11.S.n.Tr., 01.09.2019, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann

Thema: „Erinnern und tun, was dem Frieden dient"

 

Liebe Gemeinde,

der Krieg begann mit einer Lüge. „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen", erklärte Adolf Hitler am Morgen des 1.Septembers im Reichstag in seiner vom Rundfunkt übertragenen Ansprache unter dem Jubel seiner Anhänger, als wären es polnische Soldaten gewesen, die zuerst geschossen hätten und den Sender Gleiwitz überfielen. Dabei hatte in der Nacht zuvor eine Gruppe SS-Männer die Szenerie an der deutschen Zollstation und dem Rundfunksender arrangiert. Sie hatten Häftlinge aus dem KZ Sachsenhausen geholt, sie erschossen und in polnische Uniformen gesteckt und vor Ort liegengelassen. Die Polen hatten Deutschland bis dahin eben keinen Anlass für einen Krieg gegeben. Doch da das Deutsche Reich wirtschaftlich vor dem Bankrott stand und bereits die Septembergehälter der in den Behörden arbeitenden Angestellten und Beamten nicht mehr hätte bezahlen können, musste ein Kriegsanlass herbeigelogen werden. Fake news gibt es nicht erst seit Donald Trump. Der Überfall auf Polen erfolgte ohne Kriegserklärung. Um 5.45 Uhr schlugen die ersten Granaten des Schlachtschiffs „Schleswig-Holstein" auf der Westerplatte in Danzig ein. Zeitgleich fiel die Wehrmacht an verschiedenen Fronten in Polen ein.

Dass es Krieg geben würde, das lag schon länger in der Luft.

Eigentlich hätte es jeder wissen können, denn bereits auf der ersten Seite seines Buches „Mein Kampf" hatte Hitler dargelegt, dass sein politisches Programm auf Aggression setzte. Es war Hitler nach der Machtergreifung 1933 gelungen, dass der überwiegende Teil der Deutschen ihm Gefolgschaft leistete. Die Aufrüstungspolitik, zu der auch der Bau der Autobahnen gehörte, stoppte die galoppierende Arbeitslosigkeit, ein bescheidener Wohlstand wurde möglich. Die Rassen-Ideologie der Nazis streichelte das Nationalgefühl der Deutschen, die sich nicht erst seit 1933 für etwas Besseres als die anderen Völker Europas hielten. So konnte auch der in weiten Bevölkerungskreisen verbreitete Antisemitismus mit Macht aufblühen. Es war leicht, sich an geplündertem jüdischen Vermögen, enteigneten Wohnungen und arisierten Geschäften zu bereichern. Der Rechtsstaat wurde hinweggefegt. Recht war, was der neuen Ordnung diente.

Das brutale Vorgehen der Nazis machte natürlich auch Angst und hinderte so manchen daran, seinen Mund aufzumachen und Unrecht Unrecht zu nennen. Der Verlust an Freiheit schien aber den meisten ein akzeptabler Preis für die neue Blüte Deutschlands zu sein. Mit Inbrunst wurde gesungen „Deutschland, Deutschland über alles" - und dafür wurde Krieg geführt.

Er sollte 6 Jahre dauern, kostete fast 60 Millionen Menschen das Leben und endete in der Niederlage Deutschlands. Es sollte aber noch einmal 40 Jahre dauern, bis ein Bundespräsident in der Feierstunde zum 8.Mai im Bundestag sagte bzw. zu sagen wagte, dass die militärische Niederlage auch eine Befreiung der Deutschen „von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft" war. Ich möchte nicht wissen, wie eine entsprechende Rede eines Herrn Gauland, eines Björn Höcke oder einer Alice Weidel heute ausfallen würde - ein echter Lackmustest in Sachen Krieg und Frieden, Freiheit oder Diktatur.

Ab 13 Uhr laden heute der Düsseldorfer Appell und die Landeshauptstadt Düsseldorf zu einem Fest für Frieden, Freiheit und Demokratie ein. Der 1.September ist mittlerweile zum Weltfriedenstag ernannt. Seine Nachhaltigkeit hängt aber daran, ob wir bereit sind, uns auch zu erinnern an das, was da gewesen ist und vor 80 Jahren einen schrecklichen Höhepunkt erfahren hat; zu erinnern - nicht zurückzuschauen wie Lots Frau auf das brennende Sodom, um zu erstarren, sondern um nachzudenken, um die richtigen Konsequenzen für heute und morgen zu ziehen, um mutige und entschlossene Schritte zu gehen.

Zeitzeugen sind dabei besonders wichtig, Menschen, die selbst erlebt haben, wie schrecklich Krieg ist. Davon gibt es immer weniger - 80 Jahre nach Kriegsbeginn.

Ich war froh, dass noch einige solcher Zeitzeugen in unserer Gemeinde leben und hatte sie eingeladen, an dieser Stelle  kurz zu berichten, wie sie diese Tage um den 1.September 1939 erlebt haben - in ihren Familien, in ihrer Nachbarschaft.

Doch leider mussten sie kurzfristig aus gravierenden gesundheitlichen Gründen absagen. Ob es zu einem anderen Zeitpunkt noch einmal möglich ist, dass sie von ihren Erlebnissen und Erinnerungen berichten, wird sich zeigen. An dieser Stelle wünsche ich den Betreffenden gesundheitlich alles Gute.

 

Lesung Jak.3,13-18 (Übersetzung von Jörg Zink)


„Wer ist weise und klug unter euch? Der zeige es durch die Tat! Er zeige die Wirkung eines guten und erfreulichen Verhaltens, er zeige die Gelassenheit, die die Weisheit an sich hat. Habt ihr aber bitteren Neid und Streit in eurem Herzen, dann behauptet nicht, ihr wäret weise! Ihr müsstet lügen und die Wirklichkeit fälschen. Denn damit verfügt ihr nicht über die Weisheit, die von oben kommt, sondern vielleicht über irdische Wendigkeit, menschliche Gewandtheit oder gar teuflisches Geschick. Wo man nämlich neidet und streitet, da herrschen die Unordnung und jede Art von Schlechtigkeit. Die Weisheit dagegen, die von oben kommt, ist zum ersten rein und klar, sie ist ferner auf Frieden bedacht, sie ist fähig, nachzugeben und sich einem fremden Willen zu fügen. Sie ist voll Erbarmen und reich an guten Wirkungen. Sie ist frei von Gespaltenheit und Zweifel und kennt keine Verstellung. Die Frucht der Gerechtigkeit wird in Frieden für die gesät, die Frieden schaffen."

 

Da hat Jakobus Jesus genau verstanden, der in der Bergpredigt sagt: nur ein guter Baum kann gute Früchte bringen. Nur ein friedfertiger Mensch kann Frieden schaffen. Aber was macht einen friedfertigen Menschen aus?

Wer ist weise und klug?

Jakobus hält fest: ein solcher Mensch zeigt ein gutes und erfreuliches Verhalten; er ist in dem, was er sagt, rein und klar, nicht zweideutig und verklausuliert; er ist kompromissbereit und um Ausgleich bemüht; er hat ein Gespür dafür, was machbar und möglich ist; er ist voller Verständnis - er bemüht sich, zu verstehen, was in dem anderen vorgeht, seine Sicht auf die Dinge nachzuvollziehen. Es geht ihm wirklich um Frieden, nicht um die Durchsetzung der eigenen Interessen.

Ein friedfertiger Mensch besteht niemals auf seinem Standpunkt, sondern er ist bereit, sich zu bewegen, sich auf einen oft anstrengenden und langwierigen Weg zu machen - auf den anderen zu und mit ihm weiter.

Jakobus ist erstaunlich realistisch. Er weiß darum, dass Frieden Arbeit bedeutet, zuerst Arbeit an sich selbst und dann Arbeit mit dem Gegenüber, ein Ringen und Streiten, aber kein Ringkampf und kein Aufeinandereinschlagen, sondern Reden und Hören, ja Hinhören - und dabei ehrlich sein - rein und klar.

Ich glaube, daran mangelt es heute vor allen Dingen, daran hat es immer schon gemangelt in den letzten 74 Jahren. Man hat die Arbeit gescheut, die es gebraucht hätte, um auf den Trümmern des 2.Weltkrieges wirklich Frieden zu schaffen. Fast jeder Mann und jede Frau in Deutschland haben sich vor der Auf-Arbeitung der Zeit der Nazidiktatur gedrückt, hätten sie sich dann doch auch mit eigenem Weggucken, mit eigenem Mitmachen, mit eigenem Schuldigwerden befassen müssen. Lieber wurde in die Hände gespuckt, die Trümmer weggeräumt und der Wohlstand aufgebaut. Doch in das schicke neue Haus, das da aufgebaut wurde, die westdeutsche Bundesrepublik, da sind unübersehbar die alten Dämonen wieder mit eingezogen: Antisemitismus, Rassismus, Nationalismus. Das Grundgesetz als bloßer Grundstein der Demokratie ist da kein ausreichender Schutz. Demokratie und Freiheit sind lebenslange Arbeitsprogramme. Die Arbeit, die die Kriegsgeneration nicht leisten wollte, die Teile der Kriegskinder und Nachkriegskinder in den 1968er Jahren angestoßen, aber nicht wirklich in die Breite der Gesellschaft hineinbekommen haben, müssen jetzt die Nachkriegsenkel leisten - nach innen und nach außen. Es ist die Auseinandersetzung mit der AfD und all denen, die mit ihr gemeinsam unterwegs sind. Hier ist Klarheit nötig, die nur gewonnen werden kann, wenn man sich mit den Verstrickungen in der eigenen Familie ehrlich auseinandergesetzt hat.

Liebe Gemeinde, das, was nach innen zu leisten ist, das gilt auch für die anstehenden Verhandlungen zwischen den Nationen. Auch dort ist Erinnerungsarbeit angesagt; auch dort geht es darum, zu hören, sich gegenseitig zu erzählen, wie man den anderen jeweils wahrnimmt; welchen Blick man auf die Vergangenheit hat, welche Hoffnungen und Befürchtungen man für die Zukunft hegt - in Europa, zwischen einzelnen Völkern, weltweit. Die Vergangenheit ist nie einfach vergangen. Gerade das, was in der Vergangenheit mit Schuld und Scham besetzt ist, kann fatale Folgen haben, wenn es nicht ver-arbeitet ist, angesehen und ab-gearbeitet im Sinn und Geiste Jesu: im gegenseitigen Bekennen mit der Bitte um Vergebung und mit der gewährten Vergebung. Viel ist da noch zu tun, nicht nur gegenüber den Nationen Osteuropas, sondern gerade auch im Umgang mit den Nationen Afrikas und des Vorderen Orients, die alle noch bis heute an den Folgen der Kolonisierung durch die Europäischen Mächte leiden. Es braucht da wirklich, wie Jakobus schreibt, die Weisheit von oben, um einen Weg in eine gute, friedvolle Zukunft der Menschheitsfamilie finden zu können.

Und machen wir uns nichts vor: es gibt sehr viele, gerade auch reiche, mächtige und einflussreiche Menschen, die an diesem Weg kein Interesse haben, einfach weil sie von der herrschenden Ungerechtigkeit, von Krieg und Elend profitieren.

Der Weg des Friedens ist ein steiniger und unbequemer Weg, ein Weg voller Auseinandersetzungen.

Hören wir einmal, was uns der Epheserbrief für diesen Weg zu bedenken aufgibt; Kapitel 6, die Verse 10-18b.

„Zu guter Letzt: Werdet stark durch die Kraft und Macht des Herrn. Zieht an die Waffenrüstung Gottes, um den listigen Anschlägen des Teufels zu widerstehen! Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen Mächte und Gewalten, gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die bösen Geister in den himmlischen Bereichen. Darum legt die Waffenrüstung Gottes an, damit ihr am Tag des Unheils widerstehen und standhalten könnt! Steht also da, eure Hüften umgürtet mit Wahrheit, angetan mit dem Brustpanzer der Gerechtigkeit, die Füße beschuht mit der Bereitschaft für das Evangelium des Friedens. Vor allem greift zum Schild des Glaubens! Mit ihm könnt ihr alle feurigen Geschosse des Bösen auslöschen. Und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes. Hört nicht auf zu beten und zu flehen! Betet jederzeit im Geist; seid wachsam und harrt aus."

 

Liebe Gemeinde, das Weltbild, das dem Epheserbrief zugrunde liegt, ist nicht meines und ich denke, es ist auch nicht ihres.  Hinter all dem Bösen auf der Welt steckt für mich nicht der Teufel im metaphysischen Sinn, kein personifizierter Gegenspieler Gottes. Nein, das Böse ist durch und durch eine menschliche Möglichkeit. Was das Böse so „teuflisch" macht, das ist die Fähigkeit des Menschen, es zu maskieren. Es wäre zu schön, wenn es nur brutal daherkommt, mit der Fratze des Schlächters, des Massenmörders. Nein, es wird verkleidet. Ich möchte Ihnen aus meiner Kindheit und Jugendzeit ein solch ganz harmlos daherkommendes Beispiel benennen, einen Satz, den ich nicht nur von meinen Eltern gehört habe: „Wir bringen unser Geld zur Bank; dort lassen wir es für uns arbeiten."

Wie das? Wer hat schon einmal Geld arbeiten sehen? Nein, arbeiten, das tun Menschen; und am Ende der Wertschöpfungskette sind das meistens Menschen, die miserabel bezahlt werden und die damit die Zinserträge, die Aktiengewinne erwirtschaften. Das ist die unangenehme Wahrheit der globalen Wirtschaft, wie sie von uns Menschen eingerichtet ist. Es ist die menschliche Gier nach Geld und Macht, die mittlerweile das Überleben der Menschheit auf dieser Erde bedroht. Eine wahrhaft teuflische und gefährliche Angelegenheit. Gegen diese Bedrohung kommt man nicht mit herkömmlichen Waffen an, sondern tatsächlich nur mit geistlich-geistigen „Waffen".

Mit Wahrheit - gegen die Lügen und fake news.

Mit Gerechtigkeit - vor allen Dingen gegen die ganzen strukturellen Ungerechtigkeiten, aus denen sich die vielen Armen weltweit nicht befreien können.

Mit der Bereitschaft, die Güter dieser Erde wirklich zu teilen und so das Evangelium des Friedens mit Leben zu erfüllen.

Und sich nicht darin beirren zu lassen, dass eine gerechte, friedliche Welt möglich ist, eben der Verheißung Jesu zu glauben, ihm zu vertrauen.

Das meint: den Schild des Glaubens, den Helm des Heils und - übrigens die einzige „Offensivwaffe" - das Schwert des Wortes zu ergreifen.

Mit dieser Waffenrüstung ist Widerstand möglich, Widerstand nicht, um zu siegen, sondern um zu versöhnen.

Sieger im klassischen Sinne produzieren nämlich mit den Verlierern nur wieder neuen Hass und neue Gewalt.

Die Dichterin Christa Wolf legte mitten in der Zeit des Kalten Krieges in ihrem Buch „Kassandra" eben dieser antiken Seherin aus Homers „Ilias" einen wahrhaft prophetischen Satz in den Mund. Als der siegreiche Agamemnon nach der Zerstörung Trojas von ihr wissen wollte, wie es um die Zukunftsaussichten seiner Stadt Mykene steht, antwortet sie ihm: „Wenn ihr aufhören könnt zu siegen, wird diese eure Stadt bestehen." Ein Satz, der den Geist Jesu atmet.

Der dient dem Frieden und sucht damit auch seiner Stadt Bestes, der den Ausgleich sucht, das Lebensrecht jedes Menschen, jedes Volkes achtet und aller Lebewesen auf dieser herrlichen Erde. Darum: „Lass ab vom Bösen und tu Gutes. Suche den Frieden und jage ihm nach!" Amen.

 

 

 

 

 

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