14.n.Trin., 22.09.2019, Jonakirche, 1.Mose 28, 10-19; Jonas Marquardt

 

Predigt Kaiserswerth 14.n.Trin. - 22.IX.2019                                                                                                    

 

              1.Mose 28, 10 – 19

 

Liebe Gemeinde!

 

Freiheit, … das ist Durchlässigkeit. Man muss seinen Ort und Standpunkt wechseln können, man muss anders hinaus als hinein kommen können, man muss lernen und sich wandeln und das Leben verändern dürfen, um frei zu sein.

 

Wo die Zunft- und Standesgrenzen nicht mehr alles einschränken, wo Juden Handwerker und Handwerker Gelehrte werden dürfen, wo der Junge aus der einen Kaste das Mädchen aus der anderen heiraten darf, wo man im Norden ebenso willkommen ist wie im Süden, wo die Grenze grün ist und man auf beiden Seiten leben kann, wo kein Verbot des Neue, Fremde, Andere hindert und wo keine Schranke und kein Graben das Denken von Widerspruch und Gegenteil abriegeln, … da herrscht Freiheit.

 

Das alles sind Gemeinplätze, Plattitüden … und doch gäbe schon die Erörterung, wieviel von solchen Grundfreiheiten wir wirklich kennen und wollen, Stoff für manche kritische Selbstprüfung. Durchlässig soll immer nur sein, was uns einschränken könnte; … den Durchbruch anderer durch die Schranken, die sie festlegen, sehen auch wir „freiheitlich“ uns nennenden Gesellschaften viel weniger als nötig an.

 

Und über ein Grundmaß an derzeit befürworteter Durchlässigkeit von allerhand Barrieren in den Köpfen und Karten unserer Wirklichkeit hinaus verkriechen die meisten Modernen sich vor der wirklichen Freiheit. Es reicht, dass wir ein Denkmal für 1989 planen und Rosa Luxemburg mit der „Freiheit der Andersdenkenden“ zitieren und Hongkong alles Gute und den Geschlechterrollen den baldigen Garaus wünschen: Mehr wollen wir nicht wirklich durchlässig und durchlassen in unseren Weltbildern. Denn eine Grenze zementiert gerade die Einheitsfront der aufgeklärten, der liberalen und sonstigen Freidenker: Was nicht durchgelassen wird, ist die andere Welt, die höhere Wirklichkeit, die Fremdheit und Selbständigkeit Gottes.

 

Für Gott ist unser Horizont geschlossen; die Schranken unseres menschlichen Geistes sind für Zeichen und Worte des Himmels schwer passierbar; die Wissenschaft und ihre Regionen der Wahrscheinlichkeit und mehr noch ihre festen Provinzen des Bewiesenen sind zu Offenheit und Ewigkeit hin abgeriegelt. ……. ———

 

Das ist nicht neu. Die Götterbilder der Menschheit wuchsen fast immer aus ihren Weltbildern, aus ihren natürlichen, geographischen und meteorologischen Bedingungen, aus den erotischen und psychologischen Trieben, aus materiellen und militärischen Wunschträumen eines Zeitalters, einer Kultur. Waldbewohner haben zottelige Götter, Seefahrer sturmgebietende, Händler haben geschmeidig-schmierige Götzen … und Materialisten haben Fetische.

 

Die Götter der Welt kommen von innen und von unten, nicht von Oben oder Außen.

 

Darum weiß auch Jakob, der Dahintreibende nicht mehr, ob er einen Gott hat. …

 

Sein Vater, der blinde Isaak hatte wohl einen – einen erschreckenden Gott, der einen Menschen ganz für sich fordern kann und darum auch einen Menschen ganz retten kann: Beides ist dem Isaak früh geschehen; im Alter aber nannte man ihn im ganzen Land Kanaan „den Gesegneten des HERRN“ (vgl. 1.Mose 26,29).

 

Doch eben vom HERRN, dem unsichtbaren, die Geschichte und das Universum lenkenden und überschreitenden Gott des Bundes mit und der Verheißungen für Abraham … vom HERRN also war zwischen Isaaks Söhnen nicht  mehr die Rede: Die Zwillinge Esau und Jakob konkurrierten mit ihrer jeweiligen Neigung zu Gewalt und Lüge um handfeste, landestypische, innerweltliche, … um säkulare Dinge, Dinge aus Wald und Feld, die mit einem kräftig-deftigen Eintopf und einem Jagdschmaus symbolisiert und übertragen werden konnten. Und das ergaunerte Erbe, das zum Auslöser von Jakobs Rückkehr zu den heidnischen Wurzeln Abrahams werden sollte, … diese beinah magische Segensübertragung des erlöschenden Vaters unterschied sich so gut wie gar nicht von den Sprüchen und Orakeln anderer uralter Naturvölker und Strotzkulturen: „Gott gebe dir vom Tau des Himmels und von der Fettigkeit der Erde und Korn und Wein die Fülle. Völker sollen dir dienen, und Stämme sollen dir zu Füßen fallen. Sei ein Herr über deine Brüder, und deiner Mütter Söhne sollen dir zu Füßen fallen ….“ (1.Mose27,28ff)

 

Einen Gott Jakobs kann man in diesen Formeln, die jeder Ackerbauer und Genussbürger heute noch am Erntedanktag feierlich fände, nicht entdecken. Das können Zeus und Gaia und Wotan und Frau Holle und die Schutzgöttin Britanniens und Boris Johnson auch: Fraß und Glanz versprechen, ist das phantasielos Naheliegendste, das es gibt.

 

Und so ist die Nacht Jakobs, der auf dem Weg zurück nach Haran ist, von wo der HERR Abraham in die Offenheit gerufen hatte, ziemlich genau unsere eigene Nacht: Die Erschöpfung eines ganz auf Lust, Erfolg und Habe fixierten Schlages, der im Wettbewerb um sein Begehren alle Hebel in Bewegung setzt … der dann auch triumphiert - und doch verliert, … der siegt und scheitert in einem Manöver.

 

Ein Erfolgsversprechen hat Jakob, … nur hatte er kein Recht darauf und wo soll er jetzt Frieden finden? Allein des Wohlstands wurde er ja versichert, aber nicht des Bleibens. Betrüger mit gerissenem Gewinn, doch ohne Glück; getrieben von der eigenen Rücksichtslosigkeit, gejagt vom Aufgehen seiner eigenen Pläne.

 

So reibt das Leben auf, bei dem bloße Sachen zu Ursachen werden, deren Folgen Erfolg sein müssen.  In der leeren Flachheit des Irdischen bleibt man unbefriedigt und orientierungslos auf der Strecke zwischen zurückliegenden Projekten und bevorstehenden Ambitionen. ——

 

Doch Jakobs Zug durchs öde Dasein, in dem er seinen Bruder betrogen hatte und von seinem Onkel betrogen werden sollte, wird durchkreuzt, als er am reglosesten ist: Dem schlafenden Menschen, dem wehr- und hilf- und absichtslos in die Horizontale Gestreckten …, dem zeigt sich plötzlich die andere Dimension, … die Vertikale, die Senkrechte! Auf der Erde irrt er, doch da öffnet sich über ihm der Himmel.

 

Und siehe da: Durchlässigkeit! Es gibt sie! Es gibt eine Freiheit, die der Betrüger und bald Betrogene nicht durch seine Schläue und auch nicht durch seine strategische Flucht, nicht durch seine Pläne, ja überhaupt nicht durch sein eigenes Zutun erlangt.

 

Mitten im Nichts ist da die Leiter!

 

In der Dunkelheit der Nacht ist da der offene Weg nicht nur von Kanaan nach Mesopotamien oder sonst von A nach B auf der horizontalen Fläche der Erdkugel, sondern der Weg aus der Tiefe in die Unendlichkeit, der Weg aus dem Ewigen in den staubigen Moment.

 

… Aus dem Nirgendwo – aus dem All; … schwebend aus unfassbarer Ferne – fußend neben dem eignen schweren Haupt; … unerklärlich – unmittelbar …….

 

Dieser Durchbruch Gottes in die müde Nacht des Wanderers, dieser Durchbruch der Gegenwart des Heiligen in der Wildnis, dieser Durchbruch lebendiger Boten- und Kommunikationsströme in die Einsamkeit eines Menschen auf dem Rückzug ist vielleicht das größte Ereignis, von dem das erste Buch der Bibel nach der Schöpfung berichtet.

 

Es ist der Augenblick reiner, unvorhersehbarer, unverfügbarer Offenbarung.

 

Dem Jakob wird weder Speise noch Trank dadurch beschert, er empfängt kein Wunderschwert und keine Schatzkarte, er findet nichts unter dem Stein und nichts verändert sich an seiner Lage: Doch was ihm geschenkt wird, indem er die Engel Gottes erkennt, die ständig Verbindung zwischen Erde und Himmel schaffen und ununterbrochen Irdisches und Überirdisches verknüpfen, … was dem Jakob aufgeht, als er den Zusammenhang der sichtbaren mit der verborgenen Wirklichkeit erkennt, … was Jakob widerfährt, als der HERR Sich ihm in so lebendig vermittelter Direktheit als den Bezugspunkt des auf- und absteigenden Kontaktes von hier und dort zu erkennen gibt – das ist das große radikale Wunder, das wir Christen heute kaum noch ansprechen, kaum noch benennen mögen, obwohl es doch unser Ein und Alles ist: Es ist eben Offenbarung! Offen-Barung … also Eröffnung, Aufschließen dessen, was uns sonst niemals zugänglich wäre, … Durchlässig-Machen des Undurchdringlichen. Offenbarung von Gottes Seite, … Aufschluss durch Ihn, … Einladung in Seine Offenheit!

 

Mit dieser Jakobsleiter steht und fällt für uns alles.

 

Entweder, wir dürfen sie erblicken, … dürfen die angeknüpfte Bindung, die uns da von oben zufällt, ergreifen, … entweder wir dürfen also eine unablässige Vermittlung und Beziehung zwischen Gott und der Welt, zwischen uns Menschen und dem HERRN annehmen und dadurch in einer allgegenwärtigen Gottesnähe leben, im wunderbaren Vertrauen, dass Er Sich aus Seiner Wirklichkeit der unsrigen zuwendet und uns nicht abschneiden lässt von Ihm; ……. oder wir meiden den steilen, „senkrecht von oben“ – wie Karl Barth zu lehren pflegte[i] – dringenden Begriff der Offenbarung und basteln kleine Modelleisenbahnlandschaften der Welt, in der wir künstliche Miniaturbrücken und Pappmaché-Hügel errichten, die dann die hervorragenden Aussichtspunkte und die überraschungslosen Spannungsbögen unserer innerweltlichen Gottesvorstellungen sind.

 

Entweder Gott stellt sich vom Himmel her als der HERR vor – wie Er es in Verheißung und Segen für Jakob getan hat –, oder wir bleiben eingeschränkt auf die Vorstellungen, die wir nun mal haben und machen.

 

Entweder also es ereignet sich der Durchbruch durch die äußerste Begrenzung unseres Gesichtskreises, der darum Offenbarung heißt, weil er Freiheit über alles hinaus eröffnet, was unser Denken und Wissen sonst einengt, oder es bleibt bei der Gefangenschaft des Menschen in den Grenzen, die uns ohne Gottes Einbruch aus der Höhe vom Himmel und seiner Weite ausschließen.

 

Darum ist jener Gedenkstein, den Jakob an dem Ort errichtete, an dem Erde und Überwelt miteinander kommunizieren, ein Meilenstein unserer Befreiung und ein Wegweiser über alles Vertraute hinaus! „Pforte des Himmels“, „Beth-El“: Dass wir solche Punkte kennen dürfen, an denen zwei getrennte Ebenen sich verbinden, an denen aus der einen Wirklichkeit der Zugang zur anderen führt, … dass wir von solchen Punkten wissen dürfen, ist Geschenk und Gabe, Freude und Hoffnung für eine immer weniger von oben beleuchtete und belüftete Welt und für uns immer enger in eine gemeinsame Schicksalshaftung geschweißte Menschheit.

 

Wenn wir Christen nicht laut und fröhlich im stickigen Gedränge der Erde zu Zeugen der Himmelsfreiheit werden, die sich durch die Offenbarung Gottes auftut, dann betrügen wir die Öffentlichkeit, indem wir ihr die eigentliche Öffnung des Lebens vorenthalten.

 

Wir sollten – weil wir es dürfen! – von der Leiter sprechen, von der göttlichen Herablassung in der Offenbarung und dem Aufstieg in Glauben und Liebe, der uns über alle Hoffnungslosigkeit so hoch hinausführt.

 

Wir sollten von den Boten Gottes sprechen und singen, die unter uns gegenwärtig sind und uns verbinden mit der Quelle und dem Ziel alles dessen, was wir sehen und dessen, was uns noch nicht zugänglich ist.

 

Wir dürfen wie Jakob von Gottes Nähe zur Nacht wissen.

 

Wir dürfen wie Jakob die Durchlässigkeit unserer Angst, unserer Schuld, unserer Verlorenheit spüren …, weil keine dieser Lasten, keiner dieser belastenden Sargdeckel unseres Daseins den Weg, den Gott Sich bahnt und die Bahn, die Er uns bricht, aufhalten kann.

 

Gott durchstößt sie. Seine himmlischen Heerscharen lassen sich nicht hindern, sondern tragen hinauf – uns, die wir so untragbar sind! – und bringen herab was Er, Der so hoch ist, unter uns bringt und über uns breitet.

 

So dürfen wir in der alten schon die neue Welt eintreten und auftreffen sehen: Bethel-Punkte … Niederlassungen Gottes, Ankünfte und Einzüge, Heimsuchungen und Einwohnungen des Himmlischen in der irdischen Geschichte.

 

Beth-El: Gottes Hiersein auf Erden! – In der Verschonung Noahs und der Verheißung für Abraham; in der Erwählung der Jakobskinder - des Volkes Israel - und in dem Bund, der durch Moses für immer ein heiliges Gesetz gegen alle Anarchie der Menschen aufrichtete; in der Vielzahl der treuen und tapferen Gottesboten, der menschlichen Engel, die wir als Propheten und Zeugen des Lebendigen in allen biblischen Zeitaltern und allen Jahrhunderten Israels und der Kirche erlebt haben; einzigartig dann in der Pforte des Himmels und dem Haus Gottes, die wir in Maria finden, in der Gott tatsächlich die Offenbarung bis an den Fuß der Jakobsleiter gebracht und in den Schoß einer menschlichen Mutter gebettet hat – … und da dann, in Ihm, in Jesus, …. da ist der vollkommene Durchbruch unserer Freiheit, da ist die allernächste Wirklichkeit, die wir kennen, lieben und brauchen – da ist dieser Mensch in unserer Nacht und unserem Leid, in unserem Durst und unserem Tod – zum Beth-El geworden, wie der Stein von Lus, den Jakob begoss, den er am Morgen salbte: … Christus!

 

Gott hat sich in Ihm tatsächlich für immer geoffenbart – dessen sind wir Zeugen!

 

Er hat in der Dunkelheit, die wir so fassbar erfahren, Öffnung geschaffen, … einen Weg.

 

Und darum – weil Er Sich der Welt verbunden, sie mit Seinen Engeln und Mächten und Gewalten durchdrungen hat und alles, was lebt, zur Freiheit Seiner Kinder führen wird – darum ist zu allen Zeiten und also heute zu beten:

 

„Lobe den HERRN, meine Seele und vergiss nicht, was Er dir Gutes getan hat!“ (Ps.103,2)

 

Wir sind auf der Leiter zu Ihm.

 

Immer näher.

 

Unumstößlich.

 

Amen.

 



[i] Die berühmte Formulierung begegnet früh bei Barth u.a. im sog. „Tambacher“ Vortrag von 1919: „Der Christ in der Gesellschaft“, in: Karl Barth, Das Wort Gottes und die Theologie – Gesammelte Vorträge, München 1924, hier: S. 40

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