Konfirmation, 11.05.2019, Mutterhauskirche, Sprüche Salomos 8 i.A., Jonas Marquardt

 

Predigt Mutterhauskirche 11.V.2019                                                                                                                    

            Sprüche 8, 22+30f

DIE WEISHEIT SPRICHT: „DER HERR HAT MICH SCHON GEHABT IM ANFANG SEINER WEGE, EHE ER ETWAS SCHUF VON ANBEGINN HER: DA WAR ICH ALS SEIN LIEBLING BEI IHM; ICH WAR SEINE LUST TÄGLICH UND SPIELTE VOR IHM ALLEZEIT; ICH SPIELTE AUF SEINEM ERDKREIS UND HATTE MEINE LUST AN DEN MENSCHENKINDERN.“

 

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden!

Jetzt wird Ordnung gemacht und aussortiert! Ich räume Eure Kindheit auf! ——

So ging Konfirmation früher. Da haben die Pastoren ihre Konfirmanden bei der Einsegnung ein letztes Mal scharf angeguckt, sich geräuspert, feierlich vom Ernst des Lebens getönt und darauf hingewiesen, dass man nach Ostern die Schule verlassen und seine Lehre anfangen oder in den höheren Klassen des Gymnasiums pauken müsse, wie noch nie. Und dann „Soldat werden“, „Vaterland“, „Pflicht“, „Familie“, … „Kampf des Daseins“, … „Hände Arbeit“, … „Schweiß des Angesichtes“, … „Glückes Schmied“,  … Rhabarber … Rhabarber, … Rhabarber.

Und dann haben die Konfirmanden zur Urgroßväterzeit nach dem Fest halt brav ihre Zinnsoldaten und die Dampfmaschine eingepackt und die Mädchen ihre Puppen verstaut und die Zöpfe hochgesteckt, … und man war groß. ———

Und das Gleiche machen wir jetzt auch. Ich räume Eure Kindheit auf; wir schaffen Ordnung. Denn in Euren Konfirmationssprüchen ist viel von Geist und viel von Weisheit, viel von Liebe, viel von Freiheit, viel vom Guten die Rede. Und da das alles hochgradig ernst- und erwachsenklingende Begriffe sind, und da man wahrhaftig ja auch nicht bestreiten kann, dass Ihr heute reifer, hübscher und seriöser wirkt denn je, ist es wahrscheinlich wirklich an der Zeit, das Kindliche wegzuräumen und klar Schiff zu haben auf dem Kurs zur Autonomie – … den Fachbegriff für Selbständigkeit könnt Ihr mal googeln. ——

Als Erstes verbrennen wir symbolisch ein Schild, das über Euren Häuptern stand, als Ihr noch klein wart und gern geschaukelt und gewippt habt und Sand futtern und hinter die Hecke pinkeln durftet. Da stand über allen Spielplätzen: „Eltern haften für ihre Kinder“, weil nicht Ihr bestraft worden wäret, wenn Ihr einander dort ohne Luftschacht eingebuddelt oder kopfüber von der Rutsche geschubst hättet, sondern Eure Eltern.

Dieses Schild von der Haftpflicht Eurer Eltern ist jetzt altes Eisen und kann entsorgt werden: Nicht bloß weil Ihr ab dem 14. Lebensjahr nicht mehr grundsätzlich strafunmündig seid, sondern weil Ihr in einer entscheidenden Hinsicht vielmehr uneingeschränkte Mündigkeit erlangt … in Religionsfragen nämlich. Was Ihr selber glaubt, das ist ab 14 rechtlich ausschließlich Eure Angelegenheit, da haften weder Eltern, noch Freunde, weder Pastoren noch sonst irgendein bevormundungsfreudiger Anderer mehr für Euch.

Was die höchsten Maßstäbe und die lebenswichtigste Wahrheit sind, das müsst Ihr vor Gott und den Menschen nun selbst verantworten! … Darum weg mit dem Spielplatzschild „Eltern haften für ihre Kinder.“ —

Nach dem Spielplatz nehmen wir uns mal die Spielsachen vor.

Da könnte die Razzia auf das, was Ihr nicht mehr braucht, meinetwegen auch dramatisch anfangen: Seit mir vorgestern angekündigt wurde, wahrscheinlich käme an diesem Donnerstag kaum jemand in den Konfirmandenunterricht, weil doch das neue update von Fortnite erwartet werde, war ich kurz in Versuchung, Euch vorzuschlagen, das ganze Internet und den Laptop, die Konsole und allen andern virtuellen Kinderverfettungskram auf den Speicher zu bringen und ein Leben danach zu suchen.

… Aber nicht nur fiel mir ein, dass Ihr dann sehr, sehr traurig wäret, sondern auch, dass Ihr ohne Internet womöglich gar nicht klüger würdet. … Also nutzt es nicht zur Verdummung und verzockt Euch nicht nur dran, sondern macht Gutes daraus! —

Und wir räumen weiter auf: Her mit den Spielsachen, die Ihr nicht mehr braucht, damit sie weg können.

Was gibt’s denn da?

„Mensch ärgere nicht!“ – Pardon, das muss bleiben! Das ist nicht nur Kult, sondern nötig.

Dann schmeißen wir vielleicht aber Kuscheltiere und transformative Autos und Puppen, die aussehen, als kämen sie aus Bergisch Gladbach, weg, und die Technik- und Experimentierbaukästen und die Spielfelder, auf denen man Verbrecher durch London jagt oder neue Landschaften besiedelt oder entweder über „Los“ oder ins Gefängnis geht, … die schmeißen wir weg, … und die kleinen  bunten Steine mit den Noppen, die die Reflexzonen so stimulieren, wenn man nachts barfuß drauftritt, die kommen auch weg, ... und die Puzzle, mit den frustrierend fehlenden Teilen und das ganze intergalaktische Merchandising und die glitzernden Ausmalhefte mit Prinzessinnen und den von mir so tief gehassten Einhörnern … und die Quartette und das ganze Mikado-Gefummel und die Laserschwerter, … die erwischt’s! (oder?), … und diese schwarz-weißgemusterten Bretter, auf denen lahme Könige und träge Bauern und zackige Läufer und beinah allmächtige Damen rumschieben und durch die man regelrecht zum strategischen Genie wird, wenn man die uralte Kunst des Voraus- und Durchdenkens daran einübt ……. nun, die können wir ja vielleicht doch nicht entsorgen, … und die Teddies, die Eure Geheimnisse kennen, auch nicht, … und die Dinge, denen Ihr entwachsen seid, aber die Euch einmal lieb waren, eigentlich auch nicht, … und die harmlosen und die raffinierten und die anspruchsvollen und die blödsinnigen, aber komischen Spielereien auch nicht, denn auch die sind berechtigte Teile Eures Lebens, …  und die Schläger, mit denen Ihr von Badminton bis Tischtennis, von Lacrosse bis Golf manchmal so leidenschaftlich spielt, und die Bälle und die Instrumente und die Rollen, die Ihr teils vollendet, teils als Anfänger, aber immer mit Lust und geistigem Gewinn spielt, … und alle die anderen spielerischen Begleiter und Bestandteile Eures Lebens, von den Kinderschuhen bis heute: ……. Was davon kann denn nun wirklich weg?

Ich wollte Euch doch zum Großreinemachen, zum Kehraus des Kindlichen helfen, …ich wollte doch Ordnung und ein übersichtliches System reinbringen, nachdem die Kindheit vorüber ist. …….

Doch es gelingt mir nicht, Euch die alten Erinnerungen und bisherigen Übungen, die freien Möglichkeiten und ziellosen Freuden der Lebensphase, aus der Ihr nun rauswachst, überzeugend abzugewöhnen und wegzupacken.

Denn der beste Ordner unseres Lebens und der ganzen Welt, der zuverlässigste Sortierer und Bereiniger unserer Unordnung, der klügste Lehrer und hellste Erleuchter der Menschheit ist der Heilige Geist Gottes, in dessen Namen und Auftrag ich Euch gleich die Hände auflegen werde.

… Und dieser Heilige Geist, dem die Schöpfung ihre Ordnung, Muster und Gesetze bis hin zu den Sequenzen der DNA und den zierlich-harmonischen Gebilden der Atome verdankt, … dieser Heilige Geist, der in großen Teilen der Bibel auch schlicht die Weisheit Gottes genannt wird, der ist eben doch kein starrer Systematiker, der alles festlegt und nichts offen oder möglich lässt, sondern im Gegenteil: Gottes Weisheit, Gottes Geist ist die wunderbare, spielerische Freiheit, Alles zu ermöglichen und Nichts nur zu fürchten, in allem Gutes zu denken und überall Sinn und Schönheit zu erkennen.

Gottes Weisheit ist die absichtslose Bereitschaft zum Vertrauen.

Gottes Geist ist die Überlegenheit über alle Zwecke und die unendliche Freude am Einzelnen wie am Ganzen.

Und gerade darum hören wir in den Sprüchen Salomos, dass Gottes Geist, Gottes Weisheit darin vollkommen ist, nicht immer bloß ein festes Ziel, sondern ein freies Spiel zu verfolgen.

Gott selber steht nämlich unter keinerlei Zwang, immer etwas Bestimmtes zu müssen, und darum will und liebt Er’s auch, dass Seine Menschen nicht als Sklaven, sondern als Freie denken und handeln, sprechen und leben.

Und diese Freiheit zum Spiel aller Kräfte, und diese neugierige Offenheit für Phantasie und Zukunft, und diese unbesorgte Lebenslust und Lebenshoffnung sind Gaben Gottes, die Er allen denen gibt, die ihr Dasein nicht als zu erledigende Hausaufgabe, sondern als geschenkte Möglichkeit erfahren.

Es geht im Leben nicht stur um Erfolge und Sieg!

… Als Christen wissen wir genau, dass wir Menschen ohne Gott immer nur verlieren würden und Verlorene wären.

Sondern es geht darum, dass wir an jenem wunderbaren Spiel Gottes, das sich Leben nennt, teilnehmen.

Der Gewinner dieses Spieles steht fest: Es ist jeder, der sich von Gottes Weisheit und Gottes Geist segnen lässt mit Freude am Leben und mit der Zuversicht, dass es uns am Ende nicht schwer, sondern leicht fallen wird.

Denn auf dem Spiel steht nicht, ob wir im Ernst die verbiesterten Besten sind. Sondern, dass wir die Freude Gottes nicht verlieren – Seine Freude an uns, unsere Freude an Ihm und Seinem Wunderwerk des Lebens in Zeit und Ewigkeit. ——

…. Und darum kann ich Eure unbeschwerte Kindheit jetzt leider doch nicht wegräumen und Euch hinaus ins feindliche Leben schicken.

Im Gegenteil.

Ich kann Euch nur von Herzen bitten: Werdet frei und weise, indem Ihr Gottes Kinder bleibt … in allem, was Ihr tun und leisten werdet, in allem, was einmal Eure Erfolge und Eure Niederlagen sein sollten.

Bleibt Gottes Kinder, die nicht sorgen müssen, sondern frei durch Ihn und für Ihn sind, weil sie sicher sein dürfen, dass zuletzt nur Eins buchstäblich unendlich ernst ist: Der große, gnädige, liebende Gott selber.

  •   Gott, unser Schöpfer, Der uns nicht teilnehmen lassen musste an allem, aber aus freien Stücken will, dass wir da sein dürfen und mit Ihm teilen.
  •   Und Jesus Christus, das Lamm Gottes, das uns dafür von Schuld und Tod befreit hat.
  •   Und die Weisheit des Geistes Gottes, die reine, freie Freude schenkt.

Werft darum gar nichts weg – kein kindliches Vertrauen, keinen einfachen Glauben, keine kinderleichten Erfahrungen –, … werft nichts weg, das Euch mit Gott verbindet.

Und nehmt heute einfach nur für immer – auch in Euer nicht aufgeräumtes Dasein! – Seinen Segen mit, … den Segen, dass Ihr in spielerischer Weisheit Menschen sein dürft, an denen Gott Seine Lust hat!

Amen.



Die „spielende Weisheit“ steht im Alten Testament für die faszinierende Entsprechung zwischen der Regelhaftigkeit und Schönheit des Kosmos und der reinen (Zweck-)Freiheit dieser Wunder. Die gleiche Relation zwischen der Schönheit an sich und dem spielenden Genuss daran haben auch die Philosophen seit der Antike entdeckt, bestaunt und gelehrt. Klassisch dazu Schiller, der im 15.Brief „Über die ästhetische Erziehung des Menschen….“ (in: F.v.Schiller, Sämtliche Werke  - Fünfter Band: Erzählungen / Theoretische Schriften, hgg. v. G.Fricke und H.G.Göpfert, Darmstadt 19939, S. 617)  schreibt: „(M)it dem Angenehmen, mit dem Guten, mit dem Vollkommenen ist es dem Menschen nur ernst, aber mit der Schönheit spielt er.“ Vorher heißt es von diesem Spiel des Menschen: „(N)ur das Spiel ist es, was ihn vollständig macht und seine doppelte Natur auf einmal entfaltet.“ Genau dieser Zusammenhang ist der für die Predigt entscheidende Gedanke: Wo wir die Schönheit des Lebens – und Ästhetisches ist eine Kategorie der Offenbarung Gottes, wie die alte Theologie uns lehrt! – erfahren, da macht die Teilhabe daran uns unangestrengt und frei zu den Kindern Dessen, Der in aller Schönheit verborgen nahe ist und sie uns als Anteil an Seiner Freude schenkt.   

 

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