Ewigkeitssonntag, 24.11.2019, Stadtkirche, Matthäus 25, 1 - 13, Jonas Marquardt

 

Predigt Kaiserswerth Ewigkeitssonntag 2019                                                                                                       

 

                  Matthäus 25, 1 – 13

 

Liebe Gemeinde!

 

Wenn das Licht ausgeht, ist es schön. Der Tag war lang genug, die Müdigkeit darf übernehmen, das Buch kommt auf den Nachttisch, die letzte Nachricht ist geschrieben, das Gebet vorm Einschlafen beendet. Nun kommt die Ruhe. Wenn das Licht ausgeht. ——

 

Wenn das Licht ausgeht, ist es trostlos. Was täte man nicht, um es nicht einfach verlöschen zu lassen?! Natürlich brennt die Kerze irgendwann nieder. Natürlich müssen die Fluter abgeschaltet und die Bühne in Finsternis getaucht werden. Natürlich gehen irgendwann die Augen, aus denen das Sehen sich zurückzog, nicht mehr auf und das Letzte, was uns noch das innere Licht verrät, ist der stockende, unterbrochene, mühsam unregelmäßig aufgenommene Atem. Aber nach dem letzten Aufzucken ist es so eng, so verloren. Wenn das Licht ausgeht. ——

 

Das Licht darf nicht ausgehen. So schön die Eichendorff‘sche Nacht überm Waldrand ist und so schrecklich der grelle Lichthochdruck der rastlosen Megastädte: Eine Welt in der Finsternis ist ein Horror. … Noch immer gibt es Menschen – und auch unter denen, die wir in diesem Jahr zu Grabe getragen haben, waren viele –, die wissen, wie die Verdunkelung war, bei der kein Lichtstrahl nach außen dringen durfte, um der Auslöschung kein Ziel zu bieten. Noch immer gibt es Menschen, die die Nacht über Europa kennen.

 

Das Licht, das damals ausging, hat für immer gezeigt, welcher Schrecken in einem der - für mich! - grauenerregendsten Worte der Bibel liegt: „Gebt dem HERRN, eurem Gott, die Ehre, ehe es finster wird und ehe eure Füße sich an den dunklen Bergen stoßen und ihr auf das Licht wartet, während er es doch finster und dunkel machen wird.“

 

Diese bedrohliche Mahnung des Propheten Jeremia (13,16), bei der es einen schaudert, wird nun aber von dem, der selber das Licht der Welt ist, … von Jesus aufgegriffen (Joh12,35):

 

„Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht.“

 

Das Licht wird also ausgehen, sagt uns Jesus: „Es kommt die Nacht, da niemand wirken kann“ (Joh9,4). Ihr werdet die Dunkelheit erfahren, in der das Leben verschwindet. ——

 

Das ist der Erwartungshorizont, vor dem die Gemeinde Jesu Christi am Ewigkeitssonntag versammelt ist: Schatten und Eintrübung, Dämmer und Anbruch der schwarzen Stunden. So steht’s überm Horizont. …….

 

Dass das der Tod ist, dass es aber auch die lange Zeit und Weile ist, die zwischen dem Erscheinen des Lichtes unter uns und seinem Verglänzen liegt, dass das die Nebel sind, in denen sich unsere Zuversicht und Spannung verlieren und die Erschöpfung, in die das Sinnlose des Daseins uns tauchen kann, dass die Dunkelheit, die den Horizont bedeckt, aus allen Zuständen und Erfahrungen des Lebens sich verdichtet und wir dabei wie die Mädchen, deren Hochstimmung verflogen ist, allmählich leise und schließlich regungslos werden, weil das, was wir erwarteten, nicht kommt, … das ist die nüchterne und ja auch menschliche Botschaft des Gleichnisses von den zehn Jungfrauen in hochzeitlicher Vorfreude: Ja, sagt uns diese verständnisvolle Dichtung Jesu, … ja, es kommt anders als ihr denkt, und nein, es ist nicht anders zu erwarten, als dass ihr zwischendurch am eigenen Leib erfahrt, wie schwer das Leben ist und wie man nicht mehr kann, wie manches zu viel, zu hart, zu unabsehbar wird und man dann einstweilen auf der Strecke bleibt, weil es nur immer so öde weiter zu gehen scheint.

 

Die Eingeschlummerten des Gleichnisses sind also kein tadelndes Bild, sie stellen keinen Vorwurf dar. Sie sind lebensechte Verkörperungen unserer Natur, die sich verausgabt, ausbrennt und in den Schlaf sinken muss.

 

Doch damit ist die Nacht, die den Tag und sein Tun beendet, die die Anstrengungen und Erwartungen des Lebens erschöpft, die eigentlich Herausforderung, wenn wir den dunklen Rand der Zeit betrachten: Soll da denn wirklich alles runtergebrannt sein, wenn die Dunkelheit da ist? Arbeiten und - wichtiger noch! - leben wir bloß auf den Sonnenuntergang aller Tage zu, mit dem der letzte Funke unserer Reserven, der letzte zündende Strahl unseres Geistes, unserer Energie erlöschen wird?

 

Soll unser ganzes Fassungsvermögen sich also zeitgleich mit der Zeit verbraucht haben?

 

Oder gibt es etwas, das nicht angezapft, nicht einfach in Rauch aufgelöst sein wird, wenn das Zeitalter, in dem wir uns und alles verbrannten, endgültig zuende ist?

 

Wird noch Öl da sein?, so fragt das Gleichnis uns.

 

Oder habt ihr restlos verschleudert, was immer euch Wärme, Trost und Aussichten gab?

 

… Habt ihr also weiter als bis zum Einbruch der Nacht nie gedacht? …….

 

Wenn wir ehrlich sind: Selten.

 

Der Tag der Welt ist aufregend und aufreibend genug. Es fängt verheißungsvoll an, … wir alle glauben, auf dem Weg zum Tanz, zur freien Feier des Lebens zu sein. Doch manchmal wird’s lang. Zäh. Kraftraubend. Andere spüren es gar nicht; kommen unbeschwerter durch die Zeit; merken erst gegen Feierabend, dass es zur Neige geht und bald vorbei sein wird. Und dann wird einer nach dem anderen leiser, manchmal flackert noch einmal das Leben auf – Genossenes, Erhofftes, Verlorenes – , … aber schließlich schweigt alles.

 

Und wird dann noch Öl da sein? Oder bleibt es dunkel und kalt? …….

 

Die Frage, die wir viel zu selten nur noch stellen, solange die Flamme da ist, solange das Leben da ist.

 

Doch sogar die Zeitläufte der Gegenwart predigen es uns ja in unvermuteter Eindringlichkeit, was wir auf den Kanzeln und in den Herzen schon lange nicht mehr fragen:

 

Wird noch Öl da sein?

 

Oder was sonst könnte die Finsternis hell machen und das Erstarrte wieder in Fluss bringen?

 

… Ist denn wirklich keine Salbe in Gilead (vgl. Jeremia 8,22)?

 

… Müssen wir tatsächlich damit leben, dass am Ende der letzte Tropfen aufgezehrt ist und es nie wieder Licht wird? … ——

 

Ich persönlich frage es mich ja auch: Wie wird das Ende Deiner Vorräte Dich berühren? Was wird es bedeuten, wenn man nur noch eine Sparflamme, nur noch ganz Spärliches einzusetzen hat? Es war ja mal Überfluss da: Zeit und Zukunft und Kraft und Möglichkeiten und von allem viel und erneuerbar und lebendig. Und es soll ja - bitte schön! - auch brennen, lustig und hell, ...  wie in dem alten Biedermeier-Gassenhauer „Freut euch des Lebens, / weil noch das Lämpchen glüht, / pflücket die Rose, / eh sie verblüht.“

 

… Aber wenn das Lämpchen …, wenn die Rose …, ……. dunkel, … welk, …….

 

Mehr haben wir doch nicht auf Lager.

 

Wer hätte denn über diesen Tag und diese Stunde X hinaus noch Licht, wenn es ausgeht?

 

… Und wir nichts, gar nichts mehr wirken können.

 

… Und nicht wissen, wo wir hingehen.

 

… Und unsere Füße sich an den dunklen Bergen stoßen und wir fallen, … fallen in das schwarze Nichts und verlöschen. ———

 

Und seht Ihr? – Darum brauchen wir mehr als alles andere auf dieser Welt den Herrn Jesus Christus, denn er – der „Christus“ heißt: „der Gesalbte“ –, von dem das Wort „Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein“ gilt (Ps.23,5), er hat das Öl, ja, er ist diese nie versiegende Lichtquelle, dieser Hoffnungsglanz und er speist jede Faser, die in ihn eintaucht, mit dem Feuer des ewigen Lebens.

 

Jesus Christus, der Erzähler unseres Gleichnisses von der Lebenserschöpfung, die für die Törichten mit dem Ende aller Dinge gleichbedeutend ist, über das man nicht hinausdenken kann, gegen die die Klugen aber doch noch einen unplanbaren, ja einen unwahrscheinlichen Überschuss an Aussichtsreichtum in Kauf nehmen, … Jesus Christus, der Erzähler der Erschöpfungsgeschichte unseres Lebens, der ist nämlich das unerschöpfliche Leben selber!

 

Er ist nicht nur der Bräutigam, auf den alles sich zu konzentrieren scheint beim Warten auf Godot, … nein, er ist auch schon die Weisheit dieser Wartenden, … er ist die nach jeder Berechnung unsinnige Reserve, die sie – als die Zeit vergangen war – mit in den tiefen Schlaf nahmen, … und er ist das helle mitternächtliche Aufleuchten der ausgebrannten Lämpchen selbst.

 

Jesus Christus ist die Quelle und das Geheimnis und das Ziel dieser Geschichte in einem!

 

Nicht hellere Köpfe, nicht raffiniertes Vorausdenken, das die Wahrscheinlichkeitsstatistik oder die mathematischen Unbekannten berücksichtigt hat, nicht clevere Vorratsspeicherung, nicht trainiertere und leistungsfähigere Frömmigkeit oder Theologie der Hoffnung steht am hochzeitlichen Ziel des Gleichnisses gerechtfertigt da, sondern da leuchtet nur überwältigend und himmlisch schön der Morgenglanz der Ewigkeit, die mit Jesus Christus echt geworden und eingezogen ist auf Erden.    

 

Und nichts kann uns den Ewigkeitssonntag, der zugleich der Totensonntag, den Totensonntag, der der Ewigkeitssonntag ist, so klar und hell machen, so kostbar und so einfach, wie diese schlichte Erinnerung, dass Jesus Christus ewiges Leben ist und ewiges Leben hat.

 

Über die Vorräte der klugen Jungfrauen müssen wir uns gar nicht lange den Kopf zerbrechen: Ob wir sie uns hoffnungsvoller oder glaubensreicher oder bibeltreuer oder endzeitlicher als andere Menschen denken sollen, ist nicht entscheidend. Denn was wären schon meine Reserven oder Eure Hoffnung, was wären unsere - wie auch immer beschaffene - Voraussicht und Erwartung des Himmelreiches wohl im Vergleich mit der Tatsache, dass wir schließlich von alledem wirklich nichts sagen können, außer: In Jesus ist es angebrochen und wir dürfen es einst mit ihm teilen!

 

Das ist der sprudelnde Reichtum des kommenden Lichtes, wenn die Herrlichkeit des HERRN aufgeht und den Trauernden zu Zion Schmuck statt Asche und Freudenöl statt eines Trauerkleides geschaffen werden (vgl.Jes.60,1;61,3): Jesus Christus, der auferweckte Gekreuzigte, der Getötete, der lebt … Jesus Christus, an den wir glauben und den wir erwarten, schenkt ewiges Leben. ——

 

Wer das fassen kann – und wir haben es inzwischen so lange kaum noch gehört, haben’s entmythologisiert und hinterfragt und bezweifelt und unterdrückt und nicht mehr verstehen können und betreten verschwiegen, dass es unverschämt, beinah aufrüttelnd neu wirkt und nur noch unser fettes, lahmes Phlegma durchstoßen muss, um uns zu elektrisieren – wer das also fassen kann, dass uns allen wirkliches, bleibendes, ewiges Leben angeboten wird im Glauben an Jesus Christus: Was bräuchte der noch?

 

… Wie unsere Vorstellungen davon sind, was wir also in petto haben, welche Notration ein jeder von uns in der Stunde der Verdunkelung noch behauptet, in den grauen Zeiten, wenn wir ein Leben, das wir lieben, wegdämmern sehen oder vor uns selbst die Nacht liegt und das Licht verlöscht, … das ist nicht wichtig, das ist nicht jenes Öl, auf das es ankommt, um endlich strahlend zum Leben zu gehen.

 

Dass unsere Hoffnung nicht irgendwo auf Flaschen gezogen im Keller steht, um dann hervorgeholt zu werden, wenn sie uns mangelt, das ist wohl so.

 

Früher wollte ich es nicht verstehen, dass gerade die Alten immer wortkarger, immer verhaltener in ihrem Blick auf die Ewigkeit wurden, der sie doch viel näher waren als ich und nach der ich mich so voller Vorfreude sehnte: Weil mein Köcher noch so voller frischer - also kindlicher - Vorstellungen war, wie die goldenen Gassen sein und wie die Chöre klingen und wie das Lamm leuchten und die Engel uns empfangen und die Wiedersehensfreude uns aufwühlen würden, darum schien mir die Sparsamkeit der im Glauben still auf’s Schauen Wartenden spröde.

 

Langsam aber beginne ich zu verstehen: Mag sein, dass es genauso wird, wie es uns die geliebten barocken Choräle beschreiben; mag sein, dass es genauso wird, wie es die gotischen Bilder vom Paradies und seiner Seligkeit im Kreise Christi und seiner lieben Mutter schildern; mag sein, dass es schöner und pathetischer kommen wird, als alle Gospels und ganz Hollywood es je zu färben wagten, wenn wir alle endlich wieder zusammenkommen auf der anderen Seite des reißenden Jordan; mag sein, dass es mystischer wird, als alle Väter und Heiligen es je ahnten, die der lebenspendenden Anschauung des göttlichen Geheimnisses nachsannen; mag sein, dass es allen Kinder- und allen Kirchen- und auch noch allen kritischen Glauben verbindet und übertrifft, ……. im tiefsten Herzen jedenfalls freue ich mich immer noch wie ein Kind am Weihnachtsmorgen auf diese größte aller Erfahrungen und diese letzte Erfüllung aller Sehnsucht, und werde mich auf diese oder eine andere Weise bis zu jenem Augenblick freuen, da alles Wirklichkeit wird, was ich erwarte, … hoffe, … wünsche. …….

 

…. Es mag also alles sein, wie es sein mag, – aber nichts von alledem ist wichtig, außer diesem: Es wird sein!!!

 

Es wird ewiges Leben sein, wenn Jesus Christus wiederkommt, …wenn wir bei ihm sind.

 

Ewiges Leben wird sein, wenn die Dunkelheit ausgeht und das Licht kommt!

 

Ewiges Leben!           

 

……. Und wen das freut, wem das guttut, wer das will: Dem wird das Öl nicht fehlen und er wird nicht draußen bleiben, auch wenn er selbst noch so leer und ausgebrannt wäre: Denn das Öl, das unsre Lichter leuchten lassen und in der Seele brennen und die Nacht hell machen wird, ist einfach dieser:

 

Jesus Christus, der Ewige, der lebt!

 

Jesus Christus, der jetzt in die Nacht hineinruft (Lk12,49): „Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erden; was wollte ich lieber, als dass es schon brennte!“ 

Amen.

Alle anzeigen

Gemeindebüro

Fliednerstr. 6
40489 Düsseldorf
Tel.: 0211 40 12 54
Fax: 0211 408 98 16

Öffnungszeiten:
Dienstag: 15:00 - 18:00 Uhr
Donnerstag & Freitag: 9:00 - 12:00 Uhr


Flüchtlingshilfe

Kaiserswerth: 0159-038 591 89
Lohausen: 0211 43 29 20