Konfirmation, 04.05.2019, Stadtkirche, Psalm 100,3, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Konfirmation 4.V.2019                                                                                                 

 Psalm 100, 3 „ER hat uns gemacht und nicht wir selbst.“

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden!

„Wer war’s?“ – Damit fängt’s so oft an.

„Wer war’s?“ – Das kann die Frage nach dem Schuldigen sein … urernst bei der verbotenen Frucht im Garten Eden, sinnlos bei den unappetitlichen Partyhinterlassenschaften heute Abend spät auf dem Teppich.

„Wer war’s?“ – Das kann die Wissensfrage sein, wenn man zwischen Alexander Graham Bell oder Johann Philipp Reis als Erfinder dessen schwankt, was heute Handy heißt. Die erste Botschaft, die in Deutschland jemals über das Telephon vermittelt wurde, war übrigens „Das Pferd frisst keinen Gurkensalat“!? … Da sieht man, was Fortschritt ist, denn heute benutzt man diese Erfindung von Johann Philipp Reis ausschließlich für Sinnvolles.

„Wer war’s?“ – Das ist eine Frage, die Tragödien und Kriege auslösen, eine Antwort, die Erfolg oder Zuspätkommen ausmachen kann, eine Entscheidung auf detektivischer Grundlage, deren Folgen bloß Extra-Hausaufgaben oder doch zerstörte Zukunft sein können. —

Aber je näher das Fragezeichen des „Wer war’s?“ sich in unsere Richtung schlängelt, desto weniger wissen wir genau: Wer hat vor neun oder zehn Jahren die Klecksbilder gemalt und die Kleinigkeiten gebastelt hat, die von Euren Eltern oder Großeltern irgendeiner bis heute hängen oder gesammelt hat und auf denen in krakeliger Schrift Euer Vorname steht?

Und wer war das komische Wesen mit Zahnlücke, das auf Euren Einschulungsbildern die bunte Schultüte auf dem Arm hat und breit wie ein Honigkuchenpferd oder schüchtern-ahnungslos wie etwas aus den unteren Schichten der Muggle vor sich hin grinst?

Und wer war das, der in den letzten Jahren plötzlich so müde oder so stur oder so frühreif oder so aufgeweckt wie noch nie in Euren Zimmern chillt, Euer Taschengeld für eigentümliche Freuden ausgibt und die seltsamen Noten nach Hause brachte, die es früher so eher nicht gab? —

„Wer war das?“ werdet Ihr einst fragen, wenn Ihr so um 2040 herum die Photos vom heutigen Tag in einer cloud sucht, die dann schon technisch richtig vorsintflutlich wirken dürfte, … „Wer war das bloß?“ werdet Ihr also einst fragen beim Blick auf die sehenswert adretten, irgendwie erstaunlich vertrauten, aber doch auch erst allmählich zum Vorschein kommenden Züge in den Gesichtern von Dreizehn- und Vierzehnjährigen, … Züge, die 2040 dann klar sein werden, harmonisch oder aber ganz anders fortgesetzt, als man 2019 zu ahnen meinte.

Wer war’s?  ……. ——

Es wäre ein Glück, wann immer sich diese Frage in Eurer Richtung stellt – schlimmstenfalls als Schuldfrage, schönstenfalls als Frage der Lebenserfahrung – es wäre ein Glück, wenn Ihr einmal zu den Menschen gehören würdet, die nicht zu feige und nicht zu verlogen, die nicht zu unsicher und nicht zu gedankenlos sind, um eine ganz einfache, ganz wichtige Antwort darauf auch aussprechen zu können: „Wer war das, der sich so entwickelt hat? Wer war das, der sich so verändert hat? Wer war das, der einen solchen Fehler gemacht hat? Wer war das, der seinen Traum so hartnäckig verfolgt hat? Wer war das, der diesen Babyspeck und dieses Kindergemüt, diese Jugendlässigkeit und diese Lach- und Sorgenfalten auf diesem immer gleichen, immer anderen Gesicht versammelt und in diesem Kopf und Herz so unterschiedliche Gedanken, Hoffnungen und Leistungen zusammengebracht hat?“ ……. „Wer das war?“ – „Ich!“

Wenn Ihr das einmal sagt … gehen wir nicht nur zwanzig Jahre in Eure Zukunft, sondern nehmen wir einen tieferen Schluck aus der Quelle aller Verheißungen …., wenn Ihr also einmal in ganz vielen Jahren, auf der Höhe Eures Lebens oder am besten sogar, wenn es sich langsam zu einem echten, vollen, eingesetzten und ausgeschöpften Reichtum an Jahren, an Bildern, an Dingen und Menschen gerundet hat … wenn Ihr dann sagen könnt: Ich war das!“, dann wird es für Euch und für die Welt gut sein.

Denn wenn es etwas gibt, das unser Glaube genauso wie unsere Vernunft verbietet und verwirft, dann sind das Menschen, die immer nur sagen: „Ich war das nicht!“

„Auf den Teppich habe nicht ich gekotzt, und am falschen Knopf hab ich auch nicht gedreht und ein Risiko hab ich nie auf mich genommen, und entschuldigen muss ich mich auch nicht.“

Solche Leute, die wie der erste Adam immer nur alles auf einen anderen schieben, die sich drücken und zu schade sind und zu geist- und lust- und zu charakterlos, um sich ihrer selbst bewusst zu sein, solche Leute, die keine Verantwortung übernehmen und die nicht stolz und nicht demütig genug sind, um geradeheraus zu sagen: „Ich war’s!“, die sind ein Übel.

Und darum seid Ihr evangelische Christen und evangelische Christinnen, weil Ihr das hoffentlich gemerkt und gelernt habt: Wer vor Gott steht, kann und muss sich niemals verkriechen, sondern jeder Mensch soll sich bekennen zu seinen Schwächen wie zu seinen Stärken, zu seinen Schatten- wie zu seinen Segensseiten; wenn ein Christ nämlich irgendwo das Wörtchen „Ich“ sagt – und sagt’s als Christ! –, dann hat er im selben Atemzug ein zweites Wort gesagt.

Hier herrscht jetzt allerdings Verwechslungsgefahr, wenn ich den Satz richtig erkläre und vollende. Er lautet nämlich so: Wenn einer von uns „Ich“ sagt, sagt er auch „Gott“.

Das bedeutet nicht – nicht, nicht, nicht! –, dass unser Ego unser Gott ist oder wir uns selbst vergötzen. … Bitte, bitte seid niemals so trostlos dumm!

Sondern seid so klug und frei, dass Ihr versteht: Gottes Liebe zu jedem Menschen ist so grund- und grenzenlos, dass es wirklich in der gesamten Menschheit und in jedem Augenblick jedes Menschenlebens nichts gibt, das nicht auch Gott betrifft. Gott hat sich so vollständig auf uns Menschen eingelassen, Er hat sich so wirklich und so konsequent in unser Leben, unser Lachen und unser Leiden eingebunden, dass Er uns immer nahe ist und dass wir darum nichts erleben, dass wir nichts schaffen und nichts verlieren können, das uns nicht den Zusammenhang mit Ihm spüren und vertiefen lässt.

Darum ist ja auch Verstecken vor Gott ein solcher Unfug und Angeberei vor Ihm genauso: Was in unserem Leben glänzend läuft und wo wir gerne sagen: „Ich war’s“, das verbindet uns mit Ihm, Der uns gemacht hat, nicht weniger und nicht mehr, als das, was schief und schrecklich läuft. Wir können in beidem nur deshalb überhaupt wir selber sein, weil Gott uns gewollt hat und uns niemals verlässt, … weder im Guten noch im Bösen. ——

Diese Botschaft, dass wo Ihr seid, auch Gott ist, diese Botschaft von der unlösbaren Verbindung, die Gott zu uns hält, schützt Christen wenn sie großartig sind und Großartiges erfahren vor dem Wahnsinn und Übermut, die denen drohen, die tatsächlich das Glück in ihrem Leben für selbstgemacht halten: Niemand macht sich selber! Glaubt bloß nicht das Märchen vom self-made man! Gott ist als Ursprung und Sinn an Allem beteiligt!

Aber umgekehrt bedeutet das: So wie wir niemals nur für uns glücklich sein können, so werden wir auch niemals nur alleine leiden oder nur uns selbst überlassen sein; Gott gibt uns nicht auf, auch wenn es hart auf hart kommt. Glaubt also genauso wenig das Märchen von der gottverlassenen Menschheit!

Glaubt stattdessen, dass einer – Gott selber nämlich – Euch Gutes will, dass Er Eure Freuden will und Eure Ziele teilt und dass Er Euch dafür wie auf Michelangelos Bild[i] von den Finger- bis in die Haarspitzen mit Seinen Kräften und Seinem Segen ausstattet, so dass Ihr Seinen Fingerabdruck an Euch und in die Welt tragt und sie mit guten Spuren füllen könnt. 

Wenn Ihr aber einmal tatsächlich gar nicht weiterwissen oder -kommen solltet, dann dürft  Ihr sogar glauben, dass Er – Gott selber – tatsächlich auch in Euer verzagtes, peinliches Schweigen hinein sagen wird : „Ich war’s!“

Gott selbst wird eintreten für Euch, wenn Ihr je meinen solltet, nicht mehr zu Euch selbst stehen zu können. 

Gott ist eingetreten für Euch!

Das ist der allertiefste und beste Inhalt unseres Glaubens: Er heißt Jesus Christus.

Und bedeutet: Ihr könnt euch darauf verlassen, dass Ihr wisst, wer’s war. … Dass Ihr wisst, wer heute schon Euer ganzes Leben und Eure ganze Zukunft, wer heute schon alles, was kommt und wird, gut gemacht hat bis in Ewigkeit.

Das hat Jesus Christus getan, weil er Mensch wurde wie Ihr und Euren menschlichen Satz „Ich bin’s! Ich war’s!“ dadurch ganz praktisch zu einem Satz Gottes gemacht hat. Gott heißt ja „Ich bin’s und ich war’s und ich werde es sein!“ (vgl. 2.Mose 314).

Gott, der darum die Antwort ist auf die Schöpfer-, die Helfer- und die Hoffnungsfrage.

„Wer war’s?“

–Ihr, die gerade Euren Glauben an den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist bekannt habt, habt selber diese Antwort gegeben.

„Ich“, habt Ihr gesagt. „Ich glaube“. … An Den, Der’s war und ist und bleibt.

Dem Ihr gehört. Der Euch segnet und führt und vollendet.

Amen.  



[i] Auf dem Gottesdienstblatt zur Konfirmation war eine Zeichnung des berühmten gott-menschlichen Zeigefingermotivs aus Michelangelos „Erschaffung Adams“ in der Sixtina abgebildet.

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