1.Advent, 01.12.2019, Stadtkirche, Römer 13, 8 - 12, Jonas Marquardt

 

Predigt Kaiserswerth 1.Advent - 1.XII.2019                                                                                                                                      

 

                     Römer 13, 8-12

 

Liebe Gemeinde!

 

Wenn ab heute wieder runtergezählt wird, jedes Mal wenn ein Türchen aufgepult oder ein Säckchen aufgeschnürt wurde, dann denkt kaum ein Mensch an die politische Seite des Tagezählens: Ein weiterer Kohlestrich auf der weißen Zellenwand; ein weiterer Trennungstag, den jemand abzieht, wenn er weit weg in’s Straflager denkt, wo ein Demokrat wegen Putin, ein Uigure wegen seiner Tradition, ein Kurde wegen seines Stolzes, ein Christ wegen seines Herrn sitzt; ein weiterer Schritt auf dem Weg zu jener Zukunft, auf die die Unterdrückten, die Gespannten, die Kämpfer, die Zornigen und die Verzweifelten Tag und Nacht warten.

 

Jedes Türchen sagt, dass es so Vieles gibt, das enden muss, weil seine Zeit schon lang, … zu lange währt.

 

Adventstage sind also nicht umsonst die nummeriertesten des Jahres. Sie könnten aber eigentlich mit ihrem fließenden Rhythmus – wenn man sie nicht nur als Stresszeit des Rausch- und Tauschgeschäftes verpulvert – doch eine solche Dynamik entfalten, dass man geradezu an den guten Ideen des Abendlandes wieder Geschmack gewinnen möchte: Entwicklung und Veränderung, Wandel und Fortschritt werden ja zu lebendigen, praktischen Erfahrungen, wenn man beim Tagestreichen so adventlich spürt, was das Zukünftige an positiven Erwartungen weckt.

 

Tage zählen, weil Zeit zu guten Zielen führt, ist also die eine Botschaft des Advent.

 

Seine andere ist politische Zuversicht, weil eben viele Dinge an das Ende ihrer Dauer kommen.

 

… Das eine vergeht, ein anderes dagegen kommt: Das ist - in aller Schlichtheit - schon eine wichtige Zeitansage, noch vor jeder geistlichen Botschaft. Alles, was in unserer Gegenwart erkennbar oder vermutlich oder beängstigenderweise ausläuft – die Ära einer Bundeskanzlerin, die historisch lange Regentschaft einer Königin, die Strukturen des bisherigen Europa, die Bündnisse der einstigen Weltordnung, das Zeitalter der fossilen Energieträger, der selbstverständliche Konsum, die gewohnte Mobilität, das vertraute Klima, die Atmosphäre jener christlichen Gewissheit, die alles überwölbt und unterfängt … – alles, was ausläuft und mit seinem Abschied von der Weltbühne Lücken reißt und Fragen aufwirft, räumt immer zugleich der Zukunft ein freies, weites Feld.

 

Wenn wir das gegen die Zukunftsgleichgültigkeit, die doch nur Verzagtheit ist, setzten und gegen die Zukunftssorgen, die zu immer aggressiverer Selbstbehauptung führen, dann würden wir als Christen aber etwas ganz Einfaches merken: Die Veränderungen und Abschiede, die Epochenwechsel und die rasanten Verwerfungen, die wir zur Zeit auf Erden so massiv empfinden, sind gerade nicht das Chaos an Auflösungserscheinungen, das manche daraus machen wollen, sondern Prozesse einer lebendigen Weltwirklichkeit, die nicht stillsteht, weil sie zukunftsträchtig ist.

 

Und – das ist der eigentlich springende Punkt dessen, was uns Paulus zu Beginn des neuen Kirchenjahres in die Kalender schreibt – … und diese Wandlungen unserer Zeit sind nicht eigengesetzlich oder zufällig, sondern sie stehen alle unter der Zulassung und Lenkung Gottes: Schließlich stammt der heutige Predigtabschnitt aus dem 13.Kapitel des Römerbriefes, der umstrittenen Urkunde aller politischen Theologie.

 

Mit dem ersten Imperativ aus Römer 13 – „Jederman sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt hat über ihn“ – hat man jahrhundertelang die fürchterlichen Folgen der luther’schen Zwei-Reiche-Lehre begründet: Evangelischer Untertanengeist als Ausdruck der in Thron und Altar einträchtig verkörperten beiden Schwerter Gottes.

 

Ebenso blindwütig aber hat man in jüngerer Zeit gegen das 13.Kapitel des Briefs in die Welthauptstadt gewettert, hat hinter allem, was nicht Fundamentalopposition war, staatstragende Ranschmeiße, systemkonforme Bürgerlichkeit gewittert und wollte kein realpolitisches Regiment je wieder stützen, sondern reine Revolution predigen.

 

… Heute dagegen, … heute stehen wir in Krisen, die bis an die Grundfesten der demokratischen Staatsordnung und des internationalen Vertrags- und Verträglichkeitswillens gehen und merken, wie wichtig es ist, dass Gottes Herrschaft nicht eine unweltliche oder utopische Jenseitigkeit bezeichnet, sondern dass die Apostel Jesu Christi, die unter den Machthabern ihrer Zeit tödlich litten, dennoch darauf vertrauten, dass der ganze weltliche Raum doch bloß ein Teilbereich des Gottesreiches ist.

 

Nicht neben der irdischen und somit politischen Realität und auch nicht gegen sie, sondern durch sie hindurch und über sie hinaus ist der Herr dieser Welt und ihrer Geschicke am Werk …. und Er ist kein anderer als der Vater Jesu Christi. Darum können weder noch Engel, noch Fürstentümer, noch Gewalten uns von der Liebe Gottes trennen (vgl. Rö8,38) und auch keine andere Kreatur: Alle und alles sind ja doch in der Hand und im Herzen dessen, der in Windeln von den Hirten begrüßt, auf dem Esel staubig gefeiert und am blutigen Kreuz verlassen wurde, um die Herrschaft Gottes aufzurichten.

 

Das ist die erste und letzte politische Theologie, die es für uns Christen geben kann: Die Welt regiert von einem Kind, … der König des Erdkreises erschienen in schlichtester Demut, … der Pantokrator erhöht im freiwilligen Tod für seine aufrührerischen Untertanen, … dieser in sämtlichen politischen Systemen beispiellose Herrscher führt doch in ihnen allen die Menschheit in sein kommendes Reich.

 

Wenn darum im politischen Kapitel Römer 13 die Mahnung ergeht, sich der jeweiligen politischen Ordnung nicht zu entziehen, sondern einzugliedern, dann begegnet uns darin keine unmündige Form der Anpassung oder des Opportunismus gegenüber den jeweils Mächtigen, sondern eine an Christi einzigartigem Beispiel geschulte, eine christologische Aktualisierung der Weltherrschaft Gottes. Wo immer Christen leben, welche Bedingungen auch immer ihnen gelten, sie können und sie sollen stets die Politik ihres Herrn befolgen, dessen Gebot und dessen Praxis eindeutig sind: Lieben!

 

Es gibt keine andere Pflicht, aber auch keine andere Freiheit – gleich unter welchem gesellschaftlichen Vorzeichen – als diesen kategorisch-königlichen Imperativ: „Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt.“ ———

 

Dieser scheinbar so idyllische Maßstab, den wir am ehesten auf eine kleine Schar wie die zwölf Jünger oder die Hausgemeinde der Lydia in Philippi anwenden mögen, ist nun aber die Ethik von Römer 13!

 

Die Liebe, die man niemandem schuldig bleiben soll, bezieht sich also auf die Nachfolger des Pilatus, die römischen Beamten, die in Gestalt des Anwaltes Tertullus (vgl. Apg.24,2ff) und der Statthalter Felix und Festus (vgl. Apg.24-26) den Anstoß zum behördlichen Vorgang von Anklage, Verhaftung, Berufung und endlicher Tötung des Paulus auf den Weg brachten. Die Liebe, die man niemandem schuldig bleiben soll, bezieht sich im Römerbrief auf den jüngst verstorbenen Kaiser Claudius, der Juden und Judenchristen in der Welthauptstadt bitter drang-saliert hatte; die Liebe bezieht sich auf Nero, den neuen Imperator … und bald der erste blu-tige Christenverfolger, und sie bezieht sich ebenso auf das zur Zeit der Abfassung des Römerbriefes drei- oder vierjährige Kind Domitian und den einjährigen Trajan, von denen Paulus nichts wissen konnte, die aber just in Rom heranwuchsen, der eine, um der Peiniger der Gemeinden in der Offenbarung des Johannes zu werden und der andere um schließlich der Befehlsgeber für das Martyrium des letzten, des Lieblingsjüngers zu sein. ———

 

Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Und sie allein ist die Erfüllung des Gesetzes.  

 

Wem das so im historischen Gewand immer noch bloß wie eine Erbauungslegende erscheint, der möge bedenken, was die Geschichte der zweitausend Jahre seither ist: Ist sie doch nur der eine und noch nicht an’s Ende gekommene Adventskalender, der uns mit der Generation der Apostel verbindet.

 

Sie durften und mussten die Tage zählen ebenso wie auch wir es heute noch müssen.

 

An unserem Auftrag, an unserer Ethik der christusförmigen Liebe hat sich durch das Kommen und Gehen, durch die Verbrechen und den Untergang aller Neros aber nichts geändert.

 

Und also ist es vielleicht nicht unnütz, es tatsächlich – so schwer es auch fallen mag – einmal zu buchstabieren: Wo sie Claudius, Nero und Domitian lieben sollten, sollen wir den politischen Gegnern, den weltanschaulichen Gegnern, den – sagen wir’s ruhig! – Menschenfeinden von heute nichts anderes erweisen.

 

Das ist empörend, finden wir? Unmöglich? Sinnlos? Weil die waschechten Diktatoren und die Möchtegern-Volksverhetzer, die Nationalisten und Rassisten, die Terroristen und die Putschisten von heute nicht irgendwelche römischen Kaiser im Lorbeerkranz, sondern propagandistische Schwätzer, ungebildete Geschichtsverdreher und ressentimentgeladene Verächter des klugen Kompromisses sind?

 

Weil wir einen Erdogan und einen Maduro, einen Xi Jinping und einen Orban, einen unzurechnungsfähigen Präsidenten oder eine Partei der Unzufriedenen und das ganze beunruhigende Panoptikum der sonstigen gegenwärtigen Politik einfach nicht „lieben“ können?

 

… Sondern? … Korrigieren? Ignorieren? Abservieren? … Oder parodieren, isolieren, diffamieren? …….

 

Wir können sie nicht lieben – obwohl die Liebe des Gesetzes Erfüllung ist – also müssen sie folglich … hassen??! ———

 

Denken wir nur daran, was in unserem eigenen Staat, in unserer insgesamt doch so günstigen und gelungenen Gesellschaftsform heute das größte und gefährlichste Problem geworden ist, … so gravierend, dass sich die Herbsttagung des Bundeskriminalamts in der vergangenen Woche der Bekämpfung dieses Verbrechens unserer Zeit widmete: Hasskriminalität.

 

Denn die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung. ——

 

Wenn wir Christen uns also aus der politischen Verantwortung stehlen wollen, weil Liebe uns in dieser Welt eine unzulängliche Kategorie erscheint, dann haben wir die Zeichen der Zeit gleich doppelt falsch gedeutet!

 

Einerseits haben wir verkannt, wie unmittelbar es uns trifft, dass nicht die Gier, nicht die Lüge, nicht die Selbstsucht – alles wahrhaftig ja Hauptsünden unseres Heute! –, sondern der Hass die Welt vergiftet, der doch das klare und eindeutige Gegenteil des Grundgebotes unserer Ethik ist. Zudem hat jeder, der die Liebe für zu harmlos, zu weich hält, um in der aggressiven Stimmung dieser Tage zu bestehen, nicht verstanden, dass Paulus die politische Berufung der Gemeinde eben nicht im Wegducken oder Säuseln sieht, sondern im Gegenteil in der offensiven Handhabung der Waffen des Lichtes!

 

Wir sollen die Kraft, die den Hass überwindet, einsetzen; wir sollen Angriff, nicht Rückzug durch die Liebe üben; wir sollen sie ausweiten auf Fremde, ja, auf Feinde und uns nicht etwa hinter die Linien zurückziehen, wo man sich sowieso verträgt und einig ist.

 

Die Liebe ist die entwaffnende Tat an den Hetzern und Misstrauischen. Sie ist Großmut gegenüber den Kleingeistern und Engen. Sie ist das Unerwartete, das die Verstockten durcheinanderbringt. Sie ist das Neue, das den am Alten Verbissenen das Maul offenstehen macht. Sie ist die Verunsicherung aller Bannerträger des Vorurteils. Sie ist die offene Herausforderung aller, die sich nur auf’s Aus- und Abschließen verstehen.

 

Liebe ist die Waffe gegen unsere eigene Angst. Sie ist die Heilung, wenn wir auch uns vom Hass anstecken lassen. Sie ist die uns selber wunderbare Gegenwart Christi in einer Wirklichkeit, die ihn rundweg leugnet und aussperrt.

 

Wer liebt, erschüttert Weltbilder. Wer liebt, bezeugt einen Mut, der stärker ist als jeder Kampf, weil er es wagt, den anderen nicht zu negieren, sondern zu bestätigen. Wer liebt, löscht niemanden aus, sondern weckt das Morgenrot der Verheißung.

 

Wer liebt, ist auf der Seite des Siegers.

 

Und das ist das Zweite, … das Entscheidende, das alle verkennen, die die Liebe für ungeeignet im Kampf um Wahrheit, um Gerechtigkeit und Frieden halten:

 

Die Weltgeschichte ist der Adventskalender Gottes.

 

Wir wissen nicht, wie viele Tage das Ziel noch entfernt ist. Wir wissen nicht, wie viele Türchen sich noch öffnen, wie viele Mauern fallen und Fesseln sich noch lösen müssen. Wir wissen nicht, wie viele Schlachten noch zu schlagen, wie viele Opfer noch zu bringen, wie viele Wunder noch zu erbitten und zu bezeugen sein mögen.

 

… Aber dass die Tage des Wartens gezählt sind – gezählt wie Haare auf unserem Haupt (vgl. Matth.10,30) und die Tränen in Gottes Krug (vgl. Ps.56,9) –, das ist gewiss, denn der König der Welt ist in die Krippe und auf dem Esel und aus dem Grab gekommen und sein Reich bricht seither endgültig und unaufhaltsam an!

 

Gezählte Tage: So lautet also die Botschaft des 1.Advent, mit dem ein neues Kirchenjahr anfängt.

 

Gezählte Tage nur noch.

 

Endliche Zeit.

 

Schwindende Sorgen.

 

Weichende Nebel.

 

Wachsendes Licht.

 

Denn die Nacht ist vorgerückt.

 

Und der Tag ist nahe herbeigekommen!

Amen.

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