17.n.Trinitatis, 13.10.2019, Stadtkirche, Josua 2, 1- 21, Jonas Marquardt

 

Predigt Kaiserswerth 17.n.Trin. - 13.X.2019                                                                                                        

 

                 Josua 2, 1 - 21

 

Liebe Gemeinde!

 

Abscheuliche, kranke Ausbrüche einer männlichen Kleinkinder-Wut und eines widerwärtigen Hass-Erbes im Abendland, in dem Abrahams Kinder und Jesu Glaubensgeschwister vor den sogenannten Christen nie sicher sein konnten … solche Ausbrüche des alten Elends, das uns anhängt, schreien geradezu nach neuen Wegen des Denkens und Handelns.

 

Und so ist die Geschichte einer heldenhaften, helfenden Hure, einer Außenseiterin, die die ersten Israeliten in Israel retten kann, natürlich ein Glücksfall für alle zeitgenössischen Theologien und es ist wenig Wunder, dass diese schwierige und zwielichtige Episode tatsächlich denn auch jüngst unter die Predigttexte kam. In dieser Erzählung ist schließlich alles enthalten, was heute auf der Tagesordnung steht: Ihre Hauptgestalt ist weiblich, ihre Sexualmoral straft alte kirchlichen Vorstellungen Lügen, sie bringt die unkonventionelle Farbe der nichtisraelitischen Kulturen in die Bibel und sie befolgt Impulse, die es mit der Wahrheit nicht so genau, dafür aber mit der Solidarität umso ernster nehmen.

 

Wer also nicht direkt über Carola Rackete, die beherzte Seenotamazone und Klimaretterin meditieren will, findet in der multikulturellen Grenzüberschreiterin Rahab und ihrem feministischen Ethos der Mitmenschlichkeit einen würdigen biblischen Ersatz.

 

Dabei ist – obwohl die Passgenauigkeit dieses Schnittmusters zu heutigen Musterbeispielen des politisch Korrekten einigermaßen frappiert – auch nichts von alledem zu kritisieren, was uns bei Rahab an landläufigen Vorstellungen von vorurteilsfreier Humanität begegnet: Die Überwindung von Geschlechterklischees, nach denen Heldentum männlich ist, … die Überwindung von Ausgrenzungsmoral, die tabuisierten Lebensformen ohne Ansehen der Person mit vorgefertigter Ablehnung begegnet, … die Überwindung von geschlossenen Gruppenzugehörigkeiten, außerhalb derer Fremden nur Misstrauen gilt  – alle diese Überschreitungen ehedem unbestrittener Scheidelinien gehören zum christlichen Glauben dazu: „Nicht Mann, nicht Frau, nicht Jude, nicht Heide, nicht Gerechter, nicht Sünderin … neue Kreatur“ … das ist biblische Freiheitslehre vom Ursprung her (vgl. Gal3, 26f).

 

Und doch wäre es zu simpel und zu plakativ, die Geschichte der Prostituierten von Jericho, die Israels Spione schützt und vorm Fremdenhass ihrer Heimat bewahrt, als Steinbruch für unsere tagespolitischen Ideale zu nutzen.

 

Eine bloße Motivationserzählung für Zivilcourage und weibliche Autonomie, für interreligiöse Toleranz und kreative Konfliktstrategien bietet das Husarenstück dieser Rapunzel, die die bedrängten Männer abseilt, deren Wiederkehr den Untergang des alten heidnischen Stadtstaates im Westjordanland bringen wird, denn doch nicht. Wenn wir uns zu solchen Haltungen motivieren wollen, dann sollte eine Standortbestimmung in den Herausforderungen der Gegenwart wohl genügen.

 

Erzählt uns die Bibel aber von Rettung und Entkommen, von fragwürdigen Menschenplänen und unvorhersehbarem Segen, dann müssen wir den Namen derer, die uns heute beschäftigt, wörtlicher nehmen. Es ist ein ganz und gar anzüglicher, schmutziger Name für eine verächtliche Frau ……. bedeutet er doch auf Hebräisch buchstäblich „die Weite“.

 

… So widerwärtig grob, ja vulgär kann die Bibel sein, dass sie eine Hure unter diesem unflätigen Begriff aus dem Schweinestall des Sexismus auftreten lässt.

 

… Am liebsten bliebe man viktorianisch weit weg von so unnötiger Obszönität.

 

Aber dann verfehlte man das Eigentliche. Denn Gottes Wort und die heiligen Geschichten sprechen nie entschärft, nie also nach unserer Façon zu uns. Wenn wir sie uns prüde oder politisch in der geglätteten, in der modernisierten Form zurechtmachen, die uns gerade zusagt, sehen und hören wir nur unser eigenes Abbild und Echo.

 

Und darum hat die Kirche seit Jahrtausenden eine ganz andere, ganz ehrwürdige und ganz verachtete Methode des Verstehens geübt, eine Methode, die versucht, in jedem Teil und Bild der Bibel nicht das aufzudecken, was uns entspricht und ähnelt, sondern die Ähnlichkeit mit Gott, die Spiegelbildlichkeit der Gottesgeschichten und Gottestaten untereinander zum Vorschein zu bringen.

 

Es ist also weder Phantasielosigkeit noch Systemzwang, wenn die alte Kirche und die frommen Auslegungstraditionen bis vor wenigen Jahrzehnten immer wieder in allen biblischen Einzelheiten Erinnerungen an Gott selber und seine dreifaltige Wirklichkeit aufspürten und Korrespondenzen und verhüllte Spiegelungen zwischen entlegenen Teilen des einen heiligen Zeugnisses aufdeckten. Sie waren nicht arm an Vorstellungskraft, sondern - im Gegenteil - gerade aufgeschlossen für verborgene Feinheiten, wenn sie sich sagten: Die Mitte muss in diesem herrlichen Buch bis an seine Ränder aus-strahlen und die beherrschende und unersetzliche Hauptgestalt wird sich in jedem De-tail reflektierend, prägend, licht- oder schattenwerfend entdecken lassen.

 

Es ist also wirklich nicht zu belächeln, wenn jedes Holz in der Bibel an’s Kreuz von Golgatha denken lässt, wenn jede Schuld an den Kreuzestod und jede Unschuld an den Gekreuzigten erinnert, wenn alles Licht österlich und noch so geringfügige Schritte der Befreiung endgültig gedeutet werden.

 

Es ist nicht zu verachten, wenn im Alltäglichsten das Heilige, wenn im Normalen das Wunder und im Selbstverständlichsten das Heil durchschimmert; es ist nicht absurd zu nennen, wenn jede Mutter wie die an der Krippe und unter dem Kreuz erscheint und jedes Kind wie ein verfremdetes oder treffendes Echo dessen klingt, der beten lehrte: „Unser Vater! Abba!“

 

… Es ist keine Torheit und auch keine Vergewaltigung, wenn das Zeitliche in den biblischen Geschichten den Glanz der Ewigkeit freisetzt und sämtliche hohe und niedrige, neben- und hauptsächliche Einzelheiten gebrochene, aber doch sichtbare Reflexe des Einen, des Einzigen offenbaren.

 

Jesus in allen Dingen sehen: Das ist nicht unsinnig!

 

… Es sei denn, es wäre unsinnig, Licht zu sehen, wenn die Sonne scheint oder Glück zu empfinden, wenn man liebt und geliebt wird.

 

Jesus in allen Dingen zu sehen, das Geheimnis Gottes in jedem Menschen, die Erlösung der Welt in deren Bruchstücken: Das passiert, wo Menschen glauben, wo sie sich und wo sie alles stets im Angesicht Gottes und vor Seinen Augen erfahren. ———

 

Darum hat die Tradition auch die Geschichte aus dem Bordell von Jericho für eine Heilsgeschichte gehalten: Da, wo die Vorboten Israels in purer Zweideutigkeit bei einer ausgenutzten und abgehalfterten Prostituierten abstiegen, weil sie sonst keinen Raum in der Herberge hatten, sah die Tradition auch nur jene Viehhöhle, in der im Mist und unter den dunkeln Gestalten der nomadischen Halbwelt von den Hürden Gott selber das erste Nachtquartier auf Erden fand. Er kehrt bei den Sündern ein. Ernsthaft!

 

Und die Herbergsmutter dort im Rotlichtviertel Jerichos, die sie mit dem scheußlichen Namen für das viel zu oft gespielte Empfangen und Aufnehmen verspotteten, … diese Hure, die sie „die Weite“ nannten, sie kehrt schon beim Propheten Jesaja in einem neuen Licht wieder. Da ruft der Trösterprophet die inzwischen lange verfallene und verödete Stadt Jerusalem auf – sie, in der es so leer und einsam war –: „Mache den Raum deines Zeltes weit“ …, denn sie kommen, kommen alle zu ihr und werden sie erfüllen, bis die weitgewordene Stadt tatsächlich die Verlorenen der Menschheit umfasst (Jes.54,1ff).

 

Es ist also ein Evangelium noch in diesem widerwärtigen Schmähnamen: Sie, die durch ihr entwürdigendes Gewerbe jedermann umfangen und einlassen musste, wird zum Vorzeichen eines tatsächlichen Willkommens in echter, unbegrenzter Liebe.

 

Das aber – diese wirkliche Öffnung und Erweiterung der sonst immer auf Ausschluss und Begrenzung bedachten Verhältnisse unter den Menschen – geschieht unter wahrhaftigen Opfern: Die alte Welt der Rahab, das vorisraelitische, altorientalische Jericho ist ja dem Untergang geweiht. Die Randfigur Rahab, in ihrem Haus an der äußersten Peripherie, an der Stadtmauer, … diese Randfigur, in der allein sich Hoffnung auf Zukunft verkörpert, muss durch einen schrecklichen Umbruch, sie muss durch ein Gericht hindurch, wenn es Zukunft geben soll.

 

– Auch in dieser Hinsicht – dass die Retterin der Vorhut Israels das Ende der Welt, in die sie gehörte wird erfahren müssen – ist  bei Rahab ein echter Vorschein (oder eine Vorfinsternis?) der Ereignisse, von denen das Neue Testament berichtet, zu finden: Wenn das Alte leben will, muss es durch das Sterben hindurch! So eng und einig sind die beiden Bibelteile verbunden.

 

Und das, was retten kann, wenn alles andere vergeht … da haben schon die ältesten christlichen Ausleger keinen Zweifel gekannt, wie symbolisch, wie vielsagend es ist: Aus Rahabs Fenster, aus dem die Kundschafter durch ihren mutigen Einsatz für sie entkommen konnten, hängt ein blutrotes Seil zum Zeichen der künftigen Bewahrung. Dieses scharlachfarbene Band, das anzeigt, dass Rahab, die Fremde, die Kanaanäerin und ihre Sippe verschont werden sollen, ist nichts anderes als das Schutzzeichen, das von Israel aus in die ganze Welt, über alle Völker und Stämme, über Gottsuchende und Heiden, über Gerechte und Sünder zugleich sich ergießt: Es fließt aus Jesu Herz. Es ist das Herzblut dessen, der so weit … so weitherzig ist, dass er für jeden Menschen Platz macht in seinem Innersten, dass er sein eigenes Dasein für alle öffnet und sein Leben in der Hingabe auf Golgatha als Schutz und Schirm für die Welt einsetzt. ———

 

Diese alte, symbolische, allegorische Weise, die Gestalt der grenzenlos solidarischen Prostituierten aus der Zeit vor Israel voller Christusbezüge und Christusbeziehungen zu deuten, ist aber nicht nur eine gesuchte Interpretation, sondern eine biblische Tatsache. Nach dem Zeugnis der jüdischen Ausleger wie des Neuen Testaments ist die heidnische Hure, die unzüchtige Beschützerin der Zukunft eine Stammmutter der größten Söhne Israels. Sie, die Israel moralisch wie ethnisch unversöhnlich fernstand, ist zu einer Garantin von Israels Fortbestand geworden:

 

Für die Rabbinen steht fest, dass sie nach der Eroberung und Zerstörung Jerichos Josua, den Anführer Israels heiratete und dass zu ihren Nachkommen viele Propheten, v.a. aber Jeremia zählen[i].

 

Das Neue Testament indes wagt sich dabei an eine noch erstaunlichere Erinnerung (vgl. Matth.1,5f!): In Rahab, „der Weiten“ bereitet sich tatsächlich das erstaunlichste aller Wunder vor. Ihr Urenkel sollte David heißen … der König Israels. Und dessen entfernter Sohn und Nachfahre – der starb, weil er in den Augen der Weltmacht „der König der Juden“ war – Jesus Christus selber also ist es, in dem das rote Rettungsband der Rahab sich fortsetzte. ——

 

So weit ist das Herz und Wesen Gottes: Er nimmt nicht nur das erwählte Fleisch Israels, sondern auch das Erbe der Heiden an. Gott wird Mensch nicht nur aus heiligem Stamm, sondern genauso aus dem Stoff der Sünder. Er trägt von seiner kanaanäischenVorfahrin her die weite, weite Liebe im Herzen, die zu allen Vorstellungen einer engen, starren, kleinkarierten Ausschließlichkeit in denkbar größtem Gegensatz steht! …

 

Die unabhängige, selbstbewusste, schlagfertige, risikobereite Fremde, die einst für Israel den Anfang seiner Geschichte ermöglichte, ist so auch der Anfang der Geschichte aller Geretteten. Denn in Rahab sind sie tatsächlich schon eins: Die Vorzeichen Christi und die vergehende Wirklichkeit der Sünder.

 

Und so ist die Dirne aus Jericho tatsächliche eine der Mütter Gottes, der in Jesus Mensch wurde! ———

 

Dieser bis heute spürbare Skandal, diese gewaltige Zumutung an unser beschränktes Denken – „Dies: Gut, das: Böse; hie Freund!, da Feind!; wir: Ja, die: Nein!“ – diese unglaubliche Aufweitung unserer Herz- und Hirnverengungen  ist es, was mit der zentralen Botschaft gemeint ist, dass Gott die Sünde auf sich und die Sünder in Jesus an- nimmt. …………

 

……. Dass Rahabs Ur-Ur-Ur-Enkel die Sünder annimmt, bleibt verstörend.

 

Aber es gibt gerade angesichts des alten Hasses, der ewigen Schuld, der Wiederkehr aller längst überwundenen Auswüchse des Bösen in der Menschheit bis heute keinen so radikalen, so nötigen Weg, wie den Weg dieser skandalösen Annahme. ———

 

Karl Barth hat es sofort nach dem Krieg, als die unfasslichen Nazi-Greuel unleugbar aller Welt vor Augen standen, den Schweizern in direkter Konfrontation zugemutet, diesen Skandal, gegen den sich alles in uns sträubt, ganz konkret anzuhören. … Ob wir ihn heute – wenn wir den vermeintlichen Sicherheitsabstand zwischen uns und den Tätern, den Schreibern und Verbreitern und Betreibern des Hasses unserer Gegenwart einmal durch diese Worte durchbrechen lassen – … ob wir den Skandal der Sündersolidarität wohl besser aushielten, als die braven Schweizer, denen Barth 1945 schrieb:

 

„Wie, wenn es plötzlich heißen würde: »Her zu mir,  ihr Unsympathischen, ihr bösen Hitlerbuben und -mädchen, ihr brutalen SS-Soldaten, ihr üblen Gestaposchurken, ihr traurigen Kompromißler und Kollaborationisten, ihr Herdenmenschen alle, die ihr nun so lange geduldig und dumm hinter eurem sogenannten Führer hergelaufen seid! Her zu mir, ihr Schuldigen und Mitschuldigen, denen nun widerfährt und widerfahren muß, was eure Taten wert sind! Her zu mir, ich kenne euch wohl, ich frage aber nicht wer ihr seid und was ihr getan habt, ich sehe nur, daß ihr am Ende sei und wohl oder übel von vorne anfangen müßt, ich will euch erquicken, gerade mit euch will ich jetzt vom Nullpunkt her neu anfangen! Wenn diese, die Schweizer, geschwollen von ihren demokratischen, sozialen und christlichen Ideen, die sie immer hochgehalten haben, an euch nicht interessiert sind, ich bin es; wenn sie es euch nicht sagen wollen, ich sage es euch: Ich bin für euch! Ich bin euer Freund!«“[ii]      

 

Rahab, die Mutter Jesu?!

 

Jesus nimmt die Sünder an?!

 

… Wie weit!!!

 

……. Wie weit!!!

 

Amen.

 



[i] Der Babylonische Talmud ins Deutsche übersetzt von Lazarus Goldschmidt, Bd. IV: Traktat Megillah I, xi (fol.14 b), Nachdr.: Frankfurt/M 1996, S. 60.

[ii] Karl Barth, Die Deutschen und wir (1945), in: Ders., Eine Schweizer Stimme – 1938-1945, Zollikon-Zürich, 1945, S.354f.

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