meiner Ehekrise. Hilf uns raus aus all den politischen Sackgassen wie Brexit, Klimakrise und wie immer sich die ganzen Krisen heute präsentieren - Plastikmüll, nitratverseuchtes Grundwasser, Antibiotikaresistenzen u.s.w. All diese Krisen machen Angst vor dem, was da kommt, lassen einen Zweifeln an den eigenen Möglichkeiten.

Und doch will ich bei meiner Übersetzung von „Unglaube" bleiben: hilf mir, mit meinen Zweifeln und Ängsten klarzukommen. Ich erhoffe mir nämlich von Jesus, von Gott ein „nachhaltiges Wunder", keine Zauberei, sondern die Erfahrung, die der Apostel Paulus in vergleichbarer Situation gemacht hat, wo er zu hören bekam: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in der Schwachheit mächtig."

„Ich vertraue dir, Gott, hilf mir, mit meinen Zweifeln und Ängsten klar zu kommen."

Liebe Gemeinde, beim Nachdenken über die Jahreslosung ist mir ein Lied in den Sinn gekommen, das wirklich das passende Lied zur Jahreslosung ist. Es ist das Lied Nr.600 in unserem Gesangbuch. Besonders die ersten beiden Strophen sprechen verschiedene Aspekte von Zweifeln und Ängsten an und die Chancen, die uns das Vertrauen-können ermöglicht, um getroster und mutiger, um heil in die Zukunft zu gehen.

 

„Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor dich: wandle sie in Weite! Herr, erbarme dich!"

 

Die weiteste Reise, die meine Großmutter (Jahrgang1892) je unternommen hat, war die damals mehrtägige Fahrt mit Pferdewagen und Zug von Ukta in den Masuren ins Ruhrgebiet nach Herten. 1910 folgte sie so ihrem Mann, der als Steiger im Bergbau sich bessere Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten erhoffte als in der Landwirtschaft der Masuren. Sie ist in ihrem ganzen Leben nie geflogen, die Besuche zu ihren Kindern mit Entfernungen bis 80 Kilometern bewältigte sie mit Zug, Bus und Straßenbahn. Das war ihre Welt. Eng begrenzt in jeder Hinsicht, auch in ihren Ansichten. Ein Mensch aus dem vorletzten Jahrhundert.

Heute werden „miles and more" gesammelt, haben die Flughäfen in der Vorweihnachtszeit wieder Rekordzahlen an Passagieren gemeldet; ist von Flugscham noch wenig zu spüren. Die Welt ist zum Dorf geworden. Die Grenzen werden im Flugzeug gar nicht erst gesehen. Die Zoll- und Passformalitäten werden bei Abflug und Ankunft allenfalls als lästig wahrgenommen.

Doch das grenzenlose Reisen hat uns nicht von den Grenzen befreit, die unser Denken und Fühlen umschließen. Viele unserer Zeitgenossen sind bei genauer Betrachtung in ihrem Denken und Fühlen näher bei den Menschen des 18. Jahrhunderts als bei denen des 20. Jahrhunderts. Und daran haben weder Urlaubsreisen auf die Kanarischen Inseln noch ein Lehramtsstudium (wie man bei Herrn Höcke sieht) etwas ändern können. Und auch die Digitalisierung ist da machtlos.

Es ist gleichermaßen erstaunlich wie auch erschreckend, mit welcher Macht sich Nationalismus und Chauvinismus in der aktuellen Politik zurückgemeldet haben. Und mit ihnen Rassismus und Antisemitismus, und als wäre das nicht schlimm genug, als neue Zugabe die Islamphobie. Manchmal möchte man sich einfach wachschütteln und fragt sich, ob denn die Menschheit, gerade die in Europa, nichts gelernt hat aus der Geschichte des letzten Jahrhunderts. Und auch die Erkenntnisse der Wissenschaften scheinen bei allzu vielen nichts zu fruchten, dass nämlich die Menschheit eine ist, dass alle miteinander verwandt sind, dass es keine verschiedenen menschlichen Rassen gibt und dass unterschiedliches Aussehen in keiner Weise dazu berechtigt, auf bessere oder schlechtere geistige Fähigkeiten zu schließen.

Ja, und auch das ist wissenschaftlich längst bewiesen: es gibt nicht nur die heterosexuelle Liebe zwischen Mann und Frau, sondern auch die homosexuelle bzw. lesbische Liebe zwischen Mann und Mann und Frau und Frau. Sie gehören zur Natur des Menschseins. Der Einzelne kann daran ebenso wenig ändern wie an seiner Augenfarbe.

Liebe Gemeinde, an dieser Stelle mögen Sie nun einwenden, dass für Sie diese Fragen um die Homosexualität keine Probleme mehr machen. Aber gehe jeder und jede einmal in sich: wie würden Sie reagieren, wenn das eigene Kind, der Enkel Ihnen offenbart, er sei schwul oder sie liebe eine Frau?

Oder etwas anders: was würde es bei Ihnen auslösen, wenn ihre Tochter einen Afghanen kennen und lieben lernt, der muslimischen Glaubens ist?

 

„Meine engen Grenzen, meine kurze Sicht bringe ich vor dich; wandle sie in Weite, Herr, erbarme dich!"

„Ich möchte vertrauen, Gott, hilf mir, mit meinen Zweifeln und Ängsten klar zu kommen."

Das Private ist das Politische - und umgekehrt.

 

Es ist offenbar ein menschliches Kernproblem, dass jeder das Eigene sehr leicht für das einzig Richtige und Zulässige hält, vor allen Dingen dann, wenn er nur so seine Lebensweise und die damit verbundenen Privilegien meint retten, nur so seinen Wohlstand meint verteidigen zu können.

 

Und in genau so einer Situation befinden wir uns derzeit offensichtlich.

 

Dabei ist es nicht von der Hand zu weisen, dass die wirklich großen Probleme dieses Jahrhunderts nur global zu lösen sind, dass sie die gemeinsamen Anstrengungen aller Menschen brauchen, um menschliches Leben auf diesem Planeten auch in Zukunft zu ermöglichen. Wir brauchen einander. Und zwar in unserer Unterschiedlichkeit. Die unterschiedlichen Lebensweisen, Kulturen und Religionen bergen einen Schatz an Erfahrungen und Erkenntnismöglichkeiten, auf den die Menschheit zurückgreifen kann, um die anstehenden Probleme zu lösen. Die gemeinsame Anstrengung braucht dabei eine gemeinsame Basis: die Anerkennung, dass jeder Mensch das gleiche Recht auf Leben hat und dass es selbstverständlich in einer Gesellschaft unterschiedliche Lebensformen und Lebensweisen geben kann.

 

„Meine ganze Ohnmacht, was mich beugt und lähmt bringe ich vor dich: wandle sie in Stärke! Herr, erbarme dich!"

 

Gerade diese Strophe ist ganz nah an der Jahreslosung, diesem Hilferuf eines Vaters, der mit seinem kranken Kind zu Jesus gekommen ist. Er ist mit seinem Latein am Ende und hofft verzweifelt auf Heilung für sein Kind und damit auch auf Befreiung von seinen Sorgen, die ihn geradezu auffressen. „Ich will ja vertrauen; hilf mir aus meinen Sorgen und Ängsten raus." Das ist sein Ruf. Markus erzählt, dass Jesus daraufhin dem bösen Geist, der den Jungen immer wieder fallen lässt - die Schilderungen lassen eigentlich nur den Schluss zu, dass das Kind an Epilepsie leidet - dass er dem bösen Geist befiehlt,  er möge aus dem Kranken endgültig ausfahren; daraufhin erleidet das Kind erneut einen heftigen Anfall und liegt wie tot da; Jesus ergreift dann seine Hand und stellt den Jungen auf die eigenen Füße. Jesus konnte hier helfen, wo die Jünger vorher versagt hatten. Der Hilferuf des Vaters ist erhört worden.

Vielleicht haben wir das auch schon einmal erlebt: da wurde ein Mensch überraschend gesund oder ein Problem, das schier unlösbar schien, löste sich in Luft auf. Aber ist es geraten, darauf zu hoffen, auf ein Wunder? Ist das das Anliegen der Jahreslosung? Ist der Glaube, das Vertrauen in Gott nur dann etwas wert, wenn er Wunder wirkt?

Liebe Gemeinde, erlauben Sie, dass ich hier sehr persönlich werde. Im Frühjahr letzten Jahres befielen mich immer wieder Schmerzen. Vom unteren Rücken her strahlten sie ins rechte Bein aus. Der Orthopäde, der mich seit vielen Jahren kennt und immer wieder natürlich auch mit „Rücken" behandelt hat, tippte auf Probleme der Lendenwirbelsäule und behandelte mich entsprechend. Doch im Juni und Juli wurden die Schmerzen unerträglich, ließen mich wochenlang nachts kaum schlafen - und nichts half. Um es abzukürzen: seit September habe ich die Diagnose „Tarlov-Zysten" im kleinen Becken an S1 und S2. Eine sog. „seltene Krankheit".  Therapeutisch helfen kann nur eine Operation. Aber es muss erst einmal ein Operateur gefunden werden; denn die OP ist mit nicht geringen Risiken verbunden. Und so bleibt mir zur Zeit nur, die Symptome zu bekämpfen - vor allen Dingen mit Schmerzmitteln. Und eben eine Neurochirurgin oder einen Neurochirurgen zu finden, der den Eingriff wagen würde.

„Ich glaube, hilf meinem Unglauben." Ich formuliere für mich so: „Gott, ich will dir vertrauen; hilf mir, die Ungewissheit auszuhalten, wie sich diese Krankheitsgeschichte entwickeln wird, lass mich mit der Angst klar kommen, die mir die Einnahme der ganzen Schmerzmittel macht, genauso mit der Angst, die mir eine OP machen wird; lass mich mit den Einschränkungen angemessen umgehen und ermutige mich, um Hilfe zu bitten." Gott, ich vertraue dir, hilf mir, mit meinen Zweifeln und Ängsten klar zu kommen.

(Natürlich hätte ich auch gegen ein kleines Wunder nichts einzuwenden.)

 

Sie haben alle beim Hereinkommen zweierlei bekommen: diese Karte mit der Jahreslosung. Sie zeigt ein Boot, das schwer gegen Wind und Wellen ankämpfen muss. Ein Bild für unser Leben, wo unser Lebens-Boot immer wieder in schwere See gerät, wo das, was auf uns einstürmt, uns Angst macht und uns daran zweifeln lässt, ob wir noch das rettende Ufer, den sicheren Hafen, unser Ziel erreichen. Doch wir können uns darauf verlassen: Gott sitzt mit uns im Boot, er schenkt Kraft und Hoffnung. Trotz aller Zweifel dürfen wir darauf vertrauen und uns an ihn wenden: „Ich vertraue dir, Gott, hilf mir, mit meinen Ängsten und Zweifeln klar zu kommen."

Und dazu haben sie dieses Blatt mit einem Text darauf erhalten - „Tatsache". Vielleicht haben Sie sich auch schon über diesen Text gewundert und sich gefragt, was es damit auf sich hat. Er ist ja nun wirklich nicht besonders geeignet, uns optimistisch in dieses neue Jahr gehen zu lassen, kommen doch da alle Bedenken und Sorgen zur Sprache, die uns schon im vergangenen Jahr niedergedrückt haben.

Stimmt. Von oben heruntergelesen ist das keine Ermutigung.

Aber er kann uns passend zu Beginn des neuen Jahres zu einem „Perspektivwechsel" verhelfen - zu einem wesentlich zukunftsfähigeren Blick auf uns, auf unser Leben, auf unsere Möglichkeiten, genauso wie auf unsere Grenzen, auf all das, was uns oft die Luft zum Atmen nehmen will - und zu einem Blick auf Gott, auf das, was Glauben heißt. Er kann uns helfen, ihn so zu verstehen und zu leben wie Jesus, der gesagt hat: „Alle Dinge sind möglich dem, der glaubt. / Wenn du nur Vertrauen hast, ist alles möglich."

Um dahin zu kommen, müssen wir nur den Weg Jesu gehen: den Weg von unten her - von der Krippe bis hinauf in den Himmel. (den Text von unten nach oben lesen)

Amen.

 

 

Tatsache

 

Unser Glaube schenkt uns Hoffnung für die Welt.

Nein. Tatsache ist,

dass Gott hier nicht mehr wohnt.

Ich glaube nicht,

dass Freude möglich ist,

dass es sich in Gemeinschaft besser lebt,

dass wir einander radikal lieben sollen.

Die Wahrheit ist,

dass der Glaube kurz vor dem Aus steht.

Ich weigere mich zu glauben,

dass wir Teil von etwas sind, das über uns selbst hinaus reicht,

dass wir verändert wurden, um zu verändern.

Es ist doch ganz klar,

dass Armut zu übermächtig ist,

dass Rassismus nicht zu überwinden ist,

dass das Böse niemals zu besiegen sein wird.

Ich kann unmöglich glauben,

dass Dinge sich in Zukunft zum Besseren wenden.

Es wird sich herausstellen,

dass Gott nicht helfen kann,

und du liegst falsch, wenn du glaubst,

Gott kann.

Ich bin davon überzeugt:

Man kann Dinge nicht verändern.

Es wäre eine Lüge, würde ich sagen:

Gott kümmert sich!

 

(„Perspektivwechsel" - Messianische Akrobatik)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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