1.Christtag 2019, Stadtkirche, Titus 3, 4 - 7, Jonas Marquardt

 

Predigt Kaiserswerth 1.Christfest 2019                                                                                                                 

 

                 Titus 3, 4-7

 

Liebe Gemeinde!

 

Wie kommt ein Tauftext auf die Weihnachtskanzel?, so muss fragen, wer auch nur ein wenig weiß über das Verständnis und die Praxis der Aufnahme in den Bund Gottes mit denen, die Jesus Christus nachfolgen. Das Zeichen der Taufe, das die Zeitgenossen des Täufers als Vertiefung der rituellen Waschungen übten, wie die Torah sie kennt, um ihre Bereitschaft zu bezeugen, radikal zu Gott umzukehren, … dieses Reinigungsbad im Jordan war durch die Passion und Auferweckung Jesu ja zu etwas wiederum neu Entfaltetem geworden.

 

Nach dem Wunder des dritten Tages zeigte sich im Untertauchen und Emporgerissen werden der Taufhandlung ja, dass sie tatsächlich am Täufling genau besiegelte und in Kraft setzte, was Christus widerfahren war, mit dem die Getauften unlösliche Gemeinschaft empfangen: Untergang und Neuanfang, Sterben und Rettung aus dem Tod.

 

Und so spricht das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung auch heute noch die Sprache von Ostern und ist auch heute noch als Sakrament am vielsagendsten, wenn wir es in der Osternacht und unter dem Halleluja der Auferstehungsbotschaft feiern.

 

Warum ist dann aber der Tauftext aus dem Titusbrief seit vielen Jahrhunderten die Epistel des 1.Weihnachtstages, über die Luther vor einem halben Jahrtausend in der Früh-Christmeß ebenso predigte, wie es weltweit heute in allen katholischen Kirchen der Fall sein wird?

 

Man könnte versucht sein, an die berühmteste Weihnachtstaufe der Welt- und Kirchengeschichte zu denken, die immerhin in unserer Nachbarschaft einen Gedächtnisort hat: Die Wittlaerer Kirche St.Remigius erinnert mit ihrem Patron an das Weihnachtsfest irgendwann zwischen 497 und 507, bei dem der Bischof Remigius von Reims den König der Westfranken, Chlodwig taufte.

 

Chlodwig, der den christlichen Glauben seiner Frau als Schwäche empfand, hatte die in Antike und Völkerwanderung übliche martialische Kraftprobe abgewartet: Wenn ein Gelübde, das dem christlichen Gott gemacht wurde, zum militärischen Sieg verhalf – und das tat es in Chlodwigs Ringen mit den Alamannen in der Schlacht von Zülpich –, dann konnte man offenkundig auch als König die Nachfolge des Gekreuzigten erwägen.

 

So aberwitzige diese Idee auch ist: Dass Chlodwig sich mitten in einer Zeit, in der die ihn umgebenden Stämme wenn überhaupt, dann die sog. arianische Verzerrung des Christentums übernahmen, in der eine Selbsterniedrigung Gottes durch echte Menschwerdung nicht denkbar schien, … dass Chlodwig sich also zur römischen Gestalt des Christentums und derem Beharren auf den beiden Naturen Christi – wahrer Gott und wahrer Mensch in einer Person! – bekannte, wurde durch die Weihnachtstaufe besonders deutlich. Dass das westliche Frankenreich seitdem als die „älteste Tochter der römischen Kirche“ gilt und dass in Westeuropa nicht die bequeme Abspaltung Christi von Gott, wie die Arianer sie lehrten, sondern die dynamische und anstrengende Denkübung lebendig blieb, Allmacht und Ohnmacht, Ewigkeit und Geburt, Schöpfer und Geschöpf, den stellvertretend Gekreuzigten und den Sieger über den Tod nicht auseinander-, sondern zusammenzuhalten, war eine wichtige Folge dieses ersten großen Missionsereignisses in Europa.

 

Dass wir hier – auch nach dem Ende der großen christlichen Epoche Europas – überhaupt Weihnachten feiern, ist nicht erklärlich ohne die Taufe eines barbarischen Kriegskönigs, der damals die Geburt eines Kindes beging, dessen Liebe und Leid sich stärker als alle fränkischen Waffen und allamanischen Rüstungen erweisen sollten. ——

 

Den kleinen Briefabschnitt aus dem Titusbrief hat der geschichtliche Wendepunkt der merowingische Königstaufe am 25.Dezember aber doch nicht auf unsere Kanzeln gebracht.

 

Vielmehr sind es genau zwei Wort, die hier das Weihnachtsevangelium verdichten wie in einem Diamanten. Es sind die Worte, die schon vor Jahrhunderten bei der Auswahl der Epistel für das Fest der Geburt des Herrn genauso wenig zu übergehen waren, wie heute … wobei sie – ehrlichgesagt – zum Mittelalter noch klarer und unmissverständlicher sprachen.

 

„Freundlichkeit“ und „Menschenliebe“ heißen die beiden Weihnachtsvokabeln bei Luther, und dass sie einen wundervollen Klang haben, in dem das Wichtigste von Gott zu spüren ist, kann niemand leugnen: Der HERR ist – so sagt es ja der endlose Cantus firmus der Gebete Israels – „freundlich und Seine Güte währet ewiglich“ (vgl. z.B. Ps.106 / 107 / 136 u.v.a.m.), denn so hat Er sich dem Mose offenbart: „Barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue …“ (vgl. 2.Mose 34,6).

 

Diese Neigung Gottes zum Menschen, zu Israel, dem erwählten Volk und zu allen, die den Namen des HERRN anrufen – und seien es die hundertundzwanzigtausend Idioten von Ninive – … diese Neigung Gottes zum Menschen ist Seine eigentliche DNA. Sie hat Ihn überhaupt zum Schöpfer werden lassen, Der den Menschen machte, den Er nicht gebraucht hätte. Die Freundlichkeit und Menschenliebe in Seiner ureigensten Substanz hat Gott alle Rückschläge, alles, womit Sein geliebter Mensch zurückschlug gegen die ursprüngliche Liebe aushalten lassen und Ihn wieder und wieder dazu gebracht, Seinem weichen Herzen nachzugeben, von dem Er durch die Propheten Jeremia (31,20) und Hosea (11,8) spricht. Seine unüberwindliche Freundlichkeit und Menschenliebe hat Gott immer wieder Zugeständnisse und Neuanfänge, Großzügigkeit und Nachsicht, vermeintliche … tatsächliche Inkonsequenz und Autoritätsverlust eingetragen … so sehr, dass patriarchale Machtmenschen wie ein Chlodwig diesem Gott der Weichheit und Milde misstrauten. … Aber was kann Er gegen Seine Natur, in die nun einmal Freundlichkeit und Menschenliebe eingeschrieben sind, wie die chemischen Sequenzen, die unsere Veranlagungen ausmachen?

 

Gott kann nicht aus Seinem Wesen!

 

… Bei Hosea hören wir Ihn sogar beinah neidisch auf den Menschen weisen, der so viel härter, so viel unzugänglicher und selbstbezogener sein kann, als der barmherzige und gnädige Gott. Gerade am heutigen Weihnachtstag hält man förmlich ganz scharf und ganz schockiert die Luft an, wenn der mitleidige HERR durch Hosea (11,9) sagt: „Ich will nicht tun nach meinem grimmigen Zorn, … denn ich bin Gott und nicht ein Mensch und bin der Heilige unter dir und will nicht kommen, zu verheeren“!?!

 

Wäre es demnach tatsächlich so furchtbar, wenn Gott Sein Wesen vermenschlichte? Sind wir so furchtbar, dass ein menschlicher Gott für andere Menschen eine Katastrophe wäre, wie es in diesem frustrierten Augenblick bei Hosea den Anschein hat? …….

 

Der Stachel sollte sitzen! Menschen in ihrer Unzuverlässigkeit, in ihrer Blindheit, ihrem Egoismus, Menschen in ihrer Gewissenlosigkeit und ihrem rücksichtslosen Götzendienst am eigenen Interesse sind tatsächlich weder Hilfe noch Heil. Die Welt der Menschen wäre rettungslos, wenn sie keinen Retter in ihrem göttlichen Liebhaber gefunden hätte. Menschen sind … unmenschlich.

 

Das ist die seltsame Erkenntnis, die nicht nur uns in unseren Tagen der nackten, programmatischen Engherzigkeit und Ichsucht auf der global politischen Menschheitsbühne ankommt, wenn uns die Menschenliebe in ihrer göttlichen Urform begegnet.

 

Schon Luther verfiel in seiner herrlichen, herzwärmenden Weihnachtspredigt zu Titus 3 in der Kirchenpostille auf die eigentlich beschämende Assoziation, dass er das Wort von der Menschenliebe, das ihn spürbar ergriff und erfüllte, durch eine unwahrscheinliche Erläuterung aus der griechischen Naturphilosophie illustrierte: „Also nennen die natürlichen Meister etliche Tiere »Menschenlieber« oder leutselig, als da sind die Hund, Pferd, Delphin. Denn dieselben Tiere haben natürliche Lust und Lieb zu den Menschen, tun sich auch zu ihnen und dienen ihnen gern, als hätten sie Vernunft und Verstand gegenüber dem Menschen.“[i]

 

Sollte man also wirklich eher bei den Kötern, Gäulen und Tümmlern als bei den Zweibeinern die anschaulichste Erklärung der Menschenliebe finden?

 

……. Gehen wir auf die griechischen Inseln, gehen wir in die Umerziehungslager in China, gehen wir in die nordkoreanische Hölle, in das Chaos von Haiti, in die Mördergruben des Terrors, in die korrupte Tristesse Venezuelas, in das geistige Vakuum des Weißen Hauses, in den Glutofen Australiens, in die zynische Gesellschaft der russischen, türkischen, syrischen Mächtigen, … gehen wir mit allen diesen Brennpunkten der allgemeinen Menschenfeindlichkeit der Menschheit vor Augen in unser eigenes träges, abwehrendes, dickfelliges, fühlloses Herz … und wir könnten tatsächlich auf unsere treuen Tiere verfallen, wenn wir echte Menschenfreundlichkeit suchten.

 

Oder wir wagen es, doch nach Bethlehem zu blicken.

 

Dort findet sich in seiner denkbar kleinsten, unscheinbarsten Gestalt das, was wir überall auf Erden vergeblich suchten könnten.

 

Dort findet sich Der, durch Dessen Dasein Menschlichkeit und Freundlichkeit eine Renaissance, ein Wiederaufleben erfahren, wann immer ein Mensch in dieses neugeborene und Neugeburt schenkende Wunder der unaustilgbaren Menschenliebe Gottes eintaucht. Wer sich auf diese Geburt von damals wieder einlässt, wer erfasst, welche DNA der Gnade und Barmherzigkeit sich da dem menschlichen Erbe von Adam her verbunden hat, wer sich dazu hinkniet, es sich über Haupt und Herz und Hände fließen lässt, wie dort das Beste Gottes zum Besten der Menschheit in unsere Gefäße, in unser Fleisch und Blut eingeflossen ist und wie das Beste Gottes von dort weiterströmt und uns alle – unverdient – mit dieser neuen Wirklichkeit tränkt und transformiert, … wer sich darauf taufen lässt, der wird tatsächlich durch den Heiligen Geist erneuert und wiedergeboren.

 

Denn das ist das Werk des Geistes – Der uns oft so abstrakt, manchmal beinah wesenlos zwischen den Personen des Vaters und des Sohnes zu verschwinden scheint, obwohl Er doch Ihre Einheit ist:

 

Der Geist ist es, Der die Beziehung trägt, die in Gottes Menschenfreundlichkeit so folgenreich wirkt.

 

Der Geist Gottes ist es, Der das Wunder in Gott vollbringt, dass Gottes Wesen und die menschliche Natur des Sohnes der Maria sich in einer geeinten, gemeinsamen Wirklichkeit verbinden.

 

Und der Geist Gottes ist es darum auch, Der diese neue Wirklichkeit in einem Menschen schaffen kann, der sich der Liebe zu und der Gemeinschaft mit dem Gott überlässt, Der Ihm in Jesus Christus begegnet.

 

Das ist in etwa die Lehre der allgemein anerkannten Trinitäts- und christologischen Dogmen, die Chlodwig, der Frankenkönig bei seiner weihnachtlichen Taufe  an der Wende zum 6.Jahrhundert übernahm: Eine Lehre, in der die absolute Unterordnung und Fremdheit des Menschen vor und gegen Gott, wie die arianische Sekte sie lehrte – und wie die streng hierarchischen, patriarchalen Kriegerstämme der Goten, der Burgunden und Alamannen sie in ihr Menschen- und Gesellschaftsbild viel besser integrieren konnten – , nicht vertreten wurde. … Eine Lehre – so muss man im Blick auf das, was allzu oft nur als die Orthodoxie der kaiserlichen Religionspolitik Konstantins verleumdet wird, betonen –, die gerade auch in Gott auf Gemeinschaft statt Vorherrschaft, auf wechselseitige Liebe statt auf einseitigen Gehorsam beharrte.

 

Eine Lehre, die den Wortlaut von Titus 3, 4 in der damaligen Form ernstnahm und Ernst damit machte.

 

… Das war vorhin ja schon angeklungen, dass die Epistel dieses Morgens gerade im abendländischen Frühmittelalter sprachlich noch eindringlicher war als der griechische Urtext uns vermuten lassen könnte, der in unseren Ohren beinah bieder klingen könnte. … Das Wort, das der Apostel zur Beschreibung des Liebesgeheimnisses in Gott nutzt, heißt auf Griechisch natürlich „Philanthropie“ und erinnert uns vielleicht allzu schnell an gute Werke – die doch gerade keine Rolle spielen sollen! … „Philanthropen“, das sind Hamburger Pfeffersäcke, die an der Alster ein Paar Bänke stiften, das sind Wohltäter, die ihren unmoralischen Gewinn kompensieren oder ihr zwackendes Gewissen salvieren, indem sie auch für gefallene Mädchen oder für „die Kultur“ oder zur Not für die Ausrottung der Polio oder die Verbreitung des Elektroautos Teile ihres Vermögens einsetzen.

 

Alles schön und gut. Und nötig in Zeiten, in denen Ehrenamt und Allgemeinwohl zu lästigen Störfaktoren bei den eigentlichen Prioritäten herabsinken.

 

Doch solche Formen von wohltätiger Ersatzhandlung oder Herablassung auf die Ebene der unbedarften und benachteiligten Menschenmassen sind mit der Philanthropie Gottes gewiss nicht gemeint.

 

Viel dramatischer, konsequenter und revolutionärer ist nämlich in der Tat nicht der griechische Urtext, sondern seine lateinische Übersetzung.

 

Dort steht tatsächlich – skandalös und rettend von den Tagen des Paulus über die Tage Chlodwigs bis in unsere immer noch und immer weiter unmenschlichen Tage – nicht mehr und nicht weniger, als dass die „humanitas“ Gottes erschienen sei, … Gottes Humanität also unwiderruflich offenbar geworden ist.        

 

……. Darum liegt dieser Briefabschnitt also heute vor uns!

 

… Weil nach der Schrecksekunde bei Hosea, als die Option für die Menschlichkeit Gott zu unmenschlich schien, die Menschenliebe doch gesiegt hat!

 

Er ist doch wirklich Mensch geworden und hat die wahre Humanität mit Sich auf die Welt gebracht und Er will uns alle vermenschen, wenn wir in der Taufe Seinen Geist der Freundlichkeit das Werk der Humanisierung wirken lassen.

 

Ob wir dahin aber als Krieger oder König oder Sünder oder Philanthrop, ob wir als Spötter, ob wir als Zweifler, als Kapitalist oder Nationalist oder Ninivit kommen …, die Taufe auf die Weihnachtswahrheit wird uns zu Menschen machen.

 

Denn die Freundlichkeit und humanitas Gottes ist erschienen und sie macht die Welt neu in der Hoffnung auf ewiges Leben!

 

Amen.   

 



[i] Martin Luther, Epistel in der Früh-Christmeß, W.A. 10 I, 1, S. 98, zitiert nach: Martin Luther, Ausgewählte Werke [Münchner Ausgabe], Ergänzungsreihe 5.Bd, München 1960, S. 114.

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