12.Sonntag nach Trinitatis, 08.09.2019, Stadtkirche, Apostelgeschichte 3, 1 - 10, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 8.IX.2019 - 12.n.Trin.                                                                                                         

                Apostelgeschichte 3, 1-10

Liebe Gemeinde!

Erhalten, worum man nicht gebeten hatte.

… Was zunächst klingt wie der Brexit, ist in Wirklichkeit nur das Leben.

Wie oft geht es Menschen so, dass sie sich etwas sehnlichst wünschen, … sich das Haben immer schöner ausmalen und schließlich so in den Drang nach Besitz und Genuss des Objekts ihrer Begierde steigern, dass der Heißhunger nicht mehr zu beherrschen ist. Und dann – im Empfangen und Zupacken –  ist man sehr schnell, beinah schlagartig doch nur des Fischers Frau: … Hat, was man wollte, … aber das war es nicht…. Es fühlt sich anders an, nun, da man es nicht mehr mit Verlangen erwartet, sondern in Gebrauch hat, aus der Nähe sieht, spannungslos darüber verfügt. … Man hat bekommen, aber nicht das Gewünschte. Oder ärger noch: Die Medizin, die endlich zu haben war, hilft nicht gegen das Fieber, …der Wunsch ist erfüllt, aber das Wünschen lässt nicht nach. … Es stolpert weiter, klammert sich andernorts an, träumt von Neuem. …….

Diese Erfahrung ist aber – so nüchtern sie macht – eben darum nicht nur schlecht.

Wenn in der Wunscherfüllung tatsächlich etwas Vollkommenes läge, dann wären nicht nur junge Menschen gefährdet, denen das Leben Träume früh verwirklicht. Wir wissen und wir sorgen uns ja, dass es – bei aller Kinder- und Familienarmut in unserem Land – viel zu viele Jugendliche gibt, die niemals warten und keine abgeschlagenen Bitten erleben müssen.

… Wie stumpf, wie traurig das aber ist: Wenn mir alles zufällt und jede Hoffnung in Erfüllung geht. Nie gibt es dann Anlass, über ein Bedürfnis hinauszuwachsen, nie gibt es Gelegenheit, eigene Wege und Mittel zu finden. Am Ende bleibt denen, deren Wünsche alle wahr werden, nur noch die Verschmelzung mit den Dingen, die sie so zu brauchen meinen und begehren. … Und schon man geht auf in dem, was da regelmäßig, immer neu, aber auch immer einfach unseren Appetit, unsere Abhängigkeit bedient.

Menschen werden stillgestellt durch Stillung ihrer Wünsche.

Wer da also noch erhält, was er sich nicht wünschte, oder wer wünscht, ohne zu bekommen, der ist vielleicht nicht glücklich, aber doch auf dem Weg der Weisheit und der Wahrheit und nicht am Punkt der Lähmung durch die vollgestopfte Erwartungslosigkeit. ——

Solche Gelähmten allerdings, die wissen, wo und wie ihre Wünsche sich regelmäßig befriedigen lassen, gibt es viele. Viele haben ein geregeltes Verdienst und einen fest abgesteckten Standpunkt im Leben und können mehr als beruhigt zu Bett und am Morgen wieder an die nächste Runde gehen: Es kommt alles, wie erwartet und nach nichts muss man sich sehnen, denn es ist gesorgt. …

Ein solcher Bruder im Geist und im Fleisch der in dieser Welt befriedigend Versorgten sitzt an der Schönen Pforte des Tempels. Das ist seine Sicherheit, seine Bank. Er hat dabei einen guten Posten.

… Bis heute knien die meisten, die auf diesem Weg durch’s Leben kommen, nicht an den Flügeltüren der Grand-hotels oder an den Eingängen der Gourmet-Tempel, sondern am Hauptportal der Kathedralen und auf den Stufen der schönsten Kirchen.

Denn was immer die Besucher an solche Stätten treibt – ob sie ihrerseits Wünsche, Bitten, Hoffnungen, … vielleicht nur Neugier oder sogar bloß Gewohnheit spüren – … eine ausgestreckte Hand vor dem Haus Gottes ist ein wirkungsvoller Hebel: Drinnen will der Eintretende ja auch irgendetwas empfangen, also bestätigt er draußen den Mechanismus, der auf Wünschen das Bekommen folgen lässt. 

Doch nun ist die große Überraschung des Christentums – der Grund dafür, dass Dietrich Bonhoeffer und Karl Barth jeweils meinten, es unterscheide sich grundsätzlich von allem, was man sonst „Religion“ nennt –, dass der christliche Glaube mit dem „Gib, um zu empfangen“-Gesetz, mit dem Mechanismus „Sei gut, damit’s noch besser für dich wird“ bricht.

Dass Gott unsere Wünsche erfüllen könnte und dass nur das ein Schlüssel oder Hebel für unseren Glauben, unsere Moral, unser Herz, unsere Haltung sein könnte …, darüber lacht das Neue Testament herzlich und unerschrocken.

Gott ist unbestechlich!

Seine Pädagogik – wie Er seine Kinder führt – ist nicht darauf angewiesen, dass man Ihn erst beeindruckt oder befriedigt, um dann selbst an die Reihe zu kommen mit Vergünstigung und Lohn.

Gott gibt aus Liebe.

Und wer Ihn liebt, gibt.

… Kein Müssen! Keine Berechnung!

Gnade, und von der Gnade geformte Freiheit.

So sieht Religion sonst nicht aus: Die festgelegten Strategien zur Besänftigung einer Gottheit und die einleuchtenden Gesetze, die die Kosten und den zu erwartenden Gewinn zwischen Moral und Segen vermakeln.

Dagegen ist das Evangelium, die Botschaft vom grundlos begründeten Heil der Welt eine einzige Blüte des Unerklärlichen und eine Frucht ohne die Mühsal des Ackerns, Verzichtens und Schuftens. … Und für alle, die Aufwand gegen Ertrag zu stellen vermögen, ist das, was Jesus Christus in die Welt gebracht hat und verteilt bis an deren Ende, eine einzige Verdatterung und Unheimlichkeit: Bedingungslose Hilfe, die bedingungslose Hilfe weckt, wie der Ruf sein Echo. ……

Sonderbare Größe und Güte!

… Unberechenbar und unverdient. … Nicht wie Gold und Geld. … Andere Maßstäbe als Silber und Kupfer. … Nichts, das wie ein Vermögen erworben oder mit dem Geiz der Kleingeldgeber verteilt werden könnte. ———

„– Lahmer, auf Deinem gewohnten Posten, der Du Geld erwartest, weil Geld Dir genügt: Streck’ die Hand nicht aus, wenn die beiden Apostel der unermesslichen Liebe und ihrer maßlosen Folgen die Stufen heraufkommen, um im Tempel des verschwenderischen Gottes Israels anzubeten, Der Heil ausschüttet, das keinem gehört und jeder haben soll.

 – Lahmer, der Du weißt, dass Almosenbetteln – also das Wünschen des Wahrscheinlichen – Dich von Mutterleibe an ernährt. Sei still, wenn die Fischer kommen, die die Menschen aus dem trüben Schlamm ihrer müden Sicherheit in die Wunderwelt Gottes verwickeln, wo alles neu und frei ist.

– Lahmer, duck Dich so rasch Du kannst, … oder ist Dir das tägliche, jahrtausendealte Geschäft, das bis jetzt auch Deines war, nicht mehr lieb? Geld und Gewissen lassen sich so doch gut verknüpfen, wenn die Dich tragen und unterstützen an Dir im Gewissen gewinnen und Du an ihnen im Geldbeutel. Aber die Jünger des reinen Vergebens da, die verderben das Verdienen am Verdienstlichen. Wer ihnen begegnet, kann an allem Weltlichen Schaden nehmen, aber seine Seele gewinnen …….

– Willst Du das, Lahmer? Willst du das, Mensch im Geschäft Deines Alltags? Willst Du das, Mensch in der Erfüllungsmaschine Deiner kleinen, fabrikneuen, computergesteuerten, paketbotenhetzenden Wünsche?“ ——

Die beiden galiläischen Beter, die da zum Nachmittagsgebet eilen, zerstören jedenfalls die Mechanik der alten Welt, in der jeder von uns sich eingerichtet hat und das Leben so bequem wie möglich aussitzt.

Man sieht’s ihnen vermutlich nicht an – diesen ganz gewöhnlichen, einfachen Frommen. …

Aber sie kommen nicht zufällig zu dieser Stunde. Es ist jene neunte Stunde, die vor wenigen Monaten ihr Leben zerstört hatte: Da hatte man parallel zur Schlachtung des Nachmittagsopfers am Tempel draußen auf dem Müllberg ihre Hoffnung, ihre Vorfreude, ihre ganze angesammelte Hochstimmung der erfüllten Messiaserwartung ebenfalls geschlachtet. … Genau um diese Stunde im Frühjahr hatte man sie um alles gebracht, was sie je für möglich, dann für denkbar, schließlich für direkt greifbar gehalten hatten.

Da war ihnen das Herz und mit ihm sein Wünschen zerbrochen als sie diese Gottverlassenheit erlebten: Der eine von ihnen unter einem Galgen, der andere in einem stickigen Versteck, verkrochen vor der eigenen Reue. … Betrogen, entblößt, beschämt und besiegt hatte die neunte Stunde auf Golgatha sie beide zurückgelassen, … Petrus und Johannes!

… Doch seitdem …! In den Frühjahrs- und Sommermonaten dieses unglaublichen Jahres, das nun auf den Herbst zugeht, da war mehr geschehen, als sie sich in ihren kühnsten Träumen ausgemalt hatten: Zwar war keiner ihrer Ansprüche in Erfüllung gegangen. Sie waren nicht zu Prinzen des heiligen Volkes, nicht zu Richtern des Erdkreises, zu Trägern letzter Macht, zu Thronräten der Herrlichkeit erhoben worden.

Aber mehr, weit mehr, … unendlich mehr war geschehen: ER war auferstanden von den Toten. ER hatte den Tod und mit ihm alles Scheitern, Leiden, Verderben und Verlorengehen besiegt. ER hatte nicht eine, … nicht ihre, … nein, ER hatte die Hoffnung schlechthin, die größere Hoffnung, die Hoffnung jenseits aller Hoffnung erfüllt: Das Letzte, auf das alles zuläuft und mit dem alles zerstört wird, hatte ER zerstört. ER hat unendlichen Anfang, unendliche Zukunft, unendliche Freiheit, unendliche Freude, unendliche Liebe gebracht und es ihnen – den Menschen, die immer noch einfach, immer noch sterblich, immer noch Staunende waren - … ER hatte es ihnen, den Aposteln geschenkt und dazu Seinen Geist, durch den sie es weitergeben und ausbreiten und jedem Menschen nahebringen konnten, dass der Tod Jesu Christi Leben für alle bedeutet.

Und als sie zur Sterbestunde Jesu zum Opfer und Gebet in den Tempel gehen, da reißen sie eben mit dem Namen Jesu Christi einen Menschen, der gar nicht auf Rettung oder Heil gehofft hatte, aus seinem angestammten Dasein, aus den Bedingungen und Gewohnheiten, den Fesseln und der Regelmäßigkeit seiner Gegenwart.

Er empfängt, was er nicht erbeten hatte! … Das Alte vergeht und es ersteht ein neuer Mensch, … einer, der zum ersten Mal an diesem beliebigen Tag nicht vor der Tür, sondern in Gottes Nähe beten kann … beten auch jenes Gebet, das auf Hebräisch „Amidah“, also das „Gebet im Aufrechtstehen“ heißt.

Und nicht nur, dass er sich aufrichtet, nicht nur dass er steht  und betet, … nein er hüpft und tanzt, er zappelt und jubelt, dass es um ihn her nur so vor österlichen Funken sprüht und Gotteslob- und Auferstehungskonfetti regnet. ——

Aber jetzt sind wir dran!

Mit der Frage, ob wir das nicht nur als eine erbauliche Geschichte verstehen wollen, womöglich gar als alte Legende von einer Heilung, an die wir nur noch selten glauben zu können meinen, sondern ob wir die Botschaft und Wirkung des Christentums darin erkennen …, des Christentums, das auch uns nicht gibt, was wir gern hätten, das auch uns nicht bedient mit unsern Wunschvorstellungen, das auch uns nicht einfach versorgt mit dem, was wir von einer Religion erwarten?!

Das wirkliche Christentum löst nicht alle unsere ärgerlichen Probleme; es vertreibt nicht jede Sorge, es entlastet uns nicht von unserer vielfältigen Verantwortung, es ordnet unsere komplizierte Welt nicht in ein einfaches Schwarz-Weiß-Schema.

Der lebendige Gott, Dem wir in Jesus Christus begegnen, ist keine Bestellannahme für alle, die sich den Alltag erleichtert oder das Denken abgenommen wissen wollen.

Die Gnade Gottes liegt nicht in unserer Verfügung, und was wir begehren, können wir auf dem Weg über’s Gebet noch lange nicht nach unseren Launen beeinflussen.

Wer es so mechanisch, so überraschungsfrei braucht, ist bei Gott und Seinen Boten an der falschen Adresse und sollte sich einen festen Bürostuhl, eine von hohen Zäunen verteidigte Privatwelt oder eine unverrückbar zementierte Weltanschauung zulegen, damit er hat und halten kann, was ihm seines Erachtens zusteht und nur erfährt, nur empfängt, was er will.

Wer sich aber Gott aussetzt, wer den Heiligen Geist nicht abwehrt, wer dem Evangelium von Jesus Christus nicht ausweicht, der wird das Unerwartete und Unvorhergesehene erleben, der wird Wunder schauen:

Statt einer engen Moral wird Jesus Christus ihm womöglich ein weites Herz und ganz viel Güte schenken.

Statt Gesundheit findet ein anderer plötzlich zu Geduld und zum Verständnis für die Schwachen.

Statt einem selbstzufriedenen Gewissen entdeckt ein Jünger Jesu durch den Glauben plötzlich das Zerstörerische an seiner eigenen Sünde und das unfassbar Schöpferische der Liebe Gottes.

Statt satter Sicherheit gewinnt ein Gläubiger den seligen Hunger nach Gerechtigkeit und dem Reich Gottes.

Statt beruhigende Schläfrigkeit zu verbreiten, lodert ein Bibelwort plötzlich als Kraft und Licht in der Dunkelheit und erweckt den Hörer.

Statt Seelenfriedens beschert das Evangelium dem Christen die heilige Unrast der Menschenfreundlichkeit Gottes, der will, dass allen geholfen werde (vgl.1.Tim.2,4) .

Statt eigener Wünsche setzt das Wort vom Kreuz die Fürbitte für andere, ein Leben im Dienst, und stellvertretende Hoffnung für die ganze Erde frei.

Was immer wir wollten, was immer uns wichtig war: Wenn Jesus Christus uns berührt und beruft, wenn er uns heilt und in uns leiblich, seelisch, geistlich herrscht, dann geraten die Meinungen und Maßstäbe durcheinander und verschieben sich die Ziele.

Aber eines haben alle diese Zeichen und Wunder gemeinsam, die die Offenbarung des auferstandenen Heilands an den Menschen wirkt: Sie sind herrlich, …. sie sind frisch, … sie befreien und  beflügeln und beglücken. Sie bringen eine neue Wirklichkeit im alten Dasein zum Glühen, … sie wecken einen Jubel, der den Alltag und das Leid überstrahlt, … sie verwandeln stumpfe Gewohnheitstiere in heilige Seelen, … sie überraschen die Welt und uns selber durch das Geschenk der mächtigen, gnädigen, ewigen Liebe, die uns allen offensteht.

Und darum: „Lahmer, streck die Hände hin und nimm entgegen, was Dir angeboten wird!“

Gold und Silber sind es nicht:

Es ist Jesus Christus – das Leben!

Amen. 

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