Konfirmation / Misericordias Domini, 05.05.2019, Stadtkirche, Psalm 100,3, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Konfirmation Miserikordias Domini - 5.V.2019                                                          

Psalm 100, 3 „ER hat uns gemacht und nicht wir selbst.“

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden!

Verzeiht und nehmt’s nicht persönlich, wenn wir an der Metzgertheke beginnen: Gleich wird‘s manierlicher und appetitlicher.

…… Nun ist es heute ja so, dass man noch bei Eisbein und Chickenwings feststellen kann, dass jedes Schweinchen und jedes Hähnchen Anspruch auf eine ordentliche Herkunftsangabe hat. Was immer an die Leute und auf den Teller gebracht wird, soll erzählen können, aus welch gutem Stall es kommt und wie schön die Gänseblümchen dort auf der Weide blühten und wie heil die Welt war, in der das kleine Schnitzel grunzte.

Und ihr? Seid ihr etwa weniger als die Mastferkel, und sollte eure Herkunftsbezeichnung weniger zu Herzen gehen als die ganze Postkartenidylle, aus der wir gerne unsre Frühstücksmilch und Leberwurst beziehen?

… Ihr versteht nicht so recht, was ich meine?

Dann sag‘ ich’s noch mal anders: Wir leben in Zeiten, in denen es Vielen viel bedeutet, zu wissen, wo etwas herkommt. Man möchte überzeugt werden, dass es aus einer guten Quelle stammt, dass an seinen Ursprüngen Geschick und Ehrfurcht beteiligt waren und dass Liebe drin steckt. Und dabei reden wir von Armbanduhren, Geschirrspültüchern oder Trüffelschokolade. Wir reden also von Produkten.

Aber ich möchte von Euch reden.

Ich möchte davon reden, woher Ihr kommt, welchem Geschick und welcher Liebe Ihr Euer Dasein verdankt und was das Gütesiegel sein mag, das Euer Entstehen trägt. ——

Nun wird Euren Eltern gerade etwas schwül zumute, denn nachdem man zunächst fürchten musste, dass wieder eine Bio-Predigt, eine Klima-Predigt oder ähnliches sich ankündige, wird’s nun scheinbar gänzlich unangemessen, ja geradezu unanständig, wenn unser Thema lauten sollte: „Wo kommen nur die Kinder her?“

Doch ruhig Blut, Ihr lieben Eltern. Da schweigt des Pfarrers Höflichkeit. Denn da gibt’s auch nicht viel zu sagen, wenn wir nicht von etwas ganz anderem als dem fröhlichen Allerweltsthema der leiblichen Liebe sprechen wollten.

Doch eben von der anderen Liebe, von der, die nicht Vater und Mutter, nicht Fleisch und Blut also gehegt haben, … von dieser anderen Liebe will ich im Beisein aller, die jetzt hier sind und auf diese jungen Menschen blicken, die wir nicht beschämen wollen, reden dürfen!

Dass das nicht unanständig sei, kann ich aber nicht versprechen.

Denn die andere Liebe, die Liebe, die so viel mehr noch vermag, als unser Fleisch und Blut, die geht wahrhaftig weiter als nur bis an die Oberfläche unseres Lebens, sie geht unter die Haut und trifft die, die sie erfahren, bis in’s Mark.

Und wie soll man davon sprechen, wie soll man so etwas vermitteln, in einer Zeit, in der – aus gutem Grund – der Abstand oberstes Gebot ist? …….

Wäre ich ein weniger langweiliger Pfarrer, … einer, der zur Konfirmation auf Rollerblades in die Kirche saust oder bunte Regenschirme mit lustigem Logo auf der Kanzel aufspannt, dann hätte ich mich wenigstens darum bemüht, in anschaulicher Weise zu vermitteln, wie ernst ich es meine, dass Ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden die Liebe als das Markenzeichen, das Euch prägt, sichtbar vorweisen solltet. Ich hätte T-Shirts ordern können, die auf gut amerikanische Weise bedruckt und auf fernöstliche Weise genäht wären, auf denen dann stünde, was ich meine. … Aber die waschen aus.

Wäre ich noch ein bisschen zeitgemäßer, dann hätte ich vielleicht einen richtigen kleinen Skandal losgetreten und dabei  auf das Vorbild der koptischen Christen Ägyptens verwiesen, die tatsächlich bei der Taufe schon ihre Kinder mit einem Kreuzzeichen tätowieren lassen, das ihnen unauslöschlich auf die Haut schreibt, Wem sie sich verdanken und Wen sie folglich ein Leben lang nicht verleugnen können, selbst wenn ihr Mund einmal lügen sollte. Die Rage Eurer Eltern hätte ich noch riskiert, wenn ich meinte, ein Tattoo sei eine hilfreiche Gedächtnisstütze, um einen als Christen zu bezeichnen; der Arm meiner alten Französischlehrerin allerdings, auf den deutsche Monster im KZ eine Stückzahl tätowiert hatten, wäre mir dabei als Hinderungsgrund für solche Mätzchen erschienen. Aber am Ende hätte ich es ohnehin immer noch für zu oberflächlich gehalten, Euch bloß mit Tinte auf die Pelle zu rücken, um Euch Eure Herkunftsbezeichnung buchstäblich einzubleuen.

Ich bin der Meinung, Ihr müsstet, nein, Ihr würdet es anderswo tragen wollen: Das Zeichen, das deutlich macht, woher Ihr stammt und wer die Rechte an Euch hat und behält, weil Er Euch entwarf und formte und in Euch solche Unikate sieht, dass Er nie wieder einen zweiten Abklatsch, eine Wiederholung Seines einzigartigen Werkes in Eurer Gestalt versuchen wird.

Und darum will ich – Abstand hin oder her – nicht an Eure Wäsche und nicht an Eure Haut, … sondern an Euer Herz!

Wobei wir uns als evangelische Christen sicher sofort auf das Eine verstehen: Herz und Seele sind die freiesten Stücke eines Menschen! Man kann sie eben nicht bedrucken oder tätowieren – egal wie sehr einem jemand da auf den Leib rückt!

… Nein, es kann sonstwer so unverschämt kommen wie gerade ich und Euer Herz, Eure Gedanken, Gefühle und Wesen beanspruchen: Der Sitz des Denkens, des Glaubens und der Wahrheit, der geht nur von Innen auf. …

Und auch ich stehe heute nur davor und bitte.

Weil Ihr aber eben kein Vieh und kein Erzeugnis seid, kann nicht einmal Eure Herkunftsangabe – die Bezeichnung, Wer aus Liebe Euer Urheber und Schöpfer ist – Euch einfach aufgeklebt und angeheftet werden. Vielmehr müsst Ihr selbst dem zustimmen, dass man Euch nicht als Treibgut, nicht als Massenware und nicht als Zufallsprodukte ansieht und auch Ihr Euch nicht so betrachtet.

Und das macht die Konfirmation zu einem so starken Moment, zu einer so wichtigen Entscheidung: Eure Eltern konnten und können Euch nicht fragen, ob Ihr ihnen Euer Leben verdanken wollt, … aber der allmächtige Gott, Der Himmel und Erde und alles, was darinnen ist, erschaffen hat, Der fragt tatsächlich in diesem Augenblick, ob Ihr Seine Schöpfung und ob Ihr Sein Bild in der Menschheit und ob Ihr Seinen menschgewordenen Sohn, der für die Zukunft aller Menschen zur Welt kam, lebte, lehrte, litt, der starb und auferstanden ist für alle – und dessen Siegel Ihr in der Taufe durch Wasser und Heiligen Geist empfangen habt – … Gott fragt, ob Ihr das alles als Wahrheit Eures Lebens, als Euer Woher, Wozu und Wohin bejahen wollt? Oder ob Ihr sagt: Es war die Laune einer Nacht, der Zusammenstoß zweier Zellen und ein bio-chemiko-physikalischer Prozess, der so verlief, aber auch anders hätte laufen können, der momentan auf mich hinausläuft und eines Nachts im Auseinanderdriften meiner Grundbestandteile sich wieder auflösen wird und rückwärts fällt ins nebelhafte Nichts.

’ne Nummer kleiner geht’s leider nicht.

Weil das hier eben nicht die Metzgertheke ist. wo man zwei Pfund Christentum halb-und-halb und noch was für die Tiefkühltruhe bekommt.

Aber macht Euch nicht in’s Hemd.

Guckt Euch lieber noch mal um und seht, wie viele Herzen und Köpfe gerade Euretwegen und wegen Eurer Entscheidung an diesem Tag ihre Innenverriegelung aufgesperrt haben und ganz unverkrampft offen sind für Gott: Da sind Großväter, die sich heute erinnern, wie es bei Ihnen war, als sie im Krieg, in harter Zeit ihr Bekenntnis zu Eurem Gott ablegten; da sind ganze Familie, deren Teil Ihr seid, die heute – weil jemand fehlt, den Ihr alle miteinander lieb habt und lieb behaltet – spüren, dass Zeit und Ewigkeit, dass Gottes Gegenwart und unser Leben zusammengehören und untrennbar sind; da sind ältere Geschwister, die bei aller abgeklärten Coolness das auch erlebt und für sich so entschieden haben; da sind Eltern, Paten und skeptische Verwandte, denen es zwar milde peinlich ist, wie hier von Hemd und Haut und Herkunft die Rede ist, und die doch wissen, dass es nackt und unanständig nur wäre, wenn wir nicht das Herz meinten und jene andere Liebe, … die Liebe Gottes, der wir uns verdanken.

Doch abgesehen von allen denen, die heute auf ihre Weise Eure Entscheidung begleiten, ist da eben noch ein Anderer!

Michelangelo hat Ihn – obwohl es unmöglich ist – zu malen versucht[i]: Gott, wie Er auf Adam, den Menschen zurast. … Eigentlich ein kolossaler Knalleffekt, der schwarze Löcher reißt, … noch unvorstellbar lächerlicher, als wenn ich tatsächlich hier auf Rollschuhen reingeschlittert wäre.

… Aber worauf es bei diesem Bild von Gott und Mensch alleine ankommt, ist das Fingerspitzengefühl, das nicht einmal vollzogene Antippen mit einem Finger und Berühren mit einer Hand, durch das Liebe, Lebendigkeit und Wahrheit strömen und verschenkt werden.

Man nennt das Segen.

Und wenn Ihr jetzt zustimmt, dass Ihr die Hand Gottes als Eure Wiege und Eure Heimat seht – wenn das also Euer Bekenntnis und keine pseudowissenschaftliche Fest-stellung ist, dieses „Er hat uns gemacht und nicht wir selbst“ –, dann ist Euer Leben tatsächlich gemacht!

… Was immer kommt, wie immer es wird: Ihr nehmt es aus Gottes Hand, und in Seine Hände gehört Ihr für immer, und auf Eurem Herzen steht wie über Eurer Herkunft und Eurem Ziel, das was Gottes ganze Schöpfung auszeichnet: „Siehe, es ist sehr gut!“ (vgl. 1.Mose 1,31)

Amen.


[i] Auf dem Gottesdienstblatt zur Konfirmation war eine Zeichnung des berühmten gott-menschlichen Zeigefingermotivs aus Michelangelos „Erschaffung Adams“ in der Sixtina abgebildet.

 

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