Reformationstag, 31.10.2019, Stadtkirche, 5.Mose 6, 4 - 9, Jonas Marquardt

 

Predigt Kaiserswerth Reformationstag 2019                                                                                                        

 

                      5.Mose 6, 4-9

 

Liebe Gemeinde!

 

Was wir hier feiern, ist nicht der Reformationstag.

 

Reformationstag ist, wenn in westdeutschen Kirchen vormittags Menschen, die nicht arbeiten müssen oder für ihren kirchlichen Dienst bezahlt werden, eine Versammlung mit Festrede abhalten: Da hörten sie bis vor einigen Jahrzehnten Würdenträger feierliche Dinge über das große geistesgeschichtliche Erbe des Protestantismus tönen; dann vernahm man etliche Jahre lang politisch-kritische Erklärungen mit entsprechend gefärbten Halstüchern über Rassenfrage, Weltfrieden und Atomkraft, bis man in jüngster Zeit auf schön populäre Bestseller-Bischöfe und -innen sattelte, die ganz sanft Themen der Lebensmitte, der Seelenbalance und der metaphysischen Ökologie aller religiösen Gewächse ausbreiten.

 

Reformationstag ist also eine Sache für wenige akademische oder gewohnheitstreue Beamten, Ruheständler und Regelmäßige.

 

Wir dagegen feiern hier etwas anderes. Einen anderen Tag und andere Leute.

 

In biblischer und kirchlich-liturgischer Zeitrechnung ist laut unseren Armbanduhren nämlich seit Sonnenuntergang nicht mehr der Tag der selbstvergewissernden Festreden einer frühneuzeitlichen Sondergruppe in der Christenheit, sondern eine universalere Feier hat begonnen. Die Feier, die auch historisch den Anlass gab, dass Luther vor oder nach der ersten Festmesse die Tür der besonders gerade mit diesem Fest verbundene Schlosskirche[i] als Aushängekasten nutzte, … die Feier, die jetzt mit dem Vorabend des 1.November begann und beginnt, ist die Feier Aller Heiligen!

 

Und wenn wir es ernst nehmen, dass der Beginn der Reformation sich seit Menschengedenken ausgerechnet an dieses Fest geknüpft hat, und wenn wir die verblassten und überholten konfessionellen Abgrenzungen einmal auf sich beruhen lassen, dann könnte uns tatsächlich aufgehen, wie sach- und evangeliumsgemäß es ist, dass die evangelische Kirche ihrer Ursprünge an keinem anderen Tag gedenken sollte, als am Tag der universalen, weltgeschichtlichen Fülle aller Heiligen.

 

Kein geringeres Selbstbewusstsein darf nämlich alles haben, was – mit Luthers anschaulicher Drastik gesprochen – „aus der Taufe gekrochen ist“. Jeder getaufte Christenmensch soll wissen und glauben, dass er ein Teil der allergrößten und umfassendsten Gemeinschaft der Welt ist: Ein Glied der Una sancta – der einen Heiligen – nämlich der Gemeinde Gottes, ein Glied jener Gemeinde, die nach Calvin alle Auserwählten Gottes (umfasst), unter deren Zahl auch die einbegriffen werden, die bereits verstorben sind“ (Institutio IV 1,2) und die dabei so uranfänglich und ewig ist, dass der Heidelberger Katechismus bekennt (Fr.54), „daß der Sohn Gottes aus dem ganzen menschlichen Geschlecht sich eine auserwählte Gemeinde zum ewigen Leben, durch seinen Geist und Wort, in Einigkeit des wahren Glaubens von Anbeginn der Welt bis ans Ende versammelt, schützt und erhält.“

 

Nichts anderes ist also die Reformation als die Einladung an alle Menschen, sich nicht durch Geldforderungen und nicht durch menschliche Skandale, sich weder durch Selbst- oder Gottes-Zweifel noch durch religiöse Einschüchterung, sich ebenso wenig von Minderwertigkeitskomplexen wie von eigenen gottlosen Einbildungen weismachen zu lassen, man sei nicht kirchenfähig, nicht gnadenvoll, nicht gottgewollt, nicht heilig. …

 

Die Entdeckung, dass Gottes Wort jeden Menschen ansprechen will, dass die Heilsbotschaft von der Gnade radikale Dimensionen bedingungsloser Einschließlichkeit für alle Sünder der Welt besitzt, … die Entdeckung, dass Berufung und Gerechtigkeit und Priestertum – also Gebets- und Gottesdienst – allgemeine Geistesgaben für die Glaubenden sind, … die Entdeckung, dass man aus dem durch Gottes Erwählen gestifteten Bund nicht austreten kann, wie schuldig, wie trotzig, wie vergesslich man auch sei, weil in Jesus Christus aller Menschen Verlassenheit und Verlorenheit zu Gottes ganz eigenem Leid gemacht und in Gottes restlosen Sieg darüber verschlungen sind, … die Entdeckung des großen, freien, vollen Heils, das Gott seinen Menschen eröffnet und im Bund mit Israel, in den apostolischen Gemeindegründungen, in der heiligen, christlichen Kirche mit ihnen teilt … diese Entdeckung, dass das Reich aller Heiligen uns allen offen steht, ist die Reformation: Mit der besonderen Verwunderung und dem immer wieder frischen Staunen darüber, dass die offenstehende Welt Gottes, dass der einladende Kreis des Heils, der Geheilten, der Heiligen wirklich auch als Platz für mich gemeint ist – … den Skeptiker, den Spötter, den Schüchternen, den Stumpfen, … den Sünder?!!

 

Auch dieses beinah ungläubige Verdutzt-Sein darüber, wohin man gehört und wer man sein darf, wenn man ein Christ ist, … dieses augenreibende Glückszwinkern der Beschenkten, der Heimgekehrten, der Aufgenommenen, beschreibt der Heidelberger Katechismus, wenn er die Erwähnung der ewig auserwählten Gemeinde münden lässt in die zögerlich-herzklopfende Überwältigung durch die unzweifelhafte Tatsache, „daß ich derselben ein lebendiges Glied bin und ewig bleiben werde.“ (Fr.54)

 

Dieser Satz, den man nicht oft genug wiederholen kann, ist die kürzeste, direkteste Übersetzung der großen, manchmal spröden reformatorischen Entdeckung von der Rechtfertigung aus Glauben:

 

„Ich … auch ich gehöre dazu! Das ist nicht mein Erfolg. Nicht mein Verdienst. Erst recht nicht: »Mein Kampf«. Aber Gott meint es ernst: Auch ich gehöre dazu!“

 

Und darum wäre ein gutes, gesundes und gesegnetes evangelisches Grundgefühl – wenn man es denn nicht spießig, nicht kitschig, nicht elitär und nicht vereinsmeierisch neuerfinden könnte – … ein gut-evangelisches Grundgefühl wäre das Gefühl der Zugehörigkeit: „… daß ich ein Glied derselben bin!“

 

Dieses Gefühl sollte uns wärmen, wenn wir einen barocken Hochaltar voller flatternder Engel und purzelnder Putten betrachten, genauso wie da, wo uns die Wellen und Wogen des Protestes und der Hoffnungen junger Menschen auf der Straße begegnen.

 

„Daß ich ein Glied derselben bin“, das sollte uns durch Kopf und Herz gehen, wenn wir einen freikirchlichen Gottesdienst ohne Formen und mit viel schlichtem Enthusiasmus mitfeiern genauso wie dort, wo die zeitlose Klarheit und Strenge der gregorianischen Tradition unser Beten läutert.

 

„Daß ich ein Glied derselben bin“, das dürfen wir uns sagen, wo die Kraft der Christen kirchengründend den Untergrund durchbricht oder trostlose Gesellschaften erneuert wie rasend in China und in weiten Teilen Afrikas; aber „daß ich ein Glied derselben bin“, soll jeder von uns auch spüren, wenn er das Kreuz der Kirche sieht, die verfolgt und umerzogen und gefoltert und getötet wird in Lagern und Landstrichen rund um den Globus.

 

Ich, … auch ich gehöre dazu: Zur christlichen Minderheit, die den Sozialismus überstanden hat, zur langweiligen, blass gewordenen Normalkirche der dreiviertelsäkularisierten Gewohnheitsgemeinden, die wir noch kennen, zur diskussions- und musikbewegten Kirchentagscommunity, zu den kreativen, experimentellen, virtuellen Christus-Missionen in die zersplitterten Lebensräume der Postmoderne.

 

Ich, … auch ich gehöre dazu, wenn sie in Taizé oder in Gnadenthal auf Zeit oder für immer nach Gemeinschaftsformen der verbindlichen Nachfolge suchen; ich, … auch ich gehöre dazu, wenn leere Klöster in Frankreich oder mitten in Köln eine neue Ordensvielfalt der Armen, der Betenden, der Brennenden und Liebenden sammeln.

 

Du, … auch du bist ein Glied derselben, einen und ewigen Gemeinde.

 

Du bist einer von allen Heiligen! ——

 

Und es ist keine Phantasiereise, sondern eine Wanderung des Glaubens wie in der göttlichen Komödie, wenn wir jetzt durch die Stufen und Regionen, durch die historischen Zeitzonen und die archäologischen Schichten dringen wollten, um die ganze Länge und Breite, die Höhe und Tiefe jener unvergänglichen Gemeinschaft zu ermessen, in die das Wort uns ruft, das Vertrauen uns führt und Christus jeden von uns vertretend stellt.

 

Man ahnt und soll sich nach Lust und Laune ausmalen, wie voll die Menschheit an solchen Heiligen, wie Du und ich es sind, ist und war und bleibt. Man ahnt, wie die Fülle und Abwechslung im Mischgewebe der Christenheit farbenprächtig und vielfältig ist und uns doch überall einlädt, zu begreifen, dass wir ein Glied derselben sind:

 

Ob’s die rockenden Harlem Gospel Singers oder die mattgoldenen Vierzehn Nothelfer des Mittelalters wären, … die zungenredenden Pfingstler, die stummen Quaker, … die steifen Wohltäter, die die Diakonie anfingen, oder die draufgängerischen Jesus-Liebhaber, die Herrnhut in alle Welt sandte, … die sinn- und segenslos Kämpfenden des Dreißigjährigen Krieges, … die herrlichen, mutigen, wilden, gerechten und sündigen Befreier und Begeisterer von 1517 bis 1555, … die franziskanischen Alternativen, die die Vögel auf den Dächern zu Christen machen konnten … oder die schreibenden, schreibenden, schreibenden Bewahrer und Deuter der Lichtes in dunklen Zeiten, als außerhalb der Konvente und Einsiedeleien die Kultur zusammenbrach, … ob’s die großen Redner von Konstantinopel oder die unermüdlichen Apostel und Apostelinnen wären, die zwischen dem Nil, dem Euphrat und dem Ganges ganze Völker zu frühen christlichen Reichen formten, … ob’s die lieben Philipper oder die zickigen Korinther wären, … überall muss – wenn die Wahrheit uns frei macht von allen Vorurteilen und Verboten – uns aufgehen, dass wir dazugehören!

 

Das ist herrlich!

 

Doch Vorsicht.

 

Gemütlich ist es nicht. Bequem ist es nicht.

 

Landeskirchlich und ortsgemeindlich ist es nicht!

 

Weil’s mehr gibt, als nur die sächsischen Fürsten oder die rheinischen Synoden, mehr als die Schweizer Kantonskirchen oder die Altpreußische Union.

 

Dieses „daß ich ein Glied derselben bin“, das bürgert uns – wenn wir die provinzielle Verfassung, die uns die Reformation hinterlassen hat, in der man kurhessisch-waldeck’sch oder pfälzisch oder hannöver’sch oder württembergisch evangelisch sein soll, endlich überwinden – …. dieses „daß ich ein Glied derselben bin“, das bürgert uns auch aus!          

 

Ein Christ in der Freiheit der Kinder Gottes, in der Familie der Erlösten des HERRN zu sein, macht uns auch – und in zahlenmäßiger Hinsicht: überwiegend – zu Brüdern und Schwestern der ganz anderen Heiligen.

 

Wie vieles an Kirche gibt es, das nicht europäisch geformt und gefärbt ist: Die Batak-Kirchen, die unsere Missionare auf den Inseln Indonesien ermöglichten; die immer mehr inkulturierten Christentümer der asiatischen Welt; die gigantische Glaubenslandschaft des christlichen Afrika; das amazonische Christentum, durch das die katholische Kirche in den letzten Tagen einen zukunftsträchtigen Globalisierungsschub erlebt habt; die uralten Völker des christlichen Kaukasus; die indischen, iranischen, irakischen, syrischen und äthiopischen Wiegen der ersten Liturgien und ältesten Theologie der Kirche, das ganze Griechisch, Koptisch, Chaldäisch und Aramäisch sprechende Volk der Getauften, die bis heute die Welt des Urchristentums besiedeln und deren Heimat uns heilig sein sollte als Quelle der Kirche, … und alle ihre Millionen christlichen Geschwister und Nachfahren, die auf Arabisch bekennen, dass Issa al-Massih, der Sohn der Jungfrau Maryam zugleich der Sohn Alla’hs ist! …….

 

Daß auch ich ein Glied derselben bin …“: Das zu betrachten und zu bekennen, ist nun allerdings doch eine ungewohnte Übung am reformatorischen Allerheiligen-Vorabend.

 

Es zeigt uns die andere Seite der weltweiten und überzeitlichen Gemeinschaft aller Glaubenden:

 

Sie beheimatet uns in der Fremde und macht uns zu Fremden in der Heimat.

 

Wer den freien Ruf der Gnade hört, wer dem befreienden Wort Christi folgt, wer auf die freie Einladung, dazuzugehören, eingeht, der muss erst einmal ausziehen können, wie Luther und Calvin und ihre Generation auszogen aus den Lügen einer Seelenknechtschaft und Traditionsverhaftung, die Gott verriet!

 

Wer die freie Einladung in die Gemeinschaft aller Heiligen befolgen will, der muss zunächst „die gottlosen Bindungen dieser Welt“ (Barmen II) hinter sich lassen können … die Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten, den Ich-Sinn und das Wir-Gefühl, die kleine überschau-bare Parzellen des Eigenen und der Selbstverteididgung schaffen, die am Reformationsfest so oft als Selbstbeweihräucherung auftreten, wenn wir uns evangelischer Bespiegelung und Kirchtürmlichkeit und Trotzigkeit – „das Reich muss uns doch bleiben!“ hingeben.

 

Schluss damit!

 

Am Ende, vielmehr am Anfang der Glaubensreise durch die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe der auserwählten Gemeinschaft, deren Glied auch wir sind, steht keiner von uns.

 

Der Ursprung der einen Gemeinde, deren Glied auch wir sind durch’s Wort der Gnade – und das macht das Wunder des „Auch du gehörst dazu“ erst eigentlich aus – … der Ursprung der einen Gemeinde ist ein anderes, das ältere, das erste Volk des Eigentums.

 

Der Ursprung aller Heiligen ist Israel, dessen Glaubensbekenntnis wir heute auch unter den Heiden, die dazugehören sollen, als den neuen Predigttext, den alten Grundtext von allem hören, was Menschen frei zu Gott und fremd in der Welt und als Glied Desselben daheim allein in Ihm macht:

 

Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer. 

 

Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. 

 

Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst.

 

Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.

 

Amen.

 



[i] In der recht neuen Wittenberger Schlosskirche hatte Kurfürst Friedrich der Weise eine der allergrößten spätmittelalterlichen Reliquiensammlungen – die Heiltumbskammer – zusammengetragen, die am Fest aller Heiligen einen wichtigen Anziehungspunkt darstellte … auch wegen der mit den Reliquien verbundenen Ablässe. Der 1.November war mithin so etwas wie das Patronatsfest dieses bedeutenden Kirchenschatzes, den übrigens Cranach wirkungsvoll in Holzschnitten inventarisiert und damit beworben hat.

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