Quasimodogeniti, 28.04.2019, Stadtkirche, 1.Petrus 1, 3 - 9, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Quasimodogeniti - 28.IV.2019                                                                                            

                      1.Petrus 1, 3–9

Liebe Gemeinde!

Heute ist der Oktavtag von Ostern, der achte Tag nach dem Fest, der in der Kirche immer von besonderer Bedeutung ist, weil nach den sieben Wochentagen irdischer Zeitrechnung mit dem 8.Tag symbolisch die Ewigkeit beginnt. Heute wird Ostern also ewig.

Und die sieben Tage, die hinter uns liegen, sind biblisch ja so erfüllt: Am vergangenen Sonntag die ersten, zurückhaltenden, überfordernden, wunderbaren Begegnungen am Grab und im Garten; am Montag die Begegnung auf der Landstraße nach Emmaus; dann weitere Wiedersehen bis hin zum unbeschreiblichen und biblisch unbeschriebenen Augenblick, als auch seine Mutter, die ja auf Golgatha gewesen war, ihn wiederhatte; gerade eben schließlich die Stunde des Thomas … und in genau diesen sieben Tagen wohl auch für uns, die wir irgendwo zwischen den Blinden mit brennenden Herzen und den Ungläubigen mit bohrenden Fragen stehen dürften, Gelegenheiten, dem Auferstandenen nahe zu sein, ihn wiederzuerkennen. Ostern also in sich weitenden Kreisen.

Und schließlich ist heute nach dem alten julianischen Kalender Ostern nun auch im Osten und im Orient; Ostern der frühesten Kirchen, Ostern der uralten Bräuche, Ostern des ursprünglichen Rufes von Alexandrien und Antiochien:

„Christos anesti! Alithos anesti!“

„Al-Masih qam! Haqqan qam!“

Ostern der Ökumene, Ostern des gläubigen Erdkreises.

Zeitliche und räumliche, menschliche und weltliche Osterfülle sind heut also mit Händen zu greifen und im Herzen zu halten: Fest und voll und reich und rundherum ist Ostern.

… Und welches Vorzeichen stellt unsere Kirche über diesen Tag, der vollendet zu sein scheint?

……. „Quasi“!? …….

Man meint, sich zu verhören.

Es sollte doch wohl eine stärkere und siegessicherere Losung über diesem Sonntag stehen, als „Quasi“, … also: „Ungefähr“, „vergleichsweise“, „sozusagen wie“. Man sollte doch ein volltönendes: „Genau so!“ oder „Es ist vollkommen“ erwarten, wenn das höchste Fest der Kirche wirklich seine ganze Botschaft entfaltet und bestätigt hat.

Aber so ist das Christentum in Wahrheit: Wo es biblisch und nicht politisch-imperialistisch gestützt ist, da ist das Christentum niemals ein Triumphgeheul, niemals eine Gewinner-Propaganda – auch wenn es vom wichtigsten Sieg der Welt weiß! –, sondern es lebt von Gottes Botschaft an die Wirklichkeit, …….  jene Wirklichkeit, in der auch am achten Tag der österlichen Fülle …Wirklichkeit herrscht!

Christen leben ja in keiner anderen Realität, in keiner anderen Dimension, auf keinem anderen Stern als mit ihnen die gesamte Menschheit.

Nur dass sie eines wissen, das anderen verborgen bleibt: Es hat etwas begonnen, das ewig ist; es ist etwas geschehen, das für immer wirkt; es ist Einer auferstanden, Der damit für die Gesamtheit einen ungeahnten Anfang machte. Und darum ist Ostern buchstäblich wie in Max von Schenkendorfs einst beliebtem, heute zu Recht vergessenem geistlichen Volkslied: „Ostern, Ostern, Frühlingswehen!“ – Ostern ist quasi wirklich eine erste Presswehe, Ostern ist sozusagen der bestimmt nicht schmerzfreie An- und Durchbruch einer neuen Geburt und Zeit.  

Und damit ist es so ungeheuer realistisch und lebensnah wie die ganze biblische Offenbarung: Kein „Simsalabim“ der Erlösung, kein Spezialeffekt, der alles strahlend kittet, was eben noch in tausend grauen Scherben lag, ist dies Ostern. Sondern ein unumkehrbarer, aber eben doch nur erster Anfang, … ein Beginn, dem ein langer, kräfteraubender, lebenspendender Prozess folgt.

Und in diesem Prozess befinden wir uns: Wir, die wie die neugeborenen Kinder – „Quasimodogeniti“ (vgl.1.Petr.2,2)wiedergeboren sind zu einer lebendigen Hoffnung.

Vollendet sind wir also noch lange nicht, und abgeschlossen ist Ostern keinesfalls, sondern gerade hat ein Leben seinen ersten Schrei getan, seinen ersten Atem geschöpft, dem noch viele, viele Wachstumsschmerzen und Entwicklungsschübe bevorstehen.

Von solchen Schwierigkeiten und Krisen, von solchen Anstrengungen und Prüfungen spricht nun der 1.Petrusbrief, der mit dem Lobpreis auf das Wunder der Wiedergeburt als österlich Hoffende beginnt. Was der Apostel in diesem Brief von den ersten Versen an in Aussicht stellt, ist nämlich von Ostern her – dem Wunder, dessen Zeuge er selber war! – gerade keine heilgezauberte Welt, sondern eine Bewährungs- und Zerreißprobe für die, die wissen, was Gott da getan hat, und die zugleich erleben, wie anders die Wirklichkeit uns noch immer begegnet.

……. Ostern mitten in der Wirklichkeit eben.

Ostern als die unverlierbar, unzerstörbar, unsterblich geborene Hoffnung mitten in Verlusten, Zerstörungen und Sterben.

… Ostern quasi wie 2019!

Um das zu erfassen, müssen wir allerdings von uns absehen können.

Wir müssen absehen von Menschen wie uns, denen nichts fehlt und die darum nach 8 Tagen von der Auferstehung tatsächlich schon in der Vergangenheitsform reden – weil sie eben bloß ein Fest gefeiert haben – und die sie nicht in die Zukunft, ins Futur übersetzen müssen, da sie von lebendiger Hoffnung nichts verstehen und kein wachsendes, zunehmendes, sich vertiefendes und erweiterndes Ostern brauchen. ———

Ich habe dieses Jahr innerlich Ostern gefeiert mit einer – beschämt gestehe ich’s –  für mich namenlosen Frau, die einmal im Jahr, immer am Sonntag Estomihi für mich Küsterin ist, wenn ich über Karneval eine Tagung in einem großartigen katholischen Haus habe. Jedes Jahr wieder hat sie in der Kapelle mit dem leisesten Anflug eines verschwörerischen Lächelns alles für die Kommunion gerichtet und sagt dann jedes Jahr: „Ich wusste gar nicht, dass nur ein Wortgottesdienst sein soll.“ Und dann räumt sie den Altar nicht etwa ab, denn wenn sie sonntags Dienst tut, dann will sie ihren lebendigen Herrn, ihre lebendige Hoffnung auch empfangen – und sei’s aus einer evangelischen Hand. Dass sie nicht evangelisch ist, ist gewiss: Ich erfahre von ihr jedes Jahr ein anderes Wunder. Da ist ein Eiszapfen, den sie in der Früh geknipst hat und in dem für jedermann klar ersichtlich die Jungfrau mit dem Kinde sich zeigt, der meine Küsterin reinen Herzens vertraut. Da ist der Palmstrauß aus Buchsbaum hinterm Sakristeikreuz, den ich selber Jahr für Jahr sehe – 46 Sonntage nach dem letzten Palmsonntag –, und der tatsächlich immer noch so frisch und grün ist, als sei er gerade eben geschnitten worden. Da sind Sorgen um Kinder und Geschwister in Schweden und Frankreich und Amerika, die durch viel Gebet und Geduld gelöst werden. Da war in diesem Jahr der Bericht von ihrem kranken Schwager in der Heimat, der – als es ihm besser ging – unbedingt wieder mit den anderen Männern aus dem Dorf hinaus zum Fischen fahren wollte und sich nicht aufhalten ließ und einen großen Fang tat und dann draußen auf dem Wasser Dem begegnete, Der die Fischer ruft, so dass sie alles stehen und liegen lassen, um Ihm zu folgen, … und morgens um 10.00h brachte man ihn seiner Frau ins Haus, und die Geschwister aus der ganzen Welt flogen um den halben Globus, um wenigstens beim Begräbnis dabei zu sein, wenn einer von ihnen ganz jenem treuen Menschenfischer anvertraut wird, Der uns ins Leben zieht.

… Mit dieser Frau und ihrer weitverzweigten Familie habe ich innerlich Ostern gefeiert, denn sie sind katholische Tamilen, und das Herz der Christen von Sri Lanka hat dieses Jahr Wort für Wort erfahren, was das heißt: Wenn ihr traurig seid in mancherlei Anfechtungen, wird euer Glaube doch bewährt und viel kostbarer befunden werden als vergängliches Gold, … zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus.

Ostern wird auf eine für uns fast vergessene Weise ja umso wahrer und gewichtiger, je mehr die Wirklichkeit, in der wir leben, noch danach schreit, … je mehr wir tatsächlich in unserer Glaubensentwicklung noch die Auferstehungshoffnung sich entfalten und Halt geben merken und spüren, dass nur hier – im Harren auf den HERRN – die Kraft liegt, aufzufahren mit Flügeln wie Adler (vgl.Jes40,31).

Der unbeteiligte Blick zurück auf etwas, das sich einmal ereignet hat und gewesen ist, kann uns ja nicht von ferne zeigen, dass es wirklich Seligkeit bedeutet, diesem Ereignis immer persönlicher näher zu kommen durch eigene Erfahrungen, die das unvergänglich, unbefleckt und unverwelklich aufbewahrte Erbe des Glaubens zur unmittelbaren Notwendigkeit machen. ——

Und so wünschte ich mir und uns allen, dass wir auch heute, genau in dieser Stunde jetzt noch einmal Ostern in Gemeinschaft und Verbundenheit mit Geschwistern feiern, denen das Ziel des Glaubensder Seelen Seligkeit – eine existentielle, eine politisch und psychologisch und emotional unersetzliche Hoffnung schenkt, etwas, das ihnen in ihrem konkreten Todesdasein wirklich eine Neugeburt zum eigentlichen Leben bedeuten muss.

… Gehen wir also im Geist doch an einen Ort, der uns längst schon heilig sein müsste, weil er mehr noch als Wittenberg oder Genf oder Rom unsere Wiege ist, … gehen wir im Geist also nach Antiochien in Syrien, wo man zum ersten Mal die Anhänger des Auferweckten  „Christen“ nannte (vgl. Apostelgeschichte 11,26)!

Seit dort heut früh die Sonne aufgegangen ist, sind an diesem Ort, an dem einst die ersten Heidenchristen den Apostel Paulus auf die Spur zur Weltmission brachten, die Glocken und Hymnen voller Osterjubel mitten zwischen den Minaretten und dem Alltagslärm und dem Nachhall des furchtbaren Bürgerkrieges zu hören gewesen. Und wenn die dort verbliebenen Gläubigen der syrisch-orthodoxen Kirche und ihre aramäischen, chaldäischen und assyrischen Geschwister in Jesu Muttersprache und in der Weltsprache, die wir zu Unrecht immer nur mit dem Islam verbinden, die Botschaft vom Sieg über den Tod bekennen und feiern, dann liegt über diesen Orten, Landschaften und Provinzen, denen die Welt die Entstehung der Kirche verdankt, der Glanz einer selbst durch Terror und Chaos, Unterdrückung,  Massenflucht und bitteren Krieg nicht auszulöschenden Hoffnung.

Es ist die Hoffnung, zu der auch wir wiedergeboren sind –ohne es allzu oft auch nur ein-ordnen, geschweige denn ausloten zu können, was das tatsächlich bedeutet: Eine Hoffnung, die Schrecken und Verfolgung überstehen lässt; eine Hoffnung, die Untergang und gezielte Vernichtungstaktik überlebt; eine Hoffnung, die alle schwindenden Perspektiven und alle Todesdrohungen der Gegenwart übersteigt, weil sie das kommende Leben und die bleibende Welt bedeutet.

In solcher Hoffnung auf das ewige Leben, in solchen Wehen feiern die letzten Christen des Vorderen Orients in dieser Stunde die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

In Antiochien haben sie aus dem sog. „Heiligen Grab“ hinter dem Altar der Kirchen gerade das Christus symbolisierende Kreuz, das dort am Freitag zur Bestattung eingesenkt wurde, wieder hoch erhoben, haben es mit einer roten Stola geziert, haben das Kreuz dann feierlich in alle vier Himmelsrichtungen – auch zu uns, in den tatenlosen Norden – gewendet und der große, österliche Friedensgruß des Auferweckten ist von der Stadt unserer Ursprünge als Heidenchristen, von der Wiege unserer Wiedergeburt aus, in die universale Ökumene gerufen worden:

„Möge dein Friede und deine Ruhe, unser Herr und Heiland Jesus Christus, mit uns und unter uns sein, wenn wir einander umarmen. Und möge dein Friede in den vier Erdteilen herrschen bis zum Ende der Welt“ so lautet der Segen, den die Priester Antiochiens gerade über Ost und West, über Nord und Süd gesprochen haben[i].

Die Zusage des endgültigen Friedens ergeht aus den verheerten und zukunftsunsicheren Nachkriegstrümmern der syrischen Tragödie: Das ist die Wirklichkeit von Ostern mitten in der Wirklichkeit!

Etwas, das uns zeigt, dass die große Barmherzigkeit Gottes tatsächlich am Anfang und keineswegs abgeschlossen ist, und uns ebendadurch auch daran erinnert, dass nicht, wo und wie wir es gefeiert haben, der tiefste Sinn von Ostern sich zeigt, sondern in einer Wirklichkeit, die noch nicht verwirklicht ist.

Der Blick in das, was wir als die Realität kennen, öffnet uns also die Augen für das, was als Ziel der Auferstehung Jesu Christi über alles sogenannte Wirkliche hinausgeht:

Das Erbe im Himmel, die Seligkeit, deren herrliche und unaussprechliche Freude das Ziel unseres Glaubens ist und die offenbar werden soll zur letzten Zeit.

…Dazu sind in Sri Lanka, in Syrien und hierzulande bei uns wir alle, die Jesus Christus auch in seiner derzeitigen Unsichtbarkeit liebhaben, in die lebendige Hoffnung  gekommen und werden alle Wehen der Wiedergeburt, werden die schmerzhaften Wachstumsstadien Seines Friedens durchstehen, bis es nicht mehr quasi, sondern wirklich ewig und weltumspannend Ostern ist!

Amen.


[i][i][i] Gesang nach der Kreuzerhebung bei der Feier der Auferstehung und Kreuzverehrung am Grossen Sonntag der Auferstehung, in: Andreas Heinz, Feste und Feiern im Kirchenjahr nach dem Ritus der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien (M’ad’dono), [Sophia - Quellen östlicher Theologie: Bd. 31], Trier 1998, S.373.

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