Michaelis, 29.09.2019, Stadtkirche, Lukas 10, 17 - 23, Jonas Marquardt

 

Predigt Kaiserswerth Michaelis - 29.IX.2019                                                                                                       

 

                   Lukas 10, 17-23

 

Liebe Gemeinde!

 

In meinen Predigten klafft – wenn ich es richtig überlege – eine Leerstelle.

 

Jemand kommt nicht darin vor.

 

Ist abwesend.

 

Das ist nicht – wie mir zunächst durch den Kopf ging – Feigheit.

 

… Nein, ich würde mich durchaus trauen von ihm zu reden, wenn es angebracht wäre. Und auch wenn es nicht zeitgemäß erscheint.

 

Vielleicht aber spreche ich so selten von ihm, weil es zu billig ist. Er hat so unendlich lange den Predigenden als zuverlässigstes Mittel gedient, um Gehör und furchtsamen Gehorsam zu wecken, dass ich auf seinen ehemals garantiert wirkungsvollen Einsatz lieber verzichte. Lieber scheitern, als im Bund mit ihm an’s Ziel kommen. Sollen andere ihn meinetwegen nutzen. Mir kommt das Nutzen des großen Unnützen, des Verdrehers und Zerstörers suspekt vor.

 

Vielleicht taucht er bei mir auch nicht auf, weil ich zu viel Phantasie hätte, um einen, von dem man nur nüchtern reden soll, zu schildern. Es könnte passieren, dass er faszinierte, wenn man sich mit ihm beschäftigt. Das ist schon anderen so gegangen. Er wurde ihr Gesellenstück: Niemanden haben sie so darzustellen, so nachzuahmen, so vorzutäuschen vermocht wie ihn, ihren Meister. Dem sie die eigenen Züge liehen. Geschrieben und gemalt haben sie einen anderen: Erschienen ist aber ihr Selbstporträt.

 

Vielleicht fällt mir darum nichts zu ihm ein. Damit ich nicht zu redselig werde. Oder anfange, Menschen für den Falschen zu interessieren.

 

… Wobei: Selbst das ist nicht der Grund meines Verschweigens. Obwohl das Drittelstündchen in der Woche, das wir hier zusammen versuchen dem Dienst an der Wahrheit zu widmen, tatsächlich zu kostbar für noch so schöne, schreckliche Lügen ist.

 

Allerdings ist meine Zunge auch nicht deshalb so schwer, weil ich den Lügner für unwahr hielte; die lächerliche zeitgenössische Absprache, an so etwas könne man doch längst nicht mehr glauben, ist beinah zu erbärmlich, um sie zu kommentieren: …….  An den, von dem sich nicht zu reden lohnt, hat noch nie ein Christ, der bei Trost war, „geglaubt“.

 

Christen glauben an Gott, weil Glauben Vertrauen heißt und Treue. Nur an Gott. An niemanden sonst.

 

Erst recht nicht an den Niemand, den Verneiner, der kein „Ja“, kein „Amen“ verträgt und alles entkernt, aushängt, wegdünnt, bis jeder Satz und jede Tat und jede Wahrheit nur noch ein Dunst, eine Täuschung, … eine Leerstelle wie er selber ist.

 

Ich spreche vom Verbreiter der Sinnlosigkeit also nicht deshalb so wenig, weil ich nicht an ihn glaube.

 

… Sondern weil in einer der schönsten und geheimnisvollsten Sekunden der Weltgeschichte die Trostlosigkeit und alles Destruktive, das ganze Gift und die perverse Anziehungskraft Satans verpufft sind. Eine Implosion des Vernichters. Ein Zusammenbruch der Negativität. Eine gigantische, endgültige Ent-Ladung, eine Ausladung des Bösen.

 

… Und nach diesem atemlosen Moment auf Messers Schneide, der apokalyptischen Gewalt, der pilzförmigen Wolke, dem elektrisierenden Blitz, der die Eingeweide der Wirklichkeit noch einmal leichenblass auf schwarzem Grund  sichtbar macht, … nach dieser ungeheuerlichen Reaktion des Kosmos, der so oft ja nur wie die Schale um die furchtbare Leerstelle, wie die rissige Hülle um das reine Nichts anmutet … nach dieser  Entkernung der Welt, in der wir so viel Grausames erleben, dass wir manchmal vermuten, das Schreckliche hielte sie zusammen ……. was hören und erleben wir da? …….

 

Den Urknall des Neuen Testamentes, ein Geräusch, in dem unser Glaube sich so einzigartig verdichtet, wie in nichts sonst: Es ist der Klang eines Jauchzausbruchs, eines Überschall-jubels, eines Lach-Lobes, der so beispiellos ist, dass die hochpoetische und hochpsychologische griechische Sprache dafür keinen Begriff hatte; erst die Autoren des Neuen Testaments haben dieses Wort geschaffen, um den unvergleichlichen Laut der grenzenlosen Erlösungsfreude zu beschreiben, die losbricht, wo das Evangelium wahr wird.

 

„Agallíasis“ ist das neutestamentliche Urwort des Rettungsglückes: Jubelpracht, Feierschrei, Heilsjodler!

 

Lukas, der einzige Grieche unter den Evangelisten und Aposteln liebt dieses Fremdwort, das die tragischen und philosophischen und komischen Autoren seiner Muttersprache nicht kannten und er verwendet es mit der Entdeckerfreude eines Überraschten öfter als andere Zeugen Jesu Christi.

 

Und auch für mich ist der Satz des Lukas, den wir eben gehört haben „Zu der Stunde freute sich Jesus im Heiligen Geist und sprach: Ich preise dich Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. Ja, Vater, so hat es dir wohlgefallen“ eine der schönsten Stellen der Bibel, ……. einer meiner Lieblingsaugenblicke mit Jesus: Seine Agallíasis, sein großer Freudenausbruch, in dem die drei – der Sohn, der Heilige Geist und der Vater – eins sind, … das lachende Herz der Trinität.

 

Dass Jesus so lachen kann, dass er so überschäumt vor erleichterter Leichtigkeit und dass wir ihn hier und jetzt sprudelnd singen hören können, ist ein Höhepunkt seiner Zugänglichkeit und unserer Verbundenheit mit ihm. Gelöst und frei zeigt sich uns sein Herz in diesem sogenannten „Heilandsruf“, … vorbehaltlos positiv, wie er es von Maria, seiner unendlich liebens-werten Mutter geerbt hat, die genauso – mit einer Agallíasis – auf seine Empfängnis reagierte, als sie ihr Magnifikat anstimmte, in dem gleich zu Beginn diese charakteristisch neutestamentliche Freudenekstase sich ausspricht: „Mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes“ (Lk2,47) …. übrigens noch ein Satz, in dem alle drei Elemente der Trinität sich finden.

 

Jubel in Gott, weil Gott Jubel ist!

 

Das ist das Neue Testament in einer einzigen, ansteckenden Gefühlsregung: Der  klare Rausch innergöttlicher, welterlösender Lebensfreude. ——

 

Doch wie kommt es, dass wir schon wieder von so uferloser Fröhlichkeit reden?

 

Waren wir denn nicht auf der Suche nach dem, der uns pessimistisch und schuldbewusst, der uns furchtsam und depressiv stimmen würde, wenn wir ihn mehr in unsere Worte und Gedanken einließen?

 

Wo ist denn Satan nur, der im fahlen und fatalen Blitz eben noch kurz und dramatisch durch die Predigt wetterleuchtete? …….

 

Ja, wo ist Satan?

 

… Wer dürfte das sagen?

 

Wer wollte das sagen, wenn doch Himmel und Erde – jedenfalls für die, deren Weisheit und Klugheit sie nicht blind und taub machen – erfüllt sind von Jesu Jubelruf?

 

Wer wollte ernsthaft Satanskunde treiben, wenn Jesus doch so unbekümmert reine Glückseligkeit verbreitet?

 

Wer von uns könnte wohl – und wenn wir noch so viel Sorge und Skepsis, Kritik, ja Panik beim Blick auf die Welt empfinden mögen – … wer von uns könnte zurück hinter den zeitenwendenden Durchbruch, der sich im innergöttlichen Schrei der Erleichterung kundtut?

 

Wenn wir so täten, als habe Jesus nie den Triumph gefeiert, den seine Agallíasis uns mitteilt, dann wäre es so wie da, wo die Welt hinter allen Optimismus, hinter all die Gewissheit der Verbesserung, hinter jene unerschütterliche Zuversicht zurückfällt, die in den Visionen, den Vorwegnahmen und Erwartungen der Besten liegt und kräftig bleibt, auch wo sie sich nicht zur Gänze, auch wenn sie sich nicht rasch erfüllen.

 

Gewiss: Man kann jeden Schwung, jeden Auftrieb, jedes Vertrauen auf ein Ziel zu vernichten versuchen, wenn man es will. Man kann den Frieden hindern, man kann Landschaften statt sie zu pflegen auch verkümmern lassen, man kann die Gerechtigkeit und die Zukunft und den Wandel unterhöhlen und zum Einsturz bringen wollen.

 

Wenn man vom und mit dem Teufel spricht, ist das ein Leichtes. …….

 

Aber man bekommt trotz aller Schwarzseherei und aller tödlichen Entmutigung, man bekommt trotz aller Schwächung der Moral und trotz allen Entzugs der eigenen, einsatzscheuen Kräfte, … man bekommt trotz aller Feigheit und Faulheit, mit der man das Schlechte groß und das Gute klein redet, den Traum – biblisch wissen wir, dass er „Verheißung“ heißt – nicht mehr aus der Welt.

 

Der Traum, dass unsere Landschaften in Ost und West, auf der nördlichen wie auf der südlichen Seite der Erde blühen könnten, den unauslöschlichen Traum, den Martin Luther King von der Versöhnung unter den Rassen hatte, die prophetische Weitsicht, mit der Martin Buber vom einen Land und einen Frieden der zwei Völker sprach … alle diese Vorgriffe auf Zustände, die so noch nicht herrschen, haben doch unvergleichliche Kraft bewiesen, die die herrschenden Zustände wandelt.

 

Um wieviel mehr gilt aber, dass der Augenblick der inneren Verzückung, der Jesu Jubelruf vorausgeht, eine solche unumkehrbar wirkmächtige Vorwegnahme ist, die längst tief greift, ehe sie auch umfassend eingetreten scheint.

 

Vor seinem Ausbruch in helle Freude hat Jesus seelisch ja den entscheidenden Wendepunkt der Welt erlebt und es bezeugt mit Worten, die in ihrer Knappheit wie gemeißelt wirken: „Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz.“  …….

 

– Mehr nicht.

 

Kein Wie und Wo.

 

Kein Wann und Wodurch.

 

Nur das endgültige Zeugnis von Satans Ende.

 

Ob Christus dabei nun Einblick in einen gegenwärtigen Vorgang oder durch die Geschichte hindurch bis an deren Ende nahm, ist nicht von Belang. Jede Ausschmückung, jede erläuternde Verständnishilfe versagt ja doch vor der Größe und Bedeutung des Geschauten.

 

Es ist von der Wucht des „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“.  

 

Und es besiegelt, was jener erste Satz besagt: „Siehe, alles ist sehr gut!“

 

Denn dieser Augenblick, in dem Jesus die vollständige Vernichtung des Bösen schaut, bringt ja die unumstößliche aber auch unergründliche Offenbarung des Guten: Es ist gewiss. Es bleibt. Es trägt schon jetzt und wird für immer tragen.

 

… Denn das Böse ist zukunftslos. Es ist verloren. Alles, was es vermag, alles, worin es sich zeigt und aufspielt, ist nur sein eigenes Verlöschen. Das Böse ist unumkehrbar auf dem Weg ins Nichts.

 

… So muss man – wenn überhaupt – von ihm reden: Vom Bösen geht das Nichts aus, weil das Böse selbst zur Nichtigkeit verdammt ist.   

 

Wenn wir aber erkennen – durch Jesu atemberaubende innerste Vision und seinen welterschütternden Freudenschrei nach außen –, dass das Böse nichts mehr wird, sondern nur in den Sog seines eigenen Untergangs zieht, … wenn wir erkennen, dass Satan und alle seine Ziele im Nie-Mehr enden und dass er darum nur als Herr des Nirgendwo, ja, als die Verkörperung des Niemand begegnen kann, und dass dieser Nichts und Niemand selber der von Gott Verdammte ist: Wie sollte man da noch Interesse an ihm finden? Wo die absolute Leerstelle klafft, der verneinte Verneiner, wo die Negativität sich selbst überlassen ist und dem Schrecklichen tatsächlich keine einzige dauerhafte Möglichkeit mehr bleibt … wen oder was sollte man da noch suchen?

 

Satan ist verloren.

 

Niemand wird ihn einst mehr finden.

 

Sein Wüten ist die Verzweiflung des Sich-Auflösenden. Sein Griff nach uns und unsere unmittelbare Hilflosigkeit sind schauerliche Zuckungen und Stromschläge des Verglühenden.

 

Und auch wenn wir ihn noch wahrnehmen und teuflisches Leiden noch herrscht: Es ist im wahrsten Sinne des Wortes das alles „endlich“, … zuendegehend, … vom Ende gezeichnet und aussichtlos unwahr. ———   

 

Dagegen ist Jubel das neue Wort der neuen Wirklichkeit.

 

Die Wirklichkeit – das lehrt uns der heutige Tag der Engel ja in staunender Dankbarkeit zu bekennen – … die Wirklichkeit das ist die Fülle der guten Mächte. Die Wirklichkeit, das sind die unzählbaren, unsichtbaren Kräfte und Dienste Gottes, die Ihn umgeben und Ihm als Herrn gehorchen und deren grenzenlos Hilfe zugleich unsere Gegenwart durchdringt.

 

So übermächtig sind aber die Wirkungen und Lenkungen dieser Heerscharen des Guten, dass wir tatsächlich das Wesentliche und Eigentliche, das Wahre und Wirkliche verleugnen und missachten, wann immer wir uns bleibend mit anderem aufhalten als dem großen Jubel der himmlischen Heerscharen.

 

Sind sie doch die Zeugen und Garanten der Wahrheit und der Liebe, des Lebens und der Freude! Und an ihrem Dienst und ihrem Lob teilzunehmen, mit ihnen zu leben und zu wirken – weil unsere Namen im Himmel geschrieben sind – das ist unsere Agallíasis!

 

Und darum lobet den HERRN, ihr seine Engel, ihr starken Helden, die ihr seinen Befehl ausrichtet, dass man höre auf die Stimme seines Wortes (Ps.103,20)  

 

Denn selig sind die Augen, die sehen, was ihr seht!

 

Amen.

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