Chr.Himmelfahrt, 30.05.2019, 1.Kö.8,22-24.26-29, Mutterhauskirche, Ulrike Heimann

Text: 1.Kö.8,22-24.26-29

Liebe Gemeinde,

als in der Karwoche die Bilder vom Großbrand in der Kathedrale Notre Dame in Paris über die Bildschirme liefen, da sah man bei den Zuschauenden viele entsetzte und betroffene Gesichter. Tausende waren zusammengelaufen. Was sie sahen, verschlug ihnen die Sprache. Notre Dame, das ist Frankreich, sagte einer. Ich war gestern noch in der Kirche gewesen, habe gebetet - eine andere. Mehr noch als der Eiffelturm ist Notre Dame die Sehenswürdigkeit von Paris. Eine der größten und schönsten gotischen Kathedralen, eines der architektonischen Wahrzeichen nicht nur Frankreichs, sondern Europas, eine Zeugin der christlichen Geschichte in einer mittlerweile säkularen, multikulturellen Gesellschaft und in einem betont laizistischen Staat. Da brennt das Herz Frankreichs, hieß es aus dem Elyséepalast. Und „Wir bauen Notre Dame wieder auf und sie wird schöner als zuvor." Keine 24 Stunden später waren bereits Spendenzusagen in Höhe von mehr als 900 Millionen Euro eingegangen.

Notre Dame in Paris, der Kölner Dom, die Kathedrale von Chartres, der Stephansdom in Wien - Weltkulturerbe und Gotteshäuser, Bauwerke, die mehr sind als architektonisch herausragende Denkmäler, sie sind auch Zeugen, deren Botschaft durch Stein und Licht zu uns spricht.

Ich kann den starken Wunsch nach Wiederaufbau der Kathedrale verstehen - ich stelle mir vor, was wäre, denn der Kölner Dom gebrannt hätte. Ja, und selbst wenn die Mutterhauskirche oder die Stadtkirche in Flammen gestanden hätte, würden sich dann nicht auch die unterschiedlichsten Menschen zusammentun, um die Bauwerke wiedererstehen zu lassen? Haben die Dresdner nicht alles in Bewegung gesetzt, ihre Frauenkirche, von der so gut wie nichts mehr nach den Bombenangriffen im Februar 1945 übrig war, wieder auferstehen zu lassen - und das in einer Stadt, in der nur noch eine Minderheit  zu einer der christlichen Konfessionen gehört?

Kathedralen, Dome, Kirchen - sie sind einfach mehr als einfache Bauwerke - sie sind Gotteshäuser, Orte, die Zeugnis geben von einer Wirklichkeit, die über uns hinausweist.

Liebe Gemeinde, vielleicht fragen sie sich schon, warum ich so viel über Kirchen und ihre Bedeutung spreche, über diese sehr irdischen Dinge, wo es doch eigentlich heute um den Himmel geht, feiern wir doch „Christi Himmelfahrt". Nun, es ist der vorgeschlagene Predigttext für diesen Tag, in dem es um den Himmel geht und um die Frage, wo Gott denn wohnt - und das alles bei der Einweihung eines Gotteshauses, bei der Einweihung des Tempels in Jerusalem. Ich lese jetzt diesen Text aus 1.Kö.8,22-24.26-29:

„Da trat Salomo vor den Augen der ganzen Gemeinde Israel vor den Altar des HERRN, breitete die Arme zum Himmel aus und betete:

»Ewiger, du Gott Israels! Weder im Himmel noch auf der Erde gibt es einen Gott wie dich. Du stehst zu deinem Bund und erweist deine Güte und Liebe allen, die dir mit ungeteiltem Herzen dienen.

So hast du an deinem Diener, meinem Vater David, gehandelt. Der heutige Tag ist Zeuge dafür, dass du dein Versprechen gehalten hast.

Gott Israels, lass doch in Erfüllung gehen, was du meinem Vater David, deinem Diener, versprochen hast!

Aber bist du nicht viel zu erhaben, um bei uns Menschen zu wohnen? Ist doch selbst der Himmel und alle Himmelswelten zu klein für dich, wie viel mehr dann dieses Haus, das ich gebaut habe.

Barmherziger, mein Gott! Achte dennoch auf mein demütiges Gebet und höre auf die Bitte, die ich heute vor dich bringe:

Richte deinen Blick Tag und Nacht auf dieses Haus, von dem du gesagt hast: 'Hier soll mein Name wohnen! Höre mich, wenn ich von hier aus zu dir rufe."

Der Tempel in Jerusalem, das war das Bauprojekt Salomos schlechthin, erste Planungen hatte schon sein Vater David gemacht, aber die Ausführung, das war Salomos Sache. Für den Gott Israels hatte er ein prächtiges Haus errichten lassen, ein Gebäude, in dem Gott wohnen sollte. Bis dahin „wohnte" Gott in einem Zelt, in der Stiftshütte. Diese mobile Behausung hatte ihn mit seinem Volk 40 Jahre durch die Wüste ziehen lassen. Aber nachdem Israel im Gelobten Land sesshaft geworden war, man in steinernen Häusern wohnte, war der Wunsch aufgekommen, Gott ebenso ein Haus zu bauen. Ihn zu verorten - an einem bedeutungsschweren Ort: dort auf dem Berg Zion oder wie er auch heißt, auf dem Berg Morija, hatte Abraham - so die Überlieferung - vor Urzeiten einen Altar gebaut, um seinen Sohn Isaak zu opfern, was Gott allerdings zu verhindern wusste. Dort nun stand der Tempel Salomos, ein prächtiges Gebäude, das von den besten Handwerkern seiner Zeit in nur 7 Jahren errichtet worden war, wobei das ganze Volk dieses Projekt mitgetragen hatte - mit Steuern, Spenden und eigenem Arbeitseinsatz zum Gelingen beigetragen. (Die Verantwortlichen der Großbauprojekte in Berlin und Stuttgart können davon nur träumen.) Nun, zur feierlichen Einweihung, wendet sich Salomo im Gebet an Gott.

Ein erstaunliches Gebet, wirklich nachdenklich-demütig. Da stellt Salomo die entwaffnend ehrliche Frage: „Bist du, Gott, nicht viel zu erhaben, zu groß, um bei uns Menschen auf Erden zu wohnen? Ist doch selbst der Himmel und alle Himmelswelten zu klein für dich - wie viel mehr dann dieses Haus, das ich gebaut habe."

Nicht wahr, liebe Gemeinde, diese grundlegende Frage stellt sich doch: Kann Gott überhaupt irgendwo „wohnen"? Er ist doch unfassbar. Können wir ihm da überhaupt irgendwo einen Platz, eine Wohnung zuweisen?

Die jüdische Tradition ist da schon sehr vorsichtig. Das wird nicht nur in unserem Predigttext deutlich, wo Salomo ja gerade nicht sagt, dass Gott in diesem neuen Heiligtum wohnen wird, sondern „sein Name". Sehr ähnlich heißt es in Psalm 26,8 „Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt." Nicht Gott in Gänze, sondern sein Name und seine Ehre, seine Herrlichkeit sollen in dem Tempel zu Jerusalem gegenwärtig sein. Wichtige Aspekte des Göttlichen.

Gott selbst lässt sich auf Erden weder in einem Tempel oder einer Kirche, in keinem Sakralbau und noch nicht einmal im Himmel verorten.

Er ist unendlich viel größer, nicht nur größer als unsere Gebäude aus Stein, sondern auch größer als die Räume, die sich unseren Teleskopen erschließen, auch größer als unsere Denkgebäude, unsere Vorstellungen von ihm. Gott ist größer und allgegenwärtig.

So weit, so gut. Oder auch: so weit, so schlecht. Denn: diese Information hilft uns wenig, wenn wir Gottes Nähe brauchen, wenn wir nach seiner Gegenwart Ausschau halten. Das werden auch die Jüngerinnen und Jünger gedacht haben. Jesus ist bei Gott - aber wo ist das? Wo können wir jetzt noch seine Nähe spüren - auf dieser Erde, unter dem weiten Himmel? Wo können wir ihm begegnen? Wo zeigt er sich? Wo wohnt seine Ehre, seine Herrlichkeit, seine Kraft? Wo lässt er sich vernehmen, wo erfahren wir, was sein Wille für uns ist? Wo hören wir seine Stimme?

Bei der Wiedereinweihung des Berliner Domes 1993 in Anwesenheit der  Regierungs- und Staatsspitze irritierte der damalige Präses der Rheinischen Kirche Pfarrer Peter Beier die Versammelten in ihrer Hochstimmung, als er seine Predigt mit folgenden Worten eröffnete: „Die Wahrheit braucht keine Dome. Das liebe Evangelium kriecht in jeder Hütte unter und hält sie warm. Die Evangelische Kirche braucht auch keine Dome. Und wenig Repräsentanz. Sie hat keinen Teil an Triumphen von gestern. Tunlichst. Bescheidenheit steht ihr an."

Ja, wenn Gott überall ist, dann ist er nicht nur in den prachtvollen Tempeln und Kathedralen, sondern auch in den Hütten und Baracken in den Slums der Elendsviertel von Kalkutta und Rio de Janeiro, von Johannesburg und Kairo.

Und, ja, wenn Gott der Eine ist, der Ewige, dann ist er mit seiner Wahrheit auch nicht nur in Kirchen und Synagogen zu finden, sondern auch in Moscheen, Tempeln, Pagoden und Schreinen. Wer wollte sich erdreisten, zu sagen, dort sei er nicht? Wie heißt es in Psalm 36: „Herr, deine Güte reicht soweit der Himmel ist und deine Wahrheit soweit die Wolken gehen."

Gott ist allgegenwärtig mit seiner Güte und Wahrheit, mit seiner Barmherzigkeit, wie Salomo sagt „Du stehst zu deinem Bund und erweist deine Güte und Liebe allen, die dir mit ungeteiltem Herzen dienen."

Mögen die meisten Ausleger hier an den Abrahambund denken, mir kommt hier der allererste „Bund" in den Sinn, von dem die Bibel spricht, der Noah-Bund, wo Gott nach der Katastrophe der Sintflut allem Leben auf dieser Erde Schutz und Bestand zusichert unter dem Zeichen des Regenbogens.

„Du stehst zu deinem Bund und erweist deine Güte und Liebe allen, die dir mit ungeteiltem Herzen dienen."

Worum geht es bei diesem Dienst? Geht es um die richtige Religion, die richtige Konfession oder die richtige Liturgie?

Nein, sondern darum, der Güte und Liebe Gottes mit dem eigenen Leben und Handeln zu entsprechen. Da ist es dann ziemlich egal, ob man seine spirituelle Heimat im Islam oder im Judentum, im Christentum oder im Buddhismus hat, ob man am Freitag in die Moschee, am Sabbat in die Synagoge oder am Sonntag in die Kirche geht. Ob man zu Allah betet oder Adonaj anruft, ob man das trinitarische Gottesbild im Herzen trägt und sich mit dem Kreuzzeichen unter Gottes Segen stellt oder in der Meditation sich von allen Anhaftungen zu befreien versucht und das Leerwerden einübt. Jesus hat es ganz prägnant formuliert: Nicht derjenige kommt ins Reich Gottes, der Herr, Herr sagt - der das richtige Glaubensbekenntnis hat -, sondern der, der den Willen Gottes tut - das heißt: der Gottes Liebe und Güte, seine Barmherzigkeit und darin seine Wahrheit in seinem Leben und Handeln umsetzt. Diese Menschen stehen im Bund mit Gott, in ihnen und unter ihnen ist er gegenwärtig.

Die Frage nach der Gegenwart Gottes ist damit eigentlich ganz einfach zu beantworten: Wo Liebe und Barmherzigkeit, wo Güte ist, da ist Gott.

Jesus von Nazareth hat mit seinem ganzen Leben und Handeln genau dieses getan: Gottes Liebe, Güte und Barmherzigkeit bezeugt - mit Worten und mit Taten. Und weil  Gottes Güte keine Grenze kennt, keine räumliche und keine zeitliche, weil es in seiner Gegenwart immer Leben und Licht gibt, deshalb hat Jesus über den Karfreitag hinaus Anteil an dieser göttlichen Wirklichkeit, ist er bei Gott, eben „im Himmel".

Lebt Güte, Liebe und Barmherzigkeit und lasst so Gott gegenwärtig werden in eurem Leben, bringt diese Wahrheit unter die Menschen mit Herzen, Mund und Händen, damit sie Gottes Nähe spüren. Kathedralen aus Stein und Licht mögen wunderbare Orte sein, in denen Menschen sensibel werden können für das, was die simple materielle Wirklichkeit übersteigt. Aber die besseren Kathedralen entstehen dort, wo Menschen einander in Güte und Liebe begegnen und sich voller Barmherzigkeit denen zuwenden, die Hilfe brauchen. Auf diese sakralen Orte und Stätten ist unsere Welt wirklich angewiesen. Himmlische Räume der Güte. Himmlische Räume, in denen Gott gerne Wohnung nimmt.

„Wo Barmherzigkeit und Liebe wohnen, da wohnt Gott."

Machen wir uns doch daran, dass sich Gott bei uns und unter uns zuhause fühlen kann.

Amen.

 

 

 

Alle anzeigen

Gemeindebüro

Fliednerstr. 6
40489 Düsseldorf
Tel.: 0211 40 12 54
Fax: 0211 408 98 16

Öffnungszeiten:
Dienstag: 15:00 - 18:00 Uhr
Donnerstag & Freitag: 9:00 - 12:00 Uhr


Flüchtlingshilfe

Kaiserswerth: 0159-038 591 89
Lohausen: 0211 43 29 20