2.ltzt.S.d.Kj., 17.11.2019, Mutterhauskirche, 2.Kor 5,10, Ulrike Heimann

Liebe Gemeinde,

ich weiß nicht, wie es Ihnen mit der Vorstellung vom Jüngsten Gericht geht. Im Seniorenkreis habe ich im letzten Monat einmal nachgefragt, was den Anwesenden dazu so einfällt. Als erstes kam ganz spontan die Feststellung: „Wir Evangelischen haben das doch nicht." Das mit dem Jüngsten Gericht, das sei katholisch, so wie das Fegefeuer. Dass die Vorstellung vom Jüngsten Gericht in der Bibel vorkommt und wir auch als Evangelische ja im Apostolischen Glaubensbekenntnis davon sprechen, dass der in den Himmel aufgefahrene Jesus Christus „von dort wiederkommen wird zu richten die Lebenden und die Toten", wurde mit Erstaunen zur Kenntnis genommen. Es entspann sich jedenfalls ein interessantes Gespräch, in dessen Verlauf die unterschiedlichsten Fragen in den Raum gestellt wurden: Wann ist denn der Zeitpunkt da? Wann steht man vor dem Richter?

Wer kommt dann in den Himmel, wer in die Hölle? Ja, die ganz bösen Buben der Weltgeschichte, die mögen alle in die Hölle kommen; aber bei allen anderen, so eine der Anwesenden, da muss sich doch irgendetwas Gutes finden lassen, das sie auf die rettende Seite bringt. Und am Ende stand dann für alle fast die erleichternde Feststellung: Uns steht das Richten nicht zu. Im Staat mag es Richter geben, die eben aufgrund der Gesetze die Gesetzesverstöße ahnden, aber so grundsätzlich über den Menschen als ganzen zu richten, nein, das steht keinem Menschen zu. Soweit das Gespräch im Seniorenkreis.

Das Jüngste Gericht, eine Vorstellung, die sehr alt ist, älter als die Bibel. Schon die alten Ägypter hatten sich intensiv mit der Frage beschäftigt, was denn nach dem Tod mit dem einzelnen Menschen weiter geschehe? Ihre Gedanken und Überlegungen haben das biblische Nachdenken erheblich mitgeprägt. Was für die Ägypter unzweifelhaft feststand: das Leben und Tun eines jeden hat Folgen für seine Existenz nach dem Tod. Dass am Ende doch die Gerechtigkeit siegen muss, dass für alle das gleiche Recht gilt - wenn schon nicht auf Erden, so doch im Himmel - das war die Grundüberzeugung.

Sie sehen auf dem Gottesdienstprogramm einen Auszug aus dem ägyptischen Totenbuch. Dort ist die entscheidende Szene dargestellt: Der schakalköpfige Totengott Anubis führt den Verstorbenen zur Waage, wo sein Herz gewogen wird - gegen eine Feder der Maat, der Göttin der Wahrheit und Weisheit. Der ibisköpfige Gott Thot befragt den Verstorbenen zu seinem Tun und Lassen; es gibt Texte, in denen zum Beispiel auch eine Gans als Vertreterin der Kreatur befragt wird, ob sie von den Verstorbenen Gutes oder Schlechtes erfahren hätte; all das wird von Thot festgehalten. Und dann wird die Waage in Gang gesetzt. Und hoffentlich senkt sich die Schale mit dem Herz, hebt sich die Schale mit der Feder der Maat - ansonsten stürzt sich das bleckend neben der Waage sitzende Ungeheuer aus Löwe, Nilpferd und Krokodil auf den Toten und vernichtet ihn - der zweite endgültige Tod.

Für viele dieser Vorstellungen lassen sich Anklänge im Neuen Testament finden, nicht nur in der Apokalypse, der Offenbarung des Johannes, sondern auch in den Evangelien und selbst in den Briefen des Apostel Paulus. So heißt es im 2.Kor.5,10: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, auf dass ein jeder empfange nach dem, was er getan hat im Leib, es sei gut oder böse." Und in der Evangeliumslesung haben wir es ja auch gehört, da erzählt Jesus ein Gleichnis, wo der Menschensohn zum Gericht erscheint und die Böcke von den Schafen trennt, die einen in den Himmel befördert und die anderen in die Verdammnis schickt.

Kaum eine Szene hat Künstler durch die Jahrhunderte mehr inspiriert als dieses „Jüngste Gericht". Geradezu überdimensional hat es Michelangelo in der Sixstinischen Kapelle über die gesamte Kopfwand gemalt. Auf dem Gottesdienstprogramm ist nur eine Planungsskizze des Meisters von der oberen Hälfte zu sehen, der Absturz der Verdammten fehlt.

Seit ich denken kann, habe ich gegen diese Vorstellung von ewiger Verdammnis innerlich rebelliert. Bis heute will und kann ich nicht „glauben", dass Gott ein solch unbarmherziger Richter sein soll, der irgendeines seiner Geschöpfe in die ewige Qual hinausstößt. Und von Jesus kann und will ich das schon gar nicht glauben. Offensichtlich hat es auch der Evangelist Johannes nicht geglaubt, lässt er Jesus doch sagen: „Ich richte niemand." (Joh.8,15)

Aber offensichtlich konnten und wollten unsere Vorväter im Glauben nicht auf das Bildwort des Richters verzichten. Das zu ignorieren, bringt nichts, denn es ist zu tief im Unbewussten aller Menschen, zumindest derer mit christlicher Prägung, eingebrannt. Aber genau das macht es um so nötiger, einen neuen Zugang, ein neues Verständnis zu suchen und aufzuzeigen, dass den Schrecken auflöst und dem Evangelium Raum gibt, der Botschaft von der vergebenden, neumachenden Liebe Gottes.

Ja, das traditionelle Bild Jesu Christi als Richter, das Bild vom Jüngsten Gericht halte ich für schief und dringend überholungsbedürftig. Alle Vorstellungen von Vergeltung und Rache sind menschlich, nur allzu menschlich gedacht. Es mag ja sein, dass wir als Menschen nicht gerne auf Rache- und Vergeltungsgedanken verzichten wollen. Aber dann dürfen wir sie nicht Gott und Jesus in die Schuhe schieben. Es mag ja sein, dass Menschen in besonderer Not und Bedrängnis sich daran klammern, dass irgendwann eine göttliche Instanz es ihren Peinigern heimzahlt, dass ihr Leid nicht unbeachtet und ungesühnt bleibt - aber auch hier gilt: „Ihr denkt, was menschlich ist, nicht was göttlich ist."

„Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi." Es fällt schwer, diesen Satz aus dem 2.Korintherbrief - übrigens der Wochenspruch - nicht als Drohwort zu hören; wobei es interessant ist, dass die Verantwortlichen der liturgischen Konferenz auf die zweite Satzhälfte verzichtet haben, die war ihnen wohl zu hart („auf dass ein jeder empfange nach dem, was er getan hat im Leib, es sei gut oder böse"). Vielen Menschen macht dieser Satz Angst. Es ist die Angst vor Bloßstellung, die mitschwingt. Die Angst, am Ende dazustehen - vor Gott und den Menschen - behaftet mit allem, was schief gelaufen ist im Leben, mit allen Versäumnissen und allen großen und kleinen Gemeinheiten, mit aller Schuld und allen Schwächen. So als würde man nackt mitten auf einem Stadionplatz stehen vom Flutlicht angestrahlt, den Blicken der anderen schutzlos ausgeliefert. Ein seelischer Albtraum ohnegleichen. Zu erwarten ist da nur: Verurteilung, Aburteilung. Verdammnis.

„Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi."

Allerdings - wir können dieses Wort auch anders verstehen. Auch gegen Paulus, der tatsächlich hier in seinem Brief an die Korinther seine sehr menschliche Vorstellung von der Vergeltung nach den Taten darlegt.

Der Schlüssel zu diesem anderen Verständnis, das für mich Evangelium verkündet, Frohbotschaft und nicht Drohbotschaft, ist ein doppelter.

Zunächst: was meint „wir müssen offenbar werden"? Eben nicht: bloßgestellt werden. Sondern da muss etwas aufgedeckt, erschlossen werden, muss sichtbar werden, was wesentlich ist. Alles, was an unserem Leben verzerrt, verbogen und unverständlich ist, alles, was wir bei der oft verzweifelten Suche nach Sinn und Glück uns selbst und anderen antun, wo wir uns selbst und andere verstümmeln und verletzen, wo wir Böses tun und getan haben, obwohl wir doch nur das Gute wollten - das wird sich uns einmal erschließen. Und da wo wir sehen und zum Verstehen kommen, wo wir zur Erkenntnis unserer selbst kommen im Guten wie im Bösen - da wird Vergebung und Neuanfang möglich. Da erfolgt kein Schuldspruch, sondern Freispruch.

Das - und das ist das zweite - garantiert der „Richter", wenn wir denn an diesem Wort aus dem Rechtswesen festhalten wollen. Auf dem Gottesdienstprogramm finden sie noch ein drittes Bild; es ist leider nicht deutlicher abzudrucken gewesen. Es handelt sich um die Abbildung einer großen vergoldeten Scheibe, die viele Jahrhunderte am Turm des Konstanzer Münsters hing. Sie zeigt den auf seinem himmlischen Thron zu Gericht sitzenden Christus, flankiert von zwei Engeln. Dieser Christus hält keine Waage in der Hand, und er kommt auch nicht so stürmisch und grimmig daher wie der Christus des Michelangelo. Er hält vielmehr eine Tafel in der Hand. Auf ihr stehen in Latein die Worte: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken." (Mt.11,28)

Der Richter ist der Messias Jesus, der Christus, der die Mühseligen und Beladenen, auch die Schuld-Beladenen, aufrichtet. Der sich darin mit Gott, den er unseren Vater nennt, einig weiß, von dem der Prophet Hesekiel hört: Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tod des Gottlosen und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt? (Hes.18,23) Und wer wollte behaupten, dass das nicht in Ewigkeit so ist? Dass die Gelegenheit zur Umkehr nicht auch im Augenblick des Todes und darüber hinaus von Gott gegeben wird?

Jesus Christus richtet, indem er aufrichtet.

Er verurteilt nicht, er bringt zurecht.

Und da ist kein Leben so verkorkst, dass er es nicht zurechtbringen könnte. In der Tat, wir Menschen können durch unsere bösen Taten unsere Gottebenbildlichkeit schrecklich entstellen und verzerren. So schrecklich, dass wir manch einen Menschen gar nicht mehr als Menschen wahrnehmen können oder wollen, sondern nur noch als Bestie, als Teufel. Aber Jesu Christi Augen sehen klarer, sehen in jedem immer noch den Menschen so, wie ihn Gott gedacht und gemacht hat. Und als Heiland, der er ist, wird er auch die Wunden und Verletzungen, für die in dieser Welt und Zeit keine Heilung vorstellbar ist, zu guter Letzt heilen, Versöhnung ermöglichen, wo hier und heute nur Hass und Feindschaft herrschen.

Ich jedenfalls will daran festhalten: der Richter Jesus Christus ist der Zurechtbringer. Und deshalb können wir getrost und zuversichtlich unser Leben führen und gestalten, versöhnt sein damit, dass lange nicht alles Gold an uns ist, was glänzt, dass uns lange nicht alles gelingt, was wir uns vorgenommen haben, dass wir uns immer wieder selbst im Wege stehen und an anderen schuldig werden. All das wird nicht so bleiben. Sondern wir werden all das ablegen können im Licht Christi und werden dann die sein, als die uns Gott gedacht und gemeint hat.

Hören wir es noch einmal neu - als Evangelium für uns heute: „Wir müssen, nein: wir werden alle offenbar werden und erscheinen als die, die wir wesentlich von Gott her sind, vor dem Angesicht Christi, im Licht seiner Güte."

Amen.

 

 

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