Kantate, 19.05.2019, Stadtkirche, "Singen wir heut mit einem Mund" (EG 104), Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Kantate  - 19.V.2019                                                                                                  

„Singen wir heut mit einem Mund“ (EG 105)[i]

Liebe Gemeinde!

Dass Singen und Musik an sich nichts Harmloses sind, … nichts, das einfach einen Naturzustand der in Laut und Bewegung überströmenden Seele darstellt, das haben wir inzwischen gelernt: Der Vers von Joh.G.Seume  „Wo man singet, laß dich ruhig nieder, / ohne Furcht, was man im Lande glaubt; / wo man singet, wird kein Mensch beraubt; / Bösewichter haben keine Lieder“[ii] war schon immer eine furchtbare Lüge … seit der erste Mensch in ein Muschelhorn stieß und auf einen gespannten Ziegenbalg schlug und dann aus vielen rauhen Kehlen ein blutrauschender Schlachtgesang erhoben wurde.  

Nicht erst die Nazis – sie allerdings für immer! – haben dem Volkslied, dem Marschlied, ja auch dem Choral seine Unschuld geraubt. Immer schon kann Gesang Hetze sein, kann Musik Aggressionshypnose ausüben, kann Rhythmus aufpeitschen und Melodie verführen wie Propaganda.

Eine singende Kirche wie unsere darf darum nicht unkritisch sein, nicht naiv, und der ganz dem mitreißenden und ja hoffentlich auch leidenschaftlichen Singen gewidmete Sonntag eine Mondumwandlung nach Ostern darf nicht so tun, als sängen wir einfach, weil uns Gesang gegeben oder weil wir so stimmungsvolle Rheinländer oder so kunstbeflissene Bürger oder sonst ein begnadetes Stimmvieh beim Grand Prix Eurovision de la Chanson seien. …….

Wenn wir als Christen immer noch singen und – so Gott will! – singen werden, bis Sonne und Mond ihre nach den Vorstellungen der Alten harmonischen irdischen Bahnen vollendet haben, dann müssen wir wissen, was unser Lied vom Grölen der SA und der Roten Armee und von den vielen anderen seichten oder gemeingefährlichen Liedern unterscheidet, die auch die bösen und die blöden Menschen haben: … Tonleiter und Technik können es nicht sein. Die Stile, in denen wir singen, die Klangsprache und Harmonien unserer Musik sind längst nicht mehr spezifisch kirchlich oder sakral.

Und wenn wir doch die Choräle und Kantaten, die Oratorien und Passionen unserer Vorfahren brauchen und Schätze der Vergangenheit bei uns lebendig sind und wenn wir bisweilen regel-recht archaische Melodien mit dem Atem der Gegenwart wachküssen, so wie in diesem Gottesdienst das Osterlied (EG 104) der böhmischen Brüder, dann ist das alles keinesfalls museal, kein Rückzug in hermetische Klangräume und andere feste Burgen der Historie. …….

Wenn wir nämlich als Christen singen, wenn wir bewusst als Christen singen, dann fallen alle unsere üblichen Zeitstufen weg: Der große Entwicklungsbogen des Fortschritts, die ewige Jagd, dem alten Stil zu entkommen und einen neuen zu finden, die üblichen Unterscheidungen zwischen historischer und Avantgardemusik werden sämtlich überholt und gegenstandslos, wenn wir uns verdeutlichen, dass Christen immer etwas besingen, das das Allerneueste, das das Nochnichtdagewesene, das die unglaublichste Vorhut der allgemeinen Zukunft ist. Christliche Lieder sind nämlich zu allen Zeiten und in jeder Gestalt nichts anderes als Oster-Echos!

Ein toter Christus hätte das Verstummen des Christentums vor seinem Anfang bedeutet.

Ein im Grab gebliebener Christus wäre die herausgeschnittene Zunge, die durchtrennte Luftröhre, das zerrissene Stimmband der Kirche gewesen.

Kein Ostern: Kein Lied!

Kein dritter Tag: Niemals ein Hymnus!

Keine Auferstehung: Nirgends ein Introitus, nirgends ein Gloria, nirgends ein Halleluja, nirgends eine Sequenz, nirgends ein Te Deum, nirgends eine Antiphon, nirgends ein Canticum, nirgends eine Motette, nirgends eine Choral, nirgends eine Arie, nirgends eine Sinfonie der Tausend, nirgends ein Gospel, nirgends Soul, nirgends Worship, nirgends das, was wir seit zweitausend Jahren unter Musik verstehen!

Und aus diesem Grund gibt es keine „alte“ christliche Musik: Jede Musik, jeder Gesang einer christlichen Gemeinde, eines christlichen Mundes gehen aus dem Geheimnis des Wunders hervor, mit dem Gott die alte Welt und Wirklichkeit des Todes hinter sich gelassen und das Neue, … das Leben, das bleibt, geschaffen hat!

… Und darum sind Gregorianik und byzantinische Liturgie, sind lutherischer Choral und reformierter Psalmengesang und barocke Orgelherrlichkeit, sind romantische Chorwerke und der wiedergewonnene Kirchenton im frühen 20.Jahrhundert, sind Neues Geistliches Lied und auch Sakro-Pop alle gleich jung … wo jemand Ohren hat, zu hören, dass sie Gottes unveraltete, atemberaubend lebensbestimmende, gegenwärtige, zukunftsträchtige Tat feiern! ———

Diese Zeitlosigkeit, dieses Geweckt- und Aufgerufenwerden im Jetzt, dieses Antworten und Jubeln und Hinaussingen, dieses Anbeten und Loben Dessen, Der ist, wie Er war und sein wird, hier und heute hat aber Folgen:

Wenn wir von Gott gezupft werden, wenn Er über unsere Saiten streicht, wenn der Klang unserer Stimmen und der Takt unserer Herzen und die Tiefen und Höhen, die in uns angeschlagen werden, von Gottes Eingreifen rühren, wenn sie durch Sein Tun ausgelöst werden, dann sind christliches Singen und Musizieren wahrhaftig nichts Harmloses! Sondern die physischen Schallwellen und die chorische Begleitung eines Geschehens, das mehr Dynamik und Sprengkraft hat, als alle sonstigen innerweltlichen Vorgänge.

Am ältesten Lied der Bibel – dem Trommel- und Tanzlied der Prophetin Miriam am Schilfmeer (vgl. 2Mose15,21) – kann man es schon festmachen: Wo Gottes Zeugen singen, da wird nicht ideale Kunst gepflegt, sondern geschichtliche Wirklichkeit erlebt, da geben keine Unbeteiligten etwas bloß wieder, sondern da hört man jene ihre Stimmen erheben, deren innerstes Dasein und deren äußere Situation von Gottes Wirken betroffen wird.

Und darum ist alles Singen eine ganz andere Stellungnahme als bloß das Hören. Gesang ist körperliche Aktivität der Zustimmung des Glaubens und leibliches Bejahen der Botschaft Gottes – kein Wunder, dass Maria die erste und die wichtigste Sängerin des Neuen Testamentes ist! –, und es verwandelt rein aufnehmende Gefäße in kommunizierende Röhren, in Quellen der Weitergabe und Klangschalen des Einflusses, den Gott auf die schweigenden Tatsachen der Erde nimmt.

Singen ist also niemals neutral, sondern öffentlich hörbare Parteinahme, es ist klärender Akt des Widerstands gegen alles andere Getöne und vernehmbare Loyalitätserklärung.

Weil man also zwar hören kann, ohne dass es einen betrifft, aber nicht singen, ohne beteiligt zu sein, … deshalb ist es womöglich kein Missverständnis, wenn in der einst so entschieden hörbaren evangelischen Kirche die Singzauderer und Gesangsverweigerer zunehmen.

Menschen, die nicht mitsingen, fehlt nicht immer bloß die Vertrautheit mit Liedgut und Liturgie. Ihre stille Zurückhaltung drückt vielmehr ein treffendes Gespür aus: Solange ich stumm bleibe, bin ich neutral und geschützt – wenn ich das Innere aber öffne und durchlässig werde, dann hab ich gewählt und mich erklärt! … Das neudeutsche Wort dafür – eigentlich (und wiederum ohne Überraschung) fast ausschließlich gebraucht, um die Verbundenheit mit meiner Firma, die Identifikation mit meinem Arbeitgeber auszudrücken – … das neudeutsche Wort dafür, ist „Commitment“. … Denn da wird die Gegenwart hemmungslos religiös: Wenn sie ihre Hingabe an Marke, Strategie und Gemeinschaftsidentität im Geschäftlichen beschwören kann. Im eifrigen Dienst und Denken, wie meine Organisation es will, da … „committe“ ich mich, wie es noch schauriger auf Neudeutsch heißt.

Dabei bedeutet „Commitment“ wörtlich die Verpflichtung sich zum „Mitgesandten“, zum „Mitbotschafter“ einer Mission zu machen. Und ist insofern das innerste Merkmal echten Glaubens und das eigentliche Wesen der kirchlichen Musik: Mitträger des Evangeliums, Weiterträger von Lobpreis, Gebet und Wahrheit, Überbringer der Freude, Begleiter und Vermittler von ewigem Wort und jeweiliger Antwort zu sein.

Wer immer also als Christ singt, wirkt mit bei der göttlichen Mission der Befreiung und Rettung von Menschheit und Welt. Lässt sich hören als daran beteiligt. Kommt aus der Deckung. Verzichtet auf Neutralität. Steht in der Öffentlichkeit. Ergreift Partei.                        

Und darum können wir uns nur freuen, dass Gesang – wohl oder übel – nichts Harmloses darstellt, sondern lautes, klares, deutliches Profil! ——

Das macht das Osterlied des Hauptdichters der böhmischen Brüder, Michael Weiße, zu einem so wichtigen alten Neuzugang in unserem derzeitigen Gesangbuch. Als Auferstehungslied mit uralter Tradition verkörpert es in reinster Form die Ursprungssituation der Kirche und ihrer Bestimmung: Wieder- und Weitergabe der fels- und fesselsprengenden Botschaft von Ostern zu sein, Echo der ersten Zeugen des endgültigen Durchbruchs Gottes durch alles, was Tod und tödlich ist und unermüdlicher Chor des unendlichen, fortwährend neuen Lebens zu werden.

So ist das frische Lied, das die Kirche immer und überall aus einem Mund singt: Dass Gott aller Anfang ist und nicht vergeht und dass alle, die in Christus sind, am unwiderruflichen Triumph dieses Schöpfers über die Zerstörer, am Triumph der Liebe über allen Hass, am Triumph des Befreiers über unsere Zwinger und Zwänge und des Gnädigen über jede Gewalt teilhaben.

Ja, … auch wenn es schwierig und politisch inkorrekt erscheint – aber zum leidenschaftlichen, niemals neutralen, ausdrücklich Öffentliches anstimmenden Wesen des Gemeindegesanges gehört auch das – … auch wenn es also politisch inkorrekt erscheint, ist der Vorgänger des von Michael Weiße verfassten und vom kämpferischen Thomas Müntzer 1524 in seine Gottesdienstordnung „Deutsches Kirchenamt“ übernommenen Liedes bekannt als „Canticum triumphale“, als „Siegeslied“.

Diesen uns befremdlichen Titel teilt die damit bezeichnete Osterantiphon jedoch mit vielen Psalmen im ursprünglichen Hebräischen, von denen ein Drittel die mittlerweile ersetzte Überschrift aufweist: „Zum Siegen!“ – „La-Menatzeach!“

Lieder Israels, Lieder der Kirche sind aber zunächst und zuletzt eben keine hingehauchten „Vielleichts“, keine gesäuselten „Schön-wäre-es“, keine stockenden „Kann-sein-kann-auch-nicht-seins“, sondern sie sind in die Welt gesungene Bekräftigungen dessen, was wir glauben und bezeugen. Psalmen, Hymnen und Choräle werfen in der Regel nicht Fragen auf, sondern feiern Antworten; sie üben nicht im Zweifel, sondern stimmen auf die vollbrachten Wundern Gottes ein; sie lassen weder Singende noch Hörende im Ungewissen, sondern erfüllen sinnliche und geistige Wahrnehmungsorgane mit Kraft und Wohllaut; und so wird man mit einem Lied nie fertig wie mit einem Satz, einem Faktum oder einer Behauptung, denn Musikalisches wächst in der Wiederholung, lebt vom Wiederaufnehmen und unermüdlichen Von-Vorn-Beginnen.

Wo alle unsere Gedanken abbrechen, hebt das Lied von Neuem an.

Darum sollen wir es immer wieder singen – dem HERRN, der Wunder tut. 

… Sollen singen davon, dass Er der Sieger ist: In der Welt Sieger, über die Welt Sieger und für die Welt Sieger; Sieger im Tod, Sieger über den Tod, Sieger für die Toten!!!   

Von diesem Sieg nun spricht ganz bewusst die älteste Fassung des Canticum triumphale, die noch die gesamtkirchliche, urchristliche Theologie von der Auferweckung des ganzen hilflosen Menschengeschlechtes durch den Abstieg Christi in das Reich des Todes kennt[iii], das er schlicht sprengt, weil der Tod, die Scheol, die Unterwelt so viel Himmel nicht fassen kann.

Derart universal, kosmisch, dynamisch singt die westliche Kirche zwar nur noch selten, weil sie die Bedeutung dessen, was sie glaubt, auf die Glaubenden und deren Glauben zu beschränken neigt.

… Aber das ahnen wir doch, wenn wir singen dürfen: In unseren Liedern klingt mehr an, als unsere Begriffe und Formeln, als unser Dogma und unsere Skepsis umreißen und festmachen können.

Wo gesetztes Wort als schwingender, ausgreifender, forttönender Klang begegnet, wird tatsächlich das Größere greifbar, das über unsere kurzen Silben, unseren kurzen Atem, unsere flüchtige Zeit hinausgeht: Wie die doxologische, die lobpreisende Kehrstrophe des Siegesliedes von Michael Weiße zu immerwährendem, schrankenlosem Besingen dessen ruft, was Jesus Christus getan hat, so kündigt sich in jedem Lied des Glaubens der Überschuss an Weite, Jubel und Rühmen an, der die dauerhafte Wirklichkeit des Himmels, das Reich ewig-neuen Gotteslobes ausmachen wird.

Singen ist also wahrhaftig nichts Läppisches, sondern der Glaubenden, ja der Menschheit letztes Ziel!

Und wo wir heute schon willentlich und zustimmend vom Sieg, von Ostern, vom unumkehrbaren Leben singen, da fallen tatsächlich alle Widerstände und alle Zeitgrenzen, alle Verstehensschranken fort: Da öffnet sich die Gegenwart Gottes, von der nichts uns scheiden und deren Herrlichkeit nichts trüben kann. Da erleben wir den Kosmos unter dem siegreichen Christus wieder hergestellt, als lautere Schönheit, als reine Harmonie, weil das würgende Schweigen der Toten durchbrochen ist und das lebende Lied triumphiert!

Und genau das singen wir heut mit einem Mund schon für und für!

Singen dem HERRN ein neues Lied, denn Er tut Wunder!

Amen.



[i] Zu diesem immer noch weitgehend unbekannten Lied und seiner „Vorlage“ – dem sog. „Canticum triumphale“ und dessen Theologie – vgl. insgesamt Frieder Schulz, „Singen wir heut mit einem Mund: Hymnologisch-liturgische Studie zu einem Osterlied der böhmischen Brüder” in:  Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie Jg. 32 (1989), S.29–71.

[ii] Johann Gottfried Seume, „Die Gesänge“, in: Der ewige Brunnen – Ein Volksbuch deutscher Dichtung (hgg. v. L.Reiners), München 1955, S.819.

[iii] Vgl. dazu: Irenäus Totzke, „Christi Auferstehung – Auferstehung des Menschen“, in: Ders., Auferstehung und Geistausgießung (Tür gen Osten – Beiträge zur Spiritualität der Ostkirche Bd.1), Sankt Ottilien 2012, S. 9-12.

Alle anzeigen