4.n.Trinitatis, 14.07.2019, Stadtkirche, Lukas 6,36 - 42, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 14.VII.2019 – 4.n.Trin.                                                                                                       

                Lukas 6,36-42

Liebe Gemeinde!

Die geflügelten Worte der französischen Revolution, die heute vor 230 Jahren mit dem Sturm auf das Bastille-Gefängnis begann, sind ungeachtet ihres guten Klangs in Wahrheit doch buchstäbliche Schlag-Worte: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ wurden trotz emanzipatorischen Grundtons zum schrillen Alarmläuten des Terrors. Wer immer sich mit 1789 als Urdatum unseres westlich aufgeklärten Europa befasst, kann nicht überhören, dass aus den zentralen Versprechen auch des heutigen demokratischen Gemeinwesens rasch die Lizenz zu Willkürmorden, Racheherrschaft und einer blutigen Entchristianisierung durch den „Wohlfahrtsausschuss“ Robespierres wurde.

Man wird deshalb die Parolen nicht verwerfen, die in den Ohren der deutschen Dichter und Denker von Weimar, Jena und Tübingen damals wie Musik klangen.

Ebenso wenig wird man andere hohe Ideale verleugnen wollen, die etwa in der Propaganda der DDR – und auch da nicht nur von schlechten Dichtern – besungen und gefeiert wurden: „Fortschritt, Frieden, Solidarität“.

Schließlich bemühen wir ja auch weiterhin den Dreiklang der kirchlichen Schützenbruderschaft, dessen Elemente ebenfalls sämtlich nicht nur schön, sondern auch nach verschiedenen ideologischen Spielarten der Schuld klingen: „Glaube, Sitte, Heimat“. ———

Hält man sich dieses blutgetränkte, schillernde Wortgewebe der Weltgeschichte vor Augen, wird man für die Bergpredigt oder Feldrede – also für die bei Matthäus und Lukas aufgezeichnete Grundsatzpredigt Jesu – umso dankbarer.

Kurz ist sie, klar ist sie, und dennoch ist sie in erster Linie kein Steinbruch der Sprichwörter und erst recht keine Fundgrube der Kampflosungen.

Die grundsätzlichen Worte Jesu sind eben nicht – und das muss uns hörende Gemeinden der Reformation ganz besonders hellhörig machen! – Textnachrichten, sondern Tatnachrichten. Wir müssen unsere Taten nach ihnen richten, wollen wir sie denn verstehen. Jesu Worte sind nämlich Tu-Wörter. Das Verbum Dei – das Gotteswort des Evangeliums – will in die Verben unseres Lebens, in’s Tun und Lassen, in’s Geben und Nehmen, in unseren Eifer und unsere Standhaftigkeit, in unseren aktiven Gehorsam und dessen praktische Folgen, kurzum: in unser tägliches Leben und Sterben übersetzt werden.

Nicht, wer die Feldrede oder Bergpredigt hört, sondern wer sie tut, ist ein Jünger des dort lehrenden Meisters – so wie es schon die ewiggültige Antwort Israels auf die Offenbarung am Sinai bestätigt, wo das Volk auf die Verlesung der Gebote hin ausrief: „Wir wollen sie tun und hören“ (2.Mose24,7)!

Und darum ist es passend, dass sich die Kultusminister und das Kirchenjahr heute so uneinig sind: Die einen wollen, dass wir uns heute von den Ferien, von Wochen voller Müßiggang ansprechen lassen; das Kirchenjahr dagegen schickt  uns den 4.Sonntag nach Trinitatis, der uns alle Jahre wieder fragt: „Tut ihr, was euch gelehrt wurde? Lebt ihr die Botschaft Christi? Handelt ihr in seinem Geist?“ …….

Urlaub contra Ethik also.

Nicht, weil Ruhe ein Laster wäre … im Gegenteil.

Aber weil Tatenlosigkeit Sünde ist. —

Was also sollen wir tun?

Das, was im Anfang verboten war – weil überflüssig. Nun aber ist es notwendig, weil es die Lebensweise des Ursprungs, des Paradieses in die tod- und schuldbedrohte Welt rettet.

….... Was wir tun sollen? … Sein wie Gott!

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

Mit diesem Imperativ erfüllt sich ja ausgerechnet das halb andeutungsvolle, halb skeptische Geraune der Schlange, die als Folge der ersten Gebotsüberschreitung ja in Aussicht gestellt hatte (1.Mose3,5): „An dem Tag, da ihr von der verbotenen Frucht esst, werden euren Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“

Geglaubt hatte sie es natürlich nicht – wie sollte die verzweifelte Zweifelverführerin denn auch glauben? Dass man mit offenen Augen wie Gott werden könne, war ihrerseits eine leere Versprechung, eine Verlockung in den blinden Wahn. … Nie könnte das doch möglich sein.

… Aber es ist möglich.

Und Jesus gebietet es uns, dass wir die Bosheit der Schlange mit genau diesem Guten überwinden (vgl. die heutige Epistellesung Römer 12,21): Ihr niemals ernstgemeintes Wort wird tatsächlich wahr!

Die Barmherzigen können sein wie Gott!!!

Wie aber das?

Wie kommt es, dass die unsinnige List, die die Menschen zur Entscheidung gegen Gott brachte, sie tatsächlich in Seine Nähe, in Verbindung und Verähnlichung zu Ihm führt?

… Das geschieht durch die Erfahrung, die der Fall in die Sünde, in die Giergelüste und Machtmachenschaften den Menschen bescherte: Wer Gottes schonende Warnung vor dem Drang nach All-Wissen und All-Können abschüttelt, gerät auf die Schattenseite des Lebens, gerät in die zwielichtige, graue, grauenvolle Wirklichkeit alles Möglichen.

… Und so widerfuhr der Menschheit Leid: Das Leid, richtig, aber auch falsch wählen und handeln zu können; das Leid, Gutes ebenso wie Böses versuchen und sogar vollbringen zu können; das Leid, nichts mehr ohne sein Gegenteil zu finden und zu erleben.

Wer aber so in die Not dieser Welt, in die Schmerzen des Schuldigwerdens und in die Krankheiten und Schwächen des schutzlos gewordenen Lebens sieht, … wer seine Augen davor nicht verschließt, sondern erkennt, in welcher Wirklichkeit die Menschen existieren, der lernt durch solche Einsicht jenen Blick, der ihn auf den Posten an Gottes Seite stellt: Den Blick des Mitleidens, den Blick des Barmherzigen.

Auf dem Weg der Wahrnehmung von Sünde, Leid und Tod kommt der Mensch, dem die Augen dafür aufgegangen sind, also tatsächlich zu Gott!

Das hatte die Schlange nicht ahnen können: Dass es eine solche Gemeinsamkeit zwischen den durch ihre freie Übertretung betrogenen Menschen und dem geduldigen, langmütigen, gnädigen Gott der Barmherzigkeit und Vergebung (vgl. 2.Mose33,19 + 34,6f!) geben könne.

Aber was immer sie böse zu machen gedachte, Gottes Erbarmen hat’s doch gut gemacht (vgl. die heutige alttestamentliche Lesung 1.Mose 50,20): Der Schöpfer von Eden wurde nach dessen Verlust zum Heiland und Tröster Adams und Evas.

Und in Jesus Christus bindet Er Menschen in diese, Seine göttlich rettende Liebe zur menschlichen Hilflosigkeit ein.

Und um nichts anderes geht es in der Ethik Jesu, in den grundlegenden Weisungen vom Berg und vom Feld:

  •   Die Wirklichkeit wie Gott selber mit Augen des Erbarmens anzublicken.
  •   Schluss zu machen mit der kalten Arroganz der Macht, die glaubt, andere rein nach den eigenen Gesichtspunkten beurteilen zu dürfen.
  •   Ernst zu machen mit der Einsicht, dass keiner besser oder mehr sehen kann, als irgendein anderer … es sei denn, er blicke gnädig auf die Dinge! ——

In dieser entscheidenden Perspektivverschiebung – weg von unserer selbstbezogenen Blick-verengung, hin zur Weite des göttlichen Wohlwollens – liegt alles, was wir tun sollen.

Barmherzigkeit, Barmherzigkeit, Barmherzigkeit: Das ist tatsächlich das Ganze der christlichen Gebote! ——

Allerdings schwebt uns dabei wahrscheinlich etwas viel zu Weiches und Verschwommenes vor! Barmherzigkeit ist nicht der altersmilde Weichzeichner, der uns alle Dinge durch gerührte Tränen regenbogenfarbig sehen lässt. Im Gegenteil:

Es ist Hässliches und es ist Hartes, das uns überhaupt erst lehren kann, die Welt so zu sehen wie Gott sie schaut.

Vergessen wir nicht, dass Gottes Welt- und Menschenkenntnis nicht durch Wolkenschleier hindurch von oben entstehen, sondern in fürchterlicher Nahaufnahme von unten:

Aus einem Futtertrog fällt sein erster Blick auf die unbarmherzige Welt, die Flüchtlingskinder irgendwo notdürftig unterkriechen oder gleich verderben lässt.

Und vom letzten Rand der Gemeinschaft, aus den Baracken der Staaten- und der Rechtlosen, die in Ägypten in Gestalt unserer koptischen Glaubensgeschwister bis heute an den Müllbergen siedeln, betrachtet der Junge, der vor Herodes floh, die Welt, die ihn erwartet.

Und in der Kälte der schwarzen Nächte, in denen er weder Nest noch Grube hatte (vgl. Matth.8,20), und in der Hitze der Tage, in denen er in der Wüste fastete und dürstete, und durch die Vertrautheit mit dem Leid der Verletzten, der Ohnmächtigen, der Verkrüppelten, der Verachteten, deren Wunden er küsste, deren Mahlzeiten er teilte, deren Elend ihn umfing … aus diesem brutalen, freiwilligen Dichtdransein am Puls der in Schuld und Hoffnungslosigkeit und Gewaltherrschaft gefallenen Wirklichkeit, formte sich seine Sicht des Lebens und des Todes.

Bis seine Augen – geschwollen von Schlägen, verklebt vom Blut – am höchsten Punkt seines Weges brachen … als er erhöht worden war über alle (vgl. Joh8,28), … als die Welt ihn gekreuzigt hatte.

Das ist die Sehschule der Barmherzigkeit.

Wahrhaftig nicht eine Betrachtungsweise frommer Denkungsart, die mit wohlfeilen Sprüchen, gefühligen Redewendungen  oder sonstigen Zückerchen dem Affen zu Leibe rückt.     

Barmherzigkeit ist nicht verständnisvolle Nettigkeit und auch nicht liberale Toleranz.

Barmherzigkeit heißt schonungsloses Wissen um die Wirklichkeit der Verlorenen.

Barmherzigkeit verdankt sich also der Einsicht in die menschliche Verdammnis.

Barmherzigkeit erwächst nämlich tatsächlich nur da, wo man die Unbarmherzigkeit, … nein, die Hartherzigkeit, … nein, die völlige Herzlosigkeit, … wo man den Horror und den Hass der Menschenhölle ernsthaft erfahren hat.

Solange wir die ausblenden, sind wir blinde Blindenführer. Erst wenn wir sehend werden, wo man lieber wegschaut, erst wenn uns klar wird, was man gewöhnlich verwischt, erst wenn scharf vor unseren Augen steht, was andere gewöhnlich übersehen … erst dann können wir die Liebe Gottes, Seine Gerechtigkeit und Sein ganzes Herz erfassen und daran wachsen, Ihm nachzufolgen, nahe zu kommen und ähnlich zu werden. —

Wahrhaftig: Erst außerhalb unserer Paradiese werden unsere Augen aufgetan, … erst dann erkennen wir, was gut und böse ist und werden wie Gott … erfüllt von der Notwendigkeit, Not wahrzunehmen, um sie lindern, abwenden und überwinden zu können.

Am eindringlichsten und unmittelbarsten geschieht das indes von Angesicht zu Angesicht: Nicht am Bildschirm und nicht in der intellektuellen Reflektion, nicht in theoretischer Politisiererei und auch nicht in den Programmen, Parolen und Predigten, die uns allenfalls als Forum ethischer Diskussion herhalten zu müssen scheinen.
Nein, Aug in Aug sollen wir uns den Tatsachen stellen, um zu tatsächlichen Tätern der Barmherzigkeit zu werden.

Und es hat ja alles Augen!!!

Jeder Gegenstand, den wir achtlos nutzen, guckt uns an mit den Augen derer, die sich für ihn in die Minen und deren Gift abseilten, die an den Fließbändern standen, obwohl sie in die Schulbank gehört hätten, die in den Nähfabriken bis zur Erschöpfung und auf den Märkten der Welt für einen Hohn von Hungerlohn geschuftet haben … und mit den Augen derer, die das nicht mehr aushalten, Kurs auf ein neues Leben machen, festgehalten werden, nicht mehr bei Trost sind, … ertrinken.  .

Jeder Apparat unserer Lebenserleichterung blickt uns mit den Augen der Tausende an, die mittelbar für ihn bezahlt haben, aber nie in den Genuss gekühlter, sauberer, gesunder, frischer Nahrung, bequem abgerufener Erkenntnis oder sinn- und sorgenfreien Vergnügens kommen werden, weil sie am falschen Ort geboren wurden, unterdrückt bleiben, zu kurz nur leben dürfen. …….

Augen, … Augen, … überall Augen, die auf unser gutes Leben, unser gutes Gewissen, unsere guten Geschäfte geheftet sind … und staunen, … weinen, … anklagen.

Überall aber auch Augen, die aus der Ferne der Zukunft auf uns schauen: Forschend, zornig, unversöhnlich, weil wir auf unsern überflüssig geflogenen und gefahrenen Wegen, bei unsern verantwortungslos verschlungenen Selbstverständlichkeiten, ja sogar in jedem Tropfen vergossenen Wassers ihren Anteil an den zeitlichen, endlichen Gütern verbrannt und verschleudert haben.

Allen diese Augen müssen wir zu begegnen lernen.

Ihren Blicken müssen wir standhalten … und sie erwidern.

Dann lernen wir an diesem Sonntag der Ethik, die keine Unterbrechung, keinen Urlaub kennt, sondern nur Schritte auf dem Weg der Barmherzigkeit, der der Weg zu Gott ist… dann also lernen wir – wenn wir den Anderen, den Fremden, den Künftigen, unseren Nächsten so in die Augen blicken – , dass wir wahrhaftig nicht auf ihre Splitter achten, nicht auf das an ihnen, was uns ein Dorn im Auge sein mag, sondern auf den Balken in unserem Auge.

Dieser Balken, der unsere Sicht verstellt, ist das verhängnisvolle Denkmal, das wir uns selber errichten und das sich in den angstvollen und zornigen Augen der Vielen spiegelt und sie trübt.

… Denn mit dieser Siegessäule unserer Selbstsucht sind wir ja verantwortlich für das, was den anderen den Ausblick auf Gott, auf Gnade und Frieden nimmt.

Und darum müssen wir den Balken und alles, was er stützt, über kurz oder lang – jeder für sich und die handlungsfähigen Verantwortlichen dieser Welt gemeinschaftlich – tatsächlich ziehen und aus unserer Weltanschauung ein für allemal entfernen!

So werden wir nämlich endgültig erkennen, wer an diesem Balken unserer Selbstsucht gekreuzigt ist.

… Und wie wir durch den Verzicht auf unsere Vorrechte und ihr Unrecht nicht nur der Freiheit, der Gleichheit, der Brüderlichkeit aller Menschen näher kommen, sondern zuerst und zuletzt auch jener Barmherzigkeit, auf die wir alle so unendlich angewiesen sind.

Diese Barmherzigkeit, die wir brauchen und um derentwillen Jesus Christus am von uns errichteten Balken gekreuzigt wurde, … diese Barmherzigkeit und nichts anderes sollen wir schließlich auch selber leben!

Wie Gott.

Durch Ihn.

Bis zu Ihm hin!

Amen.

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